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Telegener Sturz eines Despoten

Vor 35 Jahren endete die Amtszeit von Ferdinand E. Marcos, des engsten US-Vasallen in Südostasien. Es war der erste medial voll ausgeleuchtete Machtwechsel in einem Land der sogenannten Dritten Welt – mal als »Wunder-«, mal als »Rosenkranzrevolution« überschwänglich gepriesen. Seit annähernd fünf Jahren amtiert mit Rodrigo R. Duterte ein Präsident in Manila, der sich als glühender Marcos-Verehrer versteht, und dessen Schandtaten, was allein die Menschenrechtssituation in dem Inselstaat betrifft, noch jene von Marcos in den Schatten stellt.

Vor 35 Jahren — im Februar 1986 — dominierte »People Power« das Stadtbild der Metropole Manila und besiegelte unter weltweiter Anteilnahme das Ende der Marcos-Diktatur. Mit Hilfe des Militärs und unter US-Ägide garantierte die neue Präsidentin Corazon C. Aquino eine Rückkehr zur Eliten-Demokratie — letztlich gegen das Volk.

Im August 1983 war Marcos’ schärfster politischer Rivale, der Oppositionspolitiker Benigno S. Aquino (Ehemann der späteren Präsidentin), nach seiner Rückkehr aus zeitweiligem Asyl in den USA auf dem Rollfeld des Flughafens von Manila erschossen worden. Seitdem verging kaum ein Tag, an dem sich nicht irgendwo in- wie außerhalb der Hauptstadt Protest regte. Diesem schlossen sich zunehmend auch Mitglieder der Oberschichten an. Bis diese als »Parlament der Straße« in die Landesgeschichte eingegangene, breite antidiktatorische Protestbewegung schließlich am 22. Februar 1986 zum »letzten Gefecht« blies. Drei Tage später, am Abend des 25. Februar, hatte sie ihr Ziel erreicht. Die euphorisch als Demokratie-Ikone und Hoffnungsträgerin gefeierte Witwe des einstigen Marcos-Herausforderers, Corazon C. Aquino — liebevoll und allerorten kurz »Cory« genannt — war nunmehr die neue Chefin im Präsidentenpalast Malacañang.

Marcos — Ära eines Hoffnungsträgers

Jäh endete somit die Ära eines Mannes, der langjährig als Washingtons verlässlichster Verbündeter in Südostasien zur Zeit des Vietnamkrieges und in der Ära des Kalten Krieges galt. Als Ferdinand E. Marcos Ende 1965 in den Malacañang-Palast zu Manila einzog, beseelten den jungen Staatschef zwei Dinge. Innen- und wirtschaftspolitisch wollte er seinen Wahlkampfslogan We shall be a great nation again (»Wir werden wieder eine große Nation sein«) schnellstmöglich umsetzen. Außen- und sicherheitspolitisch ging es ihm darum, der einstigen Kolonialmacht USA (1898-1946) treu zur Seite zu stehen und Washingtons militärische Hegemonialstellung in Südost- und Ostasien mit der fortgesetzten Bereitstellung der seinerzeit weltweit größten US-Stützpunkte außerhalb des nordamerikanischen Kontinents, der Subic Naval Base und dem Clark Air Field, aufrechtzuerhalten.

Exportorientierung als Entwicklungsstrategie

Eine gezielte Anreizpolitik für ausländisches Kapital sollte dem agrarisch ausgerichteten, durch Feudalstrukturen geprägten Land den Anschluss an die westlichen Industriestaaten ermöglichen — quasi im Zeitraffer. An US-amerikanischen politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ausgebildete Kader standen bereit, sich Marcos anzudienen, wie denn auch seine Regierung verstärkt auf die Expertise solcher Technokraten zurückgriff. Exportorientierung, lautete beider Credo, führe zu erhöhten Kapitalinvestitionen, schaffe Arbeitsplätze und Wohlstand, der schließlich allen zugutekäme.

Für Großgrundbesitzer_innen und Geschäftsleute böte sich eine vielversprechende Chance, in Verbindung mit ausländischem Kapital das zur allseitigen Entwicklung notwendige Know-how zu erwerben. Dabei dienten Anrainer wie Singapur, Hongkong und Südkorea als Vorbilder. Diese Strategie bedurfte, um praktisch umgesetzt werden zu können, verlässlicher Steuerungsinstanzen. Zentralisierung und Konzentrierung staatlicher Macht(apparate) waren die Folge. Wirtschaftliche Planungsbehörden (wie beispielsweise die Nationale Wirtschafts- und Entwicklungsbehörde, NEDA) entwarfen konkrete Schritte zur »nationalen Erneuerung«, während politisch und militärisch ein Prozess in Gang gesetzt wurde, um die neue Wirtschafts- und Entwicklungsstrategie gegen mögliche Störungen zu immunisieren.

Der Ausbau der Infrastruktur war ebenfalls ein zentraler Bestandteil der Aufstandsbekämpfungsstrategie, welche ab Ende 1966 seitens der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde (USAID) initiiert wurde. Diese erwirkte die Aufstockung der philippinischen Militär- und Polizeieinheiten sowie Ausbildungskurse für philippinische Offiziere an US-Militärakademien. Zusätzlich wurden civic-action-Programme entworfen, welche in Vietnam »verfeinert« wurden. Dabei handelte es sich um bürgernahe Projekte, wie dem Verteilen von Lebensmitteln und Medikamenten sowie (zahn-)ärztliche Reihenuntersuchungen, um »die Herzen und Hirne der Bevölkerung zu gewinnen« — vor allem die der bäuerlichen Bevölkerung im Hinterland, wo großangelegte Infrastrukturmaßnahmen geplant waren.

In Manila war bis zu Beginn der 1970er Jahre ein eigens für Aufstandsbekämpfung gedrilltes und vom US-amerikanischen Office for Public Safety (OPS) unterstütztes Hauptstadtkommando (METROCOM) entstanden. Damit verfügte das Marcos-Regime über schlagkräftige Instrumente, um politischem Protest jedweder Art »effizient« zu begegnen. Denn es regte sich bereits zu der Zeit massiver Widerstand gegen die ersten Auswirkungen der neuen Wirtschaftspolitik aus den Reihen städtischer Transportarbeiter, von Studierenden, Kleinunternehmern sowie Teilen der nationalen Bourgeoisie. Darüber hinaus waren zwischenzeitlich mit der Kommunistischen Partei (CPP) und ihrer Guerilla, der Neuen Volksarmee (NPA), sowie mit der im Süden des Landes für Unabhängigkeit kämpfenden Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) militärische Formationen entstanden, welche die staatlichen Sicherheitskräfte herausforderten.

Kriegsrecht und Widerstand

Um die innenpolitischen Rahmenbedingungen der Wirtschaftspolitik zu sichern und die Philippinen angesichts des sich abzeichnenden US-Debakels in Vietnam nicht, wie von US-Strategen befürchtet, als weiteren »Dominostein« umkippen zu lassen, verhängte Marcos im September 1972 landesweit das Kriegsrecht. In US-Kongresshearings hieß es dazu später, es sei im Falle der Philippinen mehr um die Wahrung strategischer und Sicherheitsinteressen der USA als um die Wahrung von Demokratie und Menschenrechten auf dem Archipel gegangen. Eine Position, die der frühere CIA-Chef und damalige US-Vizepräsident George Bush Sr. noch Anfang 1981 anlässlich seiner Staatsvisite in Manila ausdrücklich unterstrichen hatte.

Das Kriegsrecht bescherte Marcos eine beträchtliche Machtfülle, die er weidlich nutzte, um politische Widersacher_innen auszuschalten und hinter Gitter zu sperren, Gewerkschaften und freie Medien zu verbieten und gewaltsam gegen alles vorzugehen, was sich seinem Herrschaftsanspruch widersetzte. Eine Militarisierung von Staat und Gesellschaft war die Folge. Allein das Militär wurde von 1972 bis Mitte der 1980er Jahre von 62.000 auf annähernd 285.000 Mann aufgestockt. Ebenso wurde die Integrierte Nationalpolizei/Philippinische Constabulary (Vorläuferin der heutigen Philippinischen Nationalpolizei, PNP) ausgebaut und es entstand eine Vielzahl paramilitärischer Bürgerwehren. Überdies formierten sich — vielfach mit staatlicher Protektion — bewaffnete Sekten, die unter solch schillernden Namen wie Rock Christ, Neues Jerusalem, Wohltätige Philippinische Missionarsvereinigung oder Verlorenes Kommando operierten.

Des Weiteren wurden Offizier_innen an regierungseigenen sowie ausländischen Unternehmen beteiligt. Zu Beginn der 1980er Jahre rekrutierten sich über die Hälfte aller höheren Präsidialbeamt_innen für regionale Entwicklungsvorhaben aus den Reihen des Militärs. Der gleichzeitig zur gültigen Militärstrategie erhobene Oplan Katatagan (Operationsplan Stabilität) zielte vorrangig auf die Zerschlagung der Infrastruktur und Logistik der »kommunistischen Subversion« und »muslimischer Sezessionsbestrebungen« im Süden des Landes. Integrale Bestandteile des Oplan Katatagan bildeten: Hamletting (»strategische Wehrdörfer«), Salvaging (außergerichtliche Hinrichtungen verdächtigter »Rebell_innen«), Zoning (Durchkämmen ganzer Wohnviertel und Häuserblocks, in denen »Aufständische« vermutet wurden), Base denial (Bombardierung bestimmter Gebiete, um NPA-Gueriller@s potenzielle Basen beziehungsweise Rückzugsgebiete zu »verwehren«) sowie Massaker, Folter und Brandschatzung. Nach Schätzungen des Philippinischen Roten Kreuzes wurden auf diese Weise von 1972 bis Mitte der 1980er Jahre 5,7 Millionen Menschen, über ein Zehntel der Bevölkerung, Opfer von Vertreibungen. Betroffen waren vorwiegend städtische Arme, Slumbewohner_innen, Bäuer_innen, ethnische Minderheiten und Moslems im Süden.

Staatsterror

All diese Maßnahmen zielten vorrangig darauf ab, der seinerzeit weltweit schnellst wachsenden NPA-Guerilla (mit annähernd 30.000 Kombattant_innen) den Nährboden zu entziehen. Als Teil des 1973 im Untergrund formierten Oppositionsbündnisses der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP), die zu der Zeit etwa eine Million Mitglieder hatte und über eine Massenbasis von etwa zehn Millionen Menschen verfügte, operierten NPA-Verbände in 62 von damals insgesamt 73 Provinzen — mancherorts bereits in Bataillonsstärke. Neurekrutierungen hatten ein Ausmaß angenommen, dass eine unter Vorsitz des US-amerikanischen Senators David Durenburger erstellte Studie des Geheimdienstausschusses des US-Senats befürchtete, die NPA könnte innerhalb von drei Jahren ein »strategisches Patt« herstellen.

Ideologisch verbrämte Marcos das Kriegsrecht, das er als »konstitutionellen Autoritarismus« verstanden wissen wollte, mit dem gleichzeitigen Beginn einer »Neuen Gesellschaft«: Isang Bansa, Isang Diwa (Eine Nation, ein Geist) hieß fortan der Regime-Slogan, die philippinische Variante jener Vorstellungen, die einst Brasiliens Sicherheitsideologe, General Golbery de Couto e Silva, kategorisch so formuliert hatte: »Die Nation ist absolut oder sie ist nichts. Eine Nation kann keinerlei Begrenzung ihrer absoluten Macht dulden.«

Aquino-Mord und gesellschaftliche Polarisierung

Die Ermordung des führenden Oppositionspolitikers Benigno Aquino Jr. auf dem Flughafen von Manila war nicht die Ursache, wohl aber der entscheidende Auslöser einer sich rapide zuspitzenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise des Regimes. Davon sollte es sich nicht mehr erholen. Bis zu dessen endgültigem Sturz im Frühjahr 1986 verging kein Tag ohne Protestkundgebungen, Demonstrationen und Streiks. Schroffe gesellschaftliche Polarisierung schlug um in einen Prozess der fortschreitenden Isolierung von Marcos und seinen Getreuen.

Ein qualitativ neues Element in der wachsenden Anti-Marcos-Front bildete fortan das städtische Bürgertum. Lange Zeit hatte es sich politisch abstinent verhalten und auf einen friedlichen Wandel gehofft. Mit den Schüssen auf seine Galionsfigur Aquino war diese Option geschwunden. Aquino, Spross einer begüterten Grundbesitzerfamilie, war ein gewiefter Politiker, der seine politische Blitzkarriere in Zentralluzon (nördlich von Manila) begonnen hatte. Bis Mitte der 1960er Jahre waren er und Marcos in der Liberalen Partei politisch vereint, bis Letzterer ins Lager der oppositionellen Nationalistischen Partei überwechselte und als deren Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen im Jahre 1965 das Rennen machte.

Aquinos eigene präsidiale Ambitionen wurden durch die Verhängung des Kriegsrechts jäh durchkreuzt. Acht Jahre lang verbrachte er — wiewohl unter privilegierten Bedingungen — im Gefängnis, bis Marcos ihn wegen einer Bypassoperation in die USA ausreisen ließ. Nach dreijährigem Selbstexil kehrte er nach Manila zurück, beflügelt von der Hoffnung, gemeinsam mit dem politisch umtriebigen Kardinal Jaime Sin, dem Erzbischof von Manila und Oberhaupt der katholischen Kirche im Lande, Marcos am grünen Tisch zur nationalen Ver- und Aussöhnung umzustimmen, um die »wachsende kommunistische Gefahr« zu bannen. Opposition bedeutete in Aquinos Sicht einen politischen Elitentausch, keinen Strukturwandel.

Eine massive Kapitalflucht infolge des Aquino-Mords erfasste die Metropole Manila. Das Regime musste ein zeitweiliges Schuldenmoratorium verkünden, während die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) immer kräftiger ihre Daumenschrauben anzogen. Um überhaupt noch dringend benötigte Überbrückungskredite zu bekommen, musste sich Manila zur strikten Einhaltung des IWF-Diktats im Rahmen diverser Strukturanpassungsprogramme verpflichten. Darunter fielen die Aufhebung von Preiskontrollen und eine »fortgesetzt gemäßigte Lohnpolitik«, Investitionskürzungen und die drastische Erhöhung des internen (direkten wie indirekten) Steueraufkommens, die Beseitigung sämtlicher Außenhandelsbeschränkungen und Drosselung des Devisenhandels der Zentralbank sowie das Floaten der Landeswährung, des Peso, und die Einstellung nahezu aller Nahrungsmittelsubventionen.

Doch anstelle einer vom IWF prognostizierten Exporterhöhung sanken die Ausfuhrerlöse und gleichzeitig verringerten sich die Einfuhren, was angesichts der extremen Importlastigkeit im Verarbeitungssektor zu immer mehr Firmenschließungen führte. Allein 1984 mussten 1.500 Betriebe Bankrott anmelden und die Werkstore schließen. Im Großraum Manila grassierte die Arbeitslosigkeit. Die Situation auf dem Lande war um keinen Deut erträglicher. 1985 verloren über 200.000 Saisonarbeiter_innen auf den Zuckerrohrfeldern der Insel Negros in den Zentralphilippinen ihre Einkommensquelle, was dort zu einer akuten Hungersnot führte. Die Zuckerpreise waren dermaßen in den Keller gesackt, dass nicht einmal die Produktionskosten abgedeckt werden konnten.

Intensives Krisenmanagement in Washington

Durch solche Ereignisse alarmiert, bereiste seit Herbst 1983 — mit Ausnahme von US-Präsident Ronald Reagan — alles, was in Washington Rang und Namen hatte, die Philippinen, um vor Ort das Ausmaß der Unruhen zu studieren. Konkreter Ausdruck des Bestrebens, diesen Einhalt zu gebieten und der »kommunistischen Guerilla den Teppich unter den Füßen wegzuziehen«, war die Schaffung der Intergovernmental Task Force on the Philippines. Hierbei handelte es sich um ein noch im selben Jahr aus der Taufe gehobenes, behördenübergreifendes Gremium aus Repräsentanten des Pentagon, State Department, der CIA, des US-Schatzamtes, des Weißen Hauses und internationalen Bankiers. Diese Runde sollte eine vis-à-vis Manila klar abgestimmte Politik formulieren.

Doch in dieser Runde tauchten Unstimmigkeiten auf, die zeitweilig eine konsistente Philippinen-Politik erschwerten. Verkürzt ließen sich die Friktionen wie folgt charakterisieren: Das Finanzministerium, der IWF sowie das Weiße Haus waren primär an der »wirtschaftlichen Gesundung« Manilas interessiert und konzentrierten sich erst in zweiter Linie auf die Überwindung der politischen und Legitimationskrise des Regimes. In einem wie auch immer gearteten Aufwertungsversuch von Marcos erblickte hingegen das State Department ein politisch kontraproduktives Unterfangen. Angesichts der gesellschaftlichen Widersprüche, so die Einschätzung seiner Beamten, gliche das dem Bemühen, »Zahnpasta zurück in die Tube zu pressen«.

Das State Department favorisierte die »gemäßigte« bürgerliche Opposition mit Salvador H. Laurel als Galionsfigur und Generalleutnant Fidel V. Ramos, einem an der US-Militärakademie West Point ausgebildeten Korea- und Vietnamkriegsveteranen. Dieser hätte eigentlich gemäß Senioritätsprinzip und militärischem Ehrenkodex zum Generalstabschef befördert werden müssen. Doch diesen Posten hatte Marcos kurzerhand einem Verwandten und dem früheren Chef seiner Leibgarde, General Fabian C. Ver, zugeschanzt. So musste sich Ramos damit begnügen, lediglich als Vize des Marcos-Intimus zu fungieren.

Eine instruktive ökonomische, politische und militärische Lageeinschätzung legte das State Department schließlich im November 1984 vor. Diese 26 Seiten umfassende Studie trug den Titel »U.S. Policy Towards the Philippines« und diente US-Präsident Ronald Reagan als Grundlage für seine im Januar 1985 unterschriebene Nationale Sicherheitsdirektive. Diese beinhaltete ein Bündel von 16 »hohe Priorität genießenden Veränderungen«, um die Gefahr zu bannen, dass eine Radikalisierung in den Philippinen »die gesamte Region destabilisiert«. So wurde von Marcos unter anderem eine weniger rigide Amtsführung, die Abschaffung des präsidialen Vorbeugehaft-Gesetzes sowie das Aufbrechen der ihn stützenden Klientel-Wirtschaft im Zucker- und Koprasektor erwartet. Sibyllinisch hieß es in diesem Dokument: »Marcos ist Teil des Problems, notwendigerweise aber auch ein Teil dessen Lösung.«

Vorgezogene Wahl — Revolte im Militär

Im Klartext: Marcos war demnach nur noch taktisch haltbar. Von strategischem Interesse — im Sinne einer »geordneten Nachfolgeregelung« — war indes eine Allianz aus weniger korrupten, auf Effizienz bedachten Militärs unter Ramos und Politiker_innen aus dem gemäßigten bürgerlichen Spektrum. Während Washington zu der »Stimme seines Herrn« auf Distanz ging und sein langjähriger Protegé durch den eigens nach Manila gereisten CIA-Chef William Casey und Reagans Sonderbeauftragten, Senator Paul Laxalt, im Mai beziehungsweise Oktober 1985 zu vorgezogenen Präsidentschaftswahlen (snap elections) gedrängt wurde, blieb Marcos nichts anderes übrig, als sich diesem Oktroi zu beugen. Ende November 1985 kündigte er in Interviews mit US-Fernsehsendern den 7. Februar 1986 als Termin solcher Wahlen an. So wich man in Washington auffällig von der zuvor kategorisch verfolgten Linie ab, wonach es galt, seine Vasallen bis zur bitteren Neige zu unterstützen.

Dermaßen aufgewühlt und polarisiert war die Stimmung im Vorfeld und während dieser Wahl, dass deren Ergebnis für die schwindende Schar der Marcos-Befürworter ebenso klar war wie für das Lager seiner Gegner. Berichte über massive Wahlfälschungen und Schiebungen überschlugen sich. Was dazu führte, dass sich sowohl Marcos als auch seine Kontrahentin, die von der gemäßigten Opposition erst spät nominierte »Cory« Aquino, jeweils als Wahlsieger wähnten. Das Endergebnis der Wahl spielte letztlich keine Rolle mehr, als sich just am 22. Februar mit Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile und dem damaligen stellvertretenden Generalstabschef, Generalleutnant Fidel V. Ramos, zwei vormals engste Vertraute des Präsidenten von eben diesem abwandten und sich in den jeweiligen Hauptquartieren von Polizei und regulären Streitkräften verschanzten. Lange bevor das Wort »Wendehals« kreiert und hoffähig wurde, waren es eben Enrile und Ramos, die als dessen prototypische Verkörperungen Geschichte schreiben sollten.

Zelebrierte »Wunderrevolution«

In jenen Tagen glich Manila einer gigantischen Bühne eines noch gigantischeren politischen Open Air Festivals. Mehr noch: Als römisch-katholische Bastion in Südostasien, wo tiefe Religiosität vielfach mit hoch dosiertem Aberglauben ein wundersames Amalgam bildet, sahen sich zahlreiche himmlisch fühlende Festivalbesucher so sehr von Rosenkränzen, Wundern und der Jungfrau Maria umgeben, dass Letzterer zu Ehren im Jahre 1989 eigens ein Schrein nebst überdimensionaler Statue eingeweiht wurde. So verstand es sich quasi von selbst, dass die Tage des Marcos-Sturzes im Lande selbst alternierend als »Rosenkranz-«, »Wunder-« und/oder »People-Power-Revolution« in die Annalen eingingen. Und: Es war dies in der Endphase des Kalten Krieges und aufgrund der Präsenz von weit über tausend eingejetteten internationalen Medienberichterstattern auch der erste telegen ausgeleuchtete Machtwechsel in einem Land der sogenannten Dritten Welt.

Enrile, publicity-trächtig in Kampfuniform auftretend, seine Finger am Abzug einer Maschinenpistole, war mit Marcos seit dessen erstem Wahlsieg 1965 durch dick und dünn gegangen. Bevor er Verteidigungsminister wurde, hatte er andere hohe Regierungsposten inne und galt für Marcos als Korsettstange seines Regimes. Als dessen Kumpan, von 1972 bis 1981 gar oberster Kriegsrechtsverwalter, hatte er, sich vom Adoptivkind zum Juristen zielstrebig nach oben arbeitend, Abermillionen aus einem von der Kokosnussindustrie und Holzeinschlag zusammengezimmerten Wirtschaftsimperium gescheffelt. Ramos, der sich gern in Machomanier mit Zigarrenstummel im Mundwinkel präsentierte, Absolvent der US-Militärakademie in West Point, Korea- und Vietnamkriegsveteran sowie passionierter Fallschirmspringer, stand mit der Integrierten Nationalpolizei/Philippinischen Constabulary, der Vorläuferin der heutigen Philippine National Police, einer Truppe vor, die wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen wiederholt national wie international scharf kritisiert worden war.

Höhere Weihen und liturgischer Protest

Der gleichermaßen in weltlichen wie religiös überwölbten Machtkuppeln heimische Erzbischof von Manila, Jaime Kardinal Sin, präsentierte sich als ein weiterer gewichtiger Protagonist jener Zeit. Als oberster Hirte des vorwiegend römisch-katholischen Landes wähnte er zwischen dem 22. und 25. Februar Göttliches am Werk. Unsichtbar, doch omnipräsent sei die Gottesmutter auf Manilas ausladender Stadtautobahn, der Epifanio de los Santos Avenue (EDSA), zwischen die Kontrahenten — hier die Soldat_innen, dort das aufbegehrende Volk — getreten. Nonnen und Priester, vereint im Gebet, behängten die aufgepflanzten Bajonette einer hypnotisierten, plötzlich domestiziert wirkenden Staatsmacht mit Rosenkränzen und Blumen. Ein solch unerwarteter Gruß wurde — ungläubig zwar, dann verhalten — mit eben dem Siegeszeichen der Opposition erwidert: den zum »L« (für »Laban«, Kampf) gespreizten Daumen und Zeigefinger.

Über den katholischen Rundfunksender Radio Veritas, der mit Geldmitteln aus den USA, seitens des Opus Dei und von bundesdeutscher Seite durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung gesegnet war, rief der medial gewandte Kardinal zu einem Massenspaziergang der besonderen Art auf. Treffpunkt: die sich entlang der EDSA vis-à-vis gegenüberliegenden Hauptquartiere der Nationalpolizei und der Streitkräfte, Camp Crame und Camp Aguinaldo. Jene Orte also, wo sich Ramos und Enrile mit einer stündlich angewachsenen Schar von Meuterern und Gefolgsleuten verbarrikadiert hatten und dort mit einem Angriff der nach wie vor loyal zu Marcos stehenden Generalität rechneten.

Doch ein solcher Angriffsbefehl aus dem Präsidentenpalast blieb aus. Zu groß war mittlerweile die auf und entlang der EDSA versammelte Menschenmenge, dass ein gewaltsames, gar offen militärisches Eingreifen ein Massaker ungeheuerlichen Ausmaßes bedeutet hätte. Welch’ ein Umschwung und Gesinnungswandel! Da waren die staatlichen Ordnungshüter jahrelang im Volksmund hinter vorgehaltener Hand als buwaya (Krokodile) bezeichnet worden, zu denen man tunlichst Distanz wahrte. Und nun suchte das Volk eben die Nähe zu Soldat_innen, ja beschenkte sie nebst Blumen und Rosenkränzen mit Speis’ und Trank, die noch Stunden zuvor als hartgesottene Vertreter eines vermaledeiten Despoten gegolten hatten. Camp Crame und Camp Aguinaldo, einst Schaltzentralen gefürchteten Staatsterrors, glichen nunmehr einem Heerlager der Friedfertigkeit. In einer solchen Situation wollten die über Nacht zu Rebell_innen mutierten Soldat_innen nicht schießen. Und die zerbröckelnde Phalanx der Marcos-Getreuen konnte nicht (mehr) schießen.

People Power allerorten

Die unbekannte, unberechenbare Größe blieb das Volk. Dazu zählten die Landleute, die schlechter behandelt wurden als ihre Wasserbüffel; die Arbeiter_innen, die man mit Hungerlöhnen, unbezahlten Überstunden und Streikverboten malträtiert hatte; die Fischer_innen, wegsaniert von den Städteplaner_inn einer von Grandezza und Pomp besessenen First Lady Imelda; die Straßenhandelnden mit ihren feilgebotenen Hustenbonbons, Kaugummis, schmächtig-zähen Hähnchenspießen und wohlriechenden Sampaguita-Kränzen; die Mittelschichten, Studierenden, Krankenhauspersonal, gespalten und mit sich hadernd, ob sie daheim oder als Overseas Workers im Ausland ihr Glück und ihre Erfüllung suchen sollten; schließlich die auf Exklusivität bedachte Großgrundbesitzerklasse und in Extravaganzen schwelgende Bourgeoisie, umgeben von einem Tross kühler Technokrat_innen und sprachgewaltiger Souffleure aus Wissenschaft, Kunst und Kirche.

Sie alle, die normalhin vieles trennt, fanden auf der EDSA zueinander, kurz nur, aber empathisch, um alsbald wieder in ihre Welt der »gated communities« oder »shanties« einzutauchen. Was blieb, musikalisch allseits beschworen, war ein Lied, das im Frühjahr 1986 zur Hyperhymne avancierte — neben dem antikolonialen Lied Ang Bayan Ko (Mein geliebtes Heimatland) und dem 1972 komponierten US-amerikanischen Popsong Tie a yellow ribbon ’round the old oak tree (Umkränze die alte Eiche mit einer gelben Schleife). Es hieß Handog ng Pilipino sa Mundo (Das Geschenk des Filipinos an die Welt) und sein Komponist war Jim Paredes. »Seht«, so lautet eine Strophe dieses Liedes, »was in unserem Land geschieht! Reiche und Arme tun sich zusammen — Nonnen, Priester und Soldaten vollzieh’n den langersehnten Schulterschluss, und dieser Teil der Erde verwandelt sich in einen Himmel.« Und der Refrain: »Ein Geschenk des Filipin@s an die Welt — ein gewaltloser Weg zur Veränderung, Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit — sie sind zu erlangen ohne Gewalt, solange wir vereint sind.«

Gelb, Gelb über alles

Farbsymbole — auch sie kamen massenhaft zur Geltung. Neben dem »unbefleckten« Weiß, dem Grün des alten Politfuchses und »Corys« Vize, Salvador »Doy« Laurel, dessen einflussreicher Familie Marcos seine politische Karriere verdankt hatte, dem Rot der Linken und Teilen des »Parlaments der Straße« — das alles überdeckende Gelb, »Corys« Lieblingsfarbe in Anlehnung an eben ihren Lieblingssong Tie a yellow ribbon … Gelbe Fahnen, gelbes Konfetti, gelbe T-Shirts, unbeschriftete, mehr noch mit einprägsamen Parolen beschriftete: »Ich stoppte einen Panzer!« — »Ich war Teil einer Menschenbarrikade!« — »People Power« etc. Ebenso rasch kursierten »Revolutionsalben« — in bibliophiler Ausgabe für jene, die dafür locker einen halben Durchschnittsmonatslohn berappen konnten, und in erschwinglicher, einer weniger schmuckvollen Heftform. Im Mittelteil, herausnehmbar, war ein auf Pergamentpapier gedrucktes, durchnummeriertes Zertifikat eingelegt. Es bescheinigte dem Besitzer die Teilnahme an der »Wunderrevolution vom 22. bis zum 25. Februar 1986« und harrte nur noch der notariellen Beglaubigung.

People Power — das Volk als Machtfaktor oder Machtfaktor Volk — war der Schlüsselbegriff und präzisierte hernach in Verbindung mit den Beiworten »Wunder«, »Rosenkranz« und »gewaltlos« den Charakter der »Revolution«. Geprägt wurde der Begriff People Power von Aquinos engsten Beratern — Jesuiten der exklusiven Ateneo de Manila University. Machtfaktor Volk — wer wollte dem widersprechen? Idealtypisch fing es die Stimmung einer Fiesta ein, die das Land bis dato nicht erlebt hatte und es wahrscheinlich auch nicht mehr erleben wird! Furioses Finale dieser famosesten aller Fiestas Filipiniana waren die dröhnenden Rotorenblätter von US-Militärhubschraubern, die die Marcos‘ im Schutz der Dunkelheit aus dem Präsidentenpalast in die nördlich von Manila gelegene US-Luftwaffenbasis Clark Air Field ausflogen. Nicht die Heimatprovinz des Präsidenten, Paoay in Ilocos Norte, sondern das Exil auf Hawaii war das Endziel eines langen Transports!

Dabei hatte sich Marcos noch am Morgen desselben Tages (25. Februar) auf dem Balkon seines Malacañang-Palastes am trüben Pasig-Fluss von Claqueuren als Wahlsieger feiern lassen. Doch der langjährige Magier der Macht, einst bewundert, jetzt geschmäht, hatte ausgespielt. Sein Gesicht — aschfahl und aufgedunsen durch Cortison-Schübe — wirkte schlapp, als starrte es, bereits in einer verstaubten Ecke von Madame Tussauds in Wachs modelliert, auf deren ausdrucksstärkere Kabinettsfiguren. »Machen Sie Schluss, einen sauberen Abgang«, hatte ihm Augenblicke zuvor US-Präsident Ronald Reagans Sonderemissär, Senator Paul Laxalt, telefonisch beschieden. Der Mohr hatte seine Pflicht und Schuldigkeit getan, nun konnte — nein: musste — er von der Bühne abtreten.

Welch‘ Spektakel! Dort ein despotischer Finsterling, der sich bis zuletzt krampfhaft an Macht und Pfründe klammerte, hier die abwechselnd in Weiß und Gelb gekleidete Lichtgestalt und unbescholtene Hausfrau »Cory«, die sich anschickte, beherzt das politische Erbe ihres ermordeten Gatten weiterzuführen. Letztere reklamierte als Finale ihren Sieg, umringt von erneut herbeigeströmten Volksmassen, als gelte es, sich selbst und die Auferstehung der Demokratie zu zelebrieren. »Cory« verkörperte in jenen Momenten das im insularen Katholizismus so überaus dominante mariologische Element — ein ferner Abglanz einer präkolonialen Ära, bevor die spanischen Konquistadoren von 1571 bis 1898 landesweit ihre Machoherrschaft vollumfänglich zementierten.

Rot unter anderem

Und die radikale Linke in Gestalt der 1968 auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus und der Mao-Zedong-Ideen neukonstituierten Kommunistischen Partei (CPP) mit ihrer drei Monate später gegründeten Guerilla der Neuen Volksarmee (NPA)? Sie hatte sich nach Marcos’ Verkündung des Kriegsrechts im Frühjahr 1973 als Teil des im Untergrund operierenden Oppositionsbündnisses der Nationalen Demokratischen Front (NDFP) formiert und propagierte quasi als eigene säkulare »Dreifaltigkeitslehre« einen antiimperialistischen, antifeudalistischen und (ihrer Meinung nach) antifaschistischen beziehungsweise antidiktatorischen Kampf. Mit dem Ziel, durch einen langwierigen Volkskrieg vom Hinterland aus schrittweise die Städte zu erobern und eine volksdemokratische Herrschaft zu errichten — ein Kurs, wie Mao Zedong ihn einst in China verfolgt hatte.

Bis Mitte der 1980er Jahre war die NDFP mit ihren bis dato gut ein Dutzend Mitgliedsorganisationen zweifellos die ideologisch, politisch und organisatorisch hegemoniale Kraft im Kampf gegen das verhasste Marcos-Regime. Es waren NDFP-Mitglieder, die von Anfang an und am erbittertsten Widerstand gegen die Diktatur leisteten und dafür gleichzeitig den höchsten Blutzoll entrichteten. Doch vor allem die CPP-NPA unterschätzte fatal die besondere Dynamik des antidiktatorischen Kampfes nach dem Aquino-Mord. Unorganisierte Linke oder Linke in anderen politischen Gruppierungen galten insgeheim als suspekt, wenn sie sich »nur« dem demokratischen Kampf verpflichtet fühlten und nicht auch auf einen antiimperialistisch-antifeudalen Kurs einzuschwören waren.

Was schließlich dazu führte, dass die CPP die vorgezogene Wahl am 7. Februar 1986 als »Getöse« abtat, Marcos noch in dieser Phase maßlos überschätzte und seinen Sieg für ausgemacht hielt. Entsprechend rief das Exekutivkomitee des Politbüros (Politische Büros) des Zentralkomitees der Partei in einem knappen Mehrheitsvotum zum Wahlboykott auf und überließ so Linken jenseits der NDFP und dem schillernden »Parlament der Straße« ungleich größere politisch-organisatorische Handlungsspielräume. Mit der Konsequenz, dass sich wenig später zig Genoss_innen von der Partei abwandten, desillusioniert in innerem Exil Wunden leckten oder sich fortan exklusiv dem parlamentarischen Kampf verschrieben.

Dabei war die NDFP seit Mitte der 1970er Jahre eine formidable Kraft, die nach eigenem Bekunden am Vorabend des Marcos-Sturzes über eine Million Mitglieder und eine Massenbasis von etwa zehn Millionen Menschen zählte. NPA-Verbände operierten in 62 der damals insgesamt 73 Provinzen — mancherorts bereits in Bataillonsstärke. Neurekrutierungen hatten ein Ausmaß angenommen, dass die NPA mit annähernd 30.000 Kombattanten von US-Militärexperten als seinerzeit »weltweit schnellst wachsende Guerilla« klassifiziert wurde.

Fatale »Corygraphie«

»Cory« löste zwar rasch ihr Wahlversprechen ein, die politischen Gefangenen des Marcos-Regimes freizulassen. Das hinderte sie aber nicht daran, gleichzeitig all denjenigen Immunität zuzusichern, die sich Menschenrechtsverletzungen hatten zuschulden kommen lassen. Das sollte sich während ihrer Regentschaft rächen: Sieben Putschversuche konnten nur dank des entschiedenen Einsatzes des Generalstabschefs und späteren Verteidigungsministers Fidel V. Ramos abgewehrt werden. Überhaupt: Es war Ramos, der die eigentlichen Strippen zog und letztlich »Cory« regierte. Anstatt ihr geneigten Organisationen mehr politische Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen, steuerte das zunehmend mit Hardliner- und Militarist_innen durchsetzte präsidiale Kabinett einen Kurs, der die Belange des Volkes gänzlich aus den Augen verlor.

Die kritische Zusammenarbeit, die zahlreiche fortschrittlichen Kräfte und Personen der Präsidentin angeboten hatten, wies Aquino zurück und setzte stattdessen voll auf die US-inspirierte Doktrin des »low-intensity conflict« (Konflikt niedriger Intensität) und das »total war«-Konzept (absoluter Krieg) gegen alles (vermeintlich) Linke. Selbst blutrünstigen Bürgerwehren, die sich damit brüsteten, die abgeschlagenen Köpfe von »Kommunist_innen« als »Trophäen« öffentlich zur Schau zu stellen, bezeichnete die Präsidentin als »Verkörperung von People Power«. Damit erledigte sie nicht nur das Geschäft der rechten, konservativen und reaktionären Kräfte, sondern sorgte auch dafür, dass die vor Marcos existente Elastizität philippinischer Eliten-Demokratie wiederhergestellt wurde. Beispiel Enrile: Er blieb unter Aquino Chef des Verteidigungsministeriums, wenngleich er später auf Distanz zur Präsidentin ging und sie gern weggeputscht gesehen hätte. Dann machte er als steinreicher Geschäftsmann weiter von sich reden, wurde Mitglied des Senats, um später ins Repräsentantenhaus zu wechseln und erneut in den Senat einzuziehen, wo der mittlerweile 97-Jährige zeitweilig als dessen Präsident fungierte.

Vorhang zu

Das zeitgleiche Ineinanderfließen all dieser Faktoren — die plötzliche Abkehr eines wichtigen Segments der staatlichen Sicherheitskräfte von Marcos, ein seitens Washington neu erprobtes, ebenso gewieftes wie erfolgreiches Krisenmanagement, eine gleichermaßen vom mächtigen Klerus und der machtvoll in Erscheinung getretenen metropolitanen Bevölkerung euphorisch unterstützte Lichtgestalt »Cory« Aquino sowie die mediale Projektion eines alten Despoten als abgehalfterter Finsterling — formte den brisanten Stoff, aus dem »People Power« gewebt wurde. Wenngleich jene aufwühlenden Tage Ende Februar 1986 vieles bedeuteten und größte Hoffnungen schürten, so obsiegten letztlich telegene Machtrochaden unter Ausschluss von »People’s Power« und Vermeidung einer ebensolchen Revolution.

Mit den US-Luftangriffen auf die libyschen Küstenstädte Tripolis und Bengasi unter dem Codenamen »Operation El Dorado Canyon« am 15. April 1986 als Vergeltung auf einen mutmaßlich von Libyen gesteuerten Anschlag gegen die Berliner Diskothek La Belle wenige Tage zuvor sowie mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zwei Wochen später fand die exaltierte Berichterstattung über den Machtwechsel im fernen Manila ein jähes Ende. Seitdem erheischten die Philippinen lediglich internationale Aufmerksamkeit im Falle von Naturkatastrophen wie Taifunen, Vulkanausbrüchen oder Überschwemmungen. Oder es befanden sich mal wieder im äußersten Süden des Archipels Geiseln in der »Obhut« der als terroristisch eingestuften Abu Sayyaf — aber das auch nur, solange es sich dabei zumindest um »westliche« Geiseln handelte.

Epilog

Just 35 Jahre nach Marcos‘ Sturz amtiert mit dem glühenden Marcos-Verehrer Rodrigo Roa Duterte ein Mann in Manilas Präsidentenpalast Malacañang, dessen Amtszeit offiziell im Sommer nächsten Jahres endet, während Familienmitglieder des von ihm verehrten Idols noch immer kräftig in der Politik des Landes mitmischen. So sitzt mit Imee der älteste Marcos-Spross im Senat, während andere Verwandte die Heimatprovinz Ilocos Norte wie ihr privates Fürstentum betrachten (können) und dort sämtliche bedeutsamen politischen Positionen — ob als Gouverneur, Bürgermeister oder Gemeinderäte — innehaben. Keiner der Marcos-Familie verbrachte auch nur einen Tag hinter Gittern und der Großteil der einst geplünderten Staatsgelder des Marcos-Ehepaars, deren Höhe die Intelligence Unit der Londoner Wirtschaftszeitschrift The Economist auf umgerechnet zwischen fünf bis sechs Milliarden US-Dollar bezifferte, konnte bis heute nicht sichergestellt werden.

Wenngleich sich Duterte in den letzten Wochen nur selten in der Öffentlichkeit zeigte und es stattdessen vorzieht, in aufgezeichneten Videoclips jeweils am späten Montagabend aufzutreten, sind es gegenwärtig hochrangige Soldaten und Polizisten, ehemalige Militärs und handverlesene Bürokrat_innen, die das Tagesgeschehen bestimmen. Mit verheerenden Konsequenzen: Das Land litt in der Region unter dem längsten und härtesten Lockdown während der COVID-19-Pandemie sowie unter dem verheerendsten Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts um etwa zehn Prozent, während dem Gros der Bevölkerung Massentests, wirksame Wirtschaftshilfe, Impfungen und andere lebenswichtige Dienste vorenthalten bleiben. Zerstörerische Bergbau- und Abholzungsaktivitäten halten an im Klima aufgeheizter Militarisierung, in deren Fadenkreuz vorrangig Indigene im Süden und im zentralen Teil des Landes geraten. Schmuggel mit importierten Nahrungsmitteln trägt zur Zerstörung der lokalen Nahrungsmittelproduktion bei und schürte vielerorts nach katastrophalen Umweltzerstörungen (Taifune und Überschwemmungen) Hunger und Krankheiten.

So richten sich seitens zahlreicher NGOs und Menschenrechtsorganisationen im In- wie Ausland hoffnungsvolle Blicke auf die nächsten Sitzungen des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen sowie auf den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, um dort eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Dutertes Antidrogenkrieg mit mittlerweile geschätzten 28.000 bis 30.000 Opfern »außergerichtlicher Hinrichtungen« in die Wege zu leiten.

Eins steht trotz allem, von ultrarechten und reaktionären Elementen bemühtem Geschichtsrevisionismus, wonach die Marcos-Zeit eine »goldene Ära« gewesen sei, fest: Wer einen Duterte hat, braucht keinen Marcos!

Quellen und weiterführende Lektüre

  • Belinda A. Aquino (1999): Politics of Plunder: The Philippines Under Marcos. Quezon City (2nd ed. with an epilogue)
  • Aktionsgruppe Philippinen e.V. (Hg.) (1986): Philippinen — wenn der Bambus bricht. Reinbek bei Hamburg
  • Raymond Bonner (1987): Waltzing with a Dictator: The Marcoses and the Making of American Policy. New York
  • Tim Kuschnerus/Rainer Werning (1987): Die Philippinen unter Aquino — Facetten eines Machtwechsels. Frankfurt a.M.
  • Primitivo Mijares (2017): The Conjugal Dictatorship of Ferdinand and Imelda Marcos (2nd rev. Edition). Quezon City
  • Jonathan Miller (2018): Duterte Harry: Fire and Fury in the Philippines. Brunswick/London
  • Rainer Werning (1987): Philippinen: Die Anatomie des Aufstiegs und Niedergangs einer Diktatur, in: Verfassung & Recht in Übersee (VRÜ), S. 313 — 335. Baden-Baden
  • Rainer Werning/Jörg Schwieger (2019): Handbuch Philippinen: Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur (6., akt. & erw. Auflage). Berlin
  • Daniel B. Schirmer/Stephen Rosskamm Shalom (Eds. — 1987): The Philippines Reader: A History of Colonialism, Neocolonialism, Dictatorship, and Resistance. Boston
  • Sterling Seagrave (1988): The Marcos Dynasty: The Corruption of Ferdinand and Imelda Marcos. New York
  • Lukas Schwarzacher/Hermann Vinke (1987): Philippinen: Die unvollendete Revolution. Bornheim-Merten

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