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Erbe des Vaters

Sohn von Exdiktator Ferdinand E. Marcos (Bild) will 2016 bei den Präsidentschaftswahlen antreten.

In mehreren Radio- und Fernsehinterviews hat der philippinische Senator Ferdinand »Bongbong« Marcos Jr. (58) Ende August öffentlich angekündigt, dass er bei der nächsten Präsidentschaftswahl im Mai 2016 ein »höheres Amt« anstrebe. Offen ließ er lediglich, ob er sich für das Amt des Vizepräsidenten oder für das Präsidentenamt bewerben will. Angesprochen darauf, ob nicht das Erbe seines Vaters dagegen spreche, der von 1972 bis zu seinem Sturz im Februar 1986 die Philippinen mit Kriegsrecht regierte, die Staatskasse plünderte und Menschenrechtsverletzungen in großem Stil beging, blockte der Sohn ab: »Soll ich mich entschuldigen? Wofür denn? Etwa dafür, dass während der Amtszeit meines Vaters Tausende Kilometer asphaltierter Straßen gebaut wurden, unser Land eine umfassende Agrarreform erlebte und bei Reis zum Selbstversorger sowie der Energiesektor gestärkt wurde und wir in Asien die höchste Alphabetisierungsrate zu verzeichnen haben?« Der Großteil der Bevölkerung, fügte Marcos Junior hinzu, sei ohnehin viel zu jung, um all das miterlebt zu haben. Hätte sein Vater allerdings weitere 20 Jahre im Amt bleiben können, stünden die Philippinen heute so da wie einst der Stadtstaat Singapur unter dem »starken Mann« Lee Kuan Yew. Schließlich werde die Geschichte über das politische Erbe seines Vaters entscheiden »und dabei belassen wir es«.

Amnesie als Staatstugend? Chuzpe des Sprösslings einer alteingesessenen politischen Familiendynastie? Gewiss ist beides im Spiel, und doch ist es nur ein Teil der Wahrheit. Für die Jugendlichen im Land, die heute den Löwenanteil der gut 100 Millionen Menschen zählenden philippinischen Bevölkerung ausmachen, stehen die Namen der Präsidenten nach Marcos nur für eine Riege blasser, inkompetenter oder korrupter Politiker_innen. Und all diejenigen, welche die Marcos-Ära selbst miterlebten oder darunter an Leib und Leben zu leiden hatten, haben die Hoffnung auf Gerechtigkeit längst aufgegeben. Schließlich ist die Masse der Armen, Marginalisierten oder wegen mangelnder Lebensperspektiven ins Ausland abgewanderten Filipin@s vorrangig damit befasst, ihr Überleben zu organisieren.

Der Marcos-Clan lebt hingegen seit Anfang 1966, als Ferdinand Senior zehnter Präsident der Republik wurde und in den Malacañang-Palast einzog, unbehelligt in einer Scheinwelt der besonderen Art. Bereits zehn Jahre nach dem Sturz ihres Gatten antwortete die frühere »First Lady« Imelda Romuáldez Marcos im Februar 1996 auf die Vorhaltung eines Reporters der BBC, dass sie mit einem Vermögen von etwa sechs Milliarden US-Dollar noch immer zu den reichsten Frauen der Welt gehöre: »Ich weiß nicht, ob ich die Erste oder Letzte bin. Die Familie Marcos hat dem Land nichts genommen, sondern alles gegeben. Ich bin eine Bettlerin; ich weiß nicht einmal, woher ich meine nächste Mahlzeit bekomme.«

Die inzwischen 86-jährige Imelda, deren imposante Schuhkollektion einst den Boulevard beflügelte, ist auch heute noch in Manilas Hautevolée gern gesehen. In eigenen Boutiquen lässt sie einst Zusammengeklaubtes meistbietend versteigern. Nebenbei bleibt sie auch politisch präsent. Ende Juni 2010 wurde sie erneut zur Kongressabgeordneten gewählt und vertritt seither den zweiten Distrikt in Ilocos Norte, der Heimatprovinz ihres Mannes. Zur selben Zeit zog ihr Sohn »Bongbong« in den Senat ein, während die älteste Tochter Imee Gouverneurin von Ilocos Norte wurde.