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Hinfliegen und helfen? Oder zu Hause bleiben und spenden?

Philippinische Kampagne für Voluntourismus wirft Fragen über Freiwilligenarbeit in Katastrophengebieten auf.

Zum ersten Mal weltweit bittet eine von einer Naturkatastrophe betroffene Region ausdrücklich Touristen, die lokale Bevölkerung als sogenannte „Voluntouristen“ beim Wiederaufbau zu unterstützen. Mit Rückhalt der Provinzregierung wirbt derzeit das Fremdenverkehrsbüro der philippinischen Provinz Capiz (Insel Panay, Visayas) mit der Kampagne “Tindog Capiz!” (übersetzt “Steh auf, Capiz!”) für einen Besuch des Landes trotz oder gerade wegen der Sturmschäden des Taifuns Haiyan. Hinfahren und helfen also? Oder doch lieber zu Hause bleiben und spenden? Die philippinische Initiative wirft eine ganze Reihe von Fragen zu freiwilligem Engagement in Katastrophen-Gebieten auf – und sollte nicht mit flexibler Freiwilligenarbeit gleichgesetzt werden.

Welche Art des freiwilligen Engagements bietet die Tindog Capiz!-Voluntourismus-Kampagne?

Es ist ein Phänomen, das alle Freiwilligen-Organisationen mittlerweile kennen: nur wenige Tage, nachdem am 8. November 2013 der Taifun Haiyan auf den Philippinen schwerste Zerstörungen angerichtet hatte, häuften sich bei Ihnen die Anfragen mitfühlender Bürgerinnen und Bürger: “Ich möchte gerne vor Ort Volunteer werden. Wie stelle ich das an?” Die außergewöhnliche Antwort des Capiz Provincial Tourism und Cultural Affairs Office auf seiner Facebook-Seite: “Warten Sie nicht, kommen Sie zu uns und helfen Sie uns als Voluntourist, u.a. beim Pflanzen von Bäumen und Mangroven, Bauen von Schulen, kultureller Freizeitgestaltung für Kinder, Strand-Säuberungen oder Aufräumarbeiten.“

Laut Alphonsus Tesoro, Direktor des Fremdenverkehrsbüros, sollen die Teilnehmer vor allem an Orten touristischer Infrastruktur zum Einsatz kommen, einer Anlegestelle für Bootsausflüge etwa, oder in deren Umgebung. Es gibt keine Mindestteilnahmedauer und die freiwillige Arbeit kann je nach Interesse und Motivation auf wenige Stunden pro Tag beschränkt werden. Das Fremdenverkehrsbüro übernimmt die Koordination und stellt den Voluntouristen lokale Begleiter zur Seite. 18 Partner-Hotels stellen vergünstigte Tarife für die Unterbringung in Aussicht. So jedenfalls die Planung!

Warum diese Voluntourismus-Kampagne?

Die Provinz Capiz ist damit die erste Region weltweit, die nach einer Naturkatastrophe aktiv um Voluntouristen wirbt … und schwimmt damit gegen den Strom. Denn wenn es um freiwillige Hilfe in Katastrophengebieten geht, lautet normalerweise die pauschale Standard-Antwort: “Überlassen Sie die akute Katastrophenhilfe und den Wiederaufbau den Spezialisten. Unterstützen Sie lieber deren Arbeit durch Spenden.”

Scott Burke, Gründer der amerikanischen Freiwilligen-Entsendeorganistion Cosmic Volunteers, bittet z. B. die Leser seines Blogs: “Please stay home.” Schauplätze schwerer Naturkatastrophen seien genau die Art von Freiwilligenarbeit, die man lieber den Profis überlasse. Die meisten Personen hätten weder die Fähigkeiten noch die angemessene psychologische Stabilität, um in solchen Notlagen Hilfe leisten zu können. Die schweizer Dachorganisation Intermundo hat erst im Sommer ein kritisches Positionspapier verabschiedet mit dem Titel “Voluntourismus – Die gute Absicht allein reicht nicht.“

“Wir wollen die Krise als Chance begreifen und den Touristen die Gelegenheit geben, ihren Besuch bei uns nicht nur angenehm sondern auch bedeutungsvoll zu machen.”

Für die Philippinen geht es jedoch um zahlreiche Arbeitsplätze. Der Tourismus machte zuletzt nach offizieller Aussage acht Prozent des philippinischen Bruttoinlandsprodukts aus und bot 2,9 Mio. Personen eine Arbeit. Wenn die Touristen durch die Katastrophen-Berichterstattung der Inselgruppe fernbleiben, könnte dies dazu beitragen, dass das Wirtschaftswachstum im Jahr 2014 um ein Prozent geringer als erwartet ausfällt, fürchtet der philippinische Finanzminister.

Tesoro macht keinen Hehl daraus, dass es darum geht, den Tourismus nach dem Taifun wieder anzukurbeln. “Wir wollen die Krise als Chance begreifen und den Touristen die Gelegenheit geben, ihren Besuch bei uns nicht nur angenehm sondern auch bedeutungsvoll zu machen.” Dass dies für die Region ein Novum ist und nicht alles beim ersten Mal klappen wird, gibt er zu.

So hat die Kampagne ihren Sprachgebrauch seit dem offiziellen Start Anfang Dezember bereits geändert. Während in den Dokumenten der Anfangsphase noch in auffallender Weise betont wird, wie die freiwillige Arbeit dem Aufenthalt einen “wirklichen Sinn” geben könne, weist jetzt eine E-Mail-Antwort auf eine Anfrage explizit darauf hin: “Sie werden hier in erster Linie ein Tourist sein, und der Grund Ihres Besuchs sollte in erster Linie die Erholung sein.” Potenzielle Teilnehmer sollten deshalb wohl in punkto Sinnhaftigkeit und Arbeitsauslastung nicht zu viel erwarten.

Sollte man Voluntourismus und flexible Freiwilligenarbeit gleichsetzen?

Die Schwammigkeit des Begriffs “Voluntourismus” macht die Einordnung der Tindog Capiz!-Kampagne besonders schwierig. Entstanden aus dem englischen Volunteering, für ehrenamtliches Engagement, und Tourismus beschreibt er eine Kombination von Freiwilligeneinsatz und Reise. Eine allgemein anerkannte Definition fehlt jedoch derzeit noch. Ähnliches gilt für den Begriff “flexible Freiwilligenarbeit”. Wir glauben, dass es notwendig ist, je nach zeitlichem Anteil des freiwilligen Engagements unterschiedliche Ausdrücke zu benutzen.

Bei Tindog Capiz! liegt der Schwerpunkt allem Anschein nach auf dem Tourismus-Aspekt. Ein Erholungsurlaub wird dort mit ein paar Stunden Freiwilligeneinsatz ergänzt. Wenn der Urlaub generell nach den Prinzipien des nachhaltigen Tourismus konzipiert ist, kann das durchaus ein interessanter Ansatz sein. Voluntourismus scheint uns hier als Beschreibung durchaus angemessen. Im Rahmen dieses Artikels war es uns nicht möglich, den Tourismus in der Region Capiz auf seine Nachhaltigkeit zu überprüfen. Wahrscheinlich gibt es dort sowohl Licht als auch Schatten.

Bei flexibler Freiwilligenarbeit handelt es sich um Programme, bei denen das freiwillige Engagement im Vordergrund steht, häufig so gut wie Vollzeit im Rahmen einer Arbeitswoche. Die Motivation der Teilnehmer lässt sich hier kaum mit dem Begriff Tourismus beschreiben. Unserer Einschätzung nach fällt die philippinische Initiative nicht in diese Kategorie.

Wann ist es wieder politisch korrekt ein Katastrophengebiet zu bereisen oder dort “normale” Freiwilligenarbeit zu verrichten?

Und auch in anderer Hinsicht spielen Definitionen eine Rolle bei der Betrachtung der Initiative. Wie definiert man eigentlich in diesem Zusammenhang “Katastrophengebiet”? Oder: Wann darf ich mich, moralisch gesehen, wieder in einer angeschlagenen Region guten Gewissens erholen?

Für die letztere Frage gibt es wohl keine universelle Antwort. Stattdessen geht es auch um das persönliche Bauchgefühl. Dem potenziellen Unwohlsein, sich Urlaubsaktivitäten hinzugeben, während nur wenige Meter weiter die Bevölkerung mit dem Wiederaufbau beschäftigt ist, steht die Möglichkeit gegenüber, durch nachhaltigen Tourismus der Wirtschaft des Landes beim Durchstarten zu helfen und so vielen Menschen eine Lebensgrundlage zu geben.

Schon am 18. November (also nur zehn Tage nach dem Taifun Haiyan) vermeldete die staatliche philippinische Tourismusbehörde, viele Regionen des Landes seien nach wie vor “open for business” und versicherte “die Philippinen bleiben ein sicheres und unterhaltsames Reiseziel“. Auch in Capiz versicherte man uns bereits Anfang Dezember, dass die Stromversorgung und die Straßeninfrastruktur wieder weitgehend funktionsfähig seien. Das wirtschaftliche Interesse an einer beschwichtigenden Berichterstattung liegt natürlich auf der Hand.

Gleichzeitig ist es nicht schwer sich vorzustellen, dass es von den am schlimmsten betroffenen Regionen ausgehend auch Gebiete gibt, die graduell weniger zerstört wurden und wo deshalb das “normale” Leben und “normale” Freiwilligenarbeit wieder schneller möglich werden.

Wie kann ich einschätzen, ob ein Freiwilligen-Projekt in der betroffenen Region für mich als Normalbürger_in sinnvoll ist?

Stellen wir zunächst klar, dass Einsätze in der akuten Katastrophenhilfe – also während der ersten Tage und Wochen nach einer Katastrophe, wenn es darum geht Leben zu retten und das Überleben zu sichern – uneingeschränkt ausgebildeten Spezialisten vorbehalten bleiben müssen. Wer in dieser Phase und in den am stärksten betroffenen Gebieten helfen will, sollte am besten für die Arbeit eben jener Spezialisten spenden.

Je weiter ein Einsatzort vom Kern des Katastrophengebietes entfernt liegt und je mehr sich der Kreislauf der Katastrophenhilfe in Richtung Wiederaufbau und Rehabilitation oder gar Katastrophenvorbeugung bewegt, umso eher kann man auch im Rahmen flexibler Freiwilligenarbeit seinen Beitrag leisten. Dabei ist es wichtig, sich genau zu informieren. In keinem Fall sollte man sich unnötigen Gefahren oder psychologischen Belastungen aussetzen.

Darüber hinaus gilt es, das Freiwilligen-Projekt mit denselben Kriterien zu hinterfragen, die auch für alle anderen Formen der Freiwilligenarbeit gelten:

  • Wird das Projekt von der lokalen Bevölkerung mitgetragen?
  • Sind meine Aufgaben im Vorhinein klar definiert?
  • Sind die Aufgaben meiner Qualifikation angemessen?
  • Nehme ich lokalen Arbeitskräften die Arbeit weg? Und in diesem Zusammenhang auch: Behindere ich durch meine Anwesenheit den Wiederaufbau?
  • Welche Betreuung bekomme ich vor Ort von der Freiwilligen-Organisation?
  • Wie erfahren ist die Entsendeorganisation im Umgang mit Freiwilligen?

Viele dieser Fragen bleiben bei der Tindog Capiz!-Kampagne leider offen. Auf Anfragen bekamen wir nur recht allgemeine Absichtserklärungen und die Fotos, die auf der Facebook-Seite online gestellt werden, lassen leider nicht auf einen durchdachten Ansatz schließen. Zwar haben die Verantwortlichen einer ganzen Reihe etablierter Freiwilligen-Organisationen eine Kooperation angeboten, bislang aber ohne Erfolg.