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»Wir brauchen ein Gleichgewicht!«

Die Ifugao, die Erb_innen der weltbekannten Reisterrassen im Norden Luzons (Bild: rappler.com), führen einen Krieg gegen einen neuen Feind, oder besser gesagt, gegen einen alten, der mit neuer Wucht zuschlägt. Ihr Feind ist das unberechenbare Klima.

Vorsicht vor den umamo. Es sind die Götter der Habsucht, die die jährliche Ernte der Ifugao bedrohen. So würden es zumindest Maria Galens Eltern und Großeltern sagen, wenn sie noch am Leben wären. »Sie hätten Rituale, um zu verhindert, dass die umamo die Ernte an sich nehmen«, berichtet sie uns, während wir gemeinsam durch die grünen Reisterrassen von Nagacadan in Kiangan gehen, wo sie seit ihrer Geburt vor 77 Jahren lebt. Kiangan ist eine kleine Stadt in der Provinz Ifugao, gelegen in den Kordilleren im Norden Luzons.

Heutzutage werden die aufwendigen Riten der Ifugao nur noch selten abgehalten. In einigen Dörfern leben sie bloß noch in der Erinnerung der Älteren oder bei Demonstrationen für Touristen auf. Aber die umamo sind noch immer unter uns.

Die Ifugao, die Erb_innen der weltbekannten Reisterrassen, führen einen Krieg gegen einen neuen Feind, oder besser gesagt, gegen einen alten, der mit noch nie da gewesener Wucht zuschlägt. Ihr Feind ist das unberechenbare Klima.

»Oft regnet es so stark, dass es den Boden unserer Reisfelder fortspült. Und dann diese Hitze! Als ich jung war, gab es das nicht. Heutzutage ist es manchmal so heiß, dass man es kaum ertragen kann«, sagt Maria.

Neben einem Betonweg, der sich durch die Reisterrassen in die Höhe windet, erheben sich unförmig aufgetürmte Erdhügel und Gras aus den Reisfeldern. Diese Hügel sind alles, was von einer Reisterrasse nach einem starken Sturm wie vor ein paar Monaten bleibt. Die Steine, von Marias Vorfahren sorgfältig angehäuft um das Gewicht der Terrassen zu halten, liegen nun am Fuß des Hügels. Um den Boden nutzbar zu halten, pflanzen die Dorfbewohner_innen von Nagacadan Gurkenpflanzen und anderes Gemüse. Doch die Tage der prachtvollen Reisterrassen sind damit vorüber.

Erdrutsche nach starken Stürmen sind nichts Neues für die zähen Ifugao. Aber die jüngsten Ereignisse deuten auf ein neues Muster — oder fast noch beunruhigender — auf das Fehlen eines Musters hin. »Das Wetter nimmt überhand. Die Stürme kommen direkt hintereinander, manchmal sogar gleichzeitig«, sagt Marlon Martin, der die Save Ifugao Terraces Movement (SITMo) leitet. Die Bäuer_innen der berühmten Batad-Reisterrassen, vier Autostunden von Nagacadan entfernt, erzählen, dass sie die gleichen Schwierigkeiten haben wie sie hier.

Farmer Mongarnon Binalit deutet auf ein stetes Rinnsal, das langsam durch die mit goldenen Reishalmen besetzten Terrassen fließt. Früher rausche hier ein kräftiger Bach und füllte die Reisterrassen mit lebenspendendem Wasser. Heute liegen neben denen vom starken Regen zerstörten Feldern solche, die der Hitze zum Opfer fielen.

Farmer Mongarnon Binalit mangelt es an Wasser um seine durstigen Reispflanzen zu versorgen (Quelle: rappler.com).
Farmer Mongarnon Binalit mangelt es an Wasser, um seine durstigen Reispflanzen zu versorgen (Quelle: rappler.com).

»Die meisten der Terrassen wurden wegen Wassermangels aufgegeben«, so Jimmy Lingayo, Leiter der Ifugao Reisbauern-Kooperative. Das veränderte Klima wirkt sich nicht nur negativ auf die Bewässerung aus, es öffnet auch neuen Schädlingen Tür und Tor. »Insektenarten, die vor 10 oder 15 Jahren noch nicht hier waren, werden nun zum Problem; vielleicht, weil es wärmer geworden ist«, vermutet Marlon in einer Mischung aus Englisch und Filipino.

Das Klima ist aus den Fugen geraten

Wissenschaftler_innen sagen, dass diese neue Bedrohung für den Reisterrassen nichts anderes ist als der Klimawandel. Das Gleichgewicht des Klimas in den Kordilleren begann sich in den frühen 1990er Jahren zu wenden, wie ein Ifugao-Wissenschaftler 2013 im Asian Journal of Science and Technology darlegte. »Die Jahre vor 1990 waren demnach die besten Jahre in der Geschichte des Terrassenanbaus. In diesen Jahren konnten die Landwirte die Vorteile der Regelmäßigkeiten des Klimas bestmöglich nutzen und damit die Produktivität maximieren«, schreibt Robert Ngidlo von der Ifugao State University in seiner Veröffentlichung. Vor den 1990er Jahren musste sich die Kordilleren-Region nur auf ein oder zwei starke Taifune alle fünf Jahre einstellen. Mittlerweile leidet die Region unter mindestens einem Sturm pro Jahr.

Es ist keine Überraschung, dass der starke Rückgang der Reisterrassen in den letzten 10 bis 20 Jahren vor allem Erdrutschen nach starken Regenfällen sowie dem Zusammenbruch von Deichen und Mauern zugeschrieben wird. Starker Regen wirkt sich außerdem direkt ertragssmindernd auf viele Reissorten aus. So neigen von Taifunen betroffene Reispflanzen dazu, leere Rispen zu produzieren. Die Landwirte in der Region schätzen, dass sie bis zu 80 Prozent ihrer Ernte an die Taifune verlieren, je nachdem wann und mit welcher Intensität sie auftreten. Darüber hinaus gedeihen einige Schädlinge, wie etwa der Reiskäfer oder einige Riesenwürmer, besonders gut im wärmer und feuchter gewordenen Klima und bedrohen die Reispflanzen damit um so mehr.

Während vereinzelte Berichte auf stärkere Stürme hindeuten, zeigen langjährige Wetteraufzeichnungen des Philippine Atmospheric Geophysical and Astronomical Services Administration (PAGASA) und des Manila Observatory jedoch, dass die monatlichen Niederschläge in der Region im Mittel rückläufig sind. Die geringeren Niederschläge gehen dabei mit höheren Temperaturen einher. So waren laut PAGASA und Manila Observatory die Durchschnittstemperaturen von 1981 bis 2000 um 3 °C wärmer als die Temperaturen, die 1908 bis 1935 noch vor dem Ersten Weltkrieg aufgezeichnet wurden. Für die Jahre 2036 bis 2065 prognostiziert PAGASA einen Temperaturanstieg um nicht weniger als 1,6 bis 2,1 °C. Nach Taifunen seien steigende Temperaturen und Trockenheit die zweitgrößte Bedrohung für die Reisterrassen so die Studie von Robert Ngidlo. Demnach beschädigte das acht Monate andauernde El Niño von 2009 »einen Großteil der Reisterrassen«. Unregelmäßige Niederschläge und überdurchschnittlich hohe Temperaturen während der trockenen Monate von Januar bis Juni führen immer wieder zu Wasserknappheit.

2015 sahen die Reisterrassen und die Ifugao erneut einem starken El Niño entgegen.

In den muyong

Wenn das Klima derart durcheinander ist, geht das empfindliche Gleichgewicht verloren, das die Reisterrassen über Generationen bewahrt hat. Doch die Ifugao-Bauern denken nicht daran aufzugeben, vor allem, da ein Teil der Lösung womöglich bereits fest in ihrer Kultur verankert ist.

Maria lenkt meinen Blick vorbei an den prachtvollen Stufen von Reispflanzen auf die dahinter liegenden Wälder, die muyong, die zusammen mit den Reisterrassen von Generation zu Generation vererbt werden. Je nach Stamm werden die muyong auch hinobaaan, hinoob, pinuku oder pinugu genannt, aber alle bedeuten das Gleiche: sorgfältig bewachte Wälder, die dem Stamm Brennholz, Heilkräuter und andere Ressourcen liefern. Eine der wichtigsten Funktionen ist die natürliche Speicherung von Wasser für die Reisterrassen weiter unten. Wissenschaftler_innen nennen das ein Wassereinzugsgebiet.

Die muyong sind das »primäre Wasserreservoir der Reisterrassen«, so die Ngidlo-Studie. Bäume und Boden im muyong absorbieren den Regen aus den Bergen, reinigen ihn von Schadstoffen und leiten ihn langsam und kontrolliert ab. Das Wasser wird dann auf die Reisterrassen umgeleitet, wo es der Bewässerung der durstigen Reispflanzen dient.

Ramon Binalit erklärt den muyong-Glauben so: »Es gibt bestimmte Baumarten, denen wir die Fähigkeit zusprechen, Wasser speichern oder produzieren zu können. Unsere Ältesten verboten uns, diese Bäume zu fällen.« Die Ältesten wiesen früher ein oder zwei Mitglieder des Stammes an, das Wassereinzugsgebiet zu schützen. Wenn jemand dabei erwischt wurde, Bäume oder Pflanzen innerhalb des muyong ohne Erlaubnis der Familie oder des Stammes zu schneiden, wurde diese Person gezwungen, für das gesamte Dorf ein Fest auszurichten. Heutzutage sind solche »Straffeste« kaum noch verbreitet. Aber ein für schuldig befundenes Stammesmitglied habe noch immer ein Schwein oder zwei an die Geschädigten abzugeben.

Die Völker der Kordilleren haben das System der Pflege ihrer muyong perfektioniert — eine aufwändige Praxis, bei der bestimmte Baumarten noch immer unberührt gelassen, alte Bäume für Brennholz geschnitten und Bereiche sorgfältig von Gestrüpp geräumt werden, um Schösslinge wachsen zu lassen. Dieser strenge Schutz zum Erhalt des Wassereinzugsgebiets ist eine Möglichkeit für die Ifugao-Landwirte die Auswirkungen des Klimas auf ihre Reisterrassen zu mildern. Doch die muyong-Praxis selbst ist in Gefahr. Stetig wächst die Holzindustrie, die moderne Landwirtschaft und der Tourismus. Viele Ifugao schlagen mittlerweile zu viele Bäume, um Holzschnitzereien zu produzieren und sie an Touristen und Dekorateure zu verkaufen, beklagt Jimmy. Marlon schätzt, dass etwa 60 Prozent aller Holzschnitzereien und Möbel in Paete, Laguna, aus den Kordilleren kommen.

Die Ifugao auf der Straße werden zugeben, dass die sogenannten narra-Bäume, die vom Stamm gemeinsam verwendet werden, immer seltener werden. Tourismus, genährt durch das Interesse an den majestätischen Reisterrassen, hat einige Ifugao-Familien dazu verleitet, ein paar Bäume mehr zu opfern um Pensionen in ihrem muyong zu bauen.

Anstelle traditioneller, in den Kordilleren heimischer Reissorten zwingt der Klimawandel außerdem immer mehr Reisbauern dazu, konventionellen Tiefland-Reis zu pflanzen. Tiefland-Reis reift früher, sodass die Landwirte zweimal statt wie bisher einmal im Jahr ernten können. Aber die zusätzliche Erntezeit nimmt den Ifugao die Zeit, die sie brauchen um ihren muyong zu unterhalten. All diese Faktoren haben dazu geführt, dass viele muyong schlecht bewirtschaftet werden und damit ihre Fähigkeit zu Wasserspeicherung verlieren.

Das Gleichgewicht wieder herstellen

Marlon, ein mit Holz umkleidetes Messer tragend, geht durch den muyong von Bauer Gilbert Ananayo. Gerade kommt er aus einem Workshop über Wassermanagement und Bewässerung für Ifugao-Bäuer_innen zurück. Die Organisation solcher Workshops ist eine seiner Aufgaben als Leiter der SITMo, die im Jahr 2000 gegründet wurde, um die Reisterrassen zu erhalten.

Die SITMo arbeitet mit Bauern wie Gilbert und Bauernorganisationen in der Ifugao-Provinz zusammen, um die beinahe vergessenen Praktiken zum Erhalt der muyong wiederzubeleben. Gilbert ist damit beschäftigt Bambusgehölz neben dem Weg zu trimmen, das anzuwenden, was er aus dem letzten SITMo-Workshops gelernt hat.

Wie früher die Ifugao-Ältesten, hilft die SITMo nun Bauern, ihre muyong zu pflegen und nachhaltig zu bewirtschaften, sagt Marlon, selbst ein nativer Ifugao. Die Workshops und Vorführungen dienen auch als Mahnung für die Landwirte, die ihren muyong aufgegeben haben.

Doch indigenes Wissen allein wird die Reisterrassen nicht retten, gibt Marlon zu. »Heutzutage verändert sich vieles so schnell, da wird es nicht genügen, sich nur auf traditionelle Praktiken zu verlassen. Wir müssen sie auch verbessern«. Und das ist, was er mit der SITMo zu tun hofft.

Eine moderne Methode, die sie Bäuer_innen lehren ist das System of Rice Intensification (SRI), eine neu entwickelte Reihe von Praktiken zur Produktivitätssteigerung von Reisfeldern, bei der die Nutzung von Pflanze, Boden, Wasser und Nährstoffen nach Empfehlungen des International Rice Research Institute (IRRI) optimiert werden soll. Die Methodik gewinnt weltweit an Zustimmung da sie sowohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, als auch an die örtlichen Gegebenheiten und Gewohnheiten der Landwirte angepasst ist. SRI bedeutet in der Regel einen niedrigeren Wasserverbrauch, einen höheren Arbeitsaufwand, die Verwendung organischer Düngern und eine effizientere Nutzung der Setzlinge. »Viele unserer Landwirte machen das. Sie sagen, es ist im Prinzip das Gleiche, was sie zuvor auch schon getan haben. Nun hat es einen neuen Namen«, sagt Marlon.

Bei SRI werden die Bäuer_innen gelehrt, nur zwei Setzlinge anstelle von vier oder fünf in ein Loch zu pflanzen. Je weniger Setzlinge gepflanzt werden, desto dicker sind die Sprosse und damit die Anzahl der Körner höher. Weitere Kurse sind in Planung. Marlon sagt, SITMo plant Reis zusammen mit Enten zu kultivieren, um den berüchtigten Schädling »goldenen kuhol« auszurotten. Für solche und andere neue Methoden unterhält die SITMo Pilotstandorte zur Demonstration.

»Man kann die Unterschiede zwischen konventionellen und SRI-Feldern deutlich erkennen. Manchmal sind die Erträge doppelt so hoch. Viele [der Bauern] sind so beeindruckt, dass sie die neue Methode direkt annehmen«, sagt Marlon.

Auch die alte Praxis der muyong-Pflege erfährt unterdessen eine Modernisierung. Viele seiner zentralen Prinzipien ähneln der Assisted Natural Regeneration (ANR). Als billigere und schnellere Alternative zu Aufforstung, beinhaltet ANR den Schutz der Setzlinge durch das Entfernen von Gestrüpp und strategische Beschneidung.

Marlon glaubt, ein Gleichgewicht zwischen traditionellen und modernen Techniken bringe auch wieder das Gleichgewicht für die Reisterrassen. Ein solches Gleichgewicht wäre besonders wichtig in einer Zeit, in der immer mehr junge Ifugao in die Städte ziehen, um zu studieren und ihren Lebensunterhalt zu verdienen: »Je gebildeter wir in den modernen Techniken werden, desto ignoranter und unwissender werden wir gegenüber den traditionellen Methoden zur Erhaltung der Umwelt und der Reisterrassen. Wir brauchen ein Gleichgewicht!«

Maria, deren Gesicht zerfurcht ist von den Jahren wie die Berge mit ihren Reisterrassen, sitzt zwischen den Generationen. Sie erinnert sich an ihre Vorfahren, die in den Terrassen geschuftet haben und ruft ihre Kinder an, die jetzt alle in den Städten leben: »Wir bitten unsere Kinder immer zu helfen, unser Erbe zu erhalten, es fortzuführen, auch wenn sie nicht mehr auf den Feldern ackern wollen. Sie werden dazu beitragen müssen, das zu reparieren, was zerstört ist. Das ist, was wir unseren Kindern sagen.«