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Verloren im Dschungel

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Ostasien, doch ein japanischer Soldat sollte noch lange weiter für den Tenno kämpfen.

Abtauchen, untertauchen, auftauchen – dazwischen lagen 29 Jahre. So lange dauerte es, bis der anfänglich noch in Diensten der Kaiserlich Japanischen Armee stehende Leutnant und Nachrichtenoffizier Onoda Hirō (Bild, rechts) auf der philippinischen Insel Lubang seine Waffen streckte und einen Schlussstrich unter »seinen« Weltkrieg zog. Das aber erst, nachdem man seinen früheren Vorgesetzten ausfindig gemacht hatte. Dieser gute Mann namens Taniguchi Yoshimi hatte den Rang eines Majors längst abgelegt und war im heimatlichen Japan Buchhändler geworden. Am 9. März 1974 machte er sich auf den Weg nach Lubang und löste dort ein Versprechen ein, dass er Onoda und anderen Soldaten 1944 gegeben hatte: »Was immer auch passiert, wir werden zu Ihnen zurückkommen.« Gesagt, getan.

Als Onoda seinen früheren Vorgesetzten wiedererkannte, nahm er von ihm die förmliche Order entgegen, die Waffen zu strecken und begab sich in seine Obhut. Er trug noch immer seine Uniform und sein Schwert, führte auch Munition mit sich. Da ich zu jener Zeit in den Philippinen weilte, erinnere ich mich lebhaft an das Medienecho, das diese »Kapitulation« hervorrief. Es war ein Riesenhype, der da veranstaltet wurde, die »Entdeckung« des Exleutnants kam sozusagen der Sichtung eines Yeti gleich. Philippinische Polizist_innen und Militärs balgten sich förmlich darum, mit diesem sonderbaren Herrn abgelichtet zu werden. Höhepunkt war Onodas Auftritt beim damaligen Präsidenten Ferdinand E. Marcos, der zwei Jahre zuvor landesweit das Kriegsrecht über den Inselstaat verhängt hatte. Onoda überreichte ihm zeremoniell sein Schwert. Diese Geste rührte den Diktator dermaßen an, dass er den lange Vermissten begnadigte. Onoda hatte laut Presseberichten in seiner Zeit auf Lubang mindestens 20 Menschen getötet und weitaus mehr bei Schießereien verwundet. Zu seinen Opfern zählten sowohl Polizisten, gegen die er sich zur Wehr gesetzt hatte, als auch Bauern und Fischer, an deren Hab und Gut er um des schieren Überlebens willen hatte gelangen wollen.

Als US-Truppen im Februar 1945 Lubang eingenommen und die dort stationierten japanischen Soldaten im Gefecht getötet oder gefangengenommen hatten, war Onoda mit drei Kameraden die Flucht gelungen. Seine Kameraden gerieten in den kommenden Jahren in Gefangenschaft oder wurden bei Schusswechseln mit der örtlichen Polizei getötet. 1959 wurde Onoda offiziell für tot erklärt. Dass er schließlich ausfindig gemacht wurde, war Zufall. Ein im Lande herumreisender japanischer Studienabbrecher und Abenteurer namens Suzuki Norio freundete sich mit ihm an und konnte Anfang 1974 in Japan glaubhaft versichern, dass Onoda noch lebte.

Nach seiner Rückkehr musste dieser neuerlichen Rummel um seine Person erdulden. Er avancierte über Nacht zum Star und zur Galionsfigur all jener, die der militaristischen Vergangenheit nachtrauerten. Bald darauf folgte er dem Beispiel seines älteren Bruders und setzte sich nach Brasilien ab, um dort Viehzüchter zu werden. Als er 1980 zufällig einen Bericht über einen japanischen Jugendlichen las, der seine Eltern umgebracht hatte, entschloss er sich, in seine Heimat zurückzukehren, um dem »Werteverfall« mit der Gründung eigener Schulen zu begegnen. Bevor er Anfang 2014 in Tokio 91-jährig verstarb, hatte er noch Lubang besucht und einer dortigen Schule umgerechnet 10.000 US-Dollar geschenkt.