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Katastrophenkataster

100 Tage nach dem Supertaifun »Haiyan« in den Philippinen ist die Aquino-Regierung mehr an »Aufstandsbekämpfung« interessiert, als die notleidende Bevölkerung beim Wiederaufbau wirksam zu unterstützen.

Eines muss man dem philippinischen Präsidenten Benigno S. Aquino III lassen: Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2010 hat er es verstanden, sich selbst zu inszenieren und stets vollmundige Versprechungen abzugeben. So war das auch, als Aquino am 7. November, einen Tag vor »Haiyan«, seine Landsleute mit der Botschaft beruhigte, seine Regierung habe sämtliche Vorkehrungen getroffen, 30 Flugzeuge und Helikopter der Luftwaffe und 20 Schiffe der Marine bei Bedarf umgehend für Rettungs- und Nothilfemaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Doch als der Taifun dann am 8. November mit voller Wucht zuerst die östliche Küstenregion der Insel Samar traf und auf den Nachbarinseln Leyte, Bohol, Cebu, Negros und Panay Schneisen der Verwüstung hinterließ, erwiesen sich alle hehren Versprechungen aus dem Präsidentenpalast Malacañang als Schall und Rauch.

»Präsidiales Abtauchen«

Vor Ort berichtete der CNN-Korrespondent Andrew Stevens, eine Regierungspräsenz sei nirgends zu erkennen. Sein Kollege Anderson Cooper und Kamerateams der Fernsehsender BBC und Al Jazeera sowie philippinische Medien berichteten übereinstimmend, die Betroffenen seien allein auf sich gestellt. Dies berücksichtigte zu der Zeit nicht das Schicksal von Menschen in entlegenen Regionen, die tagelang gänzlich abgeschottet von der Außenwelt ums schiere Überleben kämpften. Auch noch fünf Tage nach dem Taifun berichtete Cooper, nirgends sei zu erkennen, wer eigentlich für was verantwortlich sei. Was allein in Tacloban City, der Hauptstadt Leytes, geschehe, gleiche eher »einer Zerstörung als organisierter Wiederaufbauhilfe«. Der BBC-Reporter Don Johnson konstatierte ernüchtert: »Es scheint keinerlei effektive Operation zu geben, Hilfe dorthin zu transportieren, wo sie am dringendsten benötigt wird«.
Anstelle von Regierungspolitikern aus der Region oder aus Manila, vom Präsidenten ganz zu schweigen, tauchten in den verwüsteten Gebieten lediglich Uniformierte auf. Aus Washington kam das Signal, man werde in der Region kreuzende Schiffe der US-Navy in die Katastrophenregion umleiten. Schon bald tauchten sechs US-amerikanische Kriegsschiffe inklusive des Zerstörers USS George Washington mit über 5.000 Besatzung an Bord im Katastrophengebiet auf, um dort bei Nothilfemaßnahmen zu assistieren. Dabei wurden auch Fertiggerichte verteilt, die ebenfalls von der eigenen Besatzung verzehrt wurden. Als die GIs wieder abzogen, wurde ein Großteil dieser Fertiggerichte der philippinischen Armee überlassen. Wenig später tauchten solche Rationen sogar in Manila auf, wo sie auf dem Schwarzmarkt höchstbietend verhökert wurden. Was in einigen philippinischen Medien als vorweihnachtlich gedeckter Gabentisch der einstigen Kolonialmacht gepriesen wurde, diente vorrangig dem Zweck, die bilaterale militärische Zusammenarbeit neu zu gestalten.

Im Rahmen der auf die Regionen Asien und Pazifik fokussierten Militärstrategie von US-Präsident Barack Obama ist vorgesehen, die Philippinen wieder dauerhaft als Ankerplatz und Operationsbasis zu nutzen. Anlässlich des Besuchs einer Delegation hochrangiger US-Kongressabgeordneter in Manila erklärte der philippinische Außenminister Albert del Rosario auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 25 November 2013, die Präsenz der US-Navy im von »Haiyan« betroffenen Gebiet habe gezeigt, wie notwendig »ein Rahmenabkommen [sei], welches den USA eine verstärkte Rotationspräsenz erlaubt«. Regierungskritiker äußerten bereits die Befürchtung, dass dann auch Drohnen gegen »Aufständische« eingesetzt werden könnten.

Im fernen Manila erklärten derweil Regierungssprecher_innen, Polizei- und Armeeeinheiten seien »zum Schutz vor Plünderern« aufgeboten worden. Regionalkommandeure der Philippinischen Streitkräfte (AFP) lancierten die bewusste Falschmeldung, Gueriller@s der Neuen Volksarmee (NPA), des bewaffneten Arms der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP), hätten Rettungskonvois am Transport dringend benötigter Hilfsgüter gehindert. Bewegend schließlich die von Helikoptern aufgenommenen Szenen, als sich ausgemergelte Menschen verzweifelt um abgeworfene Nahrungsmittelpakete rauften.

Spätestens diese Bilder veranlassten aufgebrachte Medienleute und Kommentator_innen im Lande zu ersten geharnischten Kritiken. Vom »Abtauchen des Präsidenten«, einem »irrelevanten Präsidenten« und einem Präsidenten, der »nun endlich gehen muss«, war die Rede. Amando Doronila, ein renommierter Kolumnist des auflagenstarken Philippine Daily Inquirer, sprach vom 8. November 2013 als dem Tag, »an dem die Regierung verschwand«. Rick B. Ramos von der Manila Times schrieb über den ersten Mann im Staate: »Der Supertaifun offenbarte die Superinkompetenz von ›Pnoy‹« – neben »Noynoy« der gebräuchliche Kosename des Präsidenten. Die CPP forderte in einer Presseerklärung vom 15. November, »Aquino wegen krimineller Inkompetenz zu verklagen und Gerechtigkeit einzufordern«.

Politpossen und mediale Inszenierungen

Wenngleich »Haiyan« zahlreiche Städte und Orte auf mehreren Inseln dem Erdboden gleichmachte, wurde Leytes Metropole Tacloban mit ihren etwa 250.000 Einwohner_innen über Nacht zum Inbegriff der Katastrophe. Nicht allein die Größe, sondern auch und gerade die politische Besonderheit war dafür ausschlaggebend. Anstatt politisch vereint und über kleinkarierte Parteigrenzen hinweg die von der Bevölkerung sehnlichst herbeigewünschte (Wieder-)Aufbauarbeit zielstrebig und wirksam anzugehen, musste die City als Kulisse herhalten, vor der sich Repräsentant_innen mächtiger Familienclans und politischer Dynastien pfauenhaft spreizten und sich gegenseitig den Schwarze Peter zuschoben.

Seit Ende der 1940er Jahre ist Tacloban City die politische Hochburg der Romualdezes, deren berühmteste Tochter zweifellos die einstige Schönheitskönigin der Stadt und Witwe des Diktators Ferdinand E. Marcos, Imelda Romualdez Marcos, ist. Taclobans Bürgermeister ist Alfred Romualdez, ein Neffe der noch immer umtriebigen Imelda, die heute ihrerseits als Kongressabgeordnete des zweiten Distrikts von Ilocos Norte fungiert, der Heimatprovinz ihres im Hawaiier Exil verstorbenen Gatten. Alfreds Ehefrau sitzt im Stadtrat von Tacloban, während ein anderer Familienspross, Ferdinand Martin Romualdez, gegenwärtig Kongressabgeordneter des ersten Distrikts auf Leyte ist. Präsident Aquino hingegen ist der Sohn des einst gewichtigsten politischen Widersachers von Marcos, Benigno »Ninoy« Aquino II. Dieser war 1983 nach seiner Rückkehr aus US-amerikanischem Exil auf dem Flughafen von Manila erschossen worden. Auf Anweisung von Marcos-Schergen, wie seine bis heute glühenden Bewunderer meinen. Romualdez’ Onkel Marcos soll demnach die Ermordung des Vaters des amtierenden Präsidenten angeordnet haben. Die Feindschaft zwischen beiden Antagonisten beschrieb der britische Guardian als »Shakespearehaft in Charakter und Ausmaß«.

Die Lokalregierung habe – ohne Alfred Romualdez namentlich zu nennen – als Krisenmanager versagt, erklärte Präsident Aquino am 12. November 2013 in einem Exklusivinterview mit CNNs internationaler Chefkorrespondentin Christiane Amanpour. Die Lokalregierung, fügte der Präsident hinzu, sei erstinstanzlich für den Zivilschutz und sofortiges Handeln verantwortlich gewesen. Eine Meinung, die auch der Aquino-Intimus und Parteikollege in der Liberal Party, Innenminister Manuel Roxas II, seinerseits ein Enkel des ersten Präsidenten der 1946 gegründeten Republik der Philippinen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich und offensiv vortrug. Eine Retourkutsche seitens des Romualdez-Lagers ließ nicht lange auf sich warten. Innenminister Roxas sei zum Zeitpunkt der Katastrophe in Tacloban gewesen und habe sich in Begleitung bulliger Bodyguards, vorbei an hilfeflehenden Hotelgästen, den Weg gebahnt und schnellstmöglich selbst in Sicherheit gebracht.

Hatten bereits am 11. November Regierungssprecher Edwin Lacierda und Gesundheitsminister Enrique Ona in Interviews mit Frau Amanpour behauptet, Herr der Lage zu sein und angemessen Hilfe geleistet zu haben, so bekräftigte auch ihr Vorgesetzter Aquino einen Tag später gegenüber CNN diese Position. Man habe die Situation im Griff und maximal müsse, fügte ein kühl wirkender Präsident hinzu, von 2.500 Todesopfern ausgegangen werden. Sämtliche Regierungsstellen waren offensichtlich bemüht, die Zahlen nach unten zu korrigieren, weil in- wie ausländische zivile Hilfsorganisationen mehrfach von möglicherweise 10.000 Getöteten sprachen. Auf die Frage von Frau Amanpour, ob er seiner Verantwortung als oberster Repräsentant des Staates gerecht wird und sein Krisenmanagement möglicherweise seine Amtszeit definiert, ging Aquino nicht ein. Stattdessen insistierte der Präsident darauf, dass gemäß »unserem System« (wörtlich: »under our system«) zuerst die Lokalregierung als oberster Krisenmanager gefordert ist.

Wiederaufbau! Wiederaufbau?

Da hatte der Präsident offensichtlich einiges »übersehen«. Verantwortlich für den Katastrophen- und Zivilschutz ist zuvörderst der Nationale Katastrophenrat (National Disaster Risk Reduction and Management Council, NDRRMC). Seit Februar 2010 fungiert dieser als Nachfolger der bis dahin als Nationalrat zur Hilfskoordinierung bei Desastern bekannten Behörde und ist dem Verteidigungsminister unterstellt. Als Exekutivdirektor des NDRRMC hatte Aquino Anfang 2013 mit Eduardo del Rosario einen Generalmajor a.D. ernannt, der fortschrittliche und linke Kräfte im Lande noch immer schaudern lässt. Für sie war der General, der unter anderem Befehlshaber der berüchtigten 2. Infanteriedivision der philippinischen Armee war und sich gern als »Aufstandsbekämpfungsexperte« wähnte, schlichtweg ein »berdugo« – »Schlächter«. Kurz nach »Haiyan« hatte dieser Mann die Chuzpe, von einer »geringfügigen Zerstörung« (»minor devastation«) Taclobans und »minimalen Opferzahlen« zu sprechen.

Aber es sollte noch knüppeldicker kommen. Am Nikolaustag 2013 kürte der Präsident den 66-jährigen Panfilo Lacson qua Präsidialorder zu seinem Chefmanager bei der Rehabilitierung und den Wiederaufbau der durch »Haiyan« zerstörten Regionen. Seitdem hat Lacson, von seinen Freunde kurz »Ping« genannt, einen neuen – diesmal höchstverantwortlichen – Job. Für die konservativen Kräfte in Gesellschaft und Politik ist »Ping« ein ebenso verlässlicher wie knallharter Law-and-Order-Mann, der die Dinge schon richten wird. Für die fortschrittlichen und linken Kräfte im Lande ist Lacson nachgerade ihr verkörpertes Antiideal. Bereits während der Marcos-Herrschaft (1966 – 86) diente der an der Philippinischen Militärakademie in Baguio City ausgebildete Lacson im seinerzeit gefürchteten Metropolitan Command (Metrocom) als Offizier mit dem Schwerpunkt nachrichtendienstliche Aufklärung und Sicherheit. Zig Studierende, die damals auf die Barrikaden gingen, wurden auf Anweisung eben dieses Offiziers festgenommen und weggesperrt. Weitere Stationen der Lacson-Karriere: Von 1999 bis 2001 war er Generaldirektor der Philippinischen Nationalpolizei, und seitdem saß er bis Ende Juni 2013 im Senat.

Die philippinischen Medien bezeichnen Lacson aufgrund seines neuen Aufgabenbereichs kurz als »Rehab Czar«, als »Zaren des Wiederaufbaus«. »Zar« Lacson genießt weitreichende Vollmachten. Als Hauptmanager und -koordinator der Katastrophenhilfe kann er, gestützt auf die jederzeit abrufbare Hilfe von ihm eingesetzter Expert_innen und sämtlicher Regierungsbehörden, darüber verfügen, welche Mittel in welcher Höhe für welche Zwecke prioritär verwandt werden. Das ist ein idealer Nährboden für Nepotismus und Korruption, zwei Hauptübel in der philippinischen Politik.

Tatsächlich verging nicht einmal ein Monat, als sich erste Kritiker_innen zu Wort meldeten. Architekt_innen aus dem In- und Ausland bemängelten die minderwertige Qualität und überteuerten Notunterkünfte beziehungsweise Schlafbaracken. Sie seien vielfach schlicht menschenunwürdig. Durchschnittlich sind 8,64 Quadratmeter für eine Einheit vorgesehen, wo mindestens fünf – mitunter auch mehr – Personen »leben« sollen. Sanitäre Anlagen sind gar nicht oder ebenfalls in minderer Qualität vorhanden. Viele Menschen sind außerdem verärgert darüber, dass die Behörden bereits eine Art Baustopp verhängten. Mindestens vierzig Meter von den Küstenufern entfernt dürfen Menschen provisorische Unterkünfte selbst errichten. Am Härtesten trifft diese Regelung die Ärmsten der Armen.

»Das Leben ist für die Überlebenden noch schlimmer geworden«, zitiert das philippinische Online-Magazin Bulatlat Joel Abaño von der Kalipunan ng Damayang Mahihirap (Vereinigung der Armen in Solidarität), weil die Regierung noch immer zu langsam handelt, um dringend benötigte Hilfsgüter fürs schiere Überleben bereitzustellen. Alle waren sie hier in Tacloban City: Neben Präsident Aquino ließen sich auch mehrere Minister_innen seines Kabinetts blicken. Doch das Ergebnis: reine Show. Allesamt setzten sie sich in Szene. 2016 stehen Wahlen an und da passt es ihnen gut ins Konzept, schon mal Vorwahlkampf auf Kosten von Katastrophenopfern zu betreiben«. Mitglieder von Pamalakaya, ein Zusammenschluss sozialpolitisch engagierter Fischerleute, sehen das genauso wie Abaño. Sie haben wiederholt gegen diese Verbotspolitik demonstriert. In den vom Taifun zerstörten Gebieten Leytes plant die Regierung den Aufbau mehrerer Werkstätten sowie einer Sonderwirtschaftszone. Dort sollen später einmal Finanz-, Bank- und Investmentgeschäfte ebenso betrieben werden wie agroindustrielle Betriebe, Touristenressorts und Einkaufszentren. Das allerdings werden sich die allerwenigsten Überlebenden »Haiyans« leisten können.

»Aufbegehren des Volkes«

Seit Ende Januar kommt es in und um Tacloban City wiederholt zu Demonstrationen gegen die staatlichen Behörden. Gefordert werden ausreichende Nahrungsmittel, menschenwürdige Unterkünfte und medizinische Versorgung. Allein am 24. Januar waren über 12.000 wutentbrannte Menschen aus Leyte und Samar in Tacloban auf die Straße gegangen, um lautstark ihren Unmut hinauszuschreien. Diesmal waren es keine politisierten oder linken Kräfte, die dazu aufgerufen hatten, sondern Menschen, die sich spontan der Kundgebung einer religiösen Bewegung namens »People Surge« (»Aufbegehren des Volkes«) angeschlossen hatten. Deren Sprecherin, Schwester Edita Eslopor, begründete den ungewohnten Protestzug mit mittlerweile gewohnt bitteren Worten: »Dieser massive Umzug unterstreicht die tiefe Unzufriedenheit der Menschen über die kriminelle Vernachlässigung und das klägliche Unvermögen von Mister Aquino, sich angemessen um das Wohl der Bevölkerung zu kümmern». »Diese Demonstration«, fügte Eslopor hinzu, »ist lediglich der Auftakt weiterer Protestmärsche in anderen Städten des Landes. Nur so können die Menschen ihre Wut und Verbitterung über die Regierung zum Ausdruck bringen».

»President Aquino«, schrieb Amando Doronila im Philippine Daily Inquirer, »muss acht geben, dass die Aufwallung in Tacloban nicht in Metro Manila Feuer fängt. Es entspräche größter Ironie, wenn ausgerechnet Mr. Aquino, ein Nutznießer von Edsa I (dem Volksaufstand vom 22. bis 25. Februar 1986 auf Manilas Ringstraße Epifanio delos Santos, der Marcos ins Exil trieb – R.W.), das Opfer einer anschwellenden Protestaktion würde, die diesmal nicht von den Mittelschichten ausginge, sondern sich aus der geballten Wut der Armen speiste«.

Hilfe im Stechschritt

Schon bei der Ernennung Lacsons feuerte die im Untergrund agierende CPP, deren Neue Volksarmee seit genau 45 Jahren einen Guerillakampf gegen die Regierungstruppen führt, Breitseiten gegen »Aquinos wachsenden Militarismus«. In einer Erklärung der CPP vom 5. Dezember 2013 hieß es: »Durch die Ernennung Lacsons und die ihm erteilte Vollmacht über die Verwendung von Sonderfonds in Höhe von mehr als 40 Milliarden Peso (913 Millionen US-Dollar) verfolgt das herrschende Aquino-Regime das Ziel, die Anstrengungen des Wiederaufbaus den Interessen der mächtigen – insbesondere chinesischstämmigen – Kompradorenbourgeoisie unterzuordnen, zu der Lacson seit langem enge Beziehungen unterhält.« Und weiter: »Die Ernennung Lacsons offenbart zugleich Aquinos militaristische Gesinnung, in den jüngst vom Supertaifun verwüsteten Gebieten den Widerstand der dortigen Bevölkerung zu unterdrücken. Dies geschieht im Rahmen von ›Oplan Bayanihan‹ (des aktuell gültigen ›Operationsplans Nachbarschaftshilfe‹ im Rahmen von ›Aufstandsbekämpfung‹ – R.W.) und in der gleichen Weise wie vor genau einem Jahr, als während des damaligen Supertaifuns ›Pablo‹ (internationaler Name: ›Bopha‹, siehe nebenstehenden Kasten – R.W.) die Menschen aus Wut gegen das Aquino-Regime protestierten, weil dieses auf kriminelle Weise den Betroffenen angemessene Hilfen verweigerte.«

Der 2010 im AFP-Hauptquartier ausgearbeitete »Oplan Bayanihan«, der Anfang 2011 in Kraft trat, sieht explizit vor, kombinierte zivile und militärische Komponenten miteinander zu vereinen, um in »Rebellengebieten« schrittweise Fuß zu fassen. Das Ziel, wie schon in ähnlichen früheren Plänen, ist es, bis spätestens Ende Juni 2016, wenn Aquinos Amtszeit endet, die »linken und kommunistischen Elemente zu zerschlagen« und dauerhaft »Hirne und Herzen« der betroffenen Bevölkerung zu gewinnen. Militärkommandeur_innen ist es in ihren jeweiligen Operationsgebieten gestattet, Schulen, Hospitäler, Kliniken und selbst religiöse Stätten zu nutzen, um dort vor allem Kinder und Jugendliche vor »kommunistischen Frontorganisationen« zu warnen. Laut der philippinischen Menschenrechtsallianz Karapatan mussten sich allein von Juli 2010 bis Ende Dezember 2013 knapp 133.000 Menschen – meist Kinder – dieser »Schulungsmaßnahme« unterziehen. Ortschaften, die AFP-Einheiten den Zutritt verweigern, gelten als suspekt und werden als »Horte des Terrorismus« ins Visier genommen.

Pikanterweise sind es die heute von »Haiyan« besonders hart getroffenen und von grassierender Armut gezeichneten Inseln Samar, Leyte, Negros und Panay, die zu den Hauptzielgebieten von »Oplan Bayanihan« zählen. Vor allem Samar kann auf eine lange Tradition von militärischem Widerstand und zivilem Protest zurückblicken. Es war der US-General Jacob Hurd Smith, der auf dem Höhepunkt des Amerikanisch-Philippinischen Krieges 1901 seinem untergebenen Kommandeur, Major Littleton Waller, den Befehl erteilt hatte, die »von Rebellen verseuchte Insel« zu »befrieden« und Samar in »eine heulende Wildnis zu verwandeln«. Heute, so Fr. Santiago Salas, Sprecher der CPP-NPA in Ostsamar, sehen sich seine Genossen konkret Militäroperationen seitens der 8. Infanteriedivision und Einheiten des 87. Infanteriebataillons ausgesetzt. Die Regierungstruppen hätten es darauf abgesehen, den selbstverwalteten Wiederaufbau in den Guerillagebieten zu unterminieren.

Aus der Geschichte nichts gelernt

Am 8. November 2013 war der bis dahin heftigste jemals registrierte tropische Wirbelsturm »Haiyan« (in den Philippinen als »Yolanda« bekannt) über die zentrale Inselgruppe der Visayas hinweggefegt. Mit Böen bis zu 370 Stundenkilometern und fünf Meter hohen Flutwellen hinterließ der Taifun eine breite Schneise der Verwüstung. Am schwersten betroffen waren die Inseln Samar und Leyte mit der Haupt- und Küstenstadt Tacloban. Sie wurde buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht.

Bis zum 31. Januar sind laut Angaben der Vereinten Nationen und der Regierung in Manila über 6.200 Todesopfer zu beklagen. Vier Millionen Menschen wurden entwurzelt und leben unter meist miserablen Bedingungen in Notunterkünften. Insgesamt wurden laut Europäischer Kommission noch immer bis zu 16 Millionen Menschen, etwa ein Sechstel der nunmehr 100 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung der Philippinen, auf unterschiedliche Weise durch »Haiyan« in Mitleidenschaft gezogen. 16 Millionen Menschen: Das entspricht der Gesamtbevölkerung Berlins, Roms, Brüssels, Warschaus, Budapests, Paris, Madrids, Prags und Amsterdams. 791 Millionen US-Dollar hatten die Vereinten Nationen an Wiederaufbauhilfe zugesagt. Bis Anfang Februar ist davon gerade mal ein Drittel geflossen. Korruption und unterschiedliche Auffassungen in Manila und New York über die Verwendung von Geldern sind einerseits dafür verantwortlich. Andererseits, betont Steven Rood, Repräsentant der Asia Foundation in Manila, »bestehen großes Unbehagen und reichlich Zynismus unter philippinischen Communities im Ausland. Die Leute glauben lieber an eigene soziale Netzwerke als an Geldspenden. Spenden werden in ihrer Sicht veruntreut oder gleich gestohlen«.

Das war in der Vergangenheit ebenso kalkulierbar wie die etwa 20 Taifune, die jährlich im Inselstaat Not und Leid säen. Besonders schlimm war es in den beiden Vorjahren. 2011 und 2012 forderten jeweils im Dezember die Taifune »Washi« (lokaler Name »Sendong«) und »Bopha« (lokal »Pablo« genannt) auf der südlichen Hauptinsel Mindanao etwa 2.500 Todesopfer. Dabei gilt diese Region eigentlich als taifungeschützt. Die Zahl der bis heute Vermissten wird auf über 840 geschätzt. »Bopha« war der im Jahre 2012 weltweit verheerendste Wirbelsturm. Dieser als Kategorie 5 (die höchste Stufe) klassifizierte Sturm war weitaus heftiger als Hurrikan Katrina Ende August 2005 (Kategorie 3) und Hurrikan Sandy (Ende Oktober 2012 – Kategorie 2), die über mehrere karibische Inseln hinwegfegten und auch Teile der USA verwüsteten.

»Bopha« zog mehr als 6,2 Millionen Menschen in Mitleidenschaft und durch ihn verloren über 850.000 Personen ihr Dach über dem Kopf. Es wird 10 Jahre dauern, um allein die verwüsteten Kokosnussplantagen wieder aufzubauen. Nicht nur Bauern verloren ihre Existenzgrundlage, sondern auch über eine Million Arbeiter_innen. Über 10.000 Menschen harren noch in Notunterkünften aus. Menschen, die verzweifelt Hilfe bei den staatlichen Behörden anmahnten, wurden drangsaliert. »Wir wollen keinen weiteren Fall Cristina Jose«, sagt Cristina Palabay, die Generalsekretärin der philippinischen Menschenrechtsallianz Karapatan, »die nur deshalb von Regierungstruppen getötet wurde, weil sie von den Behörden immer wieder Hilfsgüter für sich und ihre Gemeindemitglieder gefordert hatte«.