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Die Stimmen der Stummen

Ein Gespräch mit Antonio N. Ablon über seine Arbeit als Bischof in der Unabhängigen Philippinischen Kirche und die Repressionen von Staat und Militär.

Herr Ablon, wann und wo erblickten Sie das Licht der Welt?

Ich wurde 1973 in Cugman nahe der Stadt Cagayan de Oro im Norden der größten südphilippinischen Insel Mindanao geboren. Ich stamme aus einer armen, aber sehr religiösen Familie. Mein Vater war Schreiner und seit meiner Kindheit Laienprediger, bis er 2011 starb. Meine Mutter ist Gemeindevorsteherin und bis heute als Marktfrau tätig. Meine fünf Geschwister — zwei Schwestern sowie drei Brüder — sind ebenfalls im Kirchendienst.

Welche Begegnungen sind Ihnen aus der Kindheit noch lebhaft in Erinnerung?

Meine Mutter nahm mich stets mit auf den Markt, um ihr beim Verkauf zu helfen, was den Verdienst der Familie aufbesserte. Gewöhnlich war das vor Sonnenaufgang, sodass ich danach die Schule besuchen konnte. Nach Schulschluss und Erledigung der Hausaufgaben ging ich dann wieder auf den Markt.

Meinen Abschluss habe ich auf zwei Schulen gemacht. Zunächst ging ich in die Oberschule der Provinz, musste aber nach dem ersten Jahr wegen finanzieller Engpässe unterbrechen, denn meine älteren Geschwister waren auf dem College. Glücklicherweise fand ich Arbeit als Bote und Putzhilfe in einer Anwaltskanzlei, die damals auch Rechtsbeistand für die Diözese leistete. Sodann bekam ich die Gelegenheit, wieder zur Schule zu gehen — diesmal zum Abendunterricht der Oberschule. 1993 konnte ich diese als Klassenbester abschließen.

Was führte dazu, dass Sie einen geistlichen Beruf ergriffen und Bischof wurden?

Während meiner Zeit an der Oberschule hatte ich die Chance, einer der wenigen Juniorprediger zu werden. Während dieser Zeit als kirchlicher Mitarbeiter entwickelte sich mein Wunsch, Pfarrer zu werden.

Da mir das Geld zum Besuch eines Colleges fehlte, arbeitete ich im Sommer 1992 als Tricyclefahrer, um Rücklagen für meine Studiengebühren zu bilden. Das Glück stand mir erneut bei, als mich der Gemeindevorsteher zu seinem Sekretär machte. Somit war ich in der Lage, die Studiengebühren aufzubringen und bis 14 Uhr zu arbeiten, um danach wieder rechtzeitig zum Unterricht zu erscheinen.

Im Sommer 1995 unterzog ich mich beim Jugendcamp der Diözese der Zulassungsprüfung für das »St. Pauls Seminar« für Theologie und schaffte sie als Bester. Ich erhielt dadurch ein Stipendium und begann im Juni 1995 mein Studium am Priesterseminar in La Paz nahe der Stadt Iloilo (auf der zentralphilippinischen Insel Panay, Anm. d. Autors). In meinem ersten Studienjahr wurde ich zum Sekretär der Studentenorganisation gewählt und im zweiten dann zu ihrem Vorsitzenden. Es war das erste Mal in der Geschichte des Seminars, dass der Vorsitzende nicht aus der Abschlussklasse kam. Während meiner Amtszeit verfassten wir die Regeln für die Studentenschaft. Das war ein Durchbruch, denn seit vielen Jahren waren diese stets von den älteren Semestern bestimmt worden.

Mein Priesteramt führte mich zur Mitarbeit und Teilhabe an ökumenischen Einrichtungen, interreligösen Bewegungen und Bürgerrechtsgruppierungen. Im Oktober 2010 wurde ich schließlich als erster Diözesanbischof der Diözese Pagadian ordiniert und eingeführt. Seit jeher lautet mein Leitmotiv gemäß Matthäus 25, 31-46 und Johannes 21, 15-17: Liebe Gott, diene beständig den Menschen.

Sie sind Mitglied der Unabhängigen Philippinischen Kirche, der »Iglesia Filipina Independiente«, kurz IFI. Wann und wie entstand die IFI?

Sie wurde vom philippinischen Volk in seinem Streben nach religiöser, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Freiheit gegründet. Die »Union Obrera Democratica«, der erste Gewerkschaftsbund in den Philippinen, proklamierte die Gründung der Kirche. An einem regnerischen Sonntag, dem 3. August 1902, versammelten sich die Arbeiter_innen in der Hauptstadt Manila mit dem Wunsch nach Freiheit und gründeten die IFI — frei von ausländischer Vorherrschaft sowohl durch kirchliche als auch staatliche Institutionen. An diesem Gründungstag nominierten sie den Guerillapater Gregorio L. Aglipay zum IFI-Vorsitzenden. Doch dieser akzeptierte die Nominierung erst im September, nachdem die Bitte an den Vatikan zur »Filipinisierung« der Kirche in den Philippinen verweigert wurde. Aglipay führte die neue Kirche dann als erster Oberster Bischof.

Worin bestehen die Hauptunterschiede zwischen der IFI und der in Ihrer Heimat vorherrschenden römisch-katholischen Kirche?

Die IFI ist eine indigene, von Filipin@s gegründete, progressive und revolutionäre Kirche. Sie ist bischöflich organisiert und synodal regiert. Die Bischöfe leiten die Kirche insbesondere in religiösen Angelegenheiten und Fragen des Glaubens. Dies geschieht in kollegialer Weise; der Oberste Bischof herrscht nicht, da wir nicht glauben, dass er unfehlbar ist. Er ist nur der Erste unter gleichen. Ihm obliegen lediglich pastorale Erklärungen zu Angelegenheiten, die das Leben der Mitglieder individuell und als Gemeinschaft betreffen. Das Kirchenregiment geht von den Synoden aus — der Generalversammlung, den Diözesanversammlungen und den Gemeindeversammlungen. Wenn diese Versammlungen nicht tagen, wird die Kirche auf den verschiedenen Ebenen von Räten regiert — dem Nationalrat, dem Diö­zesanrat sowie dem Gemeinderat.

Synoden und Räte setzen sich auf allen Ebenen aus Klerikern und Laien zusammen, die für drei Jahre gewählt sind. Versammlungen tagen jährlich zur Auswertung der Kirchenarbeit gemäß den beschlossenen Plänen und Programmen. Der Oberste Bischof wird für sechs Jahre gewählt ohne die Möglichkeit einer Wiederwahl. Diözesanbischöfe werden für sieben Jahre gewählt und können sich in derselben Diözese oder einer vakanten zur Wiederwahl bewerben. Grundsätzlich wechselt jeder Pfarrer alle fünf Jahre die Gemeinde. Die Diözesen pflegen Beziehungen untereinander — etwa im Rahmen von Bischofskonferenzen —, sind aber voneinander unabhängig.

In der Vergangenheit wurden etliche IFI-Mitglieder verfolgt, zudem Ihr Oberster Bischof Alberto Ramento wegen seines beharrlichen Eintretens für die Belange der Arbeiter_innen und Bäuer_innen am 3. Oktober 2006 ermordet. Warum haben es sogenannte Sicherheitskräfte der Regierung in Manila ständig auf Sie abgesehen?

Wir sind eine arme Kirche. Unsere Bischöfe drücken es so aus: »Wir haben kein Land zu vergeben, keine Reichtümer zu verteilen, wir haben nur uns zu geben.« Und das ist der Dienst für das Volk — die Geknechteten, Unterdrückten und Marginalisierten. Gemäß unserem Vermächtnis sind die Arbeiter_innen und Bäuer_innen, die Armen und Indigenen unseren Herzen nahe. Unser Dienst gilt ihnen und richtet sich an sie. Wir sind die Stimme der Stummen, indem wir Erklärungen in ihrem Sinne abgeben. Wir beteiligen uns an Massenmobilisierungen und Demonstrationen der Unterdrückten der Gesellschaft. Die Regierung und das Militär interpretieren solche Handlungen als politische Einmischung. Daher werden wir oftmals durch ihre Propaganda und sogar durch ihre Gewehre angegriffen, denn wir sind unbequem und »stören« ihre Unterdrückung.

Da Sie in Mindanao leben: Der Moro-Konflikt zwischen Rebell_innengruppen und Regierungstruppen prägt die Region seit Jahrzehnten. Zehntausende Menschen starben. Welche Aussichten bestehen dort auf Frieden?

Zunächst muss ich hervorheben, dass der Konflikt in Mindanao und im Süden der Philippinen nicht einer zwischen Islam oder Muslim_innen auf der einen und Christentum oder Christ_innen auf der anderen Seite ist. Es ist kein Glaubenskonflikt, auch wenn er bis heute häufig so dargestellt wird. Ebensowenig handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Moros (muslimische Minderheit, Anm. d. Autors), den Lumad (den Indigenen in der Region, Anm. d. Autors) oder Siedler_innen aus den nördlichen oder zentralen Landesteilen. Der Hauptkonflikt in Mindanao wie im ganzen Land spiegelt die wirtschaftliche Verarmung der Bevölkerung wider. Wir sehnen uns nach Frieden auf Grundlage von Gerechtigkeit. Letztere bedeutet genügend Essen auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf, Bildung und Gesundheitsversorgung für alle sowie eine Gesellschaft und Natur in Harmonie. Friedensverhandlungen, die lediglich darauf abzielen, die Gegner der Regierung — bewaffnete Gruppen unterschiedlicher Couleur — zu entwaffnen, sind dazu verdammt, fehlzuschlagen. So ist es auch mit dem Tripolis-Abkommen mit der Nationalen Befreiungsfront der Moros (MNLF) geschehen.

Vor diesem Hintergrund halten wir als Kirche und als Friedensaktivist_innen an vier wesentlichen Punkten bei Verhandlungen zwischen der Regierung und dem linken Untergrundbündnis der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP) fest: erstens die Respektierung der Menschenrechte und des Internationalen Humanitären Rechts, zweitens sozioökonomische Reformen, drittens politische und konstitutionelle Reformen, viertens Beendigung der Feindseligkeiten und schließlich die Niederlegung der Waffen.

Es ist mühsam, die Bevölkerung über diesen Punkte-Plan angemessen zu informieren und sie dafür zu gewinnen. Es wird lange dauern, aber es gibt keine Abkürzung auf dem Weg zu gerechtem, dauerhaftem Frieden. Ein Abkürzungsszenario, worauf die Regierung beharrt, hieße schlichtweg Kapitulation. Es bedeutete die einseitige Preisgabe des Kampfes seitens der NDFP und ihrer Guerillaorganisation, der Neuen Volksarmee (NPA).

Stimmt es, dass Sie und einige Ihrer Kollegen als »pro-kommunistisch« gebrandmarkt und bedroht werden?

Ja. Wir werden wegen unserer Überzeugung bedroht, dass Gott zu lieben heißt, den Menschen zu dienen, indem wir unsern Nächsten lieben wie uns selbst. Indem wir dies praktizieren, ergreifen wir Partei für die Opfer, Unterdrückten und an den Rand Gedrängten. Wir fühlen wie sie, wir sprechen ihre Sprache, verstärken sie. Wir werden wie sie und ein Teil von ihnen.

In unserem Land haben die Streitkräfte der Regierung im Rahmen des »Oplan Kapayapaan« (landesweite Aufstandsbekämpfungsstrategie, zu deutsch: Operationsplan Frieden, Anm. d. Autors) unter anderem erklärt, sechs von zehn Lumad seien Mitglieder der NPA. Darüber hinaus werden Aktivist_innen und gesellschaftspolitisch engagierte Gruppen und Organisationen in aufgeheizter antikommunistischer Manier als Mitglieder der NPA im weiteren Sinne eingestuft. Folglich werde ich wie auch andere IFI-Mitglieder verdächtigt, ein Teil eben dieser Gruppen zu sein. Wir werden bedroht, in unserer Arbeit behindert und eingeschüchtert, damit wir unser Engagement einstellen und einfach schweigen. Wir können aber nicht schweigen. Auch wenn ich Angst haben sollte: Meinen Dienst an den Menschen stelle ich nicht ein.

Wie kann das fünfte Gebot – »Du sollst nicht töten« – in Einklang mit den aktuellen politischen Entwicklungen in Ihrer Heimat gebracht werden, deren Bevölkerung ja überwiegend römisch-katholisch ist?

»Du sollst nicht töten« wurde den Israeliten als Gebot durch Moses gegeben im Kontext ihres Auszugs aus der Knechtschaft in Ägypten ins verheißene Land. Für uns Menschen im Hier und Jetzt jedoch sollte es auch und gerade im Zusammenhang mit dem zweiten großen Gebot Jesu verstanden werden: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Der Nächste ist der Bedürftige, dem zu helfen ist.

Der »Krieg gegen die Drogen« vom philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte entpuppte sich als Krieg gegen die Armen, die um ihres Überlebens willen gezwungen sind, mit Drogen zu dealen, und die sich mit dem Konsum in einem miserablen Leben irgendwie über Wasser zu halten versuchen. Diese Misere wurde ihnen durch die wirtschaftliche Verelendung aufgenötigt. Zudem entpuppte sich Dutertes »Krieg gegen den Terrorismus« als Krieg gegen die Moros im Süden des Landes, die seit langem für Selbstbestimmung und eine eigene Nation kämpfen. Der »Krieg gegen die Aufständischen« entpuppte sich als Krieg gegen Bäuer_innen, die nach eigenem Land streben, und gegen die Lumad in Mindanao, die wie die Moros für Autonomie einstehen und ihr angestammtes Gebiet schützen wollen. Dieses ist reich an natürlichen Ressourcen und daher ein begehrtes Ziel von transnationalen Konzernen mit ihren Bergbauprojekten. Dutertes Haltung ist nicht Liebe für den Nächsten, sondern den Nächsten — im Sinne des Bedürftigen, des Unterdrückten, des an den Rand Gedrängten — zu töten.

Stimmt es, dass Sie mehr oder minder zwangsweise zu einem befristeten Aufenthalt in Europa genötigt sind?

Ja, es stimmt. Seit dem 14. Mai 2019 halte ich mich vorübergehend in Europa auf. Die Zeit soll mir als Erholungspause dienen wegen der sich verschlechternden Situation in den Philippinen und der Angriffe gegen meine Person.

Wie beurteilen Sie die ersten drei Amtsjahre der Regierung unter Präsident Duterte?

Das herrschende Regime ist das schlimmste in der philippinischen Geschichte. Der Präsident hat die Bevölkerung während des Wahlkampfs hinters Licht geführt. Er präsentierte sich als Alternative zu der von den vergangenen Regierungen zu verantwortenden Misere. Er versprach, die Korruption auszumerzen, Drogenpro­bleme zu lösen, eine unabhängige Außenpolitik zu betreiben sowie die Geißel des allgegenwärtigen Vertragsarbeitssystems abzuschaffen.

Doch in all diesen Punkten verkehrten sich seine Versprechungen ins genaue Gegenteil. Die Korruption in den Reihen der Regierung nimmt zu, 29.000 arme Menschen wurden ermordet, das Drogenproblem wurde nicht annähernd gelöst. Erst kürzlich brach Duterte mit dem Verweis auf die Interessenwahrung von Investor_innen das den Arbeiter_innen gegebene Versprechen und legte sein Veto gegen ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz ein, das ein Ende der Vertragsarbeit vorsah. Überdies wurde Duterte zum Vasallen der US-Interventionspolitik sowie Diener eines weiteren Herrn, der Volksrepublik China. Seine Marionettenrolle gegenüber ausländischen Mächten ist für Filipin@s heute weitaus verheerender als unter früheren Regimes — einschließlich der Diktatur unter Ferdinand E. Marcos, Dutertes erklärtem Idol.

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