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Eine unvollendete Revolte

Vor 50 Jahren begann der Aufstand gegen den philippinischen Machthaber Marcos.

Nach einem blutigen und kostspieligen Wahlkampf 1969 hielt Ferdinand E. Marcos als erster im Amt bestätigter Präsident der Philippinen am 26. Januar 1970 seine »Rede an die Nation«. Unerwartet hatten sich aber auch rund 50 000 Menschen—Studierende, Arbeiter_innen, Bauern und Intellektuelle—vor dem Kongressgebäude in Manila versammelt, um ihre Ansichten zur Lage der Nation lautstark zu bekunden. Sie bezichtigten Marcos der Wahlfälschung und protestierten gegen Korruption und den bleibenden Einfluss der USA. Es kam zum Handgemenge und dann zu einer wahren Prügelorgie. Im Zusammenstoß mit den zwischenzeitlich herangerückten rund 7000 Ordnungskräften wurden zahlreiche Demonstrant_innen teils schwer verletzt. Und Marcos verkündete mit sonorer Stimme, »ein Mob, aufgestachelt von Kommunist_innen«, setze alles daran, »Anarchie zu säen.«

Die Auseinandersetzungen eskalierten, als sich am 30. und 31. Januar 1970 Protestierende vor dem Präsidentenpalast Malacañang versammelten und sich anschickten, eines der Tore aufzubrechen. Da die Polizei nicht Herr der Lage werden konnte, ließ Marcos Spezialkommandos der Streitkräfte aus den nahegelegenen Provinzen herbeischaffen. Massiven Tränengaseinsätzen folgten scharfe Schüsse in die Menge der Demonstranten.Vier Studenten erlagen mehrfachen Schussverletzungen.

Diese Ereignisse waren das Fanal für landesweite Protestkundgebungen und Demonstrationen, die über Monate hinweg anhielten. In die Geschichtsannalen gingen diese unter dem Kürzel »FQS« ein: »First Quarter Storm«, also »Sturm des ersten Quartals«. Der allerorten angestimmte und laut nachhallende Schlachtruf lautete: »Makibaka, huwag matakot!« (»Kämpft, fürchtet euch nicht!«). Seit diesen politisch bewegten wie bewegenden Januartagen 1970 verging kaum ein Tag im Großraum Manila, an dem nicht in irgendeinem Bezirk dieses Molochs gegen die Regierung protestiert wurde. Politische Straßentheater wirkten wie ein Magnet. Dorthin zog es nicht nur politische Agitatoren der Studierenden- und Arbeiterschaft, sondern auch Menschen aus gut situierten Familien, Tagelöhner_innen, Kleinbäuer_innen und Arme. Um Protest und Widerstand zu ersticken, verkündete Marcos schließlich am 21. September 1972 das Kriegsrecht: Parteien (mit Ausnahme der regimetreuen) wurden verboten, Oppositionspolitiker_innen inhaftiert, der Kongress aufgelöst und die Presse- und Versammlungsfreiheit beschnitten. De facto dauerte dieser Zustand bis zum Sturz des Diktators Ende Februar 1986 an.

Die philippinische Variante der »68er-Bewegung« war Ausdruck spezifischer innerer wie äußerer Faktoren, die teils auf die Frühzeit der am 4. Juli 1946 gegründeten Republik zurückgingen. Es war bezeichnend für den neokolonialen Charakter dieses Staates, dass dessen Gründungsdatum mit dem der vormaligen Kolonialmacht USA (1898–1946) zusammenfiel. Im ersten Jahrzehnt der jungen Republik waren die Herrschenden in Manila und ihre transpazifischen Lehrmeister_innen vorrangig damit befasst, die einst starke »Hukbalahap«, die antijapanische Volksarmee, die sich später in Volksbefreiungsarmeeumbenannte, endgültig zu brechen.

Als einzige Ex-Kolonie der USA bildeten die Philippinen in Südostasien ein »naturwüchsiges« Zentrum des Antikommunismus in der Ära des Kalten Krieges. In Manila entstand ebenfalls Mitte der 1950er mit der auch als »Manilapakt« bekannten SEATO das südostasiatische Pendant zur NATO—sozusagen als Endglied eines um UdSSR und Volksrepublik China gespannten militärstrategischen »Sicherheitsgürtels«. Und in den Philippinen unterhielten die USA mit dem Marinestützpunkt Subic Naval Base und der Luftwaffenbasis Clark Air Field gleichzeitig die größten außerhalb Nordamerikas gelegenen Militärbasen. Diese Stützpunkte bildeten denn die wichtigsten logistischen Zentren der US-amerikanischen Aggression gegen Vietnam, Laos und Kambodscha. Für westeuropäische Linke blieben die Philippinen und ihre Rolle im Vietnamkrieg indes aus unerfindlichen Gründen ein weißer Fleck. Die politischen Prozesse dort und die Kämpfe der Studierenden, der Transportarbeiter_innen, der Pachtbäuer_innen und der kritischen Intelligenz waren und blieben selbst aufgeschlossenen Internationalist_innen lange unbekannt.

Zentrum des Protests war Ende der 1960er der Campus der renommierten University of the Philippines (UP) in Quezon City. Dort rekrutierten linke Gruppen wie die Kabataang Makabayan, die »Patriotische Jugend«, Mitglieder, die Kundgebungen wuchsen. Es ging um akademische Freiheiten, koloniales Gebaren der Universitätsleitung, die Marionettenrolle der eigenen Regierung gegenüber Uncle Sam, den Vietnamkrieg und die Verstrickung philippinischer Militärkontingente darin, ausufernde Korruption, Vetternwirtschaft und Massenarmut.

Im Februar 1971 entstand auf dem UP-Campus sogar die kurzlebige Diliman-Kommune mit dem Radiosender »Bandilang Pula« (»Rote Fahne«) und einer gleichnamigen Publikation. Auch hier gingen die Sicherheitskräfte brutal vor. Für etliche Studierende war das ein Wendepunkt: Sie gaben eine akademische Laufbahn und ein behütetes Zuhause auf, um sich für den politischen Untergrund zu entscheiden und in den Reihen der im März 1969 gegründeten Guerillaorganisation Neue Volksarmee (NPA) zu den Waffen zu greifen.

Was ist, was bleibt nach fünf Jahrzehnten? Die im FQS politisierten Linken bildeten den Kern einer radikalen Generation, die federführend im Kampf gegen die Marcos Diktatur wirkte. Doch bleibt Hauptanliegen, im Rahmen eines »antiimperialistischen, antifeudalistischen und antifaschistischen Kampfes« eine volksdemokratische Ordnung zu errichten, so unerfüllt wie jener Schlachtruf »Makibaka, huwag matakot!« aktuell. Denn die Chance, in dem Zeitfenster zwischen dem Sturz des Diktators im Februar 1986 und der neuen Verfassung ein Jahr später eine grundlegende gesellschaftspolitische Wende einzuläuten, verstrich ungenutzt. Die Linke war heillos in Grabenkämpfe zwischen Befürworter_innen eines parlamentarischen Wegs und Anhänger_innen eines Volkskriegs à la Mao gespalten. Derweil erhielten die Reaktionäre und Rechten unerwartet Aufwind durch die Unterstützung von prototypischen Wendehälsen wie Ex-Polizeichef Fidel V. Ramos sowie dem früheren Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile, die Marcos einst als Bluthunde gedient hatten. Diese Konstellation leitete eine Politisierung des Militärs und zugleich eine nachhaltige Militarisierung der Politik ein.

Der jetzige Präsident Rodrigo R. Duterte nutzt diese Gemengelage heute in seinem »Anti-Drogen-Feldzug« und seinem »Kampf gegen den Terrorismus« aus. Dabei war er im Sommer 2016 mit einem teils links schillernden Wahlkampf an die Macht gelangt. Immer wieder hatte er behauptet, er werde einen grundlegenden Politikwandel herbeiführen, als erster sozialistischer Präsident in die Geschichte des Inselstaates eingehen und sämtliche politischen Gefangenen freilassen. All das erwies sich schon sehr bald als Schall und Rauch. Eine Art Neuauflage des »First Quarter Storm« ist nicht ausgeschlossen.

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