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Vorurteile einer christlich-philippinischen Nation

Die Philippinen werden noch oft als die einzige christliche Nation im südostasiatischen Raum angesehen. So hatte die katholische Kirche der Philippinen lange Zeit die Hoffnung, dass die Christianisierung der gesamten Region aus ihrer missionarischen Aktivität heraus erfolgen könnte. Das ist auch meine Hoffnung, so wie ich zu meinem Glauben stehe und an seine Wahrheit glaube.

Die Wahrheit des Glaubens ist nicht für mich allein gedacht, begrenzt auf einen privaten persönlichen Bereich. Was wahr ist, muss geteilt werden. Aber nicht länger mit dem Kreuz in der einen und dem Schwert in der anderen Hand; nicht länger mit der Macht des Staates, um die Wahrheit des Evangeliums zu »ergänzen«; nicht länger in derÜberzeugung, dass Christ_innen von den Philippinen mit dem traurigen Stand sozialer Ungerechtigkeit in ihrem Staat die Wahrheit und Erleuchtung besitzen, an der es den anderen großen nicht-christlichen Gesellschaften in China, Japan, Korea, Indonesien, Thailand, Kambodscha und Myanmar aber fehlt. Wenn es irgendein Teilen unseres heutigen Glaubens gibt, dann nicht bloß aus Arroganz und Stolz auf unsere Lehre. Glauben zu teilen muss vielmehr aus der Rechtschaffenheit persönlicher und sozialer Wirklichkeit kommen, ohne die eine Lehre nicht wahrhaftig klingt. Diese Integrität muss an vorderster Front jeder missionarischen Unternehmung stehen.

Wo wir bekennen, dass die Unversehrtheit in unserem Leben zerbrochen ist, muss das Mitteilen unseres Glaubens einhergehen mit einer Offenheit zu lernen, wie andere Menschen und Völker ihren Glauben leben. Heute schlägt die Föderation der Asiatischen Bischöfe vor, dass der Weg der Evangelisierung in Südostasien unbedingt die Gestalt des Dialoges statt der Konversion annehmen muss.

Die Haltung der Offenheit für Wahrheit im Leben der anderen legt nahe, dass wir uns selbst öffnen für das vollständige Leben der Nicht-Katholik_innen in den Philippinen. Das könnte anfangen mit einer nochmaligen Prüfung der Vorstellung von »Katholischen Philippinen« oder gar einer »Christlichen Nation«. Fromme Christ_innen dürften das nicht bezwecken aber der Begriff schließt heute etwa acht Millionen Menschen islamischen Glaubens in den Philippinen aus. Ebenso schließt er Filipin@s aus, die Taoisten, Hindus, Buddhisten und indigene Menschen sind. Die Vorstellung der »katholisch-philippinischen Nation« vereinnahmt wohl oder übel die Nation für den katholischen Glauben, der nicht durch eine Nation definiert werden kann oder verknüpft den katholischen Glauben mit einer Nation, die nicht durch einen Glauben definierbar ist. Wenn wir uns an die Art erinnern, wie die spanischen Kolonist_innen die Hispanisierung der Philippinen mit ihrer Christianisierung verbanden und wie die amerikanischen Kolonist_innen den »kleinen braunen Bruder«, den katholischen Filipin@ aus Luzon oder den Visayas, gegenüber den Moros in Mindanao bevorzugten, die gegen ihre Vormachtstellung kämpften, um ihre islamische Identität zu erhalten, so wurde der Begriff der »katholisch-philippinischen Nation« kulturell gefasst: wer lebt innerhalb und wer außerhalb der philippinischen Gesellschaft. Als Katholik_in gehörst du dazu, als Muslim_a nicht. Natürlich kommen Erlösung, Himmel und alle Wohltaten des Gottesreiches auf Erden nur denen zu, die drinnen leben. Und weil die, die nicht drin sind, draußen sind, können Diskriminierung und Ungerechtigkeit gegen sie nicht so schlecht sein.

In einem Gespräch mit muslimischen Pädagog_innen an der islamischen Koranschule für Mindanao in Marawi City, Jamiatu, haben sie mir ihr Leid mitgeteilt. Wenn sie sich um eine Stelle in Manila bewerben und die_der Arbeitgeber_in erfährt, dass sie muslimische Namen tragen, ist der Arbeitsplatz plötzlich für sie nicht (mehr) verfügbar. Wenn sie eine Wohnung mieten möchten und die_der Eigentümer_in sie als Muslime identifiziert, ist sie nicht verfügbar. Unglaublich, dass dies nicht nur für billige Immobilien zutrifft, sondern auch für luxuriöse Siedlungen. Das Vorurteil wurzelt tief. Einige berichten von Vorfällen, bei denen sie von einem_einer Muslim_a betrogen, beschwindelt oder geschädigt wurden. Individuelle Erinnerungen und Urteile werden dann aber auf die ganze islamische Gemeinschaft übertragen. Eine entsprechende Übertragung gibt es nicht, wenn sie von einem Christen oder einer Christin betrogen oder geschädigt wurden. Niemand sagt als Resultat des Verbrechens eines Christen oder einer Christin: »Nur ein toter Christ ist ein guter Christ.« Das wird aber leicht von einem Muslim gesagt. Die christliche Mehrheit übt soziale und kulturelle Macht aus zugunsten derer, deren Glaubensschulen in sind, und diskriminiert die, die out sind.

Dies ist selbstverständlich relevant für die Maßnahmen in der laufenden Legislaturperiode des Parlaments, Feindschaft und Krieg zwischen Muslimen in Mindanao und der Regierung der Philippinen durch die Verabschiedung des Bangsamoro-Grundgesetzes zu beenden. Frieden liegt jetzt in der Hand der Abgeordneten, durch Schaffung eines gesetzlichen Rahmens, in dem diejenigen, die out waren, durch ihre Entscheidung, Muslime zu sein, zur philippinischen Nation gehören.

Das aktuelle Vorurteil gegen Muslime und Angehörige anderer Religionen zu bekämpfen, wird nicht allein durch Gesetze gelingen. Papst Franziskus hat die Katholik_innen in China aufgerufen, gute Zeugen der Wahrheit des katholischen Glaubens zu sein. Er könnte dasselbe zu den Katholiken und Christen in den Philippinen sagen: Lebt Glauben so, dass er erbaulich wirkt auf jene, die diesen Glauben nicht teilen. Christliche Liebe ist unvereinbar mit Fanatismus, Vorurteil und Hass. Sünde und Gebrochenheit sind Teil christlicher Erfahrung. Seid demütig genug, um über die Fülle des Glaubens auch von denen zu lernen, die den katholischen Glauben nicht teilen.

Wo es schwierig ist, Gott in einer materialistischen Welt zu finden, lernt von denen, die fest an einen mitleidenden Gott glauben. Wo es schwierig ist, die Bedeutung Jesu im eigenen täglichen Leben herauszufinden, lernt von denen, die Jesus als großen Propheten verehren. Wo es schwierig ist, Zeit zum Beten zu finden, lernt von denen, die fünfmal am Tag beten und aufrichtig die Mutter Jesu verehren. Wo es schwierig ist, sich vom eigenen Geld zu trennen, um den Armen zu helfen, lernt von denen, die regelmäßig Almosen geben. Wo es schwierig ist zu entscheiden, wohin die nächste Urlaubsreise führen soll, lernt von denen, deren Lebenstraum eine Pilgerfahrt nach Mekka ist, in das Zentrum ihres Glaubens.

Dieses Jahr markiert den 50. Jahrestag des Dekretes Nostra Aetate (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen) des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die Katholiken drängt, in unserer Zeit nach den Elementen zu suchen, die wir mit Menschen anderen Glaubens gemeinsam haben, statt bei denen zu verweilen, die uns trennen. »Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn wegen seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion, weil dies dem Geiste Christi widerspricht.« (Nr. 5)

In den Philippinen bedeutet das, dass wir als Christen das Vorurteil gegen die Muslime und andere Gläubige auflösen, das sich in unserer Evangelisierung womöglich festgesetzt hat. Es bedeutet, die Philippinen zu einer Heimat für die Muslime und (andere) nichtchristliche Filipin@s zu machen – nicht nur in einem Bangsamoro-Heimatland sondern in den gesamten Philippinen.