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Ein Kampf um Leben und Würde

Am ersten Konferenztag spricht Maria Theresa Nera-Lauron über die politischen wie zivilgesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels in den Philippinen.

Die Philippinen liegen im pazifischen Taifun-Gürtel und sind daher regelmäßig starken tropischen Stürmen ausgesetzt. Trotz ihres Reichtums an Rohstoffen, Naturschönheit und Kulturzeugnissen ist ein großer Teil der Philippin@s arm. 24,9 Prozent der Bevölkerung und 19,1 Prozent der Familien leben nach Regierungsangaben in Armut (Stand 2013). Trotz der zahlreichen Hochhäuser in Metro Manila ist die Wirtschaft im ländlichen Raum noch an ihrem Beginn. Ein semi-feudales und neo-koloniales System, seit einiger Zeit auch mit neoliberalem Gestus, hält die Philippinen weiterhin in wirtschaftlicher Abhängigkeit von ausländischen Kräften und einer kleinen lokalen Elite, die die überwiegende Fläche des Landes besitzen.

Der Jahrhunderttaifun

Der tropische Sturm Haiyan oder Yolanda, wie die philippinische Bezeichnung lautet, traf das Archipel am 8. November 2013. Er zog über neun Regionen der Visayas hinweg und verwüstete 13 Prozent der philippinischen Landesfläche. Insgesamt waren 16,1 Millionen Menschen bzw. 3,4 Millionen Familien direkt von dem Sturm betroffen.

Die offiziellen Statistiken (17. April 2014) beziffern 6.224 Todesopfer, sowie weitere 1.779 weiterhin als vermisst geltende. Über vier Millionen Menschen, bzw. fast 900.000 Familien verloren ihr Zuhause. Nach offiziellen Angaben wurden 489.613 Häuser vollständig, sowie weitere 595.1449 teilweise zerstört. In den Provinzen Leyte, Biliran und Ost-Samar wurden die Ernte und die Fischerei vollständig zerstört.

Staatliches Krisenmanagement

In einer im Fernsehen übertragenen Rede versicherte Präsident Benigno Aquino den Menschen, die staatlichen Einsatzkräfte seien auf den Taifun vorbereitet.

In den ersten fünf Tagen tauchten jedoch keinerlei Regierungskräfte am Ort der Katastrophe auf. Die lokalen Behörden warteten in Schockstarre auf Anweisungen und Hilfe der nationalen Regierung. Hunger und Hilflosigkeit unter der Bevölkerung führten unterdessen zu Chaos und vereinzelten Plünderungen.

Die meisten Leute verließen sich in ihrer Not jedoch auf die Gemeinschaft. Dorfbewohner_innen trugen alles zusammen, was ihnen geblieben war, und legten gemeinsam tägliche Rationen fest.

Korruption

Anstatt unverzüglich Hilfe zu leisten, nutzten Politiker_innen auf lokaler wie nationaler Regierungsebene die Situation de facto, um die Wirtschaftsinteressen einer kleinen Minderheit durchzusetzen, obwohl diese der Umwelt weiteren Schaden zufügen und somit das Risiko weiterer Klimakatastrophen ansteigen lassen. Auch wenn Milliarden an ausländischen Hilfsgeldern eingingen, erreichte davon nur wenig tatsächlich die Betroffenen, und noch weniger wurde für die speziellen Bedürfnisse von Frauen und Kindern eingesetzt. Unbeständige politische Gegebenheiten und Korruption behindern bis heute die effektive Verteilung der dringend benötigten Hilfsgüter und die Durchführung von Wiederaufbaumaßnahmen.

Von der Bau-Verbots-Zone …

Eine Richtlinie zum Wiederaufbau der betroffenen Regionen wurde wenige Wochen nach dem Taifun von Präsident Aquino ausgegeben. In einer Zone von 40 Metern von der Küste darf laut dieser Richtlinie nicht gebaut werden, obwohl dort viele Menschen zuvor ihr Zuhause gehabt hatten und gerade in Küstennähe die Zerstörung am schlimmsten war. Offiziell wurde diese Politik damit begründet, die Bevölkerung nicht weiter dem Risiko aussetzen zu wollen, direkt am Wasser zu leben. Dies rechtfertigte auch die Vertreibung Tausender Fischerleute und die Zerstörung ihrer entlang der Küste notdürftig wieder aufgebauten Häuser. Mit dem Wiederaufbau der vermeintlich sichereren Wohngebiete im Inland wurden große Firmen wie etwa die San Miguel Corp. sowie die Ayala und die Aboitiz Group beauftragt.

… zur Wohn-Verbots-Zone

Diese und andere nationale wie internationale Bergbau- und Immobiliengesellschaften sichern sich darüber hinaus das küstennahe, ehemals besiedelte Land. Die mittlerweile erlassenen neuen Regierungsmaßgaben, die das absolute Bauverbot aufzuheben und die 40 Meter breite Sicherheitszone bloß noch zur Wohn-Verbots-Zone erklären, eröffnet diesen Baufirmen gewinnbringendes Potential. Dort sollen nun Hotels und Resorts, private Krankenhäuser und ähnliches entstehen, darüber hinaus auch noch Magnetitsand abgebaut werden. Von dieser stark umweltschädigenden Methode, Metalle und seltene Erden zu gewinnen sind bereits ein Viertel der Visayas betroffen.

Soziale Gerechtigkeit und Klimawandel

»Erinnern Sie sich, Herr Lacson, dort, wo nach Ihrem gegen die Bevölkerung gerichteten Wiederaufbauplan die Profitmaschine der Kapitalisten errichtet werden soll, dort starben unsere Familien, stürzten all unsere Träume und Hoffnungen in sich zusammen und dort hätten wir uns wieder erheben und von neuem anfangen sollen. Sie haben uns das Recht auf Leben erneut versagt!« So formulierte Schwester Edita Eslopar, Vorsitzende der Organisation People Surge, ihre Anklage gegen den ehemaligen Armeegeneral Lacson, der zum Verantwortlichen für die Rehabilitations- und Wiederaufbaumaßnahmen nach der Katastrophe ernannt worden ist.

Das Beispiel der Bebauungspolitik zeigt, dass im aktuellen Katastrophenmanagement einer neoliberalen Politik klar die Priorität über die Anliegen und Nöte der Bevölkerung eingeräumt wird. Die unter dem ehemaligen Armeegeneral Lacson durchgeführten Rehabilitationsmaß nahmen gehen mit einem Anstieg von Menschenrechtsverletzungen und Vertreibung einher. Die Interessen der wirtschaftlich Einflussreichen, die wesentlich den Klimawandel voranbringen, werden somit noch in dessen heftigsten Auswirkungen über die der Betroffenen gestellt. Die Betroffenen, gerade die Ärmsten der Armen sind am wenigsten dazu in der Lage, ihren Lebenswandel an durch den Klimawandel veränderte Bedingungen anzupassen und haben in besonderer Weise mit seinen katastrophalen Folgen zu kämpfen. So waren etwa die Fischerleute und Kleinbauern diejenigen die am schlimmsten von Yolanda betroffenen Menschen, die sowieso schon hart für ihren täglichen Reis arbeiten müssen und keine Rücklagen für Katastrophenfälle bilden konnten. Die Zerstörung ihrer Ernte und Fischerboote bringt sie nun in eine vollends verzweifelte Lage. Die Verantwortung für den Klimawandel liegt jedoch nicht bei diesen Menschen. Die Produktionsweisen, vornehmlich des globalen Nordens, befeuert durch die Konsumgewohnheiten der globalen Ober- und Mittelschichten verursachen den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen, deren Folgen die Verursacher jedoch, zumindest im globalen Norden, selten direkt zu spüren bekommen. Die Philippinen sind jedoch stark von extremen Wetterphänomenen betroffen. Hitzewellen und Wassermangel, Erwärmung des Meeres und dann wieder Starkregenfälle und tropische Stürme. All diese Klimaauswirkungen treffen die Philippinen und nehmen in ihrer Intensität kontinuierlich zu. So gibt es mittlerweile auch in Mindanao Taifune, was früher nicht der Fall war. Auch steigen die Anzahl der jährlich verzeichneten Stürme und der Zeitraum, in dem sie auftreten. Die Philippinen belegen weltweit den vierten Platz, wenn es um Klimarisiko und Verwundbarkeit gegenüber extremen Wetterphänomenen geht. Und diese treffen natürlich diejenigen am schlimmsten, die bereits marginalisiert sind. Klimawandel wird mehr und mehr von einem ökologischen Problem zu einer Frage der sozialen und auch Geschlechtergerechtigkeit. Doch auf dem internationalen Parkett wird über die Probleme der Armen im Klimawandel kaum gesprochen. Lösungsansätze drehen sich meistens um die Reduktion des CO2-Ausstoßes mittels neuer Technologien. Dies soll wiederum von der freien Wirtschaft vollbracht werden und ist somit ein profitorientierter Ansatz, der sich um die Nöte der Menschen nur dort kümmert, wo sie Gewinn versprechen. Der lateinamerikanische Ansatz des »buen vivir« ist wesentlich näher am Konzept des Respekts für Erde und Schöpfung.

Historisch gesehen trägt der globale Norden die Verantwortung für den Klimawandel, und erhält sie auch heutzutage durch die neo-koloniale Investitionspolitik. Außerdem hat er die wesentlich besseren Mittel zu seiner Bekämpfung und sollte daher mit Kapitalgarantien auch anderen Ländern die Finanzierung von Maßnahmen zum Klimaschutz ermöglichen. Der internationale Fonds gibt sein Geld jedoch nur zu 25 Prozent als Garantie heraus, der Rest ist zinspflichtiger Kredit, der die Schuldenspirale weiter anheizt.

People Surge – »Die Flut des Volkes«

»Noch mehr als Wiederaufbau fordern wir Entschädigung! Von den imperialistischen Mächten und lokalen Eliten, die uns viel zu lange ausgenutzt, unsere Umwelt zerstört und unser Volk in Armut gestürzt haben. Wir fordern Gerechtigkeit!« – People Surge ist eine gemeindebasierte Organisation, die nach Haiyan aufgrund der Inaktivität der Regierung gegründet wurde. Die Bewegung kooperiert mit Nichtregierungsorganisationen, um betroffene Gemeinden zu erreichen und bietet neben Hilfslieferungen auch post-traumatische Betreuung in Form von psycho-sozialen Aktivitäten. Dringlicher als diese Katastrophenhilfe wird allerdings mittlerweile die Lobbyarbeit: Die Forderung nach Wiedergutmachung und Gerechtigkeit.

People Surge bietet eine internationale Plattform für Klimageschädigte, etwa auch die US-amerikanischen Opfer des Sturms Katrina. Die Geschichten von Opfern des Klimawandels gleichen sich weltweit und der Unmut wächst, aus den Klimaschutzverhandlungen ausgeschlossen und ihren Folgen allein ausgeliefert zu sein. In den verschiedenen internationalen Verhandlungen, ob zu den neuen Entwicklungszielen, die 2015 formuliert werden, auf den UN-Klimagipfeln oder dem Entwicklungsfinanzierungstreffen in Addis, gibt die Privatwirtschaft den Ton an. Konzerne, die von der globalen Unrechtssituation profitieren, sollten von einer starken, Verantwortung einfordernden Zivilgesellschaft herausgefordert werden. Nach dem Motto: »Lasst keinen zurückbleiben, aber auch keinen davonkommen!«