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People Power

Das philippinische Volk war im Februar 1986 ein Machtfaktor, den Militär und US-Administration zu lenken wussten, um mit dem Sturz des Diktators Marcos die Verhältnisse auf dem Inselstaat nicht sonderlich zu ändern. Eine »People’s Power«, eine Volksmacht, kam so nicht zur Entfaltung.

Am 21. August 1983 wurde der schärfste politische Rivale des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, der Oppositionspolitiker Benigno S. Aquino (Anm.: Benigno Aquino war mit Corazon Aquino verheiratet. Sie war zwischen 1986 und 1992 Präsidentin. Ihr gemeinsamer Sohn Benigno Aquino III. ist seit Juni 2010 Oberhaupt des Landes.) nach seiner Rückkehr aus zeitweiligem Asyl in den USA auf dem Rollfeld des Flughafens von Manila erschossen. Seitdem verging kaum ein Tag, an dem sich nicht innerhalb wie außerhalb der Hauptstadt Manila Widerstand regte. Diesem schlossen sich auch immer mehr Mitglieder der Oberschichten an. Am 22. Februar 1986 blies diese als »Parlament der Straße« in die Landesgeschichte eingegangene breite Protestbewegung zum »letzten Gefecht«. Drei Tage später, am Abend, hatte sie ihr Ziel erreicht. Die überschwänglich als Ikone der Demokratie und Hoffnungsträgerin gefeierte Witwe des einstigen Marcos-Herausforderers, Corazon C. Aquino – liebevoll »Cory« genannt – war nunmehr die neue Chefin im Präsidentenpalast Malacañang.

In jenen Tagen glich Manila der gigantischen Bühne eines politischen Open-Air-Festivals. Mehr noch: Als römisch-katholische Bastion in Südostasien, wo tiefe Religiosität vielfach mit hoch dosiertem Aberglauben ein wundersames Amalgam bildet, sahen sich zahlreiche himmlisch fühlende Festivalbesucher_innen so sehr von Rosenkränzen, Wundern und der Jungfrau Maria umgeben, dass letzterer zu Ehren auch im Jahre 1989 ein Schrein nebst überdimensionaler Statue eingeweiht wurde. So war es kein Wunder, dass auch die Tage um den Diktatorensturz im Lande alternierend als »Rosenkranz-«, »Wunder-« oder »People Power«-Revolution in die Annalen eingingen. Und: Es war dies in der Endphase des Kalten Krieges und aufgrund der Präsenz von weit über 1.000 eingeflogenen internationalen Medienberichterstatter_innen auch der erste telegen ausgeleuchtete Machtwechsel in einem Land der sogenannten Dritten Welt.

Vorgezogene Wahl – Revolte im Militär

Auslöser für die politisch turbulenten Ereignisse vom 22. bis 25. Februar 1986 war die vorgezogene Präsidentschaftswahl am 7. Februar, zu der Washington Ferdinand E. Marcos, seinen längjährigen Gewährsmann und Vasallen in Südostasien, gedrängt hatte. Es ging darum, das ramponierte Image des Diktators seit der Ermordung von Aquino aufzupolieren und dem Land gleichzeitig einen Ausweg aus seiner tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise zu bahnen. Marcos selbst hatte keinerlei Veranlassung gesehen, seine Herrschaft durch einen neuerlichen Urnengang legitimieren zu lassen. Doch dem Druck des US-Präsidenten Ronald Reagan vermochte sich auch der selbstherrliche Despot in Manila nicht zu entziehen. So hatte er Ende November 1985 in Interviews mit US-Fernsehsendern den 7. Februar 1986 als Termin für die von Washington gewünschte »Snap election« angekündigt.

Dermaßen aufgewühlt und polarisiert war die Stimmung, dass das Ergebnis dieser Wahl für die schwindende Schar der Marcos-Befürworter_innen schon im voraus ebenso klar war wie für das Lager seiner Gegner_innen. Berichte über massive Wahlfälschungen und Schiebungen überschlugen sich. Das führte dazu, dass sich sowohl Marcos als auch seine Kontrahentin, die von der gemäßigten Opposition erst spät nominierte »Cory« Aquino, jeweils als Wahlsieger_in wähnten. Das Endergebnis der Abstimmung spielte letztlich keine Rolle mehr, als sich am 22. Februar mit Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile und dem damaligen stellvertretenden Generalstabschef, Generalleutnant Fidel V. Ramos, zwei vormals engste Vertraute des Präsidenten, von eben diesem abwandten und sich in den jeweiligen Hauptquartieren von Polizei und regulären Streitkräften verschanzten. Waren sie über Nacht zu Rebellen mutiert, gar zu Feinden der Diktatur?

Enrile, publicity-trächtig in Kampfuniform auftretend, seine Finger am Abzug einer Uzi-Maschinenpistole, war mit Marcos seit dessen erstem Wahlsieg 1965 durch dick und dünn gegangen. Bevor er Verteidigungsminister wurde, hatte er andere hohe Regierungsposten inne und galt für Marcos als Korsettstange seines Regimes. Als dessen Kumpan, von 1972 bis 1981 gar oberster Kriegsrechtsverwalter, hatte er, sich vom Adoptivkind zum Juristen zielstrebig nach oben arbeitend, Abermillionen aus einem von der Kokosnuss- und Holzindustrie zusammengezimmerten Wirtschaftsimperium gescheffelt. Ramos, der sich gern in Machomanier mit Zigarrenstummel im Mundwinkel präsentierte, Absolvent der US-Militärakademie in West Point/New York, Korea- und Vietnamkriegsveteran sowie passionierter Fallschirmspringer, stand mit der Constabulary/Integrierten Nationalpolizei, der Vorläuferin der heutigen Philippine National Police, einer Truppe vor, die wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen wiederholt national wie international scharf kritisiert worden war.

Höhere Weihen, liturgischer Protest

Der gleichermaßen in weltlichen wie religiös überwölbten Machtkuppeln heimische Erzbischof von Manila, Jaime Lachica Kardinal Sin, präsentierte sich als ein weiterer gewichtiger Protagonist jener Zeit. Als oberster Hirte des vorwiegend römisch-katholischen Landes wähnte er zwischen dem 22. und 25. Februar Göttliches am Werk. Unsichtbar, doch omnipräsent sei die Gottesmutter auf Manilas meist zehnspuriger Stadtautobahn, der Epifanio de los Santos Avenue (EDSA), zwischen die Kontrahenten – hier die Soldaten, dort das aufbegehrende Volk – getreten. Nonnen und Priester, vereint im Gebet, behängten die aufgepflanzten Bajonette einer hypnotisierten, plötzlich domestizierbereiten Staatsmacht mit Rosenkränzen und Blumen. Ein solch unerwarteter Gruß wurde – ungläubig zwar, dann verhalten – mit eben dem Siegeszeichen der Opposition erwidert: den zum »L« (für »Laban«, Kampf) gespreizten Daumen und Zeigefinger.

Über den katholischen Rundfunksender Radio Veritas, der mit Geldmitteln aus den USA seitens des Opus Dei und aus der BRD durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung gesegnet war, rief der medial gewandte Kardinal am 22. Februar zu einem Massenspaziergang der besonderen Art auf. Treffpunkt: die sich entlang der EDSA vis-à-vis gegenüberliegenden Hauptquartiere der Nationalpolizei und der Streitkräfte, Camp Crame und Camp Aguinaldo. Jene Orte also, wo sich Ramos und Enrile mit einer stündlich angewachsenen Schar von Meuterern und Gefolgsleuten verbarrikadiert hatten und dort mit einem Angriff der nach wie vor loyal zu Marcos stehenden Generalität rechneten.

Doch ein solcher Befehl aus dem Präsidentenpalast blieb aus. Zu groß war mittlerweile die auf und entlang der EDSA versammelte Menschenmenge, als dass ein gewaltsames, gar offen militärisches Eingreifen ein Massaker ungeheuerlichen Ausmaßes bedeutet hätte. Welch ein Umschwung und Gesinnungswandel! Da waren die staatlichen Ordnungshüter_innen jahrelang im Volksmund hinter vorgehaltener Hand als »Buwaya« (Krokodile) bezeichnet worden, zu denen man tunlichst Distanz wahrte. Und nun suchte das Volk eben die Nähe zu Soldat_innen, ja beschenkte sie nebst Blumen und Rosenkränzen mit Essen und Trinken, die noch Stunden zuvor als hartgesottene Vertreter_innen einer vermaledeiten Staatsmacht gegolten hatten. Camp Crame und Camp Aguinaldo, einst Schaltzentralen flächendeckenden Staatsterrors, glichen nunmehr einem Heerlager der Friedfertigkeit. In einer solchen Situation wollten die über Nacht zu Rebell_innen mutierten Soldat_innen nicht schießen. Und die ausgedünnte Schar der Marcos-Getreuen konnte nicht (mehr) schießen.

Die »People Power«

Die unbekannte, unberechenbare Größe blieb das Volk. Dazu zählten die Bauern und Bäuerinnen, die schlechter behandelt wurden als ihre Wasserbüffel; die Arbeiter_innen, die man mit Hungerlöhnen, unbezahlten Überstunden und Streikverboten malträtiert hatte; die Fischer_innen, wegsaniert von den Städteplaner_innen einer von Grandezza und Pomp besessenen First Lady Imelda; die Straßenhändler_innen, die Mittelschichten, Studierenden, Krankenpfleger_innen, schließlich die auf Exklusivität bedachte Großgrundbesitzerklasse und in Extravaganzen schwelgende Bourgeoisie, umgeben von einem Tross kühler Technokraten und sprachgewaltiger Souffleure aus Wissenschaft, Kunst und Kirche.

Sie alle, die üblicherweise vieles trennt, fanden auf der EDSA zueinander, kurz nur, aber empathisch, um alsbald wieder in ihre Welt der »Gated communities« oder »Shanties«, den einfachen Holzhütten, einzutauchen. Was blieb war ein Lied, das im Frühjahr 1986 zur Hymne wurde – neben dem antikolonialen »Ang Bayan Ko« (Mein geliebtes Heimatland) und dem 1972 komponierten US-amerikanischen Popsong »Tie a yel­low ribbon ’round the old oak tree« (Umkränze die alte Eiche mit einer gelben Schleife). Es hieß: »Handog ng Pilipino sa Mundo« (Das Geschenk des Filipin@ an die Welt), und sein Komponist war Jaime »Jim« Paredes. »Seht«, so lautet eine Strophe dieses Liedes, »was in unserem Land geschieht! Reiche und Arme tun sich zusammen – Nonnen, Priester und Soldat_innen vollziehn den langersehnten Schulterschluss, und dieser Teil der Erde verwandelt sich in einen Himmel.« Und der Refrain: »Ein Geschenk des Filipin@ an die Welt – ein gewaltloser Weg zur Veränderung, Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit – sie sind zu erlangen ohne Gewalt, solange wir vereint sind.«

Gelb, Gelb über alles

Farbsymbole – auch sie kamen massenhaft zur Geltung. Neben dem »unbefleckten« Weiß, dem Grün des alten Politfuchses und »Corys« Vize, Salvador »Doy« Laurel, dessen einflussreicher Familie der Diktator Marcos seine politische Karriere verdankt hatte, dem verhaltenen Rot der Linken und von Teilen des »Parlaments der Straße« – das alles überdeckende Gelb, »Corys« Lieblingsfarbe in Anlehnung an ihren Lieblingssong »Tie a yellow ribbon …«. Gelbe Fahnen, gelbes Konfetti, gelbe T-Shirts, unbeschriftete, mehr noch mit einprägsamen Parolen beschriftete: »Ich stoppte einen Panzer!« – »Ich war Teil einer Menschenbarrikade!« – »People Power« etc. Ebenso rasch kursierten »Revolutionsalben« – in bibliophiler Ausgabe für jene, die locker einen halben Durchschnittsmonatslohn hinblättern konnten, und für den Rest eine in erschwinglicher, weniger schmuckvoller Heftform. Im Mittelteil der exklusiven Ausgabe, herausnehmbar, war ein auf Pergamentpapier gedrucktes, durchnummeriertes Zertifikat eingelegt. Es bescheinigte dem Besitzer die Teilnahme an der »Wunderrevolution vom 22. bis zum 25. Februar 1986« und harrte nur noch der notariellen Beglaubigung.

People Power – das Volk als Machtfaktor oder Machtfaktor Volk – war der Schlüsselbegriff und präzisierte hernach in Verbindung mit den Beiworten »Wunder«, »Rosenkranz« und »gewaltlos« den Charakter der »Revolution«. Geprägt wurde er von Aquinos engsten Beratern – Jesuiten der exklusiven Ateneo de Manila University. Machtfaktor Volk – wer wollte dem widersprechen? Idealtypisch fing die Bezeichnung die Stimmung einer Fiesta ein, die das Land bis dato nicht erlebt hatte und es wahrscheinlich auch nicht mehr erleben wird! Furioses Finale dieser famosesten aller Fiestas Filipiniana waren die dröhnenden Motoren von US-Militärhubschraubern, die den Marcos-Clan am 25. Februar im Schutz der Dunkelheit aus dem Präsidentenpalast in die nördlich von Manila gelegene US-Luftwaffenbasis Clark Air Field ausflogen. Nicht die Heimatprovinz des Präsidenten, nicht seine Residenz Paoay in Ilocos Norte, sondern das Exil auf Hawaii war das Ziel eines langen Transports.

Dabei hatte sich Marcos noch am Morgen auf dem Balkon seines Malacañang-Palastes von Claqueuren als Wahlsieger feiern lassen. Doch der langjährige Magier der Macht, einst bewundert, jetzt geschmäht, hatte ausgespielt. Sein Gesicht – aschfahl und aufgedunsen durch Cortisonschübe – wirkte schlapp, als starrte es, bereits in einer verstaubten Ecke von Madame Tussauds in Wachs modelliert, auf deren ausdrucksstärkere Kabinettsfiguren. »Machen Sie Schluss, einen sauberen Abgang«, hatte ihm Augenblicke zuvor Präsident Reagans Sonderemissär, Senator Paul D. Laxalt, telefonisch beschieden.

Gleichzeitig reklamierte »Cory« ihren Sieg, umringt von erneut herbeigeströmten Volksmassen, als gelte es, sich selbst und die Auferstehung der Demokratie zu zelebrieren. Die Witwe verkörperte in jenen Momenten das im insularen Katholizismus so überaus dominante mariologische Element – ein ferner Abglanz einer präkolonialen Ära, da die spanischen Konquistadoren noch nicht komplett und landesweit ihre Machoherrschaft zementiert hatten.

Rot unter anderem

Und die radikale Linke in Gestalt der 1968 auf der Grundlage der Ideen des Marxismus-Leninismus und der von Mao Tse Tung neukonstituierten Kommunistischen Partei (CPP) mit ihrer drei Monate später gegründeten Guerilla der Neuen Volksarmee (NPA)? Sie hatte sich nach Marcos’ Verkündung des Kriegsrechts im September 1972 im Frühjahr darauf als Teil des im Untergrund operierenden Oppositionsbündnisses der Nationalen Demokratischen Front (NDF) formiert und propagierte quasi als eigene säkulare »Dreifaltigkeitslehre« einen antiimperialistischen, antifeudalistischen und (ihrer Meinung nach) antifaschistischen beziehungsweise antidiktatorischen Kampf. Mit dem Ziel, durch einen langwierigen Volkskrieg vom Hinterland aus schrittweise die Städte zu erobern und eine volksdemokratische Herrschaft zu errichten – ein Kurs, wie Mao Tse Tung ihn einst in China verfolgt hatte.

Bis Mitte der 1980er Jahre war die NDF mit ihren etwa ein Dutzend Mitgliedsorganisationen zweifellos die ideologisch, politisch und organisatorisch hegemoniale Kraft im Kampf gegen das verhasste Marcos-Regime. Es waren NDF-Mitglieder, die von Anfang an und am erbittertsten Widerstand gegen die Diktatur leisteten und dafür den höchsten Blutzoll entrichteten. Doch vor allem die NPA unterschätzte fatal die besondere Dynamik des antidiktatorischen Kampfes nach dem Aquino-Mord im August 1983. Unorganisierte Linke oder Linke in anderen politischen Gruppierungen galten insgeheim als suspekt, wenn sie sich »nur« dem demokratischem Kampf verpflichtet fühlten und nicht auch auf einen antiimperialistisch-antifeudalen Kurs einzuschwören waren.

Was schließlich dazu führte, dass die CPP die vorgezogene Wahl am 7. Februar 1986 als »Getöse« abtat, Marcos noch in dieser Phase maßlos überschätzte und seinen Sieg für ausgemacht hielt. Entsprechend rief das Politbüro des Zentralkomitees der Partei zum Wahlboykott auf und überließ so Linken jenseits der NDF und dem Parlament der Straße ungleich größere politisch-organisatorische Handlungsspielräume. Mit der Konsequenz, dass sich wenig später zig Genoss_innen von der Partei abwandten, desillusioniert in innerem Exil Wunden leckten oder sich exklusiv dem parlamentarischen Kampf verschrieben.

Dabei war die NDF seit Mitte der 1970er Jahre eine formidable Kraft, die nach eigenem Bekunden am Vorabend des Marcos-Sturzes über eine Million Mitglieder und eine Massenbasis von etwa zehn Millionen Anhänger_innen zählte. NPA-Verbände operierten in 62 der damals insgesamt 73 Provinzen – mancherorts bereits in Bataillonsstärke. Neurekrutierungen hatten ein Ausmaß angenommen, dass die NPA mit annähernd 30.000 Kombattant_innen von US-Militärexpert_innen als seinerzeit »weltweit am schnellsten wachsende Guerilla« klassifiziert wurde.

Fatale »Cory-ographie«

Durch diese Ereignisse alarmiert, bereiste seit Herbst 1983 – mit Ausnahme von Reagan – alles, was in Washington Rang und Namen hatte (einschließlich CIA-Chef William Casey), die phi­lippinische Metropole, um vor Ort das Ausmaß der »Subversion« zu studieren. Eine umfassende Lageeinschätzung legte das State Department im November 1984 vor, welche Reagan als Grundlage für seine im Januar 1985 unterschriebene Nationale Sicherheitsdirektive diente. Diese beinhaltete ein Bündel von 16 »hohe Priorität genießenden Veränderungen«, die die USA herbeiführen wollten, um die Gefahr zu bannen, dass eine Radikalisierung in den Philippinen »die gesamte Region destabilisiert«. So wurde von Marcos u. a. eine weniger rigide Amtsführung, die Abschaffung des präsidialen Vorbeugehaft-Gesetzes sowie das Aufbrechen der ihn stützenden Vetternwirtschaft in der Zucker- und Kopraproduktion erwartet (Anm: Kopra ist das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnüsse. Aus ihnen wird Palmöl gewonnen.). Hatte Washington im Falle Nikaraguas, Irans und anderer ehemaliger Vasallenstaaten deren Despoten bis zum bitteren Ende die Stange gehalten, hieß es in diesem Dokument nunmehr sibyllinisch: »Präsident Marcos ist Teil des Problems, aber auch ein Teil von dessen Lösung.« Im Klartext: Marcos war demnach nur noch taktisch haltbar. Von strategischem Interesse – im Sinne einer »geordneten Nachfolgeregelung« – war indes eine Allianz von Generälen vom Schlage eines Ramos mit Politiker_innen aus dem gemäßigten bürgerlichen Spektrum à la Laurel und eben »Cory« Aquino. Just dieses Kalkül Washingtons ging auf.

»Cory« löste zwar rasch ihr Wahlversprechen ein, die politischen Gefangenen des Marcos-Regimes freizulassen. Das hinderte sie aber nicht daran, gleichzeitig allen denjenigen Immunität zuzusichern, die sich Menschenrechtsverletzungen hatten zuschulden kommen lassen. Das sollte sich während ihrer Regentschaft rächen: Sieben Putschversuche konnten nur dank des entschiedenen Einsatzes des Generalstabschefs und späteren Verteidigungsministers Fidel V. Ramos abgewehrt werden. Überhaupt: Es war Ramos, der die Strippen zog und letztlich »Cory« regierte. Anstatt ihr geneigten Organisationen mehr politische Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen, steuerte das zunehmend mit Hardlinern und Militaristen durchsetzte präsidiale Kabinett einen Kurs, der die Belange des Volkes gänzlich aus den Augen verlor.

Die kritische Zusammenarbeit, die zahlreiche fortschrittliche Kräfte und Personen der Präsidentin angeboten hatten, wies Aquino zurück und setzte statt dessen voll auf die US-inspirierte Doktrin des »Low intensity conflict« (Konflikt niedriger Intensität) und das »Total war«-Konzept (absoluter Krieg) gegen alles (vermeintlich) Linke. Selbst blutrünstige Bürgerwehren, die sich damit brüsteten, die abgeschlagenen Köpfe von »Kommunist_innen« als »Trophäen« öffentlich zur Schau zu stellen, bezeichnete die Präsidentin als »Verkörperung von People Power«. Damit erledigte sie nicht nur das Geschäft der rechten, konservativen und reaktionären Kräfte, sondern sorgte auch dafür, dass die vor Marcos existente Elastizität philippinischer Eliten-Demokratie wiederhergestellt wurde. Beispiel Enrile, dem ehemaligen Vertrauten von Marcos: Er blieb unter Aquino Chef des Verteidigungsministeriums, wenngleich er später auf Distanz zur Präsidentin ging und sie gern weggeputscht gesehen hätte. Dann machte er als steinreicher Geschäftsmann weiter von sich reden, wurde Mitglied des Senats, um später ins Repräsentantenhaus zu wechseln und erneut in den Senat einzuziehen, wo der jetzt 92jährige zeitweilig als dessen Präsident fungierte.

Vorhang zu

Das gleichzeitige Ineinanderfließen all dieser Faktoren – die plötzliche Abkehr eines wichtigen Segments der staatlichen Sicherheitskräfte von Marcos, ein seitens Washington neu erprobtes, überaus erfolgreiches US-Krisenmanagement, eine gleichermaßen vom Klerus und der machtvoll in Erscheinung getretenen metropolitanen Bevölkerung euphorisch unterstützte Lichtgestalt »Cory« Aquino sowie die mediale Projektion eines alten Despoten als abgehalfterter Finsterling – formte den brisanten Stoff, aus dem »People Power« (das Volk als Machtfaktor) gewebt wurde. Wenngleich jene aufwühlenden Tage Ende Februar 1986 größte Hoffnungen schürten, so obsiegte letztlich ein telegener Machtwechsel unter Ausschluss von »People’s Power« (Volksmacht) und Vermeidung eben einer Revolution.

Mit den US-Luftangriffen auf die libyschen Küstenstädte Tripolis und Bengasi unter dem Codenamen »Operation El Dorado Canyon« am 15. April 1986 als Vergeltung für einen mutmaßlich von Libyen gesteuerten Anschlag auf die Westberliner Diskothek »La Belle« wenige Tage zuvor sowie mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zwei Wochen später fand die exaltierte Berichterstattung über den Machtwechsel im fernen Manila ein jähes Ende. Seitdem erheischen die Philippinen lediglich internationale Aufmerksamkeit im Falle von Naturkatastrophen wie Taifunen, Vulkanausbrüchen oder Überschwemmungen. Oder es befinden sich mal wieder im äußersten Süden Geiseln in der Hand der als terroristisch eingestuften Abu Sayyaf – aber das auch nur, solange es sich dabei zumindest um »westliche« Geiseln handelt.