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McCarthy lässt grüßen

Die aktuelle Welle von »red tagging« in den Philippinen, in deren Verlauf die Regierung bestimmte Personen als Kommunist_innen »brandmarkt«, ist in den letzten Wochen immer höher geschwappt. Sie erfasst Journalist_innen, Schauspieler_innen, NGO-Mitarbeitende, Kirchenleute, Pädagog_innen und Mitglieder des Kongresses gleichermaßen und jüngst sogar diejenigen, die Gemeinschaftsspeicher oder Lebensmittelbanken, sogenannte »community pantries«, für die Armen organisieren.

Die Wurzeln des »red tagging« sind nicht philippinisch, sondern US-amerikanischen Ursprungs, wo der Begriff »red scare« verwendet wurde. Der erste »red scare« entstand nach dem Sieg der Bolschewiken 1917 und der Gründung der Sowjetunion. Die USA sahen in dem neuen mächtigen kommunistischen Staat eine Bedrohung für den amerikanischen Kapitalismus.

Im Zweiten Weltkrieg kam es zu einem zeitweiligen Zweckbündnis zwischen den Alliierten (den USA und einigen westeuropäischen Ländern) und der Sowjetunion gegen die Achsenmächte, aber nach dem Krieg verschärfte sich die Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion. Der Sieg der Kommunisten in China 1949 und der Koreakrieg von 1950 bis 1953 schürten die antikommunistische Paranoia und eine neue rote Angst.

Im US-Kongress wurde ein Ausschuss für un-amerikanische Umtriebe (Committee on Un-American Activities) gebildet, dessen lautstärkster Vertreter Senator Joseph McCarthy war, der mit Unterstützung des FBI eine »Hexenjagd« gegen sogenannte Kommunist_innen entfesselte, die sich vor allem gegen Schriftsteller_innen, Schauspieler_innen, Akademiker_innen und Politiker_innen richtete.

Anzeichen dafür, ein_e Kommunist_in zu sein, waren oft willkürlich, einschließlich der Unterstützung für die öffentliche Gesundheit, Impfungen und psychische Gesundheitsfürsorge, sogar Fluoridierung der Wasserversorgung — allesamt Anzeichen für zu viel staatliche Intervention, was automatisch mit Sozialismus und Kommunismus gleichgesetzt wurde. Ein dritter roter Schrecken entstand während der Trump-Präsidentschaft: Jeder, der liberalere Ideen als Trump hatte, wurde als Sozialist oder Kommunist diffamiert. Angesichts von Trumps ultrarechten Ansichten bedeutete dies, dass nunmehr viel mehr Kommunisten markiert wurden.

Zurück in die 1950er Jahre: Loyalitätsprüfungen wurden in US-Regierungsbehörden üblich und mindestens 3.000 Bundesangestellte wurden wegen vermuteter kommunistischer Sympathien entlassen. Verdächtige wurden Opfer perfiden Rufmords, am häufigsten wurden sie als Homosexuelle oder sexuell Perverse abgestempelt. In einer Zeit, in der Homosexuelle stark stigmatisiert waren, führten die Anschuldigungen zu mehreren Selbstmorden unter den Opfern.

Die Bösartigkeit des McCarthyismus ließen ihn schließlich die öffentliche Unterstützung verlieren. Außerdem fällte der Oberste Gerichtshof der USA unter Richter Earl Warren gegen Ende der 1950er Jahre mehrere Entscheidungen, die es für illegal erklärten, jemanden angeblich nur wegen seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei zu feuern.

In den 1960er Jahren schien der McCarthyismus tot zu sein, aber es stellte sich heraus, dass das FBI sein Programm zur Spionageabwehr weiterführte. Wenn Sie Amazon Prime haben, schauen Sie sich »Seberg« an, einen Film über die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg, die sich als Teil des französischen New Wave-Kinos einen Namen gemacht hatte. In den späten 1970er Jahren begann Seberg, Bürgerrechtsgruppen zu unterstützen, darunter die radikale Black Panther Party. Das FBI begann daraufhin, sie zu stalken, ihr Telefon anzuzapfen und Rufmord zu betreiben, einschließlich falscher Behauptungen, sie sei mit dem Kind eines Black-Panther-Mitglieds schwanger. 1979 beging Seberg Selbstmord.

Nach der Verabschiedung des Freedom of Information Act konnten amerikanische Bürgerrechtler viele Dokumente erhalten, die das Ausmaß des sogenannten Spionageabwehrprogramms des FBI aufdeckten. Und die Philippinen?

Wir benutzten das amerikanische Drehbuch (auf Philippinisch »sirang plaka« oder gebrochene Schallplatte) und gründeten 1949 unser eigenes Komitee für un-philippinische Aktivitäten (CUFA), das gegen die Kommunistische Partei der Philippinen und die Hukbo ng Bayan Laban sa Hapon (Antijapanische Volksarmee, später umbenannt in Volksbefreiungsarmee, Anm. d. Red.) und sogenannte Sympathisant_innen vorging, was damals jeden bedeutete, der gegen die amerikanische Politik wie die Aufrechterhaltung von Militärbasen im Lande war. Prominentestes Opfer der philippinischen Version des McCarthyismus war Senator Claro M. Recto.

Die CUFA wurde in CAFA umbenannt und fuhr mit ihren Aktivitäten fort, indem sie 1961 Professoren der University of the Philippines (UP) als Kommunist_innen bezeichnete. UP-Studierende, angeführt von Reynato Puno und Heherson Alvarez, protestierten dagegen. Im weiteren Verlauf der 1960er Jahre kam es zu weiteren Unruhen, einer neuen kommunistischen Partei (CPP), der New People’s Army (NPA), gefolgt vom Kriegsrecht, in dessen Folge die CPP und die NPA noch mehr Anhänger gewannen. Der kommunistische Aufstand ist der längste in Asien und dauert nun schon mehr als 50 Jahre an.

Das »red tagging« geht weiter, jetzt noch bösartiger in der Nutzung der sozialen Medien, und bringt Leben akut in Gefahr, da unser Militär und die Polizei straffrei bleiben, weil sie »rot« als Berechtigung auffassen, die Hände stets am Abzug zu haben.

Was macht einen Kommunisten oder eine Kommunistin heutzutage in den Philippinen aus?

Man fühlt sich an eine Gewissenserklärung erinnert, die 1950 von sieben republikanischen Senatoren in den USA als Reaktion auf den McCarthyismus herausgegeben wurde. Diese Erklärung bekräftigte das Recht, unpopuläre Überzeugungen zu vertreten, das Recht zu protestieren, das Recht auf unabhängige Gedanken. Eine perfekte Steilvorlage für die Menschen, die in diesen Tagen »red tagged« sind oder werden — und für jeden, der sich darum kümmert, dass den Armen geholfen wird.

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