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Die südostasiatische NATO

Am 8. September 1954 wurde in Manila die Southeast Asia Treaty Organization gegründet.

»In Manila«, schrieb Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 15. September 1954, »entledigten sich die Vertreter von acht asiatischen und europäischen Mächten mit der mürrischen Geschäftsmäßigkeit routinierter Paktmacher ihrer Aufgabe, für Südostasien eine Verteidigungsorganisation zu schaffen. Am Mittwoch […] eilten sie zum letzten Male […] die Treppen des philippinischen Kongressgebäudes empor. Wenige Stunden später verkündete ein Sprecher die Geburt des Verteidigungspaktes, von dem noch niemand genau weiß, ob er den Namen ›SEATO‹ (South East Asian Treaty Organization) tragen soll, der an ›NATO‹ anklingt, oder ob man ihn nicht unverbindlicher ›SEAP‹ (South East Asian Pact) nennen soll. Zwar hatte Ramon Magsaysay, der Präsident der Philippinen, den Delegierten versichert, dass von ihren Entscheidungen ›die Freiheit der Welt in den nächsten tausend Jahren abhängt‹, doch seine Gäste waren keineswegs geneigt, sich für ihre Nachfahren zu übernehmen. Als Ramon Magsaysas Vertreter John Foster Dulles mit überspannten Militärhilfewünschen hartnäckig belagerte—er forderte rund eine Milliarde Dollar—, stand der amerikanische Außenminister wütend vom Tisch auf und verließ den Saal. Die Filipin@s erhielten nur die allgemeine Zusage, dass ihnen die USA beim Aufbau ihrer Armee behilflich sein würden.«

Gegen die »Macht des Bösen«

Die SEATO, die wegen ihres Gründungsortes in der philippinischen Hauptstadt auch Manilapakt genannt wurde, entstand auf Initiative der USA, der sich sieben weitere Staaten anschlossen—Australien, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Pakistan, die Philippinen und Thailand. Es herrschte mit Blick auf die Asien-Pazifik-Region die Hochphase des Kalten Krieges. Als Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Gründung der Volksrepublik China ausrief, war nebst der Sowjetunion ein zweiter großer sozialistischer Staat entstanden. Westliche Sicherheits- und Militärstrategen wollten daher einen Cordon sanitaire gegen den »kommunistischen Machtblock« errichten, aus der Sicht von John Foster Dulles unzweifelhaft die »Macht des Bösen«, wie er sich ausdrückte.

Zwar existierten in zahlreichen Ländern in der Region kommunistische Parteien—so in Indonesien, Malaya (später Malaysia), in Thailand, Birma (dem heutigen Myanmar) sowie den Philippinen. Doch keine war stark genug, um ernsthaft die jeweiligen Regierungen herausfordern oder gar stürzen zu können. Zudem ging es in all diesen Ländern sowie in »Indochina« mit den ehemals französischen Kolonien Laos, Kambodscha und Vietnam vorrangig darum, die lang ersehnte Unabhängigkeit zu erringen. Es waren dies im wesentlichen nationalistische Bewegungen, die über großen Rückhalt unter den jeweiligen Bevölkerungen verfügten.

Pikanterweise waren zur Zeit der SEATO-Gründung ausgerechnet in den Philippinen den aus Sozialist_innen und Kommunist_innen gebildeten Guerillaverbänden der Hukbalahap (der vormaligen Antijapanischen Volksarmee) militärisch das Rückgrat gebrochen worden. Durch eine Reihe von Offensiven, ausgeführt von US-amerikanisch-philippinischen Spezialeinheiten, war es dem Stab unter Führung des damaligen Obristen Edward G. Lansdale gelungen, sein Modell einer Aufstandsbekämpfung durch eine Kombination von psychologischer Kriegführung und Landzuteilungen an Bauern erfolgreich durchzusetzen.

Domino-Theorie

Nach der Genfer Indochinakonferenz von 1954, die den Rückzug Frankreichs aus Indochina besiegelte und die Teilung Vietnams zur Folge hatte, setzte sich in Washington immer mehr eine außenpolitische Position durch, die schließlich in der sogenannten Domino-Theorie konkrete Gestalt annahm. Diese im Kern auf die Außenminister Dean Acheson und John Foster Dulles zurückgehende Theorie verkündete US-Präsident Dwight D. Eisenhower im Frühjahr 1954. Ihr zufolge würden Länder, die sich geographisch in der Nähe eines kommunistischen Landes befänden, durch deren vermeintliche Sogwirkung ebenfalls kommunistisch werden, wie bei einer Reihe aufgestellter Dominosteine eines nach dem anderen »umfallen« und aus dem Bereich der »westlichen Wertegemeinschaft« ausscheren. Um dem einen Riegel vorzuschieben, setzte Eisenhower auf eine Rollback-Politik, eine offensive Weiterentwicklung der Eindämmungspolitik (Containment) seines Vorgängers Harry S. Truman. Die Langzeitfolgen dieser »Theorie« waren schwerwiegend: Blickt man auf die systematisch eskalierte Gewalt gegen die Völker Vietnams, Laos’ und Kambodschas, so schufen die verantwortlichen Politiker in Washington und der US-Generalstab in Südvietnams Hauptstadt Saigon erst jene »Probleme«, die auszumerzen sie angetreten waren. Was den späteren US-Verteidigungsminister und Oberfalken der US-Aggression, Robert McNamara, in seinen Memoiren zu der bitteren Feststellung veranlassen sollte: »Mit Blick auf Vietnam haben wir uns geirrt, schrecklich geirrt.«

Ein Ausdruck dieses Irrtums war auch die SEATO selbst. Bereits 1972 war Pakistan aus dem Vertrag ausgeschert, nachdem sich Ostpakistan abgespalten hatte und im Dezember 1971 mit Bangladesch ein neuer Staat entstanden war. Frankreich stellte seine finanzielle Unterstützung 1975 ein. Und nach dem amerikanischen Rückzug aus Vietnam 1973 wurde die SEATO bald als überflüssig angesehen. Am 30. Juni 1977 wurde sie im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst.

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