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Von Washingtons Gnaden

Vor 75 Jahren entließen die USA die Philippinen in die Unabhängigkeit und festigten gleichzeitig den neokolonialen Status des Landes.

Die Philippinen sind womöglich weltweit das einzige Land, das zwei »Geburtsurkunden« aufweist. Vor genau 75 Jahren wurde der südostasiatische Inselstaat unabhängig. Und das auf Anweisung seines knapp fünf Jahrzehnte agierenden US-amerikanischen kolonialen Zuchtmeisters, der just an diesem Tag seinen eigenen Independence Day zelebriert. Als Tag der Unabhängigkeit und als Nationalfeiertag gilt in den Philippinen heute indes der 12. Juni. An jenem Tag im Jahre 1898 hatten die lange um Unabhängigkeit ringenden Filipin@s die erste Republik in Asien proklamiert und damit gleichzeitig das knapp 350 Jahre währende spanische Kolonialjoch abgeschüttelt.

Doch der damalige philippinische General und Revolutionär Emilio Aguinaldo hatte am 12. Juni 1898 nicht die Freiheit seiner Landsleute verkündet, um sie erneut gegen Bevormundung und Knechtschaft einzutauschen. Aber genau das widerfuhr der jungen, kurzlebigen philippinischen Republik, als sich die USA der Inseln bemächtigten und der philippinisch-spanische Unabhängigkeitskrieg geradewegs in den US-amerikanisch-philippinischen Krieg mündete. Wie das?

»Tor zum Osten«

Vor reichlich hundert Jahren war in den USA ein heftiger Streit um die politische Zukunft des Landes in vollem Gange. Es ging um die zentrale Frage: Sollten auch die US-Amerikaner_innen Kolonien erobern oder sich mit ihrem eigenen großen (Binnen-)Land zufriedengeben? Die Befürwortenden einer Kolonialpolitik bezeichneten sich selbst abwechselnd als »Interventionist_innen« oder »Imperialist_innen«. Einer ihrer glühendsten Sendboten war der aus dem US-Bundesstaat Indiana stammende republikanische Senator Albert ­Jeremiah Beveridge. Am 9. Januar 1900 begründete dieser in einer Rede vor dem US-Kongress, warum man unbedingt die Philippinen als Kolonie in Fernost okkupieren müsse: »Geradewegs hinter den Philippinen liegen Chinas schier unermessliche Märkte. Wir werden unseren Teil in der Mission unserer von Gott geschützten Rasse bei der Zivilisierung der Erde beitragen. Wo werden wir die Abnehmer unserer Produkte finden? Die Philippinen geben uns einen Stützpunkt am Tor zum Osten.«

Dieser Mixtur aus kapitalistisch-imperialem Sendungsbewusstsein, Rassismus und Überlegenheitswahn, die in Washington offiziell als »wohlwollende Assimilierung« verbrämt wurde, widersetzten sich deren Gegner_innen, die sogenannten »Isolationist_innen«. Sie plädierten für außenpolitische Zurückhaltung. Einer ihrer herausragendsten Vertreter war Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain. Als Vizepräsident der Antiimperialistischen Liga der Vereinigten Staaten von Amerika (1901–1910) verfocht Mark Twain die Position, dass man »weder in China noch in anderen Ländern, in denen wir nichts zu suchen haben und die uns nicht gehören, Flagge zeigen« sollte.

Es obsiegte schließlich das Lager der Kolonialist_innen. Mit Blick auf den Westpazifik bemächtigte sich die US-Fernostflotte unter dem Kommando von Kommodore George Dewey des unabhängigen Königreichs Hawaii sowie der Pazifikinsel Guam, um am 1. Mai 1898 die spanische Flotte in der Bucht von Manila niederzukartätschen. Doch erst Ende Juni betraten US-amerikanische Soldaten philippinischen Boden – faktisch ein unabhängiges Land. Der schließlich Anfang Februar 1899 begonnene US-amerikanisch-philippinische Krieg endete gemäß offizieller Geschichtsschreibung dreieinhalb Jahre später. Im Süden der Philippinen indes, in der Sulusee und auf der Insel Mindanao, deren Bevölkerung vorwiegend muslimisch war und von den Spaniern abschätzig »Moros« genannt wurde, dauerte die amerikanische »Befriedung« bis 1916. Mit immensen zivilen Opfern: Die damalige Bevölkerung, sechs bis sechseinhalb Millionen Einwohner, wurde dezimiert.

Japanisches Intermezzo

Während des Zweiten Weltkriegs unter japanischer Besatzung von Dezember 1941 bis August 1945, erlitt von allen Kriegshauptstädten nur Warschau höhere Schäden als Manila. Etwa 260.000 Filipin@s waren in unterschiedlichen Guerillaorganisationen aktiv, von denen die mit Abstand größte und bedeutendste die von Sozialist_innen und Kommunist_innen gebildete Antijapanische Befreiungsarmee, Hukbalahap (kurz: Huk), unter der militärischen Führung von Luis Taruc war. Bei Kriegsende ging auch die Huk davon aus, zumindest als formidable Kraft im Widerstand gegen die japanischen Besatzer_innen gewürdigt, wenn nicht gar entschädigt zu werden. Doch Douglas MacArthur, der siegreiche Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte in Fernost, ordnete nach seiner Rückkehr in die Philippinen in seinem ersten Tagesbefehl die Entwaffnung der Huk an. Weigerten sich deren Kämpfer_innen, ihre Waffen zu strecken, wurden sie als »gesetzlos« und »Banditen« gebrandmarkt und entsprechend verfolgt.

Mit Glacéhandschuhen fassten ­MacArthur und sein Stab hingegen die Großgrundbesitzer_innen, Wohlhabenden und Mitglieder der herrschenden Elite an, von denen sich während der japanischen Okkupation nicht wenige durch Schwarzmarktgeschäfte schamlos bereichert hatten oder tief in Korruption verstrickt waren. Zum ausgesprochenen Darling MacArthurs avancierte der frühere Politiker und Exbrigadegeneral Manuel Roxas. Als einer der Hauptkollaborateure der japanischen Besatzer_innen war Roxas hauptverantwortlich dafür, für deren Truppen Reis einzutreiben. Nach dem Krieg wurde er zunächst zusammen mit weiteren etwa 5.000 Kollaborateuren von US-Militärs gefangengenommen, um aber schon bald auf freien Fuß gesetzt zu werden. Für den verschlagenen MacArthur war Roxas der Mann der Stunde; gerade wegen dessen Vergangenheit war und blieb er manipulier- und erpressbar.

Als erster Präsident der am 4. Juli 1946 von Washingtons Gnaden unabhängig gewordenen Republik der Philippinen war Manuel Roxas verantwortlich für ein mit der US-Regierung ausgehandeltes Bündel bilateraler Verträge, die wirtschaftlich, politisch und militärisch die hegemoniale Stellung der USA in ihrer vormaligen Kolonie zementierten. In Roxas’ Amtszeit fiel denn auch die Entscheidung, den USA den Unterhalt und Ausbau der größten außerhalb des nordamerikanischen Kontinents befindlichen Militärbasen zu gestatten und ihnen dafür »im Feldzug gegen den Kommunismus« ausreichend Land auf der Basis eines 99 Jahre währenden Pachtvertrags zur Verfügung zu stellen.

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