Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Ganz was Anderes… Bei PREDA in Olongapo

Mabuhay!

Heute melde ich mich von der wunderschönen Dachterasse des PREDA Main Gebäudes in Olongapo City mit Blick auf den Subic Bay. Seit nun schon mehr als zwei Wochen wohnen wir hier in der PREDA Foundation (Poeoples Recovery Empowerment and  Development Assistance Foundation) und dürfen ein vier-wöchiges „Praktikum“ in der Menschenrechtsorganisation machen. Der Fokus von PREDA liegt auf der Verteidigung der Kinderrechte. Dabei holen sie einerseits minderjährige Mädchen aus ihrer Familiensituation, in der sie sexuell oder körperlich missbraucht werden, oder retten sie aus der Prostitution, oftmals mit Human Trafficing verbunden. Andererseits kümmern sie sich um Straßen- und Gefängnisjungs, welche ohne Beweise ins Gefängnis oder in sogenannte „Youth Detention Center“ für „Children in Conflict with the Law“ gesteckt wurden. Dafür haben sie jeweils ein Girls- und ein Boyshome, in welchen die Kinder wieder rehabilitiert werden sollen. Dort werden sie therapiert, in Form der Primal Therapy und bekommen teilweise Non-Formal Education (nur die Jungs) oder sie gehen,wie auch die Mädchen, zur Schule. Durch das Wohnen im Heim, Gesprächen, Therapie, Homevisits und Family Days entscheiden die Sozialarbeiter und Therapeuten dann, wann, wie und ob das Kind wieder in die Familie reintegriert werden soll. Bei den Mädchen ist es jetzt auch öfter vorgekommen, dass sie in andere Einrichtungen oder Communities gekommen sind, um dort ihre Schulbildung beenden zu können.

Bei diesem großen Part von PREDA durften wir schon viel miterleben: Da im Moment noch Schulferien sind, sind wir bei den Mädchen mit zu einem Schwimmbadbesuch, wo wir zum ersten Mal auf diesen (liebevoll gemeinten) verrückten Haufen getroffen sind. Ich war dann doch nach diversen Stunden zusammen rutschen, schwimmen, tauchen, auffangen, Nicht-Schwimmer durchs Wasser ziehen sehr erschöpft, aber die fröhlichen Gesichter haben das natürlich wett gemacht. Außerdem waren wir in einem „Funhouse“, wo die Mädchen an Spielautomaten, wie bei der Kirmes, spielen durften. Ich merke, dass ich durch die Arbeit hier, noch sehr viel mehr auf womögliche „Sextouristen“ achte. So auch im Funhouse, als ein älterer, weißer Mann mit einem philippinischen Grundschüler hereingelaufen ist. Alle von uns auch die Mädchen selber, fanden diese Mischung sehr verdächtig, aber direkt ändern kann man natürlich erstmal nichts. Das Kind meinte auch, er sei sein Vater. So standen wir doch etwas hilflos da, aber dirket verallgemeinern will ich eigentlich auch nicht. Trotzdem wächst hier meine Abscheu und Angewiederheit gegenüber solchen Menschen, die diesen Mädchen sowas angetan haben immer mehr, besonders nachdem wir einige Fälle auch in den Akten nachgelesen haben: Im Moment haben wir ein 8 jähriges Mädchen hier, welches von ihrem eigenen Vater seit Vorschulalter sexuell missbraucht wurde, es gibt Fälle von Cybersex, ein Mädchen wurde, wie so oft, mit dem Versprechen von einem Job als Haushaltshilfe nach Manila gelockt, wo sie dann in einer Bar gelandet ist (Der Erfolg an ihr ist, dass sie es geschafft hat, sich selber bei p.r.e.d.a. zu melden, um dann rausgeholt zu werden, sodass sie nach 5 Tagen in dieser Bar schon ohne Missbrauch herausgeholt werden konnte) und noch weiter Fälle. Die Mädchen müssen natürlich auch zu den Verhandlungen, schon 2 Monate vor ihrer Verhandlung hat mir ein Mädchen schon ihre Angst gestanden den Täter zu sehen. Doch trotz ihrer Vergangenheit nehme ich die Mädchen als aufgeweckte Gruppe da, wo sehr viele Freundschaften entstanden sind. Als wir sie letzte Woche geschminkt haben, waren sie voll bei der Sache und haben sich auch untereinander geholfen. Später durfte ich dann die Primal Therapy miterleben, was ich sehr spannend und bewegend fand: In einem ausgepolsterten Raum wird den Mädchen die Möglichkeit gegeben bei entspannender Musik alles rauszulassen, was sie beschäftigt: So schreien, beleidigen, treten, schlagen, schluchzen, kreischen sie bei dieser Therapie alles heraus, was sie verletzt. Natürlich oftmals gegen den Täter, aber auch gegen Familie und Freunde, oftmals sind sie enttäuscht von ihnen. Da ich ja jetzt doch recht gut Tagalog verstehen kann, konnte ich auch in der Therapie folgen, worum es gerade bei manchen der Mädchen geht. Da es Gruppentherapie ist, sieht man die unterschiedlichen Arten, wie sie es rauslassen: Manche eher doch ruhiger und fokussierter, andere genau in der gleichen Sekunde sehr temperamentvoll und herausschreiend. Auch die Länge varriert natürlich, so hatte aber die Therapeutin die Chance noch ein paar Einzelgespräche zu führen. Am Ende waren die Mädchen erschöpft aber ich glaube auch wieder ein bisschen gelöster.

Bei den Jungs durften wir am Donnerstag mit auf einen Home Visit nach Manila, wo fünf Jungs die Chance hatten ihre Familien für eine kurze Zeit zu sehen und die Sozialarbeiterin die Möglichkeit hatte mit der Familie zu reden. Für unsere Verhältnisse war es häufig sehr kühl, nur einmal war eine unsichere halbe Umarmung zu sehen, eher die Geschwister haben dann richtige Wiedersehensfreude gezeigt. Aber das ist bei allen Familien so gewesen und in meinen 9 Monaten hier habe ich auch selten Umarmungen oder große Emotionen bei Wiedersehen gesehen. Da sieht man vielleicht wieder einen kulturellen Unterschied, welchen ich mir damit erkläre, dass sich hier selten richtig „Goodbye“ gesagt wird, man sieht sich sowieso wieder, also ist auch die Wiedersehen ganz selbstverständlich. Das ist aber reine Hypothese. Zusätzlich waren sie sicher auch sehr schüchtern, besonders weil wir vier Europäer mit in das Zuhause der Jungs gekommen sind. Im Auto habe ich dann aber doch gemerkt, wie einigen der Jungs, besonders die Jüngeren, etwas mitgenommen waren. Auf die Frage „Bist du traurig jetzt gehen zu müssen?“ kam ein schüchternes Nicken. Heimweh ist eben doch bei jedem weg von zu Hause ein Thema, die Mädels haben mich dazu auch ausgefragt. Neben den Homevisits waren wir auch noch in einem „Youth Detention Center“, eine sehr frustriernde Angelegenheit. Wir wollten uns die Situation anschauen, die Jungs sehen, die in diesem Center, offiziell kein Gefängnis (aber ist nicht jeder hinter Gittern ein Gefangener?) „untergebracht“ bzw. eingesperrt wurden. Trotz ewig langem Warten durften wir nicht hineingehen, was bei uns doch sehr großes Misstrauen ausgelöst hat; „die haben doch was zu verbergen“. Zwei womöglich neue Fälle für PREDA wurden uns dann noch vorgeführt, damit die Sozialarbeiterin sie interviewen konnte, danach mussten wir wieder gehen. Halb frustriert aber halb zufriedern von den Homevisits ging es dann nach einem langen Tag wieder zurück nach Olongapo. Am nächsten Tag sind wir dann mit den Boys zu einem „Educational Trip“; in die örtliche Tilapia- Fischzucht und ins Olongapo City Museum. Ich hatte das Gefühl die Jungs haben den Trip genossen, waren interessiert und auch im Museum haben sie unserem Guide interessiert zugehört. Ich bin ganz erstaunt gewesen, dass die Jungs doch sehr viel disziplinierter sind als die Mädchen. So konnte auch nur die anschließende Tour durch die Mall mit „Window Shopping“ klappen, sie sind den Anweisungen gefolgt und es war sehr entspannt mit ihnen. Am Ende saßen dann fast alle vor dem Schaufenster eines Elektrogeschäfts, wo zwei Fernseher Filme gezeigt haben. Mich hat das sehr amüsiert, denn auch andere Käufer oder Angestellte haben sich nach einer Weile dazu gesellt, sodass mitten in der Mall eine bunt gemischte Gruppe aus Jungs in roten Uniformen, Angestellten in ihrer Dienstkleidung und Ehemännern, die auf ihre Frauen warten, auf dem Boden saß und konzentriert auf die Bildschirme gestarrt hat.

So das erstmal zu dem Teil, den PREDA, nachdem die Kinderrechte gebrochen wurden, macht. Jetzt zu dem Teil der PRÄVENTION. PREDA hat einen weiteren Zweig, die PEPS (Public Education and Preventive Seminars). In Form eines Puppentheaterstücks und spielerischer Darstellung von Missbrauch und dem Umgang damit, klärt das PEPS-Team die Kinder auf. Sie gehen in Schulen, Rathäuser, usw. Nebenbei geben sie Seminare für die Eltern. Wir durften bei ihrer Vorstellung für die Kinder, welche aus Familien kommen, die durch die Regierung unterstützt werden, weil sie so arm sind. Die Kinder waren begeistert, wenn auch erst ein wenig schüchtern. Aber durch Aufmunterungs- und -lockerungsspiele war ganz schnell ihre Aufmerksamkeit geweckt. Eine der anderen Freiwilligen hat mir auch schon erzählt, dass die meisten Schulkinder die Notruf-Hotline von PREDA schon auswendig können, weil sie immer wiederholt wird. Das ist ja eigentlich ne gute Sache. Neben dieser Aufklärung bietet das PEPS-Team aber auch Seminare für AIDS-Verhütung und anders an.

Ein ganz anderes Feld von PREDA ist zusätzlich FairTrade. Ganz bekannt sind davon die Mango Produkte, die es bei uns in den EineWelt Läden zu kaufen gibt. Hierbei werden neben der fairen Bezahlung auch die ursprünglichen Bewohner der Philippinen, der Stamm der Aetas unterstützt. Sie kämpfen häufig um ihre Gebiete, gegen reiche Unternehmer, die die Gebiete zur Abtragung von Bodenschätzen nutzen wollen. Auch wir durften mit zu den Aetas, ihre Community konnten wir nur erreichen, indem wir durch ein, zum Glück gerade noch, ausgetrocknetes Flussbett gefahren sind. Wir durften uns dann die Mango Plantage anschauen und wurden über das Gebiet, sowie Traditionen und Bräuche dieses Stammes aufgeklärt. Das war sehr spannend zu erfahren, wie teuer und aufwendig es bei ihnen früher war ein Mädchen zu heiraten. Das FairTrade-Team hat dann noch ein kleines Seminar zu „Organic Planting“ gehalten, da PREDA geprüft werden wird, sodass es ein Zertifikat zum organischen Anbau bekommen wird. Zusätzlich hatten sie Solarlampen mitgebracht, eine kleine Hilfe für den stromfreien Alltag der Aetas. Ich fand es sehr spannend dort und hoffe, dass die Aetas ihr Gebiet verteidigen können.

So dass war es jetzt erstmal zu unserer Arbeit. Noch ein kleines Beispiel, dass PREDA wirklich gegen die Verletzung der Kinderrechte kämpft: In Deutschland gibt es ein „Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen“. Auch PREDA setzt sich hier in den Philippinen dafür ein. Trotz Aufforderung der Regierung wiedersetzen sich jedoch die großen Internetkonzerne. Unser Internet hier ging für einige Tage nicht, wir sind zunächst von den typischen Problemen ausgegangen…bis festgestellt wurde, dass es überall ging, außer genau bei PREDA. Hier wird somit von einer, zum Glück doch sehr harmlosen, Atacke auf PREDA ausgegangen.

Wir genießen jetzt noch zwei weitere Wochen diesen ganz anderen Alltag in einem Haus mit vielen (deutschen) Freiwilligen, Wäscheservice, Zimmerservice, Warm/Kalt Dusche und Köchin. Richtig Luxus hier! Sind auch vorhin erst von einem Übernachtungstrip auf einer einsamen Insel zurückgekommen. Deswegen geht es jetzt schnell ins Bett, auch wenn jeder stöhnt und nur betet: Heute Nacht bitte AMEISENFREI!!!!!!!! (Haben wir doch alle in getrennten Betten und Zimmern gleichzeitig mit Ameisen geschlafen und sahen demensprechend malträtiert aus)

Drückt mir die Daumen für ne Ameisenfreie Nacht!

Caro