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Ein epidemiologisches Desaster?

Steht den Philippinen angesichts dicht besiedelter urbaner Zentren, verbreiteter sozioökonomischer Ungleichheit und eines schwachen Gesundheitssystems ein epidemiologisches Desaster bevor, wie der Arzt Raymond John Naguit annimmt? Die Fallzahlen scheinen ihn zu bestätigen: am 23. Juli sind die gemeldeten COVID-19 Infektionen auf mehr als 74 390 gestiegen. Anfang Juni waren es noch unter 19 000, Ende Juni 37 514. Binnen Monatsfrist haben sich die Fälle somit jeweils verdoppelt. Aktuell werden täglich bis zu 2.500 Neuinfektionen verzeichnet.

Laut WHO-Bericht vom 21. Juli 2020 meldet eine wachsende Zahl von Krankenhäusern eine volle Auslastung ihrer Kapazitäten für COVID-19-Patient_innen. Die landesweiten Lockdown-Maßnahmen haben trotz ihrer Schärfe angesichts der beengten Lebensbedingungen vieler Menschen offensichtlich nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Neuer Schwerpunkt der Pandemie nach Metro Manila ist inzwischen die Metropole Cebu City im Zentrum des Landes. Zur Verbreitung des Virus in viele Regionen sollen auch die Rückkehr_innen von zunächst in der Hauptstadt gestrandeten Filipin@s und aus dem Ausland heimkehrenden Oversea Filipin@ Workers (OFWs) in ihre Heimatprovinzen beigetragen haben. Viele von ihnen wurden nicht getestet.

Um Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen rigoros durchzusetzen sowie infizierte Menschen aufzuspüren, sind zusätzliche Polizei- und Armeeeinheiten in besonders betroffene Regionen verlegt und mit erweiterten Vollmachten ausgestattet worden. Dabei wurden zahlreiche Übergriffe registriert. Innenminister Eduardo Año, ehemaliger Generalstabschef der philippinischen Streitkräfte, forderte die Bevölkerung bei Strafandrohung gar zur Denunziation auf: mutmaßlich an COVID-19 erkrankte Menschen in ihrer Umgebung seien den Behörden zu melden.

Kritiker_innen werfen der Regierung vor, die Pandemie als »Waffe gegen das Volk« zu benutzen und sehen Parallelen zwischen dem sogenannten »Krieg gegen Drogen« und dem ebenso martialisch betitelten »Krieg gegen Corona«. Selbst die von Präsident Rodrigo Duterte kaltgestellte Vizepräsidentin Leni Robredo äußerte sich irritiert über die vielen gepanzerten Fahrzeuge in den Straßen und mahnte, die Virusbekämpfung stattdessen als vorrangige Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens zu betrachten.

Die wirtschaftliche Situation insbesondere unterer Einkommensgruppen hat sich indes weiter verschlechtert, weil die vom Präsidenten im Rahmen des »Emergency Subsidy Program« (ESP) zugesagten Finanzhilfen für 18 Millionen als arm eingestufte Familien vielfach nicht ankommen oder kaum ausreichen. Besonders prekär ist die Lage in den chronisch überfüllten Haftanstalten des Landes. Politiker_innen sprechen von »Petrischalen des Corona-Virus« und befürworten die Entlassung älterer und kranker Insassen. Einige Senator_innen fordern inzwischen eine Untersuchung der Todesumstände mehrerer Dutzend Häftlinge im Hochsicherheitsgefängnis New Bilibid, darunter neun Drogenbosse.

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