Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Totgesagte leben länger

Die südphilippinische Abu Sayyaf trotzt militärischen, auch US-gestützten Großoffensiven und macht mit Geiselnahmen Front gegen den laufenden Friedensprozess.

Am Freitag endet das von der auf den Südphilippinen operierenden Abu-Sayyaf-Gruppe (ASG) gesetzte Ultimatum, eine der beiden von ihr auf der Insel Jolo gefangengehaltenen deutschen Geiseln zu töten, sollten ihre Forderungen bis dahin nicht erfüllt sein. Die Geiselnehmer verlangen für die Freilassung des deutschen Paares ein Lösegeld von umgerechnet etwa 4,2 Millionen Euro und die Einstellung jedweder deutschen Unterstützung des US-geführten Kampfes gegen die Miliz »Islamischer Staat« (IS) in Syrien und Irak. Mehrfach hat sich in den vergangenen Tagen der Generalstabschef der philippinischen Streitkräfte, General Gregorio Catapang, zu Wort gemeldet und versichert, dass man alles zu tun gedenke, die Geiseln zu befreien. Einen direkten Angriff auf die ASG-Kidnapper schloss der General aber aus. Das sei mit zu hohen Risiken verbunden.

Wie kommt es, dass die seit nunmehr knapp eineinhalb Jahrzehnten mit militärischen Großoffensiven bekriegte und medial mehrfach in den Orkus geschriebene ASG nicht unterzukriegen ist? Zwar sind mehrere Kommandeure der ersten ASG-Generation ums Leben gekommen – meist im Zuge von Kampfhandlungen oder durch Attentate –, doch gleich einer Hydra sind der Gruppe immer wieder neue Köpfe gewachsen, die sich heute in sozialen Medien zum internationalen ideellen Gesamtschurken bekennen und den IS-Milizen im Nahen Osten offen Gefolgschaft und Unterstützung zusichern.

Friedensfrust

Sie nennen sich »Vater der Schwertkämpfer« (Abu Sayyaf), kämpften in Afghanistan während der sowjetischen Besatzung (1979–1989) und sorgen seitdem immer wieder durch Angriffe gegen öffentliche Einrichtungen, Entführungen und Hinrichtungen gekidnappter Geiseln national wie international für Schlagzeilen. In Deutschland genoss die Abu Sayyaf fast vier Monate lang einen Medienhype, nachdem es Mitgliedern dieser Gruppe gelungen war, in einer spektakulären grenzüberschreitenden Nacht-und-Nebel-Aktion zu Ostern 2000 mehrere westliche Touristen, darunter auch die Göttinger Familie Wallert (siehe Hintergrundinformationen), von der ostmalaysischen Ferieninsel Sipadan zu entführen und sie erst nach zermürbendem Verhandlungspoker und hohen Lösegeldzahlungen wieder auf freien Fuß zu setzen.

Die Wiege der ASG ist die hauptsächlich von Yakan bewohnte Insel Basilan, wo einst hochrangige Kader der um die Jahreswende 1968/69 gegründeten Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) zunehmend zu deren Führung auf Distanz gingen. Zum Hintergrund: Unter der Ägide von Nur Misuari, einem aus dem südlichen Jolo stammenden Tausug, scheiterte die MNLF bei ihrem Versuch, einen unabhängigen Staat der Moros (der vorwiegend muslimischen Bevölkerung) zu errichten. Als es Ende der 1980er Jahre erneut zu Verhandlungen zwischen Manila und der MNLF-Führung unter Misuari kam, ziehen ihn ehemalige Weg- und Kampfgefährten aus Basilan »der Kapitulation«. Ein Bannfluch, den bereits in den 1970er Jahren vormalige MNLF-Kader auf der südlichen Hauptinsel Mindanao ausgesprochen hatten, weswegen sie damals in Abgrenzung zu Misuari die Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) aus der Taufe hoben.

Afghanistan-Connection

Die Entstehung Abu Sayyafs ist jüngeren Datums. Aus Enttäuschung über den Kurs Misuaris und die vermeintliche Missachtung des islamischen Elements durch die säkulare MNLF rückten Ende der 1980er Jahre auf Basilan Ustadz Wahab Akbar und Ustadz Abdurajak Janjalani ins Blickfeld des öffentlichen Interesses. Beiden schwebte ein »reiner« islamischer Staat auf Basilan und darüber hinaus auch ganz Mindanao vor. Akbar, ausgebildet in Ägypten, hatte sich seit längerem unter jungen Basilenos für die Lektüre des Koran im arabischen Original eingesetzt. Janjalani hatte in Saudi-Arabien und Libyen (wohin sich auch Misuari lange zurückgezogen hatte) Militärkunde und Religion studiert. Bevor er auf die Philippinen zurückkehrte, ließ er sich als Mudschahid für den Kampf gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan anwerben. Dort diente er in der 1986 gegründeten gegründeten Einheit von Abdul Rassul Abu Sayyaf, dessen Beinamen Janjalani als Zeichen der Ehrerbietung übernahm. Schließlich gründeten Akbar und Janjalani 1991 die Al-Harakat Al-Islamija (Islamische Bewegung), die wiederum nach Janjalanis Pseudonym zumeist Abu-Sayyaf-Gruppe genannt wird.

Geheimdienstverbindungen

Zur frühen Führungsschicht der ASG zählten neben Janjalani und Akbar auch zwei jüngere Kader: Abdul Aschmad war für Aufklärung und Edwin Angeles für Operationen der Gruppe zuständig. Da die ASG sich zu dem Zeitpunkt nicht als klandestine Organisation verstand, war sie anfällig für das Einsickern von Elementen, die gänzlich andere Ziele als die ursprünglich formulierten verfolgten. Diese Ziele hatte Aschmad wie folgt benannt: 1) Beseitigung aller katholischen Symbole in den muslimischen Gemeinschaften, 2) Fischfangverbot ausländischer Flotten in den Gewässern von Basilan und Sulu und 3) die Einbeziehung von Geistlichen (Ulema) in Verhandlungen jeder Art.

Angeles hingegen, zwischenzeitlich zum Islam konvertiert und innerhalb der ASG als Ibrahim Yakub bekannt, stand gleichzeitig mit Geheimdienststellen in Zamboangas damaligem Southcom (dem für die gesamte Region zuständigen Südkommando der philippinischen Armee) und mit dem Geheimdienst der Philippinischen Nationalpolizei (PNP) in Kontakt und befürwortete Kidnapping als für die Organisation unerlässliche Einnahmequelle. Anfang Mai 2000 mochte der philippinische Senatspräsident Aquilino Pimentel nicht ausschließen, dass auch der US-amerikanische Geheimdienst CIA in der Formierungsphase von Abu Sayyaf seine Finger im Spiel hatte. Zumal deren geistige Ziehväter in Afghanistan ja damals noch zu den geschätzten Verbündeten Washingtons zählten.

Langjähriger Gouverneur von Basilan war kein Geringerer als Wahab Akbar, der bei sämtlichen Entführungen der ASG in der Region seit Frühjahr 2000 im Hintergrund die Fäden geknüpft und womöglich einen beträchtlichen Teil der seitdem geflossenen immensen Lösegeldsummen eingeheimst hatte. Er starb im November 2007 infolge eines Bombenattentats in der Nähe des Kongressgebäudes in Manila, das offensichtlich seinem Autokonvoi gegolten hatte. Abdurajak Janjalani wurde Ende 1998 von philippinischen Sicherheitskräften erschossen, der mutmaßliche Doppelagent Angeles Anfang 1999. Ihre »akquirierten« Gelder nutzte die ASG derweil für die Rekrutierung neuer Gefolgsleute und zur Anschaffung moderner Waffen und Schnellboote, um die sie Teile der philippinischen Marine beneiden. Von ursprünglich etwa 20 Mann (auf Basilan) zu Beginn der 1990er Jahre war die Abu Sayyaf bis Mitte der Neunziger auf etwa 600 und am Ende des Jahrzehnts (nunmehr inklusive Jolo) auf über 1 000 Personen angewachsen. Um die Jahreswende 2000/2001 dürften sich in der Region möglicherweise annähernd 2 000 Personen als »Abus« verstanden haben.

»Trotz langjähriger Präsenz von US-Eliteeinheiten vermochte sich Abu Sayyaf immer wieder neu umzugruppieren.«

Nach den Terroranschlägen in New York und Washington im September 2001 ließ US-Präsident George W. Bush die Abu Sayyaf wegen ihrer Afghanistan-Verbindungen und vermeintlicher Direktkontakte zu Al-Qaida auf die Liste von 27 Organisationen setzen, deren weltweite Netzwerke es zu zerstören gelte. Trotz langjähriger Präsenz von 600 bis 700 US-Eliteeinheiten auf Basilan und Jolo vermochte sich die ASG immer wieder neu umzugruppieren. Nicht zuletzt durch Rückhalt in und Schutz seitens einer Zivilbevölkerung, die immer wieder zuvörderst Opfer staatlicher »Aufruhrbekämpfung« wurde.

Heute stehen an der Seite der ASG auch Exsympathisanten und -kombattanten der MILF, die versuchen, ein erst im vergangenen März unterzeichnetes Friedensabkommen zwischen Manila und der MILF mit allen Mitteln – einschließlich Geiselnahmen – zu unterlaufen.

Hintergrund: Dschungelfieber 2000
Knapp vier Monate währte im Frühjahr/Sommer 2000 das Geiseldrama auf Jolo, wohin die Gruppe Abu Sayyaf 21 Personen, unter ihnen auch westeuropäische Touristen, von der ostmalaysischen Taucherinsel Sipadan entführt hatte. Während Manilas mediengeiler Chefunterhändler Roberto Aventajado wochenlang lavierte und wiederholt die »alsbaldige Freilassung der Geiseln« in Aussicht gestellt hatte, war es der seinerzeit geschickt hinter den Kulissen politisch-diplomatisch agierende Exbotschafter Libyens in Manila, Radschab Assaruk, der schließlich das Blatt zugunsten der Geiseln zu wenden vermochte. Seine Regierung bezahlte damals umgerechnet zirka eine Million Mark pro Geisel. Drapiert war das Ganze als sogenannte Entwicklungshilfe, die später von den Regierungen der westeuropäischen (französischen, finnischen und deutschen) Geiseln zurückerstattet wurde. Zwar war in Paris, Helsinki und Berlin durchgängig vehement bestritten worden, den Entführern Lösegeld gezahlt zu haben. Doch als alles Anfang September 2000 glimpflich überstanden war, gaben Manilas Polizeichef Panfilo Lacson und der Executive Secretary des damaligen philippinischen Präsidenten Joseph E. Estrada, Ronaldo Zamora, unumwunden zu, dass Lösegelder geflossen seien. Die Medienberichterstattung des wochenlangen »Geiseldramas von Jolo« war kein Ruhmesblatt. Einige Beobachter und Berichterstatter waren eigens aus dem Kosovo und aus Tschetschenien in die Südphilippinen gejettet, um dort letztlich ihre eigene Ereignislosigkeit zu inszenieren oder über den Gesundheitszustand weißer Geiseln zu schwadronieren. Da geriet Recherche zur Reklame, wurde Platitüde zum Programm und verkam vordergründige Anteilnahme zu hinterhältigem Voyeurismus. Libyens Emissär Assaruk hingegen sammelte Pluspunkte und half tatkräftig mit, sein Land vom Makel eines »Schurkenstaates« zu befreien. Dass die freigekauften Geiseln an Bord eines eigens in die Philippinen geschickten libyschen Jets ausgerechnet in Tripolis Zwischenstation machten, um erst nach einer zeremoniellen Danksagung von dort aus in ihre Heimatländer zu fliegen, war für Staatschef Muammar Al-Ghaddafi ein hübsches Selbstgeschenk zum 31. Jahrestag der Revolution vom 1. September 1969. Durch eine gewiefte Geiselbefreiung war es einem ausgemachten »Hüter des internationalen Terrorismus« gelungen, die Rückfahrkarte in die »internationale Staatengemeinschaft« zu lösen. Dafür ernteten die Libyer sogar ausdrücklich Lob von hochrangigen Beamten der US-Botschaft in Manila.