Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

»Wer ist dieser dumme Gott?«

Am 4. Juli begehen die Philippinen ihren 72. Unabhängigkeitstag. Auch wenn Präsident Rodrigo R. Duterte, der am 30. Juni zweijähriges Amtsjubiläum hatte, anderes versprach: Von der früheren Kolonialmacht USA hat sich das Land noch immer nicht emanzipiert.

Rodrigo R. Duterte ist seit nunmehr zwei Jahren 16. Präsident der Philippinen. Bereits jetzt ist er als höchster Repräsentant eines Staates nicht zu toppender Weltmeister im unflätigem Beleidigen und Verfluchen seiner – tatsächlichen und/oder vermeintlichen – politischen Gegner_innen. Wer immer seinen Groll erregt, wird mit dem F***-Wort bedacht, als »Hurensohn« abgekanzelt oder barsch aufgefordert, »die Schnauze zu halten«.

Vor seinem Einzug in Manilas Präsidentenpalast Malacañang hatte Duterte mehr als zwei Jahrzehnte lang in selbstherrlicher Sheriff-Manier die Geschicke von Davao City gelenkt. Als Bürgermeister dieser etwa 1,5 Millionen Einwohner_innen zählenden größten südphilippinischen Stadt war er stets um ein »sauberes« Stadtbild bemüht, wobei er und seine Getreuen in der Stadtverwaltung mit eiserner Faust gegen alle vorgingen, die ihrer Meinung nach diesem Image nicht entsprachen – vor allem Straßenkinder, Kleinkriminelle und anderes »Gesindel«. Vorzugsweise ließ sich »Digong«, wie Dutertes Fangemeinde ihn nennt, mit Besen und einer Uzi-Machinenpistole im Anschlag ablichten, um so unmissverständlich seinen Allmachtsfantasien Nachdruck zu verleihen.

Bislang konnten sämtliche Recherchen und Untersuchungskommissionen nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen – darunter amnesty international und Human Rights Watch – dem Mann nichts anhaben, wonach während »Digongs« Herrschaft weit über eintausend Personen dem gewaltsamen Treiben einer Todesschwadron, der sogenannten »Davao Death Squad«, zum Opfer fielen. Ganz im Gegenteil: Gewaltige Heerscharen von Pro-Duterte-Trolls sind heute in den sogenannten sozialen Medien rund um die Uhr damit befasst, Ruchbares mit der Gloriole eines langersehnten Messias zu umhängen, und feiern sich und ihr Idol als »diehard Duterte supporters« (»knallharte Duterte-Unterstützer«).

Seinen überwältigenden Wahlsieg im Mai 2016 verdankte Duterte den großspurigen Versprechungen, das ganze Land von »Drogen, Kriminalität und Korruption« zu säubern und es gemäß dem Ebenbilde Davaos umzugestalten. Untermauert wurde dieses Ansinnen mit der seinerzeit sehr populären Forderung, die aus der Ferne als imperial wahrgenommene Bastion Manila zu schleifen und den Einfluss der dortigen »trapos« – eine Abkürzung für »traditionelle Politiker«, was im Spanischen indes »Schmier-« oder »Putzlappen« bedeutet – zurückzudrängen.

Wenngleich die gescholtenen »trapos« bislang unbehelligt blieben oder sich selbst ins Duterte-Lager begaben und Korruptionsvorwürfe in erster Linie gegen politische Gegner erhoben werden, geht der »Antidrogenkrieg« und der »Kampf gegen Kriminalität« in unverminderter Härte weiter. Tausende Tote – die Zahlen schwanken da allerdings beträchtlich zwischen 8000 und annähernd 20 000 – hat dieser »Antidrogenkrieg« seit Dutertes Amtseinführung gefordert. Die Opfer sind nahezu ausnahmslos arme Schlucker aus den Elendsvierteln, von denen vermutet wurde, dass sie Drogen nahmen beziehungsweise auf eigene Faust als Kleindealer agierten.

Bürgerrechtler_innen und Menschenrechtsorganisationen haben es schwer, dagegen die Stimme zu erheben. Sie werden dann flugs von dem einstigen Menschenrechtsanwalt und heutigen Regierungssprecher Harry Roque als »unwissentliche Instrumente« von Drogenbossen denunziert. Im Februar reagierte der Internationale Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag auf eine vorliegende Klage und nahm Untersuchungen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen die philippinische Regierung auf. Daraufhin warf Duterte dem ICC vor, mit seiner rechtlichen Zuständigkeit zu brechen und stieg ad hoc aus dem Internationalen Strafgerichtshof aus.

»Wenn wir nicht länger mehr der Exekutive, der Legislative und der Judikative vertrauen können, sind wir auf uns selbst gestellt.«

Mary John Mananzan, Benediktinerschwester

Da in dem vorwiegend christlichen Inselstaat die katholische Kirche eine mächtige Institution darstellt, die das Duterte-Lager im Gegensatz zur Legislative und Judikative (noch) nicht zu kontrollieren vermag, hat der Präsident gegen sie jüngst schwere Geschütze aufgefahren. Am 22. Juni erklärte der Präsident auf einer Konferenz in seiner Heimatstadt Davao mit Blick auf seine kirchlichen Kritiker_innen und Gegner_innen: »Wer ist dieser dumme Gott, der zunächst so viel Schönes und mit Adam und Eva die ersten Menschen auf der Erde erschuf, um sie dann durch eine verbotene Frucht zu zerstören? Was ist das für eine Logik? Das ist mein Gott nicht!« Das erregte selbst bei Getreuen des Präsidenten Unmut. Senator Panfilo Lacson, der dem politischen Lager Dutertes angehört, schämte sich für den Präsidenten und wünschte in einem kurzen Statement, »dass Gott ihm verzeihen und seine Sünden vergeben möge«.

Unmissverständlicher fiel bereits vorher die Kritik am Regierungsstil des Präsidenten seitens der rührigen Benediktinerin, Frauenrechtlerin und Altaktivistin Schwester Mary John Mananzan aus, die Mitte Mai auf einer Protestkundgebung in Manila erklärt hatte: »Wenn wir nicht länger mehr der Exekutive, der Legislative und der Judikative vertrauen können, sind wir auf uns selbst gestellt. Wir werden wie eine Atombombe wirken, wenn wir eine entsprechend kritische Masse bilden. Da bedarf es nur noch einer Zündschnur.«