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Böses Blut auf Jolo

Streit wegen Lösegeldzahlungen an Abu Sayyaf.

Zum Schluss musste alles ganz schnell gehen. Nach sechs Monaten Geiselhaft war ein Paar aus Hessen am späten Abend des 17. Oktober von der Gruppe Abu Sayyaf auf der Philippinen-Insel Jolo freigelassen worden. Nach ersten ärztlichen Untersuchungen im Militärhauptquartier in Jolo City wurden die beiden per Boot in den für die regionale Kriegsführung der Philippinischen Streitkräfte (AFP) zuständigen Stützpunkt des Western Mindanao Command in Zamboanga City gebracht und am frühen Morgen des nächsten Tages in die Hauptstadt Manila ausgeflogen. Dort nahmen Angehörige der Deutschen Botschaft das Paar in Empfang. Doch was für die Geiseln glimpflich endete und dem Abu-Sayyaf-Ableger fette Beute bescherte, hinterließ auf Jolo einen faden Nachgeschmack. Mehr noch: Von Täuschung, gar Ermutigung zum Terrorismus ist die Rede.

AFP-Generalstabschef Gregorio P. Catapang auf einer Veranstaltung (Quelle: Wikicommons).
AFP-Generalstabschef Gregorio P. Catapang auf einer Veranstaltung (Quelle: Wikimedia).

Binnen weniger Tage ließ sich AFP-Generalstabschef Gregorio P. Catapang am 24. Oktober ein zweites Mal auf Jolo blicken. Seine Mission bestand diesmal darin, Schadensbegrenzung zu betreiben und sich zu entschuldigen. Anlässlich eines Treffens mit dem Gouverneur von Sulu, Abdusakur A. Tan II., und Hussin U. Amin, dem Bürgermeister von Jolo City, erklärte der General kleinlaut: »Wir entschuldigen uns bei der Bevölkerung Sulus für all die Unzulänglichkeiten, die anlässlich gesetzmäßiger Operationen bei der Verfolgung der Gruppe Abu Sayyaf aufgetreten sind.« Armeesprecher Oberstleutnant Harold Cabunoc sprach von einem »Missverständnis« und »Kriegsnebel«, wodurch versäumt wurde, die lokalen Behörden umgehend über die Freilassung des deutschen Paars zu informieren, das unbedingt einer raschen medizinischen Hilfe bedurft hätte. Damit war in erster Linie das Spezielle Aktionskomitee (SAC), bestehend aus Bürgermeistern und Regionalpolitikern sowie lokalen Sicherheitskräften, gemeint. Dieses hatte sich auf Initiative des Friedens- und Ordnungsrats der Provinz Sulu eigens gegründet, um sämtliche Operationen zu koordinieren, die zur Freilassung der deutschen Geiseln führen sollten. Statt dessen blieb das SAC außen vor. Dessen düpierte Mitglieder erfuhren aus den Medien über das Schicksal der Geiseln.

Zwar betonten beide Seiten, von einer erfolgten Lösegeldzahlung nichts zu wissen. Doch das Misstrauen der Regional- und Lokalpolitiker Jolos überwiegt. Bürgermeister Amin zeigte sich besonders erbost: »Wir sind zutiefst und besonders besorgt«, erklärte er, »wenn Lösegeld geflossen ist«. So werde »der Abu-Sayyaf-Terrorismus unkontrollierbar; sie verfügen dann über ausreichend Mittel, um selbst schweres Kriegsgerät und modernste Schnellfeuerwaffen anzuschaffen«. Es könne nicht angehen, so Amin weiter, »dass die Regierung unsere Feinde aufrüstet«. Es bedürfe »unbedingt einer Untersuchung seitens des Kongresses«.

Lokale Rundfunksender hatten noch am Abend des 17. Oktober eine Erklärung von Abu Rami, einem Sprecher der Abu Sayyaf, verbreitet. Darin hatte der erklärt, seine Organisation habe die komplette Höhe des geforderten Lösegelds von »einem Vermittlungsteam einschließlich hoher Regierungsbeamter« erhalten – insgesamt 250 Millionen Philippinische Pesos (umgerechnet 4,5 Millionen Euro). Zunächst seien demnach 60 Millionen und unmittelbar nach Freilassung der beiden die verbliebenen 190 Millionen Peso geflossen. Dass Lösegeld gezahlt wurde, steht außer Frage. Unklar bleibt, wie hoch es tatsächlich ausfiel und wer dieses aufbrachte und den Abu-Sayyaf-Unterhändlern aushändigte.

Seit dem Wochenende verstärkt die Armee ihre Offensive auf Jolo. Dort sind nach Angaben des Chefs des Western Mindanao Command, Generalleutnant Rustico Guerrero, nunmehr zwei Brigaden sowie Spezialstreitkräfte im Einsatz, insgesamt gut 3.000 Soldaten. Sie sollen die mindestens noch ein Dutzend verbliebenen Abu-Sayyaf-Geiseln befreien – und mit ihnen die Insel Jolo vom Makel der »Entführungshochburg«.