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Indigene: Zwischen Selbstbestimmung und Diskriminierung

In Asien sind die Philippinen nach Burma das Land mit dem prozentual höchsten Anteil an indigener Bevölkerung. Doch die Situation der indigenen Gruppen und ethnischen Minderheiten in den Philippinen ist prekär: Sie müssen mit Diskriminierung, erschwertem Zugang zu Bildung und schlechter Gesundheitsversorgung sowie Landraub kämpfen. Anderen droht der Verlust ihrer kulturellen Identität und ihres tradierten Wissens, da diese in der Gesellschaft nicht geschätzt und im Bildungssystem nicht berücksichtigt werden.

15 bis 20 Prozent der philippinischen Bevölkerung sind Indigene, die meist in klar definierten Gemeinschaften zusammenleben. Davon befinden sich 60 Prozent in Mindanao, 33 Prozent in Luzon, und sieben Prozent in den Visayas. Viele der in Mindanao lebenden Muslime haben indigene Wurzeln. Indigene zeichnen sich durch gemeinsame Merkmale aus, wie eine enge Verbundenheit zu dem Land ihrer Ahnen, eine eigene Kultur, Sprache, sowie eigene soziale und politische Organisation. Meistens repräsentieren sie ethnische Minderheiten, die hauptsächlich von Subsistenzwirtschaft leben und daher von Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen oder gezwungener Umsiedlung am stärksten betroffen sind.

Trotz dieser gemeinsamen Merkmale gibt es zwischen den verschiedenen Gruppen und Stämmen große Unterschiede im Hinblick auf ihre Sprache, Kultur, Wirtschaftsweise sowie politische und soziale Organisationsformen, beispielsweise bewirtschaften die Ifugao in der Cordillera hoch entwickelte Reisterrassen, wogegen die Bajao im Sulu-Archipel auf Stelzhäusern im Meer und vom Fischfang leben. Neben diesen Unterschieden ist den indigenen Gemeinschaften jedoch gemeinsam, dass sie vorkoloniale, nicht-westliche kulturelle Regeln, Gebräuche und Institutionen haben, die teilweise bis heute fortbestehen. So gibt es, obwohl viele der Indigene die christliche oder muslimische Religion übernommen haben, noch viele traditionelle religiöse und kulturelle Praktiken (etwa alte Grenzen, religiöse Rituale und eigene Feiertage), die sich erheblich von denen der mehrheitlich christlichen philippinischen Lebensweise unterscheiden.

Land ist Leben

Indigene Völker haben einen besonderen Bezug zu Land. Ihr ganzes Wissen, ihre Medizin, ihre Häuser, ihre Kleider, ihr Wasser und ihr tägliches Essen kommen von dem Land, das sie seit jeher bewohnen. Das angestammte Land ist ihnen heilig und verkörpert ein Gotteshaus, einen Schutzraum und einen Marktplatz zugleich, es birgt viele Traditionen und Mythen und ist für Indigene von großer symbolischer Relevanz. Für sie ist Land kein Eigentum oder Grundstück, sondern eine gemeinsam genutzte Lebensquelle, über die niemand Besitz ergreifen kann.

Umweltzerstörung, gewaltsame Konflikte und der Klimawandel vertreiben immer mehr indigene Gruppen von ihrem angestammten Land in urbane Zentren. Diese Migration geht oftmals einher mit Entwurzelung und Verlust der kulturellen Identität.

Recht auf Selbstbestimmung

Indigene Völker nach Provinzen (Quelle: Wikicommons).
Indigene Völker nach Provinzen (Quelle: Wikicommons).

Indigene fordern die Anerkennung ihres Rechts auf Selbstbestimmung, gesetzlich gesicherte Landrechte und die Wahrung und den Schutz ihrer traditionellen Kultur.

Der Indigenous Peoples‘ Rights Act (IPRA) von 1997 ist ein rechtlicher und historischer Meilenstein, nicht nur in den Philippinen, sondern weltweit. IPRA kodifiziert in bisher nicht gekannter Weise das Recht auf Verfügungsgewalt über das eigene Ahnenland. Dabei geht es zuweilen noch über internationale Vereinbarungen und den Entwurf der UN-Erklärung der Rechte indigener Völker hinaus.

Das Recht auf kulturelle und religiöse Selbstbestimmung und politische Autonomie, das Recht auf kulturell angemessene Erziehung, das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung, das Recht auf Eigentum und Kontrolle ihres kulturellen und geistigen Erbes und ihrer biologischen und natürlichen Ressourcen, das Verbot der rechtlichen Diskriminierung indigener Menschen – dies alles findet sich in diesem Gesetzeswerk.

Es soll auf dem Ahnenland nichts ohne ihre Einwilligung geschehen, sie sollen Hauptnutznießer_innen aller ökonomischen Aktivitäten sein. Daher bedarf jegliches Projekt auf angestammtem Land einer »freien, vorausgehenden, informierten Zustimmung« (free prior informed consent – FPIC) der indigenen Bevölkerung.

Diskriminierung und Entmachtung

Leider klaffen formales Recht und dessen Umsetzung in der Wirklichkeit weit auseinander. Ihre Lebensgrundlagen sehen die Indigenen bedroht durch die Wirtschaftsinteressen nationaler und internationaler Unternehmen (z.B. im Bergbau) und Landraub (z.B. im Agrobusiness). Versuchen ihre Organisationen, sich mit rechtlichen Mitteln dagegen zu wehren, werden sie oftmals bedroht und eingeschüchtert. In den letzten drei Jahren wurden über 100 Indigene umgebracht, die sich gegen Umweltzerstörung und Großprojekte gestellt hatten. Von vielen für die Philippinen typischen Problemen (Armut, Umweltverschmutzung, Landkonflikte, Menschenrechtsverletzungen, Bergbaufolgen, Klimawandel) sind Indigene besonders betroffen.

Eines der gravierendsten Probleme der indigenen Bevölkerung ist die exzessive Plünderung der natürlichen Ressourcen (Wälder, mineralische Rohstoffe) ihrer Siedlungsgebiete. Denn die nationalen Gesetze erkennen die Landvorstellungen der indigenen Bevölkerung nicht an. Neben diesen Angriffen auf die Lebensgebiete indigener Gemeinschaften werden die ethnischen Minderheiten in den Philippinen auch kulturell diskriminiert. Sie werden bis heute innerhalb der philippinischen Gesellschaft als Bürger_innen zweiter Klasse behandelt. Zwar werden in der philippinischen Verfassung von 1987 die Rechte der indigenen Gemeinschaften anerkannt, sie sollen ihre Religion frei ausüben und die gleichen Rechte wie alle anderen philippinischen Bürger_innen zugestanden bekommen. In den Augen der philippinischen Mehrheitsbevölkerung gelten indigene Menschen mehrheitlich als »primitiv«, »ungebildet« und »zurückgeblieben«.

In den Philippinen ist nicht nur die Umwelt bedroht, sondern auch der Mensch, der in ihr und von ihr lebt. Indigene spielen mehr denn je eine entscheidende Rolle beim Erhalt der sensiblen Biodiversität und der Ökosysteme. Wenn es um die gemeinsame Bewältigung der Umweltprobleme geht, ist es unumgänglich, den indigenen Völkern mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu widmen und sie stärker einzubinden.

Quellen und weiterführende Literatur

Gatmaytan, Augusto (Hrsg.) (2007): Negotiating Autonomy. Case Studies on Philippine Indigenous Peoples‘ Land Rights. Quezon City: IWGIA, LRC-KsK/FoEP and Transaction Publications.

Gaspar, Karl (2000): The Lumad’s Struggle in the Face of Globalization. Davao City. Vidal, Aida T. (2004): Conflicting Laws, Overlapping Claims: The Politics of Indigenous Peoples‘ Land Rights in Mindanao. Davao City: AFRIM.
IFAD (2012): Country Technical Notes on Indigenous Peoples’ Issues. Manila.