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Armut entmenschlicht, Armut heiligt

Halte dich an das Recht, sei gütig zu deinen Mitmenschen und lebe mit Gott (Micha 6,8). Aus der Fastenbotschaft des CBCP.

Mit dem Beginn der Fastenzeit wollen wir besonders an unsere Brüder und Schwestern denken, die in Armut leben. Es gibt viele Formen der Armut: Solche, die erniedrigen und entmenschlichen, die wir zurückzuweisen und gegen die wir ankämpfen. Aber auch diejenigen, die uns paradoxerweise menschlicher machen, uns heiligen, die wir willkommen heißen und durch die wir die Gnade Gottes empfangen. Wir begegnen diesen konträren Formen der Armut auf drei Ebenen der menschlichen Existenz: der materiellen, moralischen und spirituellen.

Armut, die erniedrigt und entmenschlicht

In seinem irdischen Leben war Armut Jesus Christus nicht fremd. Er wusste, wie die Menschen unter ihr litten, und er war unermüdlich darin ihr Leiden zu lindern. Jesus kämpfte gegen die Armut an, weil sie die Menschen erniedrigte, sie zum Gegenteil Gottes liebevoll geschaffenen Ebenbilds machte und sein Werk beleidigte. Solche Armut untergräbt und bedroht die menschliche Existenz.

In seinem Apostolischen Schreiben, macht Papst Franziskus unmissverständlich deutlich: »Nein zu einer Wirtschaft der Ausgrenzung«. Diese Ausgrenzung ist das charakteristische Merkmal der Armut in unserem Land und in der heutigen Welt. »In einer Welt, in der es so viel Reichtum und genügend Ressourcen gibt, um alle Menschen zu ernähren, ist Armut ein Skandal. Es ist unergründlich, warum es noch immer so viele hungernde Kinder, Kinder ohne Schulbildung und Menschen in Armut gibt. Das ist ein Hilferuf« [1,2].

Nein zu materieller Bedürftigkeit

Auf materieller Ebene, schließen Armut und Elend einzelne Personen oder gar ganze Familien von den Grundbedürfnissen menschlichen Lebens aus. In den letzten Jahren ist die Armutsrate in den Philippinen laut dem National Statistics Coordinating Board (NSCB) auf über 20 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass einer von fünf Filipin@s in einem Haushalt lebt, in dem es am Mindesten mangelt. Im Gegensatz dazu lag die Armutsrate in den 90er Jahren auf einem Höchststand von knapp 30 Prozent. Die subjektive Wahrnehmung der Menschen verstärkt diese Zahlen. In einer Studie der Social Weather Stations (SWS) wurde Ende 2013 berichtet, dass sich rund 55 Prozent der Befragten für arm halten. In der Mitte des Jahres fanden dies nur 50 Prozent. Viele Menschen sehen sich selbst von der Möglichkeit ausgeschlossen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Das noch immer ein so großer Teil der philippinischen Bevölkerung in bitterer Armut lebt, ist ein Skandal.

Nein zu einer Wirtschaft der Ausgrenzung

Auf gesellschaftlicher Ebene kann materielle Armut als wirtschaftliche Ausgrenzung verstanden werden.

Ausgeschlossen vom Erwerbslebensunterhalt. Die erschreckende Armutsrate wird durch den Ausschluss vieler Filipin@s von Chancen zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung verschärft. Die neueste Arbeitnehmererhebung spricht von 6,5 Prozent inländischer Arbeitslosigkeit und – bezeichnenderweise – von 17,9 Prozent Unterbeschäftigung. Als unterbeschäftigt gilt, wer zwar arbeitet, aber dennoch nach zusätzlicher Arbeit sucht, weil das Geld nicht zum Leben reicht.

Ausgeschlossen von ausreichendem Schutz. Schutz ist ein weiteres Grundrecht, das armen Menschen verweigert wird. Die Subdivision and Housing Developers’ Association schätzt, dass in den Philippinen rund 3,9 Mio. Wohneinheiten fehlen. Die Anzahl informeller Siedler_innen allein beläuft sich auf eine bis drei Mio. Haushalte. Nicht mit eingerechnet sind obdachlos gewordene Opfer der jüngsten Natur- und vom Menschen verursachten Katastrophen.

Ausgeschlossen von ländlicher Entwicklung. Jahrhunderte des unrechtmäßigen Landbesitzes, Friedensfragen und Mangel an Lebenschancen haben die arme Landbevölkerung vom echten Fortschritt ausgeschlossen. Die Suche nach einem besseren Leben treibt die Menschen in die Städte. Leider läuft die umfassende Agrarreform »Comprehensive Agrarian Reform Program Extension with Reforms« (CARPER) im Juni 2014 aus. Doch deren weitreichende Zielsetzungen zu Landerwerb und -verteilung bleiben weitgehend unerfüllt.

Ausgeschlossen von angemessener Gesundheitsversorgung. Arme Menschen sind auf die Gesundheitsversorgung der öffentlichen Krankenhäuser und kommunaler Gesundheitszentren angewiesen. Es besteht die Gefahr, dass diese Grundversorgung mit der geplanten Privatisierung führender Institutionen wie des Dr. Jose Fabella Memorial Hospital weiter abnimmt. Besonders gefährdet sind Kinder und ältere Menschen. Die philippinische Regierung muss weiterhin das Ideal einer »universellen Krankenversicherung« anstreben.

Ausgeschlossen von Bildung. Obwohl die Philippinen inzwischen gute Fortschritte im Kampf gegen Analphabetismus gemacht haben, müssen weitere Verbesserungen vorgenommen werden. Wie die International Labor Organization (ILO) berichtet, waren zwischen 2010 und 2012 nur sechs von zehn Erstklässler_innen in der Lage, die Grundschule erfolgreich abzuschließen. Gerade einmal vier von zehn Schüler_innen erlangten den High-School-Abschluss. Die Schulen sind hoffnungslos überbelegt, die Klassen zu groß. Oft müssen die Schüler_innen in Schichten zur Schule gehen. Besonders höhere Bildung bleibt für viele ein Wunschtraum. Die katholischen Schulen in den ländlichen Gebieten leiden besonders am Weggang gut ausgebildeter Lehrer_innen zu anderen, besser zahlenden Arbeitgeber_innen.

Die anderen Gesichter der Armut. Nach Taifunen, Dürren und Erdbeben, sind es meist die armen Filipin@s, die am schwersten betroffen sind und damit weiter von einem würdigen Leben ausgeschlossen werden. Trotz jüngster Fortschritte bei den Friedensverhandlungen zwischen der MILF und der philippinischen Regierung, bleiben die Folgen des Krieges bestehen. Wieder trifft es die Ärmsten, die sich nur allzu oft im Kreuzfeuer beider Seiten befinden. Die Zerstörung der Umwelt durch illegalen Holzeinschlag und Bergbau benachteiligen die Armen, insbesondere aber die indigene Bevölkerung. Sie wird von den Vorteilen dieser wirtschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. Wir alle leiden damit unter einer ökologischen Armut. Wir haben die Gaben von Gottes Schöpfung vernachlässigt.

Nein zu Konsum

Auf globaler Ebene zeigt sich der Skandal materieller Armut im stetig wachsenden Einfluss des Konsums. Papst Franziskus beklagt, dass »die große Gefahr in der heutigen, von Konsum getriebenen Welt die Verzweiflung und Angst eines selbstgefälligen und neiderfüllten Herzes darstellt, dessen fieberhaftes Streben nach frivolem Vergnügungen aus einem abgestumpften Gewissen rührt«. Am Ende führt eine solche Armut zu einer selbst verschuldeten, inneren Leere.

Nein zu moralischer Armut

Einjeder mag menschenunwürdige Armut als Sklaverei, Laster oder Sünde begreifen. »Armut kann einer Familie viel Schmerz bereiten, wenn ein Familienmitglied in den Bann von Alkohol, Drogen, Glücksspiel oder Pornographie gerät. Viele solcher Menschen sehen keinen Sinn mehr im Leben, keine Perspektive für die Zukunft. Sie haben die Hoffnung verloren. Ungerechte, unsoziale Lebens- und Arbeitsbedingungen stürzen sie in dieses Elend, das ihnen die Würde als Ernährer_in der Familie nimmt. In solchen Fällen kann moralische Armut zur Selbstzerstörung führen« [3].
Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt sich moralische Armut oftmals in Form von Korruption. Wie schon so oft betont: »Wir befinden uns in einer Krise der Ehrlichkeit, einer Krise des alles durchdringenden Krebs der Korruption. Wir müssen die Wahrheit suchen, wir müssen unsere Integrität wieder herzustellen« [4]. Erst vor kurzem erneuerten wir unseren Aufruf zur Wachsamkeit und Selbstkritik im Zusammenhang mit den Problemen des sogenannten pork barrels. »Unsere Proteste sollten nicht nur von dem schlechten Gefühl ausgehen, dass wir persönlich oder gemeinschaftlich betrogen wurden. Es sollte vielmehr aus der Erkenntnis stammen, dass Gott und seine Schöpfung dadurch beleidigt wird und wir als Volk sündigen. Wir sind nicht bloß Opfer eines korrupten Systems. Wir alle haben in der einen oder anderen Weise zur Verschlimmerung dieses sozialen Geschwürs beigetragen, durch unser gleichgültiges Schweigen oder gar durch unsere Mithilfe, weil wir von dem süßen Kuchen der Bestechung und Korruption profitierten« [5].
Allumfassend wird soziale Armut in globaler Ungleichheit deutlich. Papst Franziskus betont dies auch in seiner Kapitalismuskritik: »Einige Menschen verteidigen weiterhin sogenannte Trickle-down-Theorien. Diese nehmen an, dass Wirtschaftswachstum, aufrechterhalten von einem freien Markt, dazu in der Lage ist, mehr globale Gerechtigkeit und Integration herzustellen. Diese Meinung wurde allerdings nie durch Fakten bestätigt. Sie drückt das naive Vertrauen in das herrschende Wirtschaftssystem aus. Unterdessen warten die Ausgeschlossenen noch immer auf Gerechtigkeit«.

Nein zu spiritueller Armut

Materielle Armut ist einen Skandal. Solches Elend frustriert unser Streben nach der Liebe Gottes. Aber spirituelle Armut ist die Form der Armut, die den Kern unserer Beziehung zu Gott bedroht. Jeder hat schon einmal Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit erlebt. Mutter Teresa begründete ihr Leben unter den ärmsten der Armen damit, dass »die schrecklichste Armut die eines Lebens in Einsamkeit und mit dem Gefühl nicht geliebt zu werden ist«. Sie war davon überzeugt, dass wir in der Lage sind körperliche Krankheiten mit Medizin zu heilen, aber das einzige Heilmittel für Einsamkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sei die Liebe. »Die Armut im Westen ist eine andere Art von Armut. Sie ist nicht nur eine Armut der Einsamkeit, sondern auch der Spiritualität. Es gibt einen Hunger nach Liebe, einen Hunger nach Gott« [6].
In unserer Gesellschaft wird diese Armut in religiöser Intoleranz sichtbar, wie sie auch innerhalb der Kirche besteht. Der Papst hat sich vehement gegen diese Intoleranz ausgesprochen: »Der Herr schuf uns nach seinem Ebenbild. Und Gott ist gut. Wir alle tragen seine Güte in unseren Herzen: Also, tut Gutes!, ›aber Vater, diese Person ist nicht katholisch! Sie ist nicht gut‹, aber das ist sie. Sie muss. Sie trägt die Güte Gottes in sich. Sich vor dieser Wahrheit zu verschließen führt zu Krieg, zum Töten im Namen Gottes. Das ist Blasphemie.« [7]
Weltweit erscheint geistige Armut als Verlust eines Gefühls von Transzendenz. Papst Franziskus sagt: »Es ist die geistige Armut unserer Zeit, an der die so genannten reichen Länder besonders schwer leiden. Jeder erschafft sich seine eigene Moral und gefährdet damit das Zusammenleben der Völker. Es kann keinen wahren Frieden geben, wenn jeder nur für seine eigenen Rechte eintritt, ohne auf die Fürsorge und das Wohl anderer bedacht zu sein. Wir Menschen dieser Erde sind eins.« [8]

Armut, die uns menschlicher macht und heiligt

Erniedrigende und entmenschlichende Armut ist allgegenwärtig. Der Kampf gegen sie entmutigt. Aber wir Christ_innen glauben an das Evangelium als das wahre Gegenmittel geistiger Armut. Papst Franziskus ermutigt uns Gläubige, »Gott ist größer als unsere Sünden. Er liebt uns uneingeschränkt und für alle Zeit« [9]. In Gottes großer Weisheit, verkündet das Evangelium, dass Jesus geistige Armut besiegt, indem er sich in einer anderen Art der Armut übt: der Armut, die menschlicher macht, der Armut, die heiligt. Diese Leben spendende Armut hat gleichsam materielle, moralische und spirituelle Formen.

Ja zu Einfachheit, Engagement und Hingabe zu Gott

Materielle Armut, die heiligt und menschlicher macht, wird in der Einfachheit des Lebens erfahren. Nicht alle sind dazu berufen, ein Leben der Armut zu wählen. Nichtsdestotrotz legen viele unter den Laien, im Klerus und in religiösen Gemeinschaften durch ihre gelebte Armut ein bewundernswertes Zeugnis für das Evangelium ab. Sie alle wurden dazu berufen, ein Leben konsequenter Loslösung von weltlichen Gütern und materiellem Besitz, Ressourcen, Macht und sozialem Status zu führen. Nur so sind sie sensibel für diejenigen Menschen mit weniger Besitz, weniger Ressourcen, weniger Macht, und geringerem Status.
Eine solche Bereitschaft und Fähigkeit, auf Menschen in Not zuzugehen, findet Ausdruck in der Spiritualität, im Engagement für das Gute, Gerechte, und Wahre. Es ist die nachhaltige Sehnsucht, an der Begründung des Königreichs Gottes teilzunehmen. Dies manifestiert sich in konkreten Entscheidungen und Verhaltensweisen, die über den privaten Bereich des Selbst hinausgehen, um für die Gesellschaft da zu sein. Es ist die natürliche Folge des bekennenden Glaubens an einen Gott, der sich mit den kleinen Leuten identifiziert.
Zuletzt stärkt die Armut in ihrer spirituellen Form die Hingabe zu Gott (Ps 09.10, Prov. 3,5-6 ). Eine Kirche der Armen zu sein, bedeutet »eine Kirche, die umarmt und den Geist des Evangeliums lebt, der Loslösung von Besitz mit einem tiefen Vertrauen in Gott als die Quell des Heils verbindet. Während Gott nicht will, dass irgendjemand materiell arm ist, fordert er all seine Anhänger dazu auf ›Arme im Geiste‹ zu sein« [10].

Die Einladung Christi

In dieser Fastenzeit, lädt Jesus Christus uns alle dazu ein, erniedrigender und menschenunwürdiger Armut entgegenzutreten und sich in menschlich machender, heiligender Armut zu üben. Er lädt uns dazu ein, seinem Beispiel zu folgen, Armut mit Armut zu bekämpfen. Unser Glaube an Jesus Christus, der arm wurde und den Armen und Ausgestoßenen immer so nahe stand, ist der Grundstein unserer Fürsorge für die ganzheitliche Entwicklung der Gesellschaft und ihrer am meisten vernachlässigten Mitglieder. Es muss viel getan werden, um diesen Glauben in wirksame Maßnahmen zu übersetzen, um eine stärkere Durchdringung der christlichen Werte auf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene zu erreichen. Besonders an dieser Stelle ist die Kirche auf die Laien angewiesen.

Wir alle sind dazu eingeladen, uns in materieller Armut zu üben, indem wir einen einfachen Lebensstil praktizieren, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit leben, und die Armen in eine Ökonomie der Integration einschließen. Die Nobelpreisträger Amartya Sen nennt das »Gesamtgesellschaftliche Entwicklung«. In moralischer Armut üben wir uns durch Stärkung unserer Entschlossenheit und Solidarität, indem wir Vernachlässigung und Ungerechtigkeit anprangern und gegen soziale Ungleichheit ankämpfen. In spiritueller Armut üben wir uns durch die Vertiefung unseres Glaubens, unserer Verwurzelung in Christus, dessen Armut uns bereichern kann. Dabei »lasst uns nicht vergessen,«, so Papst Franziskus, »dass wirkliche Armut schmerzt.«. Er misstraue allen Wohltätigkeitsorganisationen, die nichts kosten und nicht weh tun [11]. Aber kein Akt der Liebe, keine aufrichtige Fürsorge ist umsonst oder ohne Bedeutung.

Verweise

[1] Francis, Meeting with Students of Jesuit Schools, Q & A, June 7, 2013.
[2] cf. CBCP, Pastoral Exhortation, “To Bring Glad Tidings to the Poor” (Luke 4:18), January 27, 2014.
[3] Francis, Lenten Message, 2014.
[4] CBCP, Pastoral Statement, Seeking the Truth, Restoring Integrity, February 26, 2008.
[5] CBCP, Pastoral Statement on the Pork Barrel, “Hate evil and love good and let justice prevail…” (Amos 5,15), September 5, 2013.
[6] Mother Teresa, A Simple Path: Mother Teresa, 1995.
[7] Francis, Homily at Mass in Domus Santae Martae on the feast of Santa Rita, quoted byVatican Radio, May 22, 2013.
[8] Francis, Audience with the Diplomatic Corps, March 22, 2013.
[9] Francis, Lenten Message, 2014.
[10] PCP II, 125.
[11] Francis, Lenten Message, 2014.