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»Wir müssen das giftige Erbe des Feudalismus beseitigen«

Über neokoloniale Unterwürfigkeit, das faktische Kriegsrecht in den Philippinen und linke Perspektiven. Ein Gespräch mit Epifanio San Juan Jr.

Epifanio San Juan Jr. ist ein philippinisch-US-amerikanischer Intellektueller, dessen Arbeiten ein breites Spektrum unterschiedlicher Bereiche und Disziplinen von Semiotik bis hin zu philosophischen Untersuchungen des historischen Materialismus umfasst. Gleichzeitig versteht er sich als Sozialaktivist, dessen Politisierung in den Studierendenbewegungen in den Philippinen und in den USA in den 1950er und 1960er Jahren erfolgte. E. San Juan Jr. ist emeritierter Professor für Englisch, vergleichende Literaturwissenschaft und Ethnische Studien an verschiedenen Universitäten in den USA. Er war unter anderem Stipendiat des W. E. B. Du Bois Institute an der Harvard University und Fulbright-Professor für Amerikastudien an der Universität Leuven (Belgien). Als Leiter des Philippines Cultural Studies Center in Storrs, Connecticut (USA), verfasste er eine Vielzahl von Büchern, darunter »US Imperialism and Revolution in the Philippines«, »Toward Filipino Self-Determination« und »From Globalization to National Liberation«

Wo und unter welchen Bedingungen sind Sie aufgewachsen? Was waren für Sie die prägendsten Erfahrungen in Ihrer Jugend?

Ich wurde Ende 1938 in Manila, der einzigen US-Kolonie in Asien, geboren — einen Monat, bevor Barcelona an die von Nazideutschland und dem faschistischen Italien unterstützte Franco-Armee fiel. Erinnerungen an die japanische Besatzung — die Flucht in Luftschutzbunker während japanischer Bombenangriffe, das Sichfernhalten von der Brutalität der Japaner_innen — lehrten mich den Schrecken des Krieges. 1946 wurde den Philippinen die »Unabhängigkeit« gewährt, aber nur, um eine Neokolonie mit US-Militärstützpunkten zu werden, die im grausamen Krieg gegen Korea, Vietnam sowie einheimische muslimische und kommunistische Rebell_innen genutzt wurden.

Meine prägenden Jahre von 1946 bis 1958 fielen in die Zeit der Anti-Huk-, Magsaysay- und CIA-Hexenjagden und Blutbäder der Aufstandsbekämpfung auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Stark beeinflusst wurde ich von der säkularen, progressiven Fakultät der Universität der Philippinen, wo ich 1958 bis 1960 englische Literatur unterrichtete. Mein Engagement in der Lokalpolitik begann in den Jahren 1957/58 mit meiner aktiven Teilnahme an der Bewegung für akademische Freiheit und Nationalismus gegen klerikalen Obskurantismus und die imperiale Vorherrschaft der USA.

Was hat Sie dazu bewogen, in die USA zu gehen?

Meine Generation hatte Eltern, die den USA dankbar waren, dass sie uns vor der japanischen Barbarei »gerettet« hatten. Alle dankten General Douglas MacArthur für unsere »Befreiung«; in der Grundschule sangen wir alle »God Bless America«. Die USA waren das erträumte Land der Freiheit und des Wohlstands. Meine Altersgenossen strebten alle danach, an den Segnungen des US-amerikanischen Konsumparadieses teilzuhaben.

Ich war ein neokolonisierter Subalterner lange vor der Modeerscheinung des Postkolonialismus. Da ich bereits ein Geschöpf US-amerikanischer Institutionen war, bestand die beste Möglichkeit, eine Festanstellung zu erhalten, darin, einen höheren Abschluss an einer US-amerikanischen Universität zu erwerben. Ich hatte das Glück, ein Smith-Mundt-Fulbright-Stipendium zu erhalten. Das ermöglichte es mir, an der Harvard University zu studieren, und zwar in der historischen Zeit der Bürgerrechtskämpfe (1961–65, Anm. d. Red.) und des sich verstärkenden Widerstands gegen das Blutbad in Südostasien.

Wo waren Sie während des Sturzes von Ferdinand E. Marcos? Wie beurteilen Sie dieses sogenannte EDSA-Ereignis, das ja weltweit viel Aufmerksamkeit erhielt?

Ich lehrte damals an der Universität von Connecticut. Von dort aus halfen wir der linken Bewegung in den Philippinen, lokale Gemeinschaften zu mobilisieren, um die mörderischen Menschenrechtsverletzungen von Marcos aufzudecken. Wir arbeiteten mit philippinischen Gewerkschaftsaktivisten zusammen, um Solidarität mit den US-amerikanischen Kollegen herzustellen.

Das EDSA-Ereignis im Februar 1986 wurde — wenngleich es sich um einen Volksaufstand in Metro Manila handelte, der durch jahrelange linke Organisierung katalysiert wurde — hauptsächlich vom Aquino-Lager der traditionellen Politiker_innen vereinnahmt. Es führte zur Konsolidierung der oligarchischen Herrschaft trotz der Putschversuche unzufriedener Militärs. Die Marcos-Kumpane waren raus, die alten Technokrat_innen und von den Unternehmen unterstützten Manager waren drin — lediglich ein Personalwechsel. Nach Aquino festigte die Präsidentschaft von Fidel V. Ramos die anhaltende Dominanz jener Klassen, die Marcos einst unterstützt hatten: der Block der feudalen Großgrundbesitzenden, der Kompradoren, der religiösen Fanatiker_innen, angestachelt durch evangelikale US-Agenten und der reaktionären Bürokratenkapitalisten.

Duterte selbst ist ein Möchtegern-Marcos, aber ohne den vorgetäuschten Legalismus seines Idols ein Gangster, ein pseudopopulistischer Provinzpate, der in der Gewalt der Warlords geschult wurde. In Ermangelung eines echten politischen Programms verlässt sich Duterte auf Selbstjustiz, Bestechung, Drohungen und die Manipulation von Militärs und Polizisten.

Im Jahr 2022 finden die nächsten Präsidentschaftswahlen statt, mit Bongbong Marcos als aussichtsreichem Kandidaten. Und gleichzeitig jährt sich die Verhängung des Kriegsrechts durch seinen Vater, Ferdinand E. Marcos, zum 50. Mal. Wie erklären Sie sich diese recht bizarre Kontinuität?

Bizarr, ja, aber auch erklärbar. Die heutigen Filipin@s wissen entweder nicht, was während des Kriegsrechts (das offiziell von September 1972 bis Januar 1981 herrschte, Anm. d. Red.) geschah, oder es wurde ihnen beigebracht, dass das Marcos-Regime wunderbare Dinge vollbrachte: das Kulturzentrum und andere mondäne Gebäude, initiiert von seiner Gattin Imelda.

Nach der EDSA-Revolte wurde die Ideologie der »neuen Gesellschaft« von Marcos aufgefrischt oder umgestaltet, während das Land unterentwickelt blieb, keine lebensfähige Großindustrie besaß und von der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen durch ausländische und lokale Eliten abhängig war. Wir blieben ein peripheres Anhängsel des globalen Finanzkapitalismus. Das Schulsystem und verschiedene religiöse Einrichtungen stärkten die Familie und die bilaterale Verwandtschaft als wichtigste konservative Institutionen, die die neokoloniale Produktion von Waren, Dienstleistungen und Vorstellungen, den Komplex von Illusionen, Fantasien und Wunscherfüllungen, aufrechterhalten.

Aber nicht alles sieht stabil und dauerhaft aus. Ein neues Element in der politischen Ökonomie, das durch Marcos’ Politik des Arbeitskräfteexports hervorgerufen wurde, begann sowohl die nationale als auch die transnationale Politik zu kalibrieren. Ich beziehe mich auf die über zwölf Millionen Filipin@s, die über den ganzen Planeten verstreut sind. Die Überweisungen der philippinischen Arbeiter_innen aus Übersee wurden entscheidend für die Linderung der Auslandsschulden, die Minderung der Bevölkerungsdichte, der Obdachlosigkeit, der Arbeitslosigkeit, der Entfremdung. Aber diese neue Schicht von Arbeiter_innen — Stichwort: feminisierte Arbeit — birgt ein Potential für eine antioligarchische Mobilisierung, weshalb das Marcos-Duterte-Lager versucht, sie zu kontrollieren.

Wie würden Sie die Regierung Duterte aus soziologischer Sicht einordnen?

Duterte hat eine autoritäre Herrschaftsstruktur geerbt, die sich am Marcos-Modell orientiert und sich auf die staatlichen Zwangsorgane, die Nationalpolizei und die Streitkräfte des Landes, stützt. Wie alle staatlichen Maßnahmen basiert sie auf dem Klienten-Patron-Modell, das von einer patrimonialen Koalition aus Großgrundbesitzenden, Kompradoren und Bürokrat_innen gesteuert wird. Wir leiden immer noch unter den Auswirkungen von 300 Jahren spanischem Kolonialismus und über 100 Jahren US-amerikanischer Vormundschaft. Der Begriff »postkolonial« ist daher unangebracht oder ein Alibi für anhaltende Abhängigkeit und Marginalität.

Warum hatten die Linken bisher keine echte Chance, bei Wahlen einigermaßen gut abzuschneiden? Fehlt es ihnen an Massenattraktivität oder scheitert ein linkes Projekt — wie gut begründet auch immer — einfach an der mächtigen Bastion des Katholizismus auf den Inseln?

Es ist ein Problem, eine Einheitsfrontpolitik oder -prinzipien seitens des nationaldemokratischen Lagers umzusetzen. Dies ist ein altes Hindernis seit der Huk-Rebellion in den 1950er Jahren mit ihrem Abenteurertum und ihrem sektiererischen Dogmatismus, der aus den komplexen Verhältnissen während des Pazifikkriegs entstanden ist. Insbesondere in einem überwiegend katholischen Land muss Gramscis Dialektik von Bewegungskrieg und Stellungskrieg erneut geprüft und sorgfältig an unsere einzigartige Gesellschaftsformation angepasst werden.

Die Religion oder ihre Manifestation im volkstümlichen Millenarismus sollten kein Problem darstellen, wie die Theologie der Befreiung im Falle Lateinamerikas gezeigt hat. Wir hatten in den 1970er und 1980er Jahren eine wirklich blühende einheimische Version der Befreiungstheologie. Bis der Vatikan sie im Keim erstickte, obwohl Papst Franziskus sie auf seine ganz eigene Art wiederbelebt zu haben scheint. Aber die konservativen und sogar reaktionären Formen des kultischen, auf der Bibel basierenden Sektierertums, die von US-amerikanischen Evangelikalen mit dem Segen der CIA und des Pentagons während Cory-Aquinos-Zeit eingeführt wurden, um der Popularität der Nationalen Demokratischen Front entgegenzuwirken, könnten ein Problem für die Aktivist_innen der Christen für Nationale Befreiung darstellen.

Wir haben viele fortschrittliche demokratische Parteigänger_innen in der Kirche und anderen religiösen Gruppierungen, einschließlich der muslimischen und indigenen Gruppen, die alle produktiv auf den Appell von Bayan Muna sowie die national-demokratischen Programme und Ziele reagiert haben. Im Gefolge von Dutertes Terrorismus und der Marcos-Bedrohung könnte sich eine Einheitsfront verschiedener Gruppen herausbilden.

Ich denke, dass der nachgewiesene Erfolg und die Überlebensfähigkeit des Bayan-Muna-Blocks vom Einfallsreichtum der Linken in der Wahlpolitik inmitten der Bestechung von Barangays durch traditionelle Politiker_innen zeugen. Mit Geld lassen sich vielleicht Stimmen gewinnen, aber Loyalität und politische Zugehörigkeit lassen sich dadurch nicht ablenken. Nach allen Maßstäben war die Leistung von Bayan Muna bei früheren Wahlen ein phänomenaler Erfolg, auch wenn Neri Colmenares nicht genügend Stimmen für einen Senatssitz erhalten hat.

Würden Sie mir zustimmen, dass unter der dünnen Oberfläche angeblicher Demokratie die Wahlprozesse und die Makropolitik in den Philippinen immer noch im wesentlichen feudal sind?

Das ist genau das, was angesprochen werden muss: die gemischten, konfliktreichen Produktionsweisen, die die einzigartige soziale Formation der Philippinen ausmachen. »Feudal« ist natürlich ein allgemeiner Begriff im politisch-soziologischen Diskurs, so dass wir ihn in der philippinischen Geschichte kontextualisieren müssen. Ein Aspekt des Feudalismus in den Philippinen ist das fehlende Bewusstsein für Rassismus, die weiß-suprematistische Ideologie und Praxis des US-Kolonialismus, die die spanisch-eurozentrische Strategie der Aufteilung von Gruppen nach ethnischen Kategorien und der Errichtung von Machthierarchien verstärkten. Die Techniken, mit denen die Ideologie und die Praktiken der weißen Suprematie in den USA unter den Filipin@s institutionalisiert wurden, müssen umfassend analysiert und bewertet werden.

Filipin@s, sowohl im In- als auch im Ausland, wurden dazu erzogen, sich mit dem weißen ethnischen Normenkodex zu identifizieren, so dass die meisten Filipin@s in den USA weiterhin Trump und seine skrupellose rassistische Politik unterstützen. Sie sehen sich nicht als Opfer der imperialen Vorherrschaft der USA. Sie sind dankbar dafür, dass sie als Teil des hegemonialen Konsens toleriert oder akzeptiert werden, denn sie sehen sich als Individuen, nicht als unterdrückte Gruppe, die für ihre Anpassungsbemühungen belohnt wird. Wir brauchen ein neues Zeitalter der Aufklärung mit angemessener Pädagogik, und wir müssen das giftige Erbe des Feudalismus und seiner postmodernen Varianten beseitigen — ein Virus, das schlimmer ist als SARS-CoV-2 und durch imperialistische Patronage und Wohltätigkeit genährt wird.

Wenn Sie einen Blick in die Kristallkugel werfen: Was glauben Sie, wie die nächsten Wahlen im Mai 2022 ausgehen werden?

Das beschämende Scheitern von Dutertes militaristischem Vorgehen gegen die Pandemie wird mit Sicherheit den Widerstand gegen die Marcos-Duterte-Vereinbarung entfachen. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie die Bürgermeister von Manila werden heute als ehrliche, kompetente Verwaltungsbeamte geschätzt, ungeachtet ihrer Verbindungen zu traditionellen Politiker_innen. In dieser Hinsicht bleibt die »rosa« Kandidatin Leni Robredo hinter der Popularität anderer Bewerber_innen zurück. In diesem Klima des freien Wettstreits ist sogar der Boxer Paquiao in den Wahlkampfring geworfen worden. Senator Paquiao hat kaum an Senatssitzungen teilgenommen; er hat absolut keine Qualifikation für das Amt, außer vielleicht seine körperlichen Fähigkeiten und sein Durchhaltevermögen.

Wenn man also von der geldgetriebenen Propaganda und den Umfragen absieht, glaube ich, dass es einen Wechsel zu einem anderen Regime mit Personal geben wird, das nicht vollständig der Marcos-Duterte-Kollusion verpflichtet ist. Auf jeden Fall haben die Filipin@s die Hoffnung auf einen Wandel zum Besseren noch nicht verloren, obwohl sie mit der Wahl Dutertes vom Regen in die Traufe geraten sind.

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