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Ein ganz besonderes Weihnachten

Eins kann ich aber schon sagen, für mich wurde das diesjährige Weihnachten ein ganz Besonderes!

Weihnachten habe ich nämlich entgegen aller Vermutungen nicht auf den Philippinen verbracht, sondern habe nach einem halben Jahr meine Familie und Freunde wieder gesehen und mit ihnen gemeinsam in Frankfurt gefeiert…

Ich habe es tatsächlich gewagt meine Heimat zu besuchen, auch in der Hinsicht, dass ich später vielleicht nicht mehr zurück will. Ich habe mich aber trotz aller Warnungen dafür entschieden meine Familie und Freunde Zuhause zu überraschen. 

Allerdings kann man sowas nicht einfach mal so machen. Das erfordert schon eine gewisse Planung. Also musste ich Prioritäten setzen. Mein Vater und mein Bruder wussten davon, auch einige Freunde, aber der Großteil sollte im Ungewissen bleiben. Zwei Monate wusste ich ganz genau, dass es für mich nach Hause gehen würde. Erzählen konnte ich davon leider nur den Wenigsten. 

In der Zeit vor meinem Abflug dachte ich oft an Deutschland. Wie es wohl wäre, wieder da zu sein? Würde man sich darüber freuen, dass ich wieder da war? Wer würde sich freuen? Was würde sich geändert haben? Oder war doch alles so wie gewohnt nur man selbst würde anderes sein? Wie würden deine Liebsten auf deine charakterlichen Veränderungen reagieren? 

Diese Fragen gehen einem dabei dann durch den Kopf und vor allem dann, wenn man hier zu viel Zeit zum nachdenken hat. Ich hatte für einige Wochen nur noch meine Heimreise auf dem Schirm. Mit meinen Freunden hier sprach ich am liebsten nur noch darüber. 

Im Nachhinein betrachtet hatte ich mir damit meine Situation wirklich schwieriger gemacht, als es hätte sein müssen. Heimfliegen würde ich sowieso, aber wie ich die Zeit bis dahin verbringe, das kann ich ja immerhin noch selbst entscheiden. 

Das ist ein Aspekt, den ich für all diejenigen, die sich Gedanken darum machen, während ihres Freiwilligendienstes nach Hause zu fliegen, ganz besonders klar machen möchte: Versaut euch nicht eure eigene Zeit bis zum Tag des Abflugs! Das vermiest euch nur die Laune und haben tut ihr davon gar nichts…

Ich sage nicht, dass man sich mit einer Heimreise nicht auseinander setzen sollte, das sollte man unbedingt machen, sonst kann das auch ganz schön in die Hose gehen, aber man muss sich auch nicht mehr damit belasten, als eigentlich nötig. 

Die Mutter meiner Vorgängers Christian hatte mir auf dem Begegnungsfest für unseren Freiwilligendienst gesagt gehabt, Christian würde zu dem Zeitpunkt bereits öfter an zuhause denken. Das Begegnungsfest fand Ende Juli letzten Jahres statt und diente dazu die Eltern der derzeitigen Freiwilligen, mit den künftigen Freiwilligen und deren Familien zusammen zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt war Christian in PREDA, was ich in knapp zweieinhalb Monaten auch schon vor mir habe. 

Wie die Zeit vergeht…

Genauso wie Christian damals, fühlte ich mich in der Zeit vor meinem Abflug auch. Da die Heimat naht, stellt man sich mental auch darauf ein und dann kommt schnell der Gedanke auf: „ich bin ja sowieso bald weg…“

Absolut falscher Weg! 

Wenn man das eine Woche oder ein paar Tage vorher macht, ist das in Ordnung, aber sonst hat es überhaupt keinen Nutzen. Für Niemanden…

„Heute noch laufe ich bei 25 Grad in kurzer Hose und T-Shirt durch die Straßen und morgen wird schon der Wintermantel nötig sein“

Allerdings hatte ich das dann irgendwann auch begriffen und versuchte dann wenigstens noch ein paar letzte schöne Tage zu haben. 

Zum Abschied gab es dann die schönste Feier überhaupt. 

Am Donnerstag, den 12.12.2019 feierten wir unsere Weihnachtsfeier mit unserer Klasse in Dasol in einem Resort. Die Lokalregierung hatte unserer Sonderschulklasse eine „Wassertherapie“ spendiert. 

Alle Schüler waren da und auch alle Kollegen. Es war tolles Wetter, gab gutes Essen und jeder hatte gute Laune. Einen Sonnenbrand habe ich mir Gottseidank auch nicht geholt und meine Schüler auch nicht, da ich ihnen dann auch mal praxisnah erklären konnte, dass man nach dem eincremen erstmal etwas warten muss, bis man wieder ins Wasser springt…

Anschließend lies ich mich in Burgos absetzen, sodass ich nach Alaminos fahren konnte, wo ich später dann noch ein gemeinsames Abendessen mit meiner Gastfamilie hatte. 

Zum Abschied war das ein wirklich ein schöner Tag. 

Am Tag meiner Abreise wachte ich extra früher auf. Zudem war ich sowieso aufgrund der Heimreise aufgeregt, weshalb ich sehr schnell sehr wach war. Zudem wollte ich aber sowieso noch in die Frühmesse gehen, um mich anschließend von Father Marco zu verabschieden – und mir noch einen Reisesegen abzuholen.

Später brachte mich meine Gastfamilie zur Bushaltestelle in Bani.

In diesem Moment fragte ich mich dann tatsächlich ganz kurz, ob ich denn nicht doch lieber hier bleiben wolle… 

Ich interpretierte diesen Gedanken nicht so, dass ich tatsächlich hier bleiben sollte, sondern dass ich einfach Leute hatte, auf die ich mich bei meiner Rückreise freuen konnte. 

Das war das, was ich mir lange Zeit schon gesagt hatte. Wenn deine Rückreise so einfach wie möglich werden soll, dann musst du im guten auseinander gehen – zumindest für die Zeit der Reise. 

Typisch deutsch war ich bereits eine halbe Stunde vorher an der Bushaltestelle, aber meine Gastfamilie wartete trotzdem mit mir. 

Außer mir und meiner Gastfamilie wartete aber auch Ericka mit mir auf den Bus. 

Ich hatte ihr angeboten, dass wir zusammen nach Manila fahren können, da sie auch dort hin wollte, um (ursprünglich) ihre Katze von einer Freundin abzuholen. Also musste keiner von uns alleine fahren und wir konnten noch ein bisschen Zeit verbringen, bevor ich dann im nächsten Jahrzehnt erst wieder kommen würde (der Scherz sei mir erlaubt…😉)…

Offenbar war der Reisesegen ein sehr Guter, denn alles verlief planmäßig. Sogar so planmäßig, dass ich zwei Stunden am Flughafen in Manila warten musste, bis ich überhaupt mein Gepäck abgeben konnte und dann weiter 5 Stunden später mein Flieger pünktlich abhob. 

18 Stunden später und ein Zwischenstopp in Doha, Katar war ich dann kurz vor dem Landeanflug auf Frankfurt. Alles was ich seit 19 Jahren gewohnt war, sah ich nun nach einem halben Jahr wieder. Sogar ein ICE eilte parallel zu meinem Flieger in Richtung Frankfurt…

„Anfangs fühlte es sich an, wie ein Traum, weil ich es nicht ganz fassen konnte nach so langer Zeit und einem (verhältnismäßig) kurzen Flug wieder zuhause zu sein.“

Da war ich nun wieder. Frankfurt am Main. Meine Heimatstadt. Was mir jetzt erst richtig auffiel, wie viel größer der Flughafen doch war, als zB. der in Manila. Langer Korridor, Rolltreppe, ein weiterer Korridor, Laufbänder und dann noch eine Treppe. 

Ich versuchte möglichst flott an den anderen Passagieren vorbei zu kommen, um wenigstens nicht bei der Einreise warten zu müssen. Obwohl selbst das nicht so tragisch gewesen wäre, weil man in Frankfurt ja auch nur durch so eine Foto Kontrolle geht und das war’s. 

Ich war seit Manila anderes gewöhnt. Unnötiger Stress in Good old Germany. 

Denn spätestens am Gepäckband musste ich dann warten.

Da ich noch keine Gelegenheit hatte meine deutsche SIM Karte wieder einzulegen, loggte ich mich ins WLAN der Fraport ein, um meinem Vater zu schreiben, dass ich gelandet sei und dass er sich auf den Weg machen könne, mich abzuholen. 

Endlich war der Koffer da, nichts wie raus!

Die kühle Luft Deutschlands erfüllte mich mit Freude. Ich war tatsächlich wieder da. Ich glaubte es noch nicht. 

Es war knapp 10 Grad kalt an diesem Tag, genau richtig für meinen Geschmack. Die 30 Grad auf den Philippinen waren ok, wenn man sich daran gewöhnt hatte, aber für mich auf Dauer nichts. 

Ich erwischte mich dabei, wie ich mir meinen Weg über die Straße, hin zum Auto meines Vaters, frei nach Schnauze bahnte, ohne darauf zu achten, dass es sich ja hierbei um eine Straße handelt…

Das halbe Jahr dort hatte mich bereits darin geprägt. Für Deutschland aber ungünstig geprägt…

Ich begrüßte meinen Vater mit meiner Umarmung und dann ging es auch schon heim. Mein Vater hatte meiner Mutter erzählt, er müsse ein Geschenk etwa um 13 Uhr abholen. Das hatte sie misstrauisch gestimmt, wie er mir erzählte. Zuhause angekommen schaute meine Mutter schon aus dem Fenster, gespannt was das denn sei, was man nur samstags mittags abholen konnte. Ich stieg also aus dem Auto aus und lächelte hoch zu meiner Mutter, die grade offensichtlich das Mittagessen vorbereitete. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. 

Wie jetzt? Der hier? Der sollte doch..? 

Sie eilte runter. Als ich unsere Haustür erreicht hatte, umarmte auch sie mich, sichtlich vor Freude zu Tränen gerührt. 

Ich sagte: „Überraschung! Ich feiere Weihnachten doch mit euch und bleibe noch bis zum 2. Januar…“

Ich begrüßte meinen Kater, der ziemlich nachtragend darüber war, dass ich ihn ein halbes Jahr „allein“ gelassen hatte. Danach ging ich zu meinem Bruder und begrüßte auch ihn mit einer Umarmung. Dieser hatte anscheinend bis eben noch geschlafen. 

Später beim Mittagessen ärgerte sich meine Mutter auf humoristische Weise, welch Schweine wir doch seien, dass wir das alle gewusst haben, ihr aber nichts erzählt hatten. Sie musste immer wieder darüber lachen und war sichtlich froh über meine Entscheidung. 

Das tolle war ja, dass nur die wenigsten tatsächlich von meinem Urlaub Bescheid wussten, weshalb ich den ganzen Samstag erstmal Zeit mit meiner Familie verbrachte. Keiner störte. Entspannt eben. 

Am Abend besuchten wir noch den lebendigen Adventskalender in unserer Gemeinde, nachdem wir zuvor meine Oma auf überraschende Weise mit dem Auto abgeholt hatten, in dem dann ganz unerwartet ihr Enkelsohn drin saß. Immer wieder fing sie an, aber bleib eine Weile wirklich sprachlos und fing an zu lachen. 

Am nächsten Mittag fuhr ich dann zu meiner anderen Oma. 

Ich hatte mich natürlich nicht angekündigt und klingelte regulär. Sie machte die Tür auf und fragte mich erstaunt, wo ich denn herkomme. „Na von den Philippinen!“ antwortete ich. 

Auch mein Opa konnte das noch nicht ganz fassen, genauso wenig meine Tante. 

Mein anderer Opa, den ich am Nachmittag beim Konzert meiner Oma besuchte, schaute mich zumindest anfangs etwas ungläubig an, gewöhnte sich aber relativ schnell an den Anblick. 

„Das ist mein Enkel, der ist grade über Weihnachten von den Philippinen wieder gekommen!“

Diese Überraschung war mir gelungen!

Es war also eine gute Entscheidung die letzten Monate still gehalten zu haben. 

„Auch wenn das gerade eine schöne Zeit ist, in der sich jeder Treffen will, jeder Zeit, Geld und gute Nachrichten hat, so ist es doch das nicht die Realität. Das was ich hier jetzt vorfinde, ist eine Sondersituation.“

Die nächsten Tage gingen ähnlich weiter. Seien es Verwandte, Freunde oder Parteifreunden, alle sichtlich überrascht und erfreut über mein plötzliches Erscheinen. 

Nachdem es herausgekommen war, dass ich wieder da war, wurde mein Terminkalender wieder voller und voller. Es gab einfach zu viele Leute, die ich nach der Zeit wieder sehen wollte. Versteht mich nicht falsch, ich wollte mich so oft treffen, das macht es aber nicht weniger anstrengend…

Zu Silvester kamen dann sogar noch eine Freundin aus Lübeck, Jana und ein Freund aus Rheinland Pfalz, Tobias vorbei, um zusammen Silvester zu feiern. 

Ich kann also sagen, dass ich in den 20 Tagen eine unglaubliche Zeit zuhause hatte. Alles, was ich mir gewünscht hatte, war so auch in Erfüllung gegangen. Aber ich merkte schnell, dass dies nicht der Alltag war. Es war schlichtweg ein Urlaub. Im Urlaub hat man nämlich auch mal etwas Geld, dass man nicht auf jede Ausgabe achten muss, jeder hat Zeit, meist auch gute Laune und es ist bekannt, dass ich nicht lange da bin. Ich war also zudem noch eine „Rarität“…

Mir war bereits von vornherein klar, dass ich diese Erfahrungen dort nicht überbewerten durfte und schon gar nicht als Paradebeispiel für meine Heimat nehmen darf. Es ist ein Urlaub, eine Sondersituation und alles andere als mein Alltag, wenn ich wieder in Deutschland bin. Denn ich habe dort weder arbeiten oder für irgendwas lernen müssen, was mich nach meiner Rückkehr relativ bald erwarten wird.

Was mir wichtig zu sagen ist, dass man die Erfahrungen zuhause in Relation sehen muss. Nichts von dem, was man im Heimaturlaub erlebt, findet man dauerhaft und in solch einer Konzentration, wie ich das jetzt vorgefunden habe, nach dem Freiwilligendienst wieder und das muss einem klar sein. Wenn man das eben doch tut kann die Rückkehr ins Einsatzland schwerer fallen, als es mir das gefallen ist. 

„Ursprünglich sollte Deutschland für mich zur Erholung dienen. Aber am Ende der Zeit brauchte ich Erholung von der Erholung…“

Keine drei Wochen zurück in Deutschland und der Terminkalender ist voll! Und mit voll meine ich wirklich voll – morgens, mittags, abends Termine und treffen und danach feiern gehen…

Auf den Philippinen ist das anders. Da gab es für mich auf dem Land einfach weniger zu tun, als in Frankfurt, dem Zentrum Europas. 

Aber gerade auch die Aussicht nach Ruhe und Erholung machte es mir einfacher in den Flieger zu steigen.

„Schlafen kann ich auch auf den Philippinen!“ sagte ich mir am Sonntag vor Silvester. Allerdings waren bis zu meinem Abflug zwar nur noch knapp 4 Tage, aber die waren gefüllt mit jeder Menge an Treffen und Feiern. Aber als ich dann alles erledigt hatte, was ich noch tun wollte, das war am Mittwoch Abend – Donnerstag Nachmittag ging mein Rückflug – saß ich nur in meinem Zimmer rum. Seit Tagen wollte ich noch einmal ein Videospiel spielen, aber ich saß nur in meinem Zimmer herum und beobachtete die Uhr, wie die Sekunden vergingen, dann die Minuten… 

Irgendwann entschied ich mich schlafen zu gehen. Ich schaute noch ein paar Folgen meiner Lieblingsserie. Zur Ablenkung. Ich musste allein sein, zumindest jetzt. Ich weiß nicht, ob das ein Instinkt war, aber ich therapierte mich damit quasi selbst. Deshalb nahm ich bereits an diesem Abend Abstand von meiner Familie, um es mir am nächsten Tag an der Passkontrolle nicht schwerer zu machen, als es nötig war. 

Allerdings kam meine Mutter noch rein um sich zu verabschieden. Sie musste morgen arbeiten, wenn ich abfliegen würde. Bei meiner Wiederkehr war sie es, die Tränen in den Augen hatte, nun war ich es…

„Sobald ich mein Gepäck abgegeben, der Check In hinter mir lag, war mir klar es ging zurück. Was daran so besonders war? Ab diesem Moment habe ich aufgehört mir vorzustellen, wie es wäre hier zu bleiben.“

Der nächste Morgen. Der Tag, den ich mir immer so weit in der Ferne vorgestellt hatte, war gekommen. Ich stand extra etwas früher auf, um ein letztes Mal für weitere 6 Monate ein heißes Bad zu genießen. 

Ich öffnete gerade das Fenster, um im Badezimmerspiegel wenigstens etwas sehen zu können, da kam mein Vater in unserem Hinterhof. „Moin!“ rief er, worauf ich mit einem „Gude!“ antwortete. 

Ich wusste, es wurde langsam ernst. 

Nun ging ich ins Esszimmer, wo mein Kater auf der Heizung lag und schlief. Ich fragte mich, ob es ihm klar war, dass ich ihn jetzt wieder für ein halbes Jahr verlassen würde. Als ich das erste mal für diese Zeit weg ging, hatte er sich verabschiedet und war dann gegangen. Meist merkt er es an dem Koffer, der ungefähr zwei Tage vor Abreise in dem Zimmer auftaucht, desjenigen der abreist. Aber diesmal lag der Koffer über die gesamte Zeit, in der ich zuhause war, offen in meinem Zimmer herum. Ich meine ihn sogar einmal dabei erwischt zu haben, wie er sich darein gelegen hatte. Anscheinend hatte er sich daran gewöhnt und dachte sich nichts bei, weshalb er auch nichts ahnend von mir gestreichelt wurde. Ich wusste aber genau, dass es das letzte Mal für eine lange Zeit sein würde. 

Woran er wohl grade denkt?

Fertig angezogen ging ich runter, um meinem Bruder Bescheid zu sagen, dass wir demnächst fahren würden. Ich hatte mit meinem Vater zuvor ausgemacht, dass wir auf dem Weg zum Flughafen beim Döner-Imbiss meines Vertrauens halt machen würden. Mit der Aussicht auf Döner konnte ich meinen Bruder dann auch mit an den Flughafen bewegen, um mich dann final zu verabschieden. 

Wir standen eine gute halbe Stunde an, bis ich auch endlich mein Gepäck abgegeben hatte. Trotz anderthalb Kilogramm zu viel Gepäck wurde mein Koffer, der sich anfühlte, als wäre er mit Backsteinen beladen, kommentarlos angenommen. Wäre auch schwierig gewesen jetzt auf die Schnelle noch ein Kilo Nutella und nen Liter Apfelwein zu konsumieren…

Jetzt wurde es ernst. Nur noch die Passkontrolle und dann gäbe es realistisch kein zurück mehr. Von meiner eigenen Beobachtung erstaunt, hatte ich ab diesem Moment auch nicht mehr das Bedürfnis die Sache jetzt sausen zu lassen. Auch wenn es nie man Plan gewesen war, saß tief in einem drin, dann dieses kleine Teufelchen, das dir sagt, lass es doch jetzt einfach. Was auch immer mit diesem kleinen Biest passiert ist – wahrscheinlich von meinem schweren Koffer, gefüllt mit Omas Schokolade, erschlagen worden – verspürte ich nichts dergleichen. Womöglich hatte meine Selbst-Therapie gewirkt oder ich war einfach so vernünftig, dass es für mich nun einfach nicht mehr möglich war, realistisch nein zu sagen. Welchen Stress das dann bedeutet hätte… Da entspanne ich doch lieber wieder bei 30 Grad unter Palmen am Strand mit einem frischen – lokal angebauten  – Mangosaft in der Hand und höre mir an, wie man sich in Deutschland über die Kälte beschwert. Aus der Ferne, versteht sich…

Ich verabschiedete mich also von beiden und ging durch die Grenzkontrolle. Ein letzter Blick zurück, an den Polizeibeamten vorbei und ich konnte die beiden nicht mehr sehen. Jetzt musste ich mich wieder allein durch meine Angelegenheiten kämpfen und mich für meine Interessen einsetzen. Eine meiner Interessen fand sich bereits einige Laufbänder später: Apfelwein! Ich dachte mir, ein zweiter Apfelwein kann nicht schaden und bezahlte die völlig überzogenen 3,50€ für einen Liter Possmann Ebbelwoi. „Welcher echte Frankfurter hat nur EINEN Apfelwein dabei? Doppelt hält besser!“ murmelte ich vor mich hin, als die Kassiererin die Flasche in einem von diesen „Do-not-Open-Tüten“ verpackte. 

Knapp 3 Stunden später, sitze ich auf meinem Fensterplatz, einen Mangosaft schlürfend und schaue Ad Astra. 

Mit ein wenig Unbehagen beladen erinnerte ich mich zwischenzeitlich an einen Artikel, den ich einige Tage zuvor bei einer der großen deutschen Zeitungen gelesen hatte. Jener behandelte das Thema, dass Flugzeuge verschiedener Länder doch immer noch verschiedene Funkfrequenzen nutzen würden – nicht mal in der Europäischen Union habe man einheitliche Frequenzen. Aus verteidigungspolitischen Gründen werden noch immer verschiedene Frequenzen genutzt. Dies sei der Grund, dass es im vergangenen Jahr etwas weniger als 200 beinahe Zusammenstöße gab – die Dunkelziffer ist wahrscheinlich weitaus größer. Ob die Zahl jetzt allein für den Luftraum der EU gilt oder weltweit steht, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. 

Ich hoffte nur, dass der Pilot meines Flugzeugs trotz Funk die Augen offen halten würde, woraufhin ich irgendwann einschlief. Ich wurde von einem Laute. Geräusch geweckt. Es waren nicht die Rotoren des A380 in dem ich saß. An deren Klang hatte ich mich bereits gewöhnt. Ich schaute aus dem Fenster und konnte nur einige Meter entfernt ein Flugzeug an uns vorbei fliegen sehen. Ob dieser Vorfall wohl in der Statistik vermerkt würde? Ich persönlich sehe dies jetzt erst recht als Appell für eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik. 

Um Mitternacht kam ich in Doha an. Den Flughafen kannte ich ja bereits. Ich suchte nach den im Internet angepriesenen Schlafliegen, denn es auch nach deutscher Zeit schon bald Mitternacht. Eigentlich hätte ich müde sein müssen, aber mir blieben ja noch knapp 8 Stunden Aufenthalt mitten in der Nacht im Transitbereich des Golfstaates Katar. 

Nach einigem Suchen fand ich die Liege, entschloss mich aber nach einmal Probeliegen mich auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen. Ich schlenderte durch die Shops, in denen von Dan Brown Büchern bis arabischen Wunderlampen alles Mögliche zu finden war. Nach einer Weile fand ich dann einen Bereich in dem es Restaurants gab. Klugerweise waren alle Preise in Katar-Riyal angegeben – dann wusste kein Durchreisender auf Anhieb wie teuer das Essen hier sein würde…

Ich würde also für einen Burger mit Pommes und Getränk 85 Riyal bezahlen. 

Foto

Gesättigt machte ich mich wieder auf den Weg zu den zuvor ausgekundschafteten Schlafliegen. Bevor ich mich aber mit Schlafbrille und Ohrenstöpeln in die Schlafposition begab, testete ich, ob ich meinen Wecker auch garantiert hören würde. Da ich damit einige meiner schlafenden Nachbarn geweckt hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich davon wach werden würde. 

Im Nachhinein betrachtet wäre es nicht nötig gewesen, da ich dort nicht so gut schlief wie erhofft und ständig aufwachte.  Dies auch aus Sorge, dass mir niemand irgendetwas meiner Gegenstände klauen könnte…

Um kurz vor 6 Uhr Ortszeit entschloss ich mich mal in Richtung Gate zu gehen, was mittlerweile auch fest stand. 

Zwei Stunden warten und 8 1/2 Stunden Flug später fand ich mich dann über Manila kreisend wieder. Einige meiner Mit-Fluggäste gehörten meiner Beobachtung nach wohl zur medialen Elite Manilas. Unter ihnen auch ein Herr Alvarado, der möglicherweise der Sohn des bereits verstorbenen philippinischen Schauspielers Max Alavarado sein könnte. Gewisse äußere Ähnlichkeiten meinte ich zu erkennen. 

„… und dann war ich richtig allein.“

Angekommen und gelandet beeilte ich mich möglichst schnell zur Grenzkontrolle zu kommen. Meine Arrivalcard hatte ich auf Nachfrage im Flugzeug bekommen und bereits ausgefüllt gehabt. 

Falls meine Nachfolger das hier lesen: Unbedingt nach einer Arrivalcard im Flugzeug nach Manila fragen, das kostet sonst nur unnötig Zeit bei der Immigration…

Gepäck abgeholt, Taxi zum Busterminal und ab nach Bani. 

Es war 5 Uhr morgens, lokale Zeit auf den Philippinen, als ich nach knapp 30 Stunden endlich mein Heim in Bani erreichte. Ich hatte etwas im Bus geschlafen, weshalb ich erstmal wach war. Niemand war daheim. Meine Familie war noch in Manila bei Verwandten. Mit meinem Jetlag wäre mir das aber zu viel gewesen, weshalb ich mich direkt nach Bani auf gemacht hatte. 

Mein Zimmer hatte sich nur leicht verändert. Neue Gardinen, neue mir unbekannte Bettwäsche und mein Nachttisch fehlte. Der stand nun im Wohnzimmer, worauf mehrere Stapel Papier meiner Gastmutter lagen. 

Trotzdem dass nur der Tisch nicht mehr in meinem Zimmer stand, war alles da. Allerdings fühlte es sich in dem Moment so unpersönlich an. Das grelle Licht der mittig in meinem Zimmer angebrachten Energiesparlampe unterstützte dieses Gefühl. Vor meiner Abreise hingen an den vorhandenen Haken meine Handtücher, Einkaufsbeutel, mein weißes Hemd und mein „Elektro-Schnickschnack-Beutel“ – immer zur Vorsorge vor Überschwemmung. 

Tatsächlich hatte rund um Weihnachten ein Taifun über die Philippinen gefegt, allerdings bekam ich da von meinen Freunden und meiner Gastfamilie hier nicht besonders viel mit. Scheinbar war Bani zum Glück einmal wieder nicht getroffen worden. 

Ich packte das Nötigste aus, um mich möglichst schnell schlafen zu legen. Langsam holte mich der Gedanke ein, dass ich jetzt vollkommen allein war. Das WLAN ging nicht und meine Prepaid SIM Karte konnte ich erst in einigen Stunden aufladen. Ich war also auch von Zuhause abgeschnitten. Niemand war da. Ich war ganz allein, jeder schlief. Müde war ich, aber schlafen konnte ich nicht. Es war erdrückend. Nicht die Tatsache, dass ich von Zuhause weg musste, sondern dass ich einfach so allein war, frustrierten mich in dem Moment. Die Menschen, die ich in den vergangenen 6 Monaten so lieb gewonnen hatte, sie zu schätzen gelernt hatte, die am liebsten jeden Tag Fiesta machten, wie es in meinem Reiseführer über die Philippinen hieß, die nicht nur lächelten, sondern auch lachten – diese Menschen waren zwar da, aber nicht gerade, gerade in diesem Moment, in dem ich sie dringend gebraucht hätte. 30 Stunden kaum ein nettes Gespräch und dann diese Enttäuschung zehrten an mir. Etwa zum Sonnenaufgang merkte ich, wie ich dann doch müde wurde und einschlief. Ich wachte erst wieder zum Sonnenuntergang auf. 

„Heimaturlaub ändert nichts an der aktuellen Situation. Es erlaubt nur eine Verschnaufpause mit extremen Höhen und Tiefen…“

Abschiede sind nie etwas schönes. Manchmal aber etwas Notwendiges. Nur wer weiß, was er gerade nicht hat, weiß zu schätzen, wenn man es wieder hat. 

Beziehen würde ich das nicht allein auf das, was ich in Deutschland, meiner Heimat habe, die ich nun ein zweites Mal wieder verlassen musste, nein – ich habe auch gemerkt was ich hier habe und vor allem wen ich hier habe. Vielleicht musste ich tatsächlich erst meine Wahlheimat auf den Philippinen verlassen, um auch hier zu sehen, wie es ist, wenn ich es nicht mehr habe. Zumindest kann ich sagen, dass ich die Zeit, die ich wieder hier bin, mehr genieße als je zuvor. Ich habe das geändert, was ich ändern kann und akzeptiere, was ich nicht ändern kann, um es mit den Worten von Marcus Aurelius zu sagen. 

Verändern tut es direkt nichts an der Situation im Einsatzland. Es ändert höchstens etwas in einem selbst. Wer sich daraus erhofft, dass die Situation dann schlagartig besser oder gar anders wird, der irrt sich. Man sollte vorher abwägen, ob man genügend Gründe hat wieder zurück zu kommen. Es müssen nicht viele Gründe sein, aber Überzeugende. Wenn man sich ganz ehrlich sagen kann, dass man aus dem persönlichen Grund zurück kommt und dann der Heimat auch nicht hinterher trauert, dann kann man sich durchaus Gedanken über solch einen Urlaub machen. Wichtig ist aber, dass man was die Überlegung und Planung angeht stets ehrlich zu sich selbst bleibt. 

Möglicherweise war es der Gedanke daran, dass ich nicht mal mehr die Hälfte meines Freiwilligenjahres vor mir hatte, der mich zurück gebracht hat und mich akzeptieren lies und genießen lies und lässt.

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