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EDSA und das Virus

Ja, schon 35 Jahre ist es her. Damals gab es so viel Hoffnung und Stolz. Philippinische Arbeiter_innen in Übersee erzählten mir, wie sie weltweit eine kurze Zeit lang von Beamt_innen der Einwanderungsbehörden nicht misstrauisch oder scheel angeschaut, sondern als Inhaber_innen eines philippinischen Passes mit einem besonders freundlichen Lächeln begrüßt wurden: »Ihr wart großartig«, eine Nation, die es wagte zu sagen: »Tama na, sobra na!« (Genug ist genug!) und dann etwas unternahm.

Dann die kleinen und nicht so kleinen Enttäuschungen, die Putsche, die anhaltende Korruption, das langsame Tempo der Reformen. Dennoch gingen die Menschen noch einmal auf die Straße, um Joseph Estrada abzusetzen, was aber nur ein Jahrzehnt Gloria Macapagal-Arroyo einläutete — nicht ganz so düster wie Marcos und das Kriegsrecht, aber immer noch eine lange Nacht, die manchmal sogar als nationaler Bangungot, als Alptraum, beschrieben wurde.

Das war der letzte Strohhalm. Der Zynismus hatte uns so sehr eingeholt, dass wir sahen, wie die Menschen zunehmend die Notwendigkeit der Demokratie in Frage stellten. Was offensichtlich ausreichte, um uns in Rodrigo Duterte und die populistische Herrschaft zu katapultieren, mit täglichen Angriffen auf demokratische Prozesse in den langen Nächten des Krieges gegen Drogen, Kongressputsche und so weiter.

Dann dieser Virus, und plötzlich schienen die verbliebenen Aufsichts- und Kontrollmechanismen zu kollabieren. Mit einer Nation im Sperrgebiet konnten die »Termiten«, die »anay ng bayan«, das, was von unseren demokratischen Strukturen übriggeblieben war, zernagen.

Es sind nicht nur die Philippinen. UN-Generalsekretär António Guterres schrieb am Montag, den 22. Februar (Anm. d. Red.) im Guardian und beklagte eine »Pandemie von Menschenrechtsverletzungen im Gefolge von COVID-19«, wobei die Regierungen die Pandemie als Vorwand für »schwerwiegende Sicherheitsmaßnahmen und Notmaßnahmen zur Unterdrückung abweichender Meinungen, Kriminalisierung grundlegender Freiheiten, Unterdrückung unabhängiger Berichterstattung und Einschränkung der Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen« nutzen.

Wie Guterres es formulierte, hat das Virus »bereits existierende Spaltungen, Verwundbarkeiten und Ungleichheiten vertieft«. Die »jüngste moralische Empörung«, sagte er, »ist das Versagen, Gerechtigkeit bei den Impfbemühungen zu gewährleisten.« Er wies darauf hin, dass bisher nur 10 Länder 75 Prozent aller Impfstoffe verwendet haben, während mehr als 130 Länder bis dato keine einzige Dosis erhielten. (Ich weiß nicht, ob die Philippinen dort mitgezählt wurden; wir hatten eine kleine staatliche »Elite«-Gruppe, die ihre Impfstoffe bereits erhalten hat.)

Guterres wies ferner darauf hin, dass, wenn wir zulassen, dass die Ungleichheiten fortbestehen, nur um die Impfung als Beispiel zu nehmen, sich das Virus weiter ausbreitet, wobei immer mehr Mutationen die Sache verkomplizieren. Letztlich werden wir außerstande sein, diese Pandemie für ein paar weitere Jahre zu kontrollieren. (Ominöserweise ist die Prognose der philippinischen Behörden für das Erreichen der Herdenimmunität — das Stadium, in dem 70–80 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind, was eine effektive Kontrolle des Virus bedeutete — das Jahr 2023).

Armut und Ungleichheit behindern unsere Bemühungen, COVID-19 einzudämmen, selbst wenn die Pandemie die Zahl der »neuen Armen« erhöht, die laut Weltbank nach mehreren Jahren des Rückgangs wieder ansteigt.

Eine Milliarde (ja, eine Milliarde) Kinder sind wegen der Pandemie nicht in der Schule, was einem Welleneffekt (oder Tsunami?) mit Blick auf die Entwicklung der betroffenen Länder gleichkommt. Die Weltbank geht davon aus, dass die »neuen Armen« noch weit über das Jahr 2030 hinaus in Not sein werden.

Wie sieht es mit der Demokratie aus?

Unterdrückte Menschenrechte bedeuten, dass Regierungen mit Misswirtschaft und Plünderung davonkommen, und wir wissen, dass das sogar bei der COVID-19-Hilfe passiert ist. Das Virus gedeiht am besten in einem Umfeld, in dem es keinerlei Kontrolle über die Macht derjenigen gibt, die uns regieren.

Wir müssen unseren Post-EDSA-Zynismus ablegen und nach Wegen suchen, wie wir weitermachen und vorankommen. Fangen wir bei uns selbst, in unserem alltäglichen Leben an — kommen die Kinder mit ihren Haushaltshilfen oder den Mitarbeitenden von Online-Kursen zurecht? Helfen Sie ihnen mit einem Tablet, besser noch einem Laptop sowie WLAN-Verbindungen. Ich helfe derzeit einem kleinen College, in dem sämtliche Schüler_innen aus einkommensschwachen Familien stammen. Ich vermochte Spenden zu sammeln, um damit Tablets und WLAN für alle anzuschaffen. Doch selbst dann noch haben sich diese Schüler mit schwachen oder nicht vorhandenen lokalen Mobilfunksignalen herumzuplagen und bleiben mit dem Stress der Eltern konfrontiert, die in der Regel arbeitslos oder unterbeschäftigt sind.

Das Letzte, was wir in dieser Situation brauchen, sind kurzsichtige Militärs und Polizist_innen, die Schulen als »rot« brandmarken und sie deshalb liebend gern sofort schließen würden.

Treten Sie dafür ein, dass die Schulen und der uns verbleibende demokratische Raum sicher bleiben. Es stand noch nie so viel auf dem Spiel, wenn es um zukünftige Generationen geht. Äußern Sie sich zynisch über EDSA, wenn es sein muss, aber benutzen Sie bitte die Enttäuschung über EDSA nicht als Ausrede, um sich einfach resigniert zurückzulehnen.

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