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Ein Buddha mit Baskenmütze

Er gehört zu den bedeutendsten Autoren der Philippinen: Francisco Sionil José (Bild: philstar). Auch mit neunzig Jahren greift er in seinen Texten immer wieder das aktuelle Geschehen auf und die Mächtigen an.

Was das Geheimnis seines langen Lebens sei und was es mit der Baskenmütze auf sich habe – diese beiden Fragen wurden Francisco Sionil José letzten Dezember, als er seinen 90. Geburtstag feierte, vermehrt gestellt. Die Antwort des philippinischen Autors lautete dann: »Ganz einfach: Die Guten sterben früh, und die Mütze schützt mich vor einer Lungenentzündung.«

Enge Vertraute und Freund_innen nennen Francisco Sionil José »Manong Frankie« – älterer Bruder Frankie. Wie kein anderer Schriftsteller seines Landes ist Manong Frankie ein Teil der turbulenten Zeitgeschichte des südostasiatischen Inselstaats.

Humor, Schlagfertigkeit und ein gerüttelt Maß an Selbstpersiflage sind bis heute seine Markenzeichen. Wie ein in sich ruhender Buddha mit Baskenmütze bestaunt er verwundert sein eigenes hohes Alter und belächelt süffisant die Torheiten der weitaus jüngeren Autor_innen, die er schonungslos geißelt.

Lesen, leben, schreiben

Seinen Weg zur Literatur fand José, wie er selbst immer wieder gern erzählt, dank der Bücher der katholischen Leihbibliothek und der einzigen Straßenlaterne im Dorf. Unter ihr verbrachte er lesend viele Abendstunden, sofern Moskitoschwärme ihm nicht das Schmökern vermiesten.

Hautnah erlebte er schon früh Konflikte zwischen Großgrundbesitzer_innen und Landarbeiter_innen, den übermächtigen Einfluss der katholischen Kirche und die Bedeutung der eigenen Kultur. Gewalt war stets omnipräsent: ausgeübt durch verbliebene spanische Hacienderos, US-Amerikaner als neue Kolonialherren und philippinische Emporkömmlinge. Hinzu kamen die Gewalterfahrungen während des Zweiten Weltkriegs, als Japan das Land besetzte: Damals pendelte José zwischen Manila und seinem Heimatort, dem kleinen Dorf Rosales in der Provinz Pangasinan, und versorgte seine Verwandten in der Hauptstadt mit Reis.

1946 begann er ein Studium der Literatur im durch den Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Manila – nach Warschau war Manila die am meisten zerstörte Hauptstadt, allein im Februar 1945 waren über 100 000 Menschen, überwiegend Zivilist_innen, ums Leben gekommen. Seither begleitet, kommentiert und verarbeitet er als Journalist und Schriftsteller aktuelle Ereignisse.

Ein erschlagener Priester

Im Zentrum des in Englisch verfassten, in annähernd dreißig Sprachen übersetzten und mehrfach ausgezeichneten Werks Josés steht neben zahlreichen Kurzgeschichten und Essays der Rosales-Zyklus mit den fünf Romanen »The Pretenders« (1962), »My Brother, My Executioner« (1973), »Tree« (1978), »Mass« (1973) und »Po-on« (1984). In ihm lässt er am Beispiel des Schicksals einer Familie ein Jahrhundert philippinischer Geschichte Revue passieren – von 1872, als drei Priester wegen ihres Protests gegen die Kolonialmacht und Bigotterie der mächtigen römisch-katholischen Kirche von den Spaniern hingerichtet wurden, bis 1972, als Präsident Ferdinand E. Marcos das Kriegsrecht über die Inseln verhängte.

Als Francisco Sionil José in den späten fünfziger Jahren mit den Arbeiten an der Rosales-Saga begann, konnte er bereits auf über ein Jahrzehnt erfolgreiches publizistisches Schaffen zurückblicken. Daher ist es verständlich, dass er selbstbewusst an das große philippinische Nationalepos »Noli me tangere« des im Land als Nationalhelden verehrten José Rizal (1861–1896) anknüpft. Wie in Rizals Roman beginnt die Handlung mit der Beleidigung eines Filipinos durch einen spanischen Priester. Doch anders als bei Rizal erschlägt der Gedemütigte den Priester: ein Symbol des verzweifelten Widerstands gegen die übermächtige Kolonialmacht.

Im Verlauf der Romane zeigt José, wie die Spanier durch die Amerikaner, die Japaner und schließlich durch die Machtelite des eigenen Landes abgelöst werden. Als einziges Buch der Rosales-Saga erschien »Mass« unter dem Titel »Szenen aus Manila« auf Deutsch – 1990, also 27 Jahre nach der Publikation. Das Buch schildert vor dem Hintergrund des pulsierenden Lebens im Zentrum der Hauptstadt die zweifelhafte Rolle der Intellektuellen im Befreiungskampf der siebziger Jahre.

Die Entwicklungsgeschichte Pepes, der Hauptfigur des Romans, bewegt sich im Grenzbereich zwischen Schelmenroman und einem realitätsnahen Porträt der philippinischen Gesellschaft. José verarbeitet dabei Erlebnisse aus dem täglichen Leben rund um seinen Buchladen Solidaridad Book Shop, der lange Zeit inmitten eines Rotlichtviertels lag. Den Laden hatte er 1965 im Stadtbezirk Ermita gegründet, wo er mit seiner Frau Tessie die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Noch heute ist die Buchhandlung samt Galerie die bestsortierte Buchhandlung in der Metropole und Treffpunkt von Autor_innen, Intellektuellen sowie Kunst- und Kulturschaffenden. Das Quartier hat sich hingegen stark verändert: Nach der Zwangsschließung der Rotlichtlokale in den neunziger Jahren wurde das Viertel zu einem schicken Tourismusviertel umgestaltet, mit Banken, Hotels und Einkaufszentren. José sieht darin einen Seismografen für den Ausverkauf der philippinischen Kultur, Politik und Wirtschaft.

Ein »klappriges Gestell«

In dem nun ebenfalls in deutscher Übersetzung vorliegenden Roman »Gagamba. The Spider Man« nutzt José ein Erdbeben als Metapher. Eine Erschütterung der philippinischen Gesellschaft sei notwendig, um zu einem neuen Aufbruch zu kommen. Am 15. Juli 1990 bebte auf den Philippinen die Erde, auch in der Hauptstadt Manila wurden viele Häuser beschädigt. Doch nur das Nobelrestaurant Camarin in Ermita stürzte komplett ein. In zwölf Kapiteln porträtiert der Autor jeweils eine dem Restaurant verbundene Person, woher sie stammt, was sie im Innersten bewegt und weshalb ihr Weg ausgerechnet ins »Camarin« führte. In »Viajero« betont er die Notwendigkeit, zu den eigenen kulturellen Wurzeln zurückzufinden, und in »Sin« appelliert er vor dem Hintergrund der vielfältigen moralischen Verirrungen in der Gesellschaft an die eigene Kraft der Unterdrückten, die seit Rizal immer wieder als Potenzial für die Gewinnung von Zukunft beschrieben wurde.

Manong Frankie greift bis heute durch Vorträge und seine Kolumne »Hindsight« (im Rückblick) in der Tageszeitung »The Philippine Star« mit Verve auch in tagespolitische Debatten ein. Grassierende Korruption, hirnlose und raffgierige Politiker_innen, mediokre Gestalten in Verwaltung und Bürokratie erregen ungebrochen seinen Zorn. Wäre er nicht ein so »klappriges Gestell«, wie er verschmitzt sagt, würde es ihn in den Untergrund treiben.

Den amtierenden Präsidenten und Spross eines Großgrundbesitzerclans, Benigno S. Aquino III., mahnte er bereits vor dessen Amtsantritt am 23. Mai 2010 in einem offenen Brief mit den Schlussworten: »Ich bin 85 Jahre alt und zutiefst verzweifelt darüber, wie drei Generationen unserer politischen Führer versagt haben! Bevor ich sterbe, lassen Sie mich bitte dieses unglückliche Land als einen Hort erleben, der nicht länger mehr einer Müllhalde gleicht.« Womöglich wird Manong Frankie auch die politische Ära von Aquino III. überleben, die im Juni 2016 endet.

In deutscher Übersetzung liegen von Francisco Sionil José zwei Romane vor:
»Szenen aus Manila«. Aus dem Englischen von Jürgen Martini und Helmi Martini-Honus. Horlemann Verlag. Berlin 1990. Vergriffen.
»Gagamba. Der Spinnenmann«. Aus dem Englischen von Markus Ruckstuhl. Horlemann Verlag. Berlin 2014. 200 Seiten.