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Die vielen Leben des Tata Pido

Ein Gespräch mit Pido Gonzales. Über Armut auf den Philippinen und seinen jahrzehntelangen Einsatz für die Unterdrückten.

Seit mehr als fünf Jahrzehnten zählen Sie zu den umtriebigsten Sozialaktivisten der Linken in den Philippinen. Wo und wie wuchsen Sie auf?

Man kennt mich gemeinhin als »Tata Pido« (Vater Pido, Anm. des Autors), aber mein vollständiger Name ist Peter San Juan Gonzales. Mein Vater Marcial Gonzales, ein Kokosnussfarmer, starb bereits im Alter von 22 Jahren an einer Lungenentzündung. Meine Mutter Senen San Juan zog mich und meine beiden Halbbrüder auf. Als junge Witwe arbeitete sie in einer kleinen Kokosnussfabrik. Später, nachdem sie sich von ihrem zweiten Ehemann getrennt hatte, machte sie die Wäsche für andere Leute im Barrio (Stadtviertel, Anm. des Autors). Sie wusch deren Wäsche im Fluss, und wenn die Kleider gebügelt werden mussten, benutzte sie ein mit Holzkohle beheiztes Bügeleisen. Als meine Brüder und ich junge Erwachsene waren, arbeitete meine Mutter als Haushälterin bei einer reichen chinesischen Familie in Manila. Sie war fast 80 Jahre alt, als sie aufhörte zu arbeiten.

Welche Erfahrungen waren in Ihrer Kindheit und Jugend besonders bedeutsam und prägten Ihren Werdegang?

Meine Mutter hatte einen sehr großen Einfluss auf mein Leben. Sie glaubte, dass es für jeden Menschen sehr wichtig ist zu arbeiten. Man muss auf eigenen Füßen stehen und seinen Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit verdienen, lautete ihre Botschaft.

Einmal erzählte sie mir von ihrem Leben als Fabrikarbeiterin. Sie sagte, dass ihre Kolleginnen eine Gewerkschaft gegründet hatten. Sie wollte dieser aber nicht beitreten, weil sie keinen Ärger mit ihrem Chef haben wollte. Sie wollte nur einen Job, damit sie sich und mich ernähren konnte. In den letzten Jahren ihres Lebens änderte sie ihre Einstellung zu Gewerkschaften und Arbeitskämpfen. Dabei lernte meine Mutter die Bedeutung des revolutionären Kampfes zu schätzen.

Als ich etwa elf Jahre alt war, arbeitete ich neben der Schule auf kleinen Fischerbooten. In den Sommerferien fuhr ich mit den Fischern hinaus. Unser Haus befand sich in einem Küstenbarrio, sodass meine Aufgabe darin bestand, Boote zu reinigen, wenn wir auf See waren, oder sie zu bewachen, wenn sie am Strand lagen. Die Bezahlung dafür erfolgte in Form eines Anteils am gefangenen Fisch. Da ich ein Kind war, erhielt ich nur die Hälfte des Lohns beziehungsweise des Anteils eines normalen Fischers. Statt Geld erhielt ich einige Fische.

Was haben Sie nach dem Schulabschluss gemacht?

Ich habe die Grundschule (bis zur 6. Klasse, Anm. des Autors) in Gumaca abgeschlossen und absolvierte mein erstes Jahr an der High School in Cubao, Quezon City, dank der Unterstützung der Verwandten meiner Mutter. Dann brach ich die Schulausbildung ab. Ich wollte arbeiten, damit ich meiner Mutter helfen konnte. Ich ging zurück nach Gumaca und nahm Gelegenheitsjobs an—ich verkaufte sehr früh am Morgen Brot, nachmittags Eis am Stiel. Ich arbeitete auch als Schuhputzer auf dem Marktplatz, dem Kirchplatz und am Bahnhof. Als ich 15 Jahre alt war, ging ich nach Manila und arbeitete in einem Restaurant—zunächst als Tellerwäscher und später als Kellner. Nach viereinhalb Jahren kehrte ich nach Gumaca zurück und wurde hauptberuflich Fischer.

Ich war 21 Jahre alt, als ich heiratete. Und als der damalige Präsident Ferdinand Marcos 1972 das Kriegsrecht verhängte, hatte ich bereits drei Kinder. Meine Familie und ich waren in dieser Zeit wirklich sehr arm dran. Oft fehlte das Geld, um das Nötigste zu kaufen. Besonders schwierig war es, wenn eines meiner Kinder krank wurde. In unserem Barrio gab es keine medizinische Versorgung, und ich hatte kein Geld, um Medikamente zu kaufen, geschweige denn, um Arztkosten zu bezahlen. Immer wieder schwirrten mir solche Fragen durch den Kopf: »Warum ist unser Leben so? Ich arbeite jeden Tag hart und kann trotzdem nie genug verdienen! Dann gehe ich in die Stadt und sehe dort den Bürgermeister, Politiker_innen und reiche Leute mit so viel Geld.« Ich fühlte mich in solchen Momenten miserabel und war wütend. Aber ich konnte nicht einmal mir selbst erklären, auf wen oder was ich eigentlich wütend war.

Wie wurden Sie politisiert?

Seit 1970 hörte ich immer mehr Nachrichten über Kundgebungen und Demonstra­tionen in Manila. Aber da die Stadt 200 Kilometer von Gumaca entfernt ist, hatten die Nachrichten über politische Unruhen, die dort stattfanden, zunächst keine Wirkung auf mich. Gleichzeitig sprachen meine Freunde über »Aktivist_innen« und die Kabataang Makabayan (Patriotische Jugend, kurz: KM, Anm. des Autors).

Eines Tages kam mein Nachbar, der Gymnasiast war, auf mich zu, und wir kamen ins Gespräch. Zuerst redeten wir über unseren Alltag in der Nachbarschaft. Dann fragte er nach meiner Arbeit als Fischer, nach meiner Familie und den Kindern. Ich erzählte ihm davon: über die schwierigen Zeiten, wenn unser Fang mickrig ausfiel und ich kaum genug verdiente, um Reis zu kaufen. Bei schlechtem Wetter, zum Beispiel bei Taifunen, konnten wir nicht zum Fischen hinausfahren, sodass ich beim Bootsbesitzer Geld leihen musste. Mein Nachbar, der politisch aktiv war, erklärte mir, dass die Situation der Fischer_innen fast die gleiche sei wie die der Bäuer_innen, Arbeiter_innen und anderen Menschen mit geringen Einkommen. Er erklärte: »Die Ursachen deiner Probleme sowie für Hunger und Armut sind Imperialismus, Feudalismus und bürokratischer Kapitalismus (beschreibt auf den Philippinen eine bestimmte Art von Patronage und Vetternwirtschaft, auch »Günstlingskapitalismus«, Anm. des Autors).« Diese Worte sagten mir nichts. Aber was mich traf und aufwühlte, war der Gedanke: »Jetzt werde ich die Grundursache meines harten Lebens erfahren.« Wir vereinbarten, dass ich, wann immer ich Freizeit hatte, zu ihm ins nahegelegene Hauptquartier der KM komme.

Dort trafen wir uns sehr häufig und diskutierten miteinander. Mein Nachbar und seine Freunde ließen mich ihre Bücher lesen. Eines der ersten Bücher, das ich las, war »Lipunan at Rebolusyong Pilipino« (Philippinische Gesellschaft und Revolution, Anm. des Autors) von Amado Guerrero (Pseudonym des Schriftstellers und Gründers der Kommunistischen Partei der Philippinen, CPP, José María Canlás Sison, Anm. des Autors) sowie Schriften von Marx, Lenin, Mao Zedong. Langsam begann ich zu verstehen, warum die Philippinen ein reiches Land sind, die Mehrheit der Filipin@s aber in Armut verharrt. Ich begann zudem, die Bedeutung der Begriffe Imperialismus, Feudalismus und bürokratischer Kapitalismus und die Gründe dafür zu verstehen, warum philippinische Revolutionäre gegen den spanischen Kolonialismus und später gegen den US-amerikanischen Imperialismus kämpften. Von da an, von 1971 bis 1994, während ich als Fischer arbeitete, organisierte ich auch meine Kollegen auf dem Boot. Zudem erwarb ich andere Fähigkeiten und wurde »Makinista«, Bootsingenieur, Elektriker und Tischler.

Im Jahr 1994, als ich 50 Jahre alt war, beschloss ich, hauptamtlich für »Pama­lakaya« (die Nationale Föderation von Kleinfischerorganisationen in den Philippinen, Anm. des Autors) zu arbeiten. Seitdem wurde ich als »Tata Pido« bekannt, da ich in unserer Gruppe der Älteste und der einzige mit Enkelkindern war. Als Mitglied von Pamalakaya organisierte ich die Arbeit in den Fischergemeinden und half mit, den Kolleg_innen für sie wichtige Gesetze zu erklären—und die Gründe dafür, warum diese meist gegen ihre eigenen Interessen verstoßen.

Sie wurden zum Ziel eines Attentats. Wann und wie ist das geschehen?

Das war am 12. Mai 2004, zur Zeit des Regimes der Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo. Seit Ende 2001 hatte es den für Folter und Mord berüchtigten, stramm antikommunistischen Armeegeneral Jovito Palparan damit beauftragt, Sympathisant_innen und Mitglieder fortschrittlicher Organisationen gezielt und systematisch anzugreifen. In der ersten Hälfte des Jahres 2004 wurde auch die Pamalakaya zur Zielscheibe. Ich war damals deren Provinzvorsitzender und gehörte der linken Parteiliste Anakpawis (Söhne der Arbeiterklasse, Anm. des Autors) in Quezon an, deren Regionalquartier sich in Gumaca befand. Meine Frau Medy und ich zogen im Februar 2004 zusammen mit fünf Mitgliedern der Parteiliste aus verschiedenen Städten Quezons nach Gumaca, um dort mit der Wahlkampfarbeit für die Präsidentschaftswahlen zu beginnen, die für den 10. Mai 2004 angesetzt waren.

Wir erhielten immer häufiger Berichte von Parteimitgliedern, dass sie von der Armee und paramilitärischen Gruppen schikaniert wurden. Diese behaupteten, die Anakpawis-Parteiliste sei Teil der New People’s Army (Neue Volksarmee, NPA, Anm. des Autors), der Guerillaorganisation der CPP. Vor allem der Befehlshaber des Südluzon-Kommandos der philippinischen Streitkräfte (Solcom, Anm. des Autors), General Pedro Cabuay, hatte es auf mich abgesehen. Er beschuldigte mich öffentlich, ein hochrangiges CPP-Mitglied zu sein. So beschlossen die Genoss_innen gemeinsam mit Medy und mir, dass ich Gumaca noch am Wahltag, dem 10. Mai 2004, unmittelbar nach der Stimmabgabe verlassen sollte. Also fuhren Medy und ich nach Manila. Doch bereits zwei Tage später, am 12. Mai, kehrten wir nach Gumaca zurück, um die Stimmenauszählung zu überwachen und die Arbeit nach der Wahl zu organisieren.

Wir kamen am Nachmittag in unserem Büro an. Etwas später, gegen 17 Uhr, stand ich an dem kleinen Laden an der Straßenecke und wartete auf ein Tricycle, um mich in die Stadt fahren zu lassen. Plötzlich spürte ich, dass etwas Hartes meinen Kopf getroffen hatte. Ich fiel in einen kleinen Graben. Ich war imstande, kurz die Augen zu öffnen, und sah zwei Männer, die auf mich schossen. Dann vernahm ich Schreie meines Begleiters: »Tata Pido ist erschossen worden! Hilfe! Hilfe!« Ich spürte, wie er und eine andere Person mich aus dem Graben hoben. Sie setzten mich auf ein Tricycle und brachten mich ins Bezirkskrankenhaus von Gumaca, wo ich in dessen Foyer auf ein fahrbares Metallbett gehievt wurde.

Das Bezirkskrankenhaus verfügte aber weder über ein Röntgengerät noch einen Krankenwagen. Also beschlossen die Genoss_innen, mich in ein Privatkrankenhaus zu bringen. Der diensthabende Arzt der Privatklinik erklärte Medy: »Der Patient verliert so viel Blut. Wenn wir ihn nach Manila bringen, könnte er sterben, bevor wir dort ankommen. Ich möchte ihn lieber hier behandeln, wo es auch ein Röntgengerät gibt. Ich kann Ihren Mann sofort operieren, wenn es nötig ist.« Medy willigte umgehend ein.

Der Röntgenbefund zeigte, dass trotz der neun Schüsse, die mich getroffen hatten, keine Projektile in meinem Gehirn oder in lebenswichtigen Organen zu finden waren. Eine Kugel hatte mich unterhalb des linken Ohres getroffen und war durch meine rechte Wange ausgetreten. Bis heute leide ich unter Gleichgewichtsstörungen und benötige zum Gehen einen Stock. Nach der Notoperation blieb ich fünf Tage im Krankenhaus, und dann sagte der Arzt, ich könnte nach Manila verlegt und dort von Fachkräften einer progressiven medizinischen Organisation betreut werden.

Nachdem ich halbwegs genesen war, beschlossen Medy und ich, unsere politische Arbeit wieder aufzunehmen. Aufhören oder sich bedeckt halten hätte bedeutet, dass das verhasste Arroyo-Regime das erreicht hätte, was es wollte: mich zum Schweigen zu bringen.

Wer stand Ihrer Meinung nach hinter diesem Mordversuch? Wurden die Täter jemals gefasst und für ihr Verbrechen zur Rechenschaft gezogen?

Ich bin sicher, dass General Pedro Cabuay und andere Offiziere des Solcom in Kooperation mit General Jovito Palparan die Drahtzieher dieses Attentats waren. Am 29. Juni 2004 reichte ich beim Kontrollausschuss zur Wahrung des Umfassenden Abkommens über Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht (einer der Verträge zwischen der philippinischen Regierung und der Nationalen Demokratischen Front, zu dem auch die NPA und die CPP gehören, die den Friedensprozess einleiten sollten, Anm. des Autors) eine formelle Beschwerde gegen die Regierung der Republik der Philippinen ein. Am 25. September 2006 reichte ich schließlich zusammen mit vielen anderen Opfern von Menschenrechtsverletzungen Klage beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, UNHRC, ein.

Soweit mir bekannt ist, hat die Polizei in Gumaca nichts unternommen, um die beiden Angreifer überhaupt zu identifizieren, geschweige denn, sie zu finden und zu verhaften—16 Jahre lang! Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn unsere Volksbewegung nationale Befreiung und Demokratie erkämpft hat.

Sie und Ihre Frau Medy besuchten regelmäßig politische Gefangene und tun dies noch heute. Wie viele von ihnen sind derzeit hinter Gittern, und wie steht es um ihre körperliche und geistige Verfassung?

Medy und ich sind jetzt in den Siebzigern, und unseren politischen Aktivitäten sind daher Grenzen gesetzt. Abgesehen von der Teilnahme an Demonstrationen haben wir seit 2012 beschlossen, unsere Freunde in politischer Gefangenschaft regelmäßig zu besuchen und zu betreuen.

Alle politischen Gefangenen sind—meist mit Hilfe fabrizierter »Beweise«—wegen gewöhnlicher Verbrechen angeklagt: Mord, mehrfacher Mord, bandenmäßiger Raubüberfall, Brandstiftung, illegaler Besitz von Schusswaffen und Sprengstoff. Zu Beginn dieses Jahres befanden sich landesweit über 600 politische Gefangene in Haft, die bis auf wenige Ausnahmen mit gewöhnlichen Kriminellen zusammengesperrt sind. Die physischen Bedingungen in den hoffnungslos überfüllten Gefängnissen sind miserabel. Der Aufenthalt im Freien ist auf eine oder zwei Stunden pro Woche beschränkt, die Wasserversorgung ist unsicher und eingeschränkt. Das Essen ist vielfach kaum genießbar, und Korruption seitens des Wachpersonals allgegenwärtig.

Sind Sie auf die eine oder andere Weise noch in Gewerkschaften oder politischen Organisationen aktiv?

Ja, ich bin immer noch in der Pamalakaya aktiv. Bei Demonstrationen oder Sitzungen werde ich gebeten, öffentlich zu sprechen, wenn andere Funktionäre verhindert sind. Außerdem bin ich immer noch für die Anakpawis aktiv.

Auch wenn ich nicht als Redner auftrete, nehme ich weiterhin an Demonstrationen und politischen Versammlungen teil. Manchmal laden mich auch Studierenden- und Jugendgruppen ein, in ihren Schulen oder städtischen Armenvierteln zu sprechen. Ich freue mich besonders, mit jungen Leuten zusammen zu sein, weil ich dann die strahlende Zukunft des revolutionären Kampfes sehe und gleichzeitig die Früchte des 50-jährigen Kampfes meiner Generation ernten kann.

Wie schätzen Sie persönlich die nahezu vierjährige Amtszeit der Regierung von Rodrigo Duterte ein?

Duterte gab sich anfänglich patriotisch und fortschrittlich, um die Wahlen 2016 zu gewinnen. Aber wie sein Idol, Diktator Marcos, ließ er schnell die Maske fallen und bescherte der Bevölkerung viel Elend. Er terrorisiert sie mittels offener Gewalt und unverschämtem Missbrauch staatlicher Macht. Früher beschrieb ich mein Land gern als »Perle des Orients«. Übriggeblieben ist lediglich der Orient; die Perle ist längst weg: geklaut.

Angesichts von Dutertes faschistischem Kurs werden immer mehr Filipin@s, vor allem junge Menschen, ermutigt, sich der NPA anzuschließen. Ich bin mir sicher, dass Duterte, der zunehmend mit Hohn und Spott bedacht wird, auf der Müllhalde der Geschichte landet.

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