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Im eigenen Land gestrandet

Am 16. März 2020 traten in den Philippinen vergleichsweise umfangreiche und harte Quarantänemaßnahmen in Kraft. Gleichzeitig wurden die Barangay-Verwaltungen damit beauftragt Lebensmittel und finanzielle Unterstützung für bedürftige Haushalte bereit zu stellen.

Bereits in der ersten Quarantänewoche erreichten wütende und enttäuschte Nachrichten aus den Philippinen über die sozialen Medien das ferne Deutschland. Von Luzon, über Palawan und Mindoro bis Mindanao meldeten betroffene Familien, es sei von den verantwortlichen Stellen kein oder weniger Geld als angekündigt an sie ausgezahlt worden; die Lebensmittel seien zu knapp rationiert gewesen. In einem Fall wurden abgelaufene Lebensmitteln ausgeteilt. Die Ärmsten der Armen traf es besonders hart. Lovely, Mutter einer sechsköpfigen Familie aus Manila, berichtete Ende April 2020, dass sie und ihre Kinder seit mehreren Tagen kaum etwas gegessen hätten und zeitweise hungerten. Den einjährigen Nachwuchs versorge sie mit Zuckerwasser und Brot. Aus ihrer informellen Siedlung in Malate ist die Familie aus Angst vor dem Virus geflüchtet. Nun lebt sie auf der Straße.

Seitdem die Quarantänemaßnahmen am 1. Juni 2020 in weiten Teilen des Landes gelockert wurden, hat sich die Lage etwas beruhigt. Doch die Ruhe wirkt trügerisch. Noch immer herrscht Ausnahmezustand. Die Versorgung und Bewegungsfreiheit eines großen Teils der Bevölkerung sind und bleiben stark eingeschränkt. Die Folgen bedrohen zahlreiche Filipin@s massiv in ihrer Existenz und führen zu Menschenrechtsverletzungen. Von einem sozialen Frieden scheint das Land weiter entfernt zu sein denn je.

Mit Beginn der Krise sind zahllose Menschen über Nacht auf unabsehbare Zeit arbeitslos geworden. Insbesondere der Einbruch des für weite Teile des Landes so wichtigen Tourismussektors und anhängiger Wirtschaftszweige, wie Gastronomie- oder Hotelgewerbe, stürzt viele Betroffene in eine Existenzkrise, die sie so noch nie erlebt haben. Gestiegene Lebensmittelpreise verschärfen die Lage zusätzlich. Wer daheim über fruchtbaren Boden verfügt, nutzt diesen um darauf Gemüse für den Eigenbedarf oder den Verkauf anzubauen. Viele Haushalte sind dennoch auf die Unterstützung der Barangay-Verwaltungen angewiesen. Mit etwas Glück findet man einen niedrigschwelligen Aushilfsjob, etwa auf der Baustelle oder als Haushaltshilfe. Ohne private Verkehrsmittel wird der Weg zur Arbeit aber unter Umständen zur nächsten Herausforderung, da der öffentliche Nahverkehr vielerorts weiterhin nicht im Einsatz ist. Das alltägliche Leben der Philippinen liegt lahm!

In Sabang (Mindoro) lebt Lhester mit seiner Frau und seinen drei Töchtern, drei Monate, vier und neun Jahre alt. Bis zum Lockdown verdiente er dort sein tägliches Brot als Tourist_innenführer. Auf Fotos die er schickt, sieht Sabang heute wie eine Geisterstadt aus. Die Unterstützung durch den philippinischen Staat beschränkt sich für seine Familie auf gelegentliche Lebensmittelrationen. Für Geldzuwendungen sei er nicht bedürftig genug, sagt der 30-Jährige, der kaum die benötigten Hygieneartikel für sein Baby und weder Miete noch Stromrechnung bezahlen kann. Seitdem die Quarantänemaßnahmen gelockert wurden, sucht er händeringend nach einem Job. Das gestaltet sich allerdings schwierig, weshalb er auch darüber nachdenkt mit seiner Familie in seine Heimatprovinz Tarlac (Luzon) zurückzukehren.

Für viele Filipin@s gilt die Rückkehr zu ihren Familien in die heimatlichen Provinzen derzeit als letzter Ausweg, um der prekären Versorgungslage zu entkommen. Eine solche Reise ist jedoch nur unter Einhaltung strenger Auflagen möglich. Es müssen behördliche Nachweise unter anderem über den Wohnsitz der Familie und ein Gesundheitszeugnis vorgelegt werden. Das kostet Zeit und vor allem Geld. Sind die bürokratischen Hürden überwunden, offenbart sich das nächste Problem: Der Inlandsverkehr ist nach wie vor enorm eingeschränkt. Kommerzielle Flüge und Bustransfers sind limitiert und überteuert. Ein regulärer Flug von Puerto Princesa nach Davao kostete vor Beginn der Krise zwischen 3.000 und 4.000 Peso. Im Juni 2020 lag das günstigste Ticket zwischenzeitlich bei 10.000 Peso. Aus Batangas City wird berichtet, dass sich die Fahrgelder pro Person für Jeepneys und Tricycles fast verdreifacht haben. Es scheint, als sei die Regierung ihrer sozialen Verantwortung in dieser ernsten Lage nicht gewachsen. Unzählige Menschen sind in ihrem eigenen Land gestrandet.

May hat ihre Heimreise nach Davao (Mindanao) bereits hinter sich. Sie verlor ihren Job in einem Nachtclub in Puerto Princesa (Palawan) und investierte ihre letzten Ersparnisse in die benötigten Nachweise und das Flugticket. Dies sei »die schlimmste Zeit ihres Lebens« konstatiert die 36-Jährige angesichts der seelischen und finanziellen Belastung. Trotz aller Bürden ist May glücklich wieder zu Hause bei ihrem 10-jährigen Sohn und ihrer Familie zu sein. Ihre ehemalige Kollegin Angeline harrt indes weiter in Puerto Princesa aus. Auch sie hat ihre Arbeit verloren und will in ihre Heimatprovinz nach Mindanao zurückkehren. Doch die 20-Jährige darf nach aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen mit ihrem fünf Monate alten Baby per se weder ihre Behausung verlassen noch reisen. Sie wohnt mit ihrem Kind und ihrer Schwester nahe dem Rollfeld des Flughafens, auf sieben Quadratmetern in einer kleinen Hütte, durch deren Blätterdach es bei starkem Regen tropft. Als alleinerziehende Mutter hat sie sich in ihrer Situation mehr Unterstützung vom Staat erhofft. Wo all das Geld geblieben sei, dass Präsident Duterte vor allem den Single-Müttern versprochen hat, fragt sie enttäuscht. Angesichts der ungewissen Zukunft wirkt die sonst so lebensfrohe Angeline während eines Videoanrufes hoffnungslos und sichtbar zermürbt.

Die Aussichten auf eine schnelle Erholung von der Krise sind düster. Die Fallzahlen steigen weiterhin täglich und einige Regionen stehen erneut oder noch immer unter verschärften Quarantäneverordnungen. Ein Ende der Not ist für große Teile der philippinischen Bevölkerung noch lange nicht absehbar. Umso bewundernswerter sind in solchen Zeiten diejenigen, die ihren Mitmenschen mit Achtung begegnen und mit helfender Hand zur Seite stehen; so wie die 22-jährige Shyrel aus Puerto Princesa: Gemeinsam mit Freunden finanziert und organisiert sie Lebensmittelspenden an Bedürftige in der Region, ohne dabei ein politisches Amt im Blick zu haben. Als eine von acht Geschwistern hat sie selbst eine entbehrungsreiche Kindheit erlebt. Auch an Tagen, an denen das Essen im eigenen Haus knapp war, teilte ihre Mutter es mit den Nachbarn. Das habe sie tief berührt, sagt Shyrel, und es sei selbstverständlich, für andere in der Not da zu sein. Denn man selbst würde in einer solchen Lage auf genau dasselbe hoffen.

2 Kommentare

  1. […] dazu berichtet Robin Weber-Höller, der vor Kurzem die Philippinen bereiste, in Fisch und Vogel von der aktuellen Situation im Land und versucht durch verschiedene kurze Streiflichter einen Einblick ins Leben einiger Filipin@s, […]

  2. Robin Weber-Höller Robin Weber-Höller 1. Juli 2020

    Wer die 22-jährige Shyrel aus Puerto Princesa in Aktion sehen möchte, findet sie auf YouTube!

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