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Das verborgene Paradies

Bücher, die Lernerfahrungen aus der praktischen Entwicklungszusammenarbeit in fachspezifischen, politischen und länderkundlichen Texten verarbeiten, gar lohnenswerte Reiseführer schreiben, gibt es viele. Literarisch-belletristisch kondensierte Erkenntnisse von Praktiker_innen aus der Entwicklungszusammenarbeit sind hingegen echte Raritäten.

Christoph Dehn, gelernter evangelischer Theologe und Agraringenieur, war ein ganzes Berufsleben lang für verschiedene Organisationen in unterschiedlichsten Funktionen in Afrika, Südostasien und Deutschland unterwegs. Zuletzt arbeitete er als Vorstand für den Programm- und Projektbereich bei der Kindernothilfe in Duisburg. Nun hat er jene Dekade, die er beruflich auf den Philippinen verbrachte und das halbe Leben, das ihn auch ganz persönlich mit diesem Land verbindet, in einem Roman verarbeitet.

In seinem Buch »Paraiso – Das verborgene Paradies« balanciert Dehn kühn zwischen den Genres: ein bisschen Kriminalstory, die Suche eines in die Jahre gekommenen Entwicklungs-»Experten« nach sich selbst und seiner Vergangenheit, ein wenig Roman gewordener philippinischer Road Movie, eine Liebesgeschichte. Aber vor allem ist es die Beschäftigung mit einem düsteren Kapitel philippinischer Zeitgeschichte, dem dringend mehr kritische sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit zu wünschen wäre: der Phase sogenannter »Säuberungen« in der Kommunistischen Partei der Philippinen mit ihren in die Tausende gehenden Todesopfern.

Der 300-seitige Roman ist auch eine Auseinandersetzung mit der Welt von Nichtregierungsorganisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit. Viele Begebenheiten, Abläufe, Blicke auf die Arbeitskultur, Folklore, Motivationen und Persönlichkeitsstrukturen von Menschen, die sich in diesem Biotop finden lassen, gibt es so oder so ähnlich tatsächlich. Obwohl es Dehn bei seinen Beschreibungen lesbar Freude bereitet zu haben scheint, zu überzeichnen, zu karikieren und das ein oder andere Klischee zu bedienen.

Sein Held Jan Grosz war lange Südostasien-Programmverantwortlicher bei der (natürlich fiktiven) Bonner Nichtregierungsorganisation »Weltverantwortung« — wenig schmeichelhaft »Wefe« abgekürzt. Im Ruhestand holen ihn die Brüche und Widersprüche seiner Vergangenheit ein. War Grosz vor einem Vierteljahrhundert (mit-)verantwortlich für den Tod zweier Menschen? Als er dann doch auf die Philippinen reist, um nach den überlebenden Protagonist_innen einer Geschichte zu suchen, die in den dunklen Jahren der Marcos-Diktatur beginnt und in den frühen Neunzigern endet, muss er sich auch der Wahrheit über die augenzwinkernde Komplizenschaft des Geschäfts mit der Entwicklungszusammenarbeit stellen. Durch perfekt eingespielte Mechanismen wurden Projektmittel aus Europa umgeleitet und Beträge abgeschöpft, um sie für die Guerilla der New People’s Army (NPA), des bewaffneten Arms der Kommunistischen Partei der Philippinen, zu verwenden.

Die Mechanismen, die Dehn dafür in seinem Roman schildert, sind intelligent entwickelt, komplex strukturiert, aber deswegen nicht weniger perfide. Trotzdem ist bei dem Ganzen immer auch ein gutes Stück Pedanterie im Spiel: Beschissen werden die westlichen Geldgeber_innen und die Menschen, denen die Projektmittel laut Antrag hätten zugutekommen sollen aber niemals die philippinischen Finanzämter. Die doppelte Buchführung funktioniert mit Akribie — und die Revolutionär_innen haben ihren eigenen Finanzprüfungsapparat, der am Ende auch einer der Figuren dieser Geschichte auf die Spur kommt. Denn natürlich gibt es in diesem Roman auch diejenigen, die sich ganz persönlich bereichern, wie den protestantische Bischof Gonzales, der als Präsident einer philippinischen NGO sein Wissen um das Räderwerk, das die Ressourcen für die NPA generiert, ungeniert einsetzt, um einen Teil des Kuchens für sich selbst zu beanspruchen.

Am interessantesten wird Christoph Dehns Roman, als er seinen Helden Jan Grosz auf dessen Spurensuche ins Innere der NPA begleitet und begreifen lässt, wie es Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der NPA zu einer fatalen Metamorphose von einer durchaus populären Volksbefreiungsbewegung mit dem Image einer sympathischen Robin-Hood-Truppe, die den Schergen des Marcos-Regimes mutig die Stirn bot, zu einer doktrinär verengten maoistisch-stalinistischen Partei kam. Statt in der heroischen, strahlenden Welt des Widerstands gegen eine kleptokratische Diktatur, in der es kein Problem bereitete, zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden, finden sich Dehn’s Protagonist_innen nach und nach in einem immer beklemmenderen, verqueren Mikrokosmos wieder, beherrscht von der Monstrosität ideologischer Besserwisserei und einem galoppierenden Verlust an Wirklichkeitsbezug.

Am Ende befreiten bekanntlich Andere die Philippinen von Marcos und seiner korrupten Clique: die katholische Kirche, die Zivilgesellschaft und Hunderttausende mutige Menschen auf den Straßen, während die NPA das historische Momentum verpasste und sich, wie Dehn es einen seiner Helden formulieren lässt, lieber mit dem Nachspielen der chinesischen Revolution von 1949 beschäftigte.

Die Episoden und die Eskalationsstufen während der Phase der »Säuberungen« in der Kommunistischen Partei der Philippinen und ihrem Nuevo Ejército del Pueblo (NPA), die Christoph Dehn in seinem Roman beschreibt, ähneln auf beklemmende Weise den Orwellschen Schilderungen, etwa in »Mein Katalonien« über den stalinistischen Terror gegen andere linke Kämpfer_innen während des spanischen Bürgerkriegs, den Berichten über die berüchtigten Gehirnwäschetechniken von Pol Pots Khmer Rouge oder den Exzessen des peruanischen Sendero Luminoso gegen vermeintliche Abweichler_innen in den eigenen Reihen. »Das verborgene Paradies« thematisiert das verquere, kleinbürgerliche Moralverständnis im Inneren einer Kaderpartei, konservativer als in vielen christlichen Kirchen, aber ohne jegliche Skrupel, wenn es darum geht, Opfer zu foltern und dabei sexuell zu missbrauchen. Dehn zeichnet hier das Bild eines patriarchalischen Machtapparats — bei der Durchsetzung der reinen Lehre so brutal wie die Heilige Inquisition.

Aber »Paraiso – Das verborgene Paradies« hat auch seine lockeren, leichten Seiten: Am Ende dieser Romanlektüre fühlt man sich bestens über philippinisches Essen, zahlreiche Alltagsdetails, Hotelfolklore, das Reisen kreuz und quer durch dieses Land, touristische Highlights, aber auch über das Leben von Aussteiger_innen auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen »Paraiso« informiert. Mit einem umfangreichen Register an philippinischen Wörtern und Begriffen gibt es dann zum Schluss des Buches sogar noch einen kleinen Sprachkurs. Ob »Paraiso« eine wahre Geschichte ist, fragt Christoph Dehn am Ende seines Nachworts. Eine Antwort bleibt er uns schuldig.

Über das Buch

Christoph Dehn: Paraiso – Das verborgene Paradies, 300 Seiten (ISBN 3-89781-276-5) ist im Dezember 2021 bei AT Edition, Münster erschienen. Preis: 19,90 Euro zzgl. Versandkosten. Bestellung unter: https://at-edition.de/blog/2021/09/03/paraiso.

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