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»Norte« — ein Film wie eine intensive Reise

Eine intensive Reise in die Philippinen ist dieser Film, nicht nur ein kurzer Ausflug. Wie in fast allen seinen Filmen beschäftigt sich Lav Diaz in »Norte« mit nichts weniger als der Geschichte seines Landes und ihrer aktuellen Ausprägung. Und er trägt auch den langen Atem der Geschichte in sich: dabei ist der Film mit dem Originaltitel »Norte, the End of History« mit rund vier Stunden noch das kürzeste von Diaz‘ Kinowerken.

Zwischen den dichten Handlungsszenen und den langen Einstellungen, in denen vielleicht nur ein vom Wind bewegter Baum dem Auge signalisiert, dass es sich immer noch um einen Film handelt, gibt es viel Raum um Entwicklungen zu zeigen, und den_die Zuschauer_in gefühlt in Echtzeit erfahren zu lassen, wie sich die Last des Lebens für die verschiedenen Figuren anfühlt.

Das Kino sei für ihn ein Kontinuum, erklärte Lav Diaz in einem Interview mit der taz. Es sei wohl die Dauer in seinen Filmen, die Raum für Auseinandersetzungen schaffe, für Reflexion und Kontemplation, so der Regisseur. Man sollte diesen Film also vielleicht mit der inneren Einstellung für die Lektüre eines längeren Romans ansehen. Und es ist auch ein epischer Roman, Dostojewskis »Schuld und Sühne«, der mit einigen Grundmotiven Pate gestanden hat für diesen Film.

Fabian, ein begabter Jurastudent aus betuchter Familie gibt in den Kaffeehausgesprächen mit seiner Studentenclique zunehmend radikale Ansichten von sich. »Als Kind der von Marcos geprägten Generation« sieht Diaz diese Figur. Unliebsame Elemente sollten aus der Gesellschaft entfernt werden, schwadroniert Fabian zum Beispiel. Und er macht ernst: Eines Tages ermordet er die Pfandleiherin des kleinen Dorfs, in dem seine Familie lebt. Ihr Leben lassen muss auch noch deren Tochter, weil sie Zeugin seiner kaltblütigen Tat wurde. Zur Last gelegt wird das Verbrechen aber Joaquin, einem armen Handwerker, der kurz vor dem Mord einen Streit mit der unerbittlichen Dorfkapitalistin hat. Er wird verhaftet und verschwindet im Gefängnis, zunächst im Provinzknast in Laoag, dann wird er nach Manila verlegt nach Muntinlupa zu den Schwerverbrechern. Kontakt zu seiner Familie ist damit unmöglich, die Fahrtkosten sind unerschwinglich.

Fabian taucht nach dem Mord in der Stadt unter. Menschen aus einer kleinen christlichen Gemeinschaft nehmen sich seiner Gewissensnöte an, er ist offensichtlich ein Getriebener. Dann verlieren wir ihn aus den Augen.

Joaquin versucht, auch unter den gnadenlosen Gesetzmäßigkeiten des Mikrokosmos Gefängnis, sich selbst treu zu bleiben. Außerdem ist gute Führung die einzige Möglichkeit, bei einer Amnestie auf freien Fuß zu kommen oder wenigstens Hafturlaub zu bekommen und auf diese Weise seine Familie wieder sehen zu können. Es zählt jedoch auch zu den wenigen Vergnügungen im Knast, diese Strategie zu durchkreuzen durch Gewalt und gezielte Provokation. Joaquin bleibt unbeirrbar.

Und diese Hartnäckigkeit zeichnet auch seine Familie aus. Seine Frau bringt beinahe übermenschliche Kräfte auf, um für ihre Kinder zu sorgen. Ihre jüngere Schwester teilt die Last mit ihr. Man versteht: sie hat keine Wahl, es ist eine selbstverständliche familiäre Verpflichtung, der sie nachkommt. Und sie versucht, ein kleines bisschen Lachen und Unbeschwertheit in den Alltag der Kinder zu bringen. Dazu hat die Mutter keine Kraft. Schlimmer als die Plackerei für das Einkommen ist das Gerede. Als der Ältere der beiden in der Schule konfrontiert wird, mit dem Grund für die Abwesenheit des Vaters, bietet die Mutter ihre ganze Kraft auf und versichert den Kindern die Unschuld des Vaters.

Lav Diaz, geboren 1958 in Maguindanao, wird seit einigen Jahren unter die großen Talente der Filmregisseure gezählt. In seinen Filmen beschäftigt er sich immer wieder mit der Geschichte der Philippinen. Über zehn Jahre ist es her, dass einer seiner Filme in philippinischen Kinos lief. »Norte« sein vorletzter Film aber erreichte endlich auch wieder philippinisches Publikum, nachdem er in Cannes international Aufsehen erregt und einen prominenten Platz auf der Liste der besten Filme des Jahres belegt hatte. In Cineastenkreisen hat er schon länger einen Ruf als Meister des »slow cinema«. Eine Weile gab es seinen Film »Evolution« nur in Form einer einzigen, sich allmählich abnutzenden Beta-Kopie, die mit ihrem Urheber um die Welt reiste. Zuletzt erhielt Diaz mit dem fünfeinhalbstündigen Historiendrama »Mula sa kung ano ang noon« 2014 den Goldenen Leoparden des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Erneut beschäftigte er sich in dem Film mit den Auswirkungen der Marcos-Diktatur.

Fabian kehrt nach Jahren zurück ins Dorf, immer noch ein Ruheloser. Er hat die Familie im Auge, die er durch seine Tat mit zerstört hat. Er findet ein wenig Frieden bei einer Fahrt über den Fluss. Ob er den Lauf der Dinge beeinflussen wird, Verantwortung übernehmen, das bleibt offen.

Anders Joaquins Schicksal. Nach vier Jahren bekommt er die Erlaubnis, seine Familie zu besuchen. Er kommt dort nie an. Ein Busunglück, so deuten die Bilder an, in einem trockenen Flussbett sieht man Trümmer, Fetzen und den hölzernen Stern, den Joaquin kunstvoll für seine Frau gezimmert hat.

Ein epischer Film, der eine starke, menschlich bewegende Geschichte erzählt über die kolonial geprägten und bis heute nicht tiefgreifend veränderten Macht- und Besitzstrukturen, und dem Leid das daraus erwächst, dass die kleinen Leute keinen Zugang haben zu Ressourcen, weder materiell noch ideell zu ihren Rechten. Während der langen Filmszenen, in denen sich nur ein paar Blätter bewegen auf der Leinwand, überlegt man, ob sich diese Geschichte auch anders, komprimierter erzählen ließe. Welcher Film entstünde wohl durch Kürzungen und einige schnelle Schnitte? Und das führt zurück zur Geschichte der Philippinen, die der Regisseur ja immer im Auge hat bei seinen Projekten: Ohne langen Atem keine Veränderung.