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Der Alltag ist da

Ich bin wieder zurück!

Viel Zeit ist vergangen und bei mir hat sich so einiges verändert, es ist viel passiert und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Kurz gesagt: Ich bin in den Barangay Magalong (mein Heimatort, „Vorort“ von Mabini) gezogen und arbeite endlich.

Magalong ist wunderschön…

Vielleicht erzähle ich euch erstmal, wie hier meine tägliche Woche aussieht, ich bin nämlich ziemlich gut beschäftigt; Langweile gibt es eigentlich nicht.

Mein Tag startet gegen 6:45 Uhr morgens, da theoretisch die Schule um 7:30 Uhr anfängt. Aber da ich oft so verschlafen bin und das Jeepney immer auf sich warten lässt, wenn man mal in Eile ist, erscheine ich gegen 8 Uhr in der Schule (Meine Lehrer kommen da auch immer erst 😊).

Das Jeepney ist hier das billigste und einfachste Fortbewegungsmittel. Es ist ein langgezogener Jeep aus Blech, der halb auseinander fällt. Diese Fahrzeuge fahren immer bestimmte Strecken ab, man kann beliebig ein- und aussteigen. Heißt, ich stelle mich morgens vor unser Gate und halte das Jeepney dort an und auf dem Rückweg stoppe ich es genau da, damit ich auch ja nicht einen Meter laufen muss. Nein, Spaß! Aber es ist schon ziemlich bequem, sich überall direkt vor die Haustür fahren zu lassen. Zu meinem morgendlichen Erlebnis gehört es auch, die Männer einmal wegen meines Aussehens so zu verwirren wenn sie an mir vorbeifahren, dass der Straße keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird. Im Endeffekt bin ich eine Gefährdung für den Verkehr. Ihr müsst euch das so vorstellen, Bespiel: ein Wagen voller Arbeiter fährt an mir vorbei und original alle Köpfe drehen sich gleichzeitig zu mir um, oft werde ich auch noch mit einem nettem Hupen begrüßt oder „Beautiful“ genannt. Also morgens findet manchmal echt ein ziemlich langes Hupkonzert vor unserem Gate statt, je nachdem wie lange ich auf das Jeepney warten muss. An Aufmerksamkeit mangelt es mir hier auf jeden Fall nicht.

Wenn ich dann irgendwann mal in der Schule ankomme, findet da gerade die morgendliche Versammlung statt, wo die Kinder tanzen, die Hymne singen und die Flagge gehisst wird. Dann geht es ab in die Klassen, die ganze Schule wird erstmal ein bisschen gesäubert und dann geht der Unterricht los. Bei meiner Klasse ist das alles ein bisschen anders….

Ich unterstütze die zwei Lehrer Laurice und Joseph einer SPED Klasse; Special Education Class. Diese Klasse ist teilweise die einzige Anlaufstelle für Kinder und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen. Schulen oder Einrichtungen, wie das Antoniushaus in Hochheim gibt es hier fast nicht. Wenn, dann kostet es so viel Geld, dass es sich kaum jemand leisten kann. Das heißt sozusagen, dass unsere Klasse nach Alter und Beeinträchtigung bunt zusammen gewürfelt ist. Das Alter erschreckt sich von 5 bis 36 Jahren und jeder hat eine andere Beeinträchtigung. Wir haben zum Beispiel Schüler mit Down-syndrom, autistischen Zügen und auch Gehörlose und Stumme. Bei vielen Schülern ist die genaue Beeinträchtigung jedoch nicht richtig bekannt, da es entweder keine Diagnose gibt oder die vorliegende als fragwürdig erscheint. Natürlich ist jedes Kind total individuell, jedoch ist eine individuelle Förderung der Schüler einfach nicht möglich. Auch können nur vereinzelte Eltern ihren Kindern Therapien ermöglichen und dies ist oft nur mit großem Aufwand verbunden, weil die Anreisedauer ein paar Stunden beträgt. Deswegen versuchen Laurice und Joseph so viel wie es geht, ihren Schülern zu helfen. Problem ist hier aber auch, dass nicht alle Schüler regelmäßig kommen können. Manche wohnen ziemlich weit weg, die Anreise ist einfach zu teuer und die Regenzeit macht alles noch ein bisschen komplizierter, da viele Schüler sehr anfällig sind. Manchmal sind es aber auch die Eltern, die ihre Kinder lieber in eine normale Schule schicken wollen, obwohl das einfach kein Sinn macht. Generell werden hier Menschen mit Beeinträchtigungen oft im Haus versteckt und die Familien schämen sich dafür. Deswegen haben es sich die Beiden auch zur Aufgabe gemacht, diese Kinder zu finden und die Eltern zu überzeugen, sie in die SPED Klasse zuschicken. Jeden Freitag zum Beispiel haben wir vier Geschwister aus dem Barangay St. Rita (andere Nachbarort), sie werden immer mit einem Auto der Stadtverwaltung gebracht, da sie sich selber die Transportkosten nicht leisten können. Alle vier können nicht reden, dies ist wohl auf Inzest und Unterernährung der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen. Unsere Klasse zählt 36 angemeldete Schüler. Jeden Tag kommen aber nur um die 10. Somit ist jeder Tag komplett anders, weil immer andere Schüler da sind. Jedoch versuchen wir immer einem gewissen „Stundenplan“ zu folgen. Hierzu muss auch gesagt werden, dass keine normalen Fächer unterrichtet werden, sondern nur die Basics wie zum Beispiel das Lernen der Farben, Zahlen oder den eigenen Namen schreiben; mehr ist oft auch einfach nicht drin. Deswegen steht Spielen, sich Austoben und Malen eher auf dem Stundenplan, damit gleichzeitig noch ein bisschen die Motorik der Kindern verbessert wird. Oft machen wir auch einfach nur das, worauf wir Lust haben und gestalten jeden Tag nach unseren eigenen Wünschen. Wenn es mal nicht regnet, machen wir Sport draußen oder ein bisschen Gartenarbeit. Wenn das Wetter mal wieder ganz schlecht ist, basteln, malen oder backen wir. Die Klasse ist in zwei Blöcke aufgeteilt. Die Älteren kommen morgens, die Kleinen nach dem Mittagessen und 4 Schüler (sind genau in meinem Alter) bleiben den ganzen Tag. Hier einmal unser grober Stundenplan:

7:30 Uhr – die Älteren kommen, tägliche morgendliche Versammlung der ganzen Schule: Hissen der Flagge, Nationalhymne, Ankündigungen, etc. (wenn es regnet, fällt das ins Wasser oder wird verschoben)

7:45/8:00 Uhr – sauber machen der ganzen Schule (draußen und Klassenräume)

Bis 9:00 Uhr – freie Zeit der Kinder zum Spielen

9 Uhr – Myrienda (Snack zwischendurch, in diesem Fall Frühstück)

9:30 Uhr – Lernen in Kleingruppen

10:30/11 Uhr – sauber machen des Klassenraums

11 Uhr- Mittagessen, Feedingprogramm (in der Schule gibt es eine Küche, wo jedes Kind kostenloses Mittagsessen bekommt)

12 Uhr- die Älteren gehen nach Hause

Bis 1 Uhr – Pause für die Lehrer und mich

1 Uhr – die Kleinen kommen, zusammen spielen

2 Uhr – Lernen in Kleingruppen

2:30/3 Uhr – Myrienda (Feedingprogram), sauber machen

3 Uhr – die Kleinen gehen nach Hause

So ein Stundenplan ist ziemlich gut, dann hat jeder Schüler eine gewisse Routine und seine Aufgaben.

Wenn die Kleinen dann gegen 3 Uhr wieder gehen, fängt der sportliche Teil an. Dann trainieren die 4 Großen mit den Athletics der Schule, die von meinen beiden Lehrern trainiert werden. Manchmal mache ich mit, manchmal bin ich aber zu müde oder manchmal habe ich anderes zu tun. Mein Tag in der Schule endet dann immer gegen 17:00/17:30 Uhr.

Wenn manchmal noch etwas in der Gemeinde los ist oder ich irgendwas helfen muss, mache ich noch einen kleinen Abstecher dahin bevor es nach Hause geht. Erstaunlicherweise oder auch eher leider, gibt es immer etwas zu tun oder zum Vorbereiten, weswegen ich viel meiner Zeit dort verbringe. Vorletztes Wochenende waren wir Gastgeber von dem Diocese Youth Camp 2019 und es war sehr viel Arbeit. Für mich ist es zum Beispiel ungewohnt, dass vieles erst kurz vor knapp geregelt wird. So schlimm, wie es sich anhört ist es aber überhaupt nicht! Ich mag die Jugend in der Gemeinde und verbringe sehr gerne Zeit mit Ihnen.

Wenn ich dann pünktlich um 18 Uhr zu Hause bin, darf ich den Rosenkranz mitbeten. Meine Familie betet nämlich jeden Abend. Danach gibt es Abendessen und meine Gastmutter und ich können gar nicht mehr aufhören zu reden (lustigerweise redet meine Gastmama genauso viel wie ich, gelegentlich endet das dann auch manchmal in stundenlangen Gesprächen).  Dann setzte ich mich oft noch auf unseren Balkon, da es da den einzigen Handy-Empfang in ganz Magalong gibt. Mittlerweile weiß ich genau, in welchem Winkel ich meinen Arm austrecken muss um an Empfang zu gelangen. Der ist jedoch echt sehr schlecht, eigentlich lädt nichts. Wenn mich das dann zu dolle deprimiert, gehe ich schlafen.

So sehen ungefähr meine Wochentage aus. Aber natürlich ist jede Woche anders. Mal müssen wir wegen dem Visum einen Tag nach Manila fahren oder es ist schulfrei wegen Unwettern oder oder. An einem Montag habe hier meine erste richtige Überschwemmung miterlebt. Dummerweise mussten wir an diesem Tag nach Dagupan, um unser VISA zu verlängern. Auf dem Weg dahin hat sich schon herausgestellt, dass viele Straßen wegen den Wassermengen bald nicht mehr zu befahren sein werden. Das hat mir dann schon ziemlich zugesetzt. Bilder meiner Gastmutter, die zeigten, dass das Wasser vor unserer Haustür steht, haben es dann noch schlimmer gemacht; Ich wollte einfach nur noch nach Hause zu meiner Gastfamilie. Glücklicherweise schafften wir es dann wieder zurück nach Alaminos, aber in Mabini und Magalong war immer noch alles überschwemmt. Also blieb ich dann erst noch paar Stunden in Alaminos, bis die Wassermengen einigermaßen weg waren. Nachdem ich einen Jeepney Fahrer lange beschwatz hatte, dass er mich doch bitte versuchen solle, nach Magalong zu fahren, saß ich alleine im Jeepney nach Hause. Natürlich war es noch nicht möglich, weswegen ich die letzten Kilometer nach Hause gelaufen bin. In meinem Leben wurde ich noch nie so komisch angeschaut (ist wahrscheinlich durchaus ungewöhnlich, eine Weiße bei dieser Situation über die Straßen laufen zu sehen) und all die überschwemmten Häuser und Schulen zu sehen, haben in mir ein ganz komisches Gefühl ausgelöst. Als ich dann meine Gastmutter am Gate stehen sah,  sind mir  erstmal die Tränen gekommen. Ich  glaube, ich war noch nie so froh gewesen, zu Hause zu sein. An diesem Tag ist auch einer unserer Hunde gestorben, wegen den Wassermassen. Das alles musste ich dann erstmal verdauen. Unser Haus liegt in einer „Prone Flooded Area“. Bei starkem Regen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir schnell überschwemmt sind.

In meiner Zeit hier, hatte ich schon öfter Erlebnisse, die mich ziemlich fertig gemacht haben. Ich war in Situationen, die ich nicht gewöhnt war und wo ich einfach nicht mehr weiter musste. Trotzdem merke ich, wie mich das in gewisser Weise stärkt und wachsen lässt. Ich habe in kürzester Zeit so viel gelernt, vor allem über mich. Eine Sache, die mir hier besonders Halt gibt sind meine Freunde. Die verstehen mich meistens besser und sie sind Filipinos.

Meine Gastfamilie und meine Freunde geben mir auch das Gefühl, dass das jetzt mein Zuhause ist. Es ist einfach schön zu wissen, dass man eine Familie hat, die sich immer freut, wenn du nach Hause kommst oder Freunde, mit denen du jeden Mist machen kannst, so wie in Deutschland.

Am Wochenende bin ich immer ziemlich viel unterwegs. Letztes Wochenende war ich mit Freunden in Baguio (ca. 6 Stunden mit dem Bus) oder ich bin mit meiner Gasfamilie in Dagupan oder Binalonan. Natürlich gehen wir auch jeden Sonntag in die Kirche und unternehmen manchmal danach etwas zusammen.

Eigentlich ist hier alles selbstverständlich für mich geworden und ich kann sagen, dass ich einfach nur glücklich bin. Ich glaube ich lebe mein Leben hier gerade in vollen Zügen. Ich probiere viel aus und lasse alles auf mich zu kommen. Ich schlafe nachts so gut. Ich kann von nichts genügend bekommen und bin gefühlt 24/7 beschäftigt. In drei Personen habe ich hier ganz tolle Freunde gefunden: Lee, Marigil und Brian (mein Gastbruder). Es ist einfach total wichtig, dass man auch hier jemanden hat, mit dem man über alles reden kann. Die Entfernung nach Deutschland erschwert die Kommunikation schon und manchmal braucht man einfach eine lebendige Person vor sich.

Bis bald!

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