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Frischer Wind…

Hallo Leute, Freunde, Verwandte,

bei so vielen Lesern ist es immer etwas schwierig eine gute, kreative und passende Anrede zu finden. Lena war ja schon recht fleißig, um euch alle über die Ereignisse der letzten Wochen aufzuklären, besonders natürlich die Christ-The-King Celebration in Bugallon.

Mein letzter Eintrag spricht noch von meiner tiefen Sinn-, Kultur- u. ä. Krise. Ich kann euch sagen, dass die letzten zwei Wochen zwar besser, aber nicht gut waren und ich eine regelrechte emotionale Achterbahnfahrt mitgemacht habe. Pünktlich mit meinem Blogeintrag (und mit ein Grund warum ich ihn ohne große Reflektion veröffentlicht habe) hat mich eine Nachricht von zu Hause erreicht, die keinesfalls unerwartet, aber dennoch furchtbar war. Ich will hier keine Details ausbreiten, die meisten wissen sicherlich wovon ich rede. Wer es nicht weiß, kann gerne nachfragen. Das hat mir in den letzten Wochen sehr zu kämpfen gegeben und mich sehr launisch gemacht.

Es waren aber nicht nur krisenbelastete Wochen, sondern es gab auch einige Höhepunkte, oder wenigstens Lichtblicke, die mir immer wieder aus meinem Trauertal heraus geholfen haben.

Als erstes habe ich ja schon das letzte Mal kurz vor Tore Schluss erwähnt, dass ich umgezogen bin und zwar hoffentlich das letzte Mal für lange Zeit! Familie Ariso hat sich bereit erklärt mich aufzunehmen und so lebe ich jetzt schon seit zwei Wochen in einem kleinen, aber sehr feinen Zimmer im Erdgeschoss des Familienhauses. Typisch philippinisch lässt sich aber gar nicht so genau bestimmen, wer alles zur Familie dazugehört und wer überhaupt bei uns wohnt.

Als erstes haben wir die drei Arisos: Ate Nida, Grundschulleiterin in Bani, Kuya Jojo, Grundschullehrer, und ihre Tochter Sophia „Jaja“, Grundschülerin :-). Aber mit diesen sind die Bewohner des Hauses noch lange nicht vollzählig vorgestellt. Es gibt ferner Ate Luz, die „Maid“.
Die „Maid“ ist eine Position in philippinischen Familien, an die Lena und ich uns nicht so richtig gewöhnen können. Durch die hohe Arbeitslosigkeit können sich auch nicht so reiche Familien (keinesfalls aber arme) eine dauerhafte Haushaltshilfe leisten. Diese lebt meistens mit im Haus, putzt, kocht und wäscht die Wäsche. Je nach Familie ist sie aber auch ein wichtiges Familienmitglied, das geschätzt wird. Aber auf den Philippinen sind Hierarchien sehr wichtig und so vergisst man nie, wer Maid und wer Hausherr/in ist. Das hört sich brutaler an, als es ist, die Maid wird nicht gnadenlos herumkommandiert, aber sie ist ganz klar nicht nur Familienmitglied, sondern auch Angestellte. Ich finde es immer ein bisschen komisch, weil ich mich an den (für mich großen) Spalt zwischen Familienmitglied und Angestellte nicht gewöhnen kann. Meine Wäsche wasche ich deswegen immer noch selber, auch wenn ich Ate Luz nicht davon abhalten kann, zu helfen. Zu zweit ist waschen auch lustiger :-).Ferner gibt es dann auch noch zwei Angestellte, die den Laden der Arisos betreiben. der ist gleich um die Ecke und verkauft irgendwie alles. Von Gittarenseiten, über Kopien bis hin zu allem, was die Arisos gerade für ihre Arbeit brauchen. Deren Namen kann ich mir leider immer noch nicht merken, weil ich sie nur sehr selten zu Gesicht bekomme.

Aber nur weil das alle dauerhaften Bewohner sind, heißt das nicht, dass nicht jeden Tag irgendjemand das Haus mitbewohnt, als wäre es sein eigenes. Nida’s und Jojo’s Familien sind sehr groß und beide in Bani ansässig und so gibt es immer ein Haufen Tanten, Cousins und Onkel, die auftauchen. Auch die Nachbarn und selbst unser Friseur gehört dazu und jeder wird, wieder typisch philippinisch, auf jeden Fall verköstigt, wenn er vorbeikommt. Ich habe es aufgegeben, zu versuchen, mir alle Namen zu merken.

So viel zu meiner Gastfamilie. Alles in allem ist es sehr nett und lebhaft, aber ich kann mich auch zurückziehen und es wird selten genauer nachgefragt, wenn ich zu spät nach Hause komme. Etwas unphilippinisch bin ich also sehr unabhängig vom Familienleben, aber keinesfalls unwillkommen. Das macht mir die Lage momentan sehr viel leichter, denn in meiner Verfassung wäre ich bei Zwangsintegration oder vollständiger Abweisung wahnsinnig geworden.

 

Des weitern gibt es aber auch noch neue Projekte! Schon vor längerer Zeit habe ich mich mit Sr. Carol darauf geeinigt, dass ich Dezember und vielleicht auch Januar an mehreren Orten Arbeiten werde, um ein bisschen mehr zu sehen und vielleicht auch noch einmal ein Projekt zu finden, für das ich besser geeignet bin. Für die SPED-Class fehlt mir irgendwie die Kreativität, so habe ich das Gefühl. Ate Pinky und die ganze Bande habe ich trotzdem nicht aufgegeben, ich bin nun nur nicht mehr die ganze Woche da.

Meine erste neue Arbeitsstelle ist das Altenheim in Tara, dass inzwischen schon eine lange Freiwilligentradition hat. Es wird von den Schwestern der Little Sisters of the Poor geleitet, die ursprünglich aus Frankreich kommen. Dort helfe ich einmal die Woche beim Essen servieren, Geschirr spülen und Lolos und Lolas (Opas und Omas) beschäftigen. Ich war bis jetzt 3 Mal dort, einen detaillierteren Bericht will und kann ich also noch nicht geben.Als zweites habe ich Sr. Carol endlich davon überzeugt, mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Ich darf ab jetzt in Sual bei der Care for the Future Foundation arbeiten, wie oft und wie lange, haben wir noch nicht geklärt. Meine Hoffnung ist es, dort endlich eine Arbeitsstelle zu finden, in die ich mich auch aktiv einbringen kann und wo ich nicht nur „Zuschauer“ bin. Auch hier gibt es noch einmal einen ausführlichen Bericht, wenn ich etwas länger dort gewesen bin. Bis jetzt war ich ein ganzes Wochenende dort und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Mal sehen, ob der gute Eindruck trügt, oder ob ich dort auch langfristig eine gute Beschäftigung finde.

Als letztes noch einige kleinere Dinge. Meine Kamera ist leider immer noch kaputt und ich habe noch keinen Ersatz (auch wenn ich Gerüchte über ein anstehendes Fest gehört habe). Für alle Großveranstaltungen kommen hoffentlich Leute, von denen ich mir Bilder kopieren kann. Diese Woche steht Town Fiesta an, ein fast einwöchiger Paraden und Tanzparty-Trubel, auf den ich mich zwar freue, aber auch ein wenig mit Sorge blicke. Ihr wisst ja nur zu gut, wie ich auf längerfristigen Schlafentzug reagiere.
Die Situation zu Hause, von der ich oben sprach, wird viele Monate andauern und ich kann noch keine Vorhersage treffen, wie sie meine Nerven langfristig belasten wird. Momentan bin ich zwar unglaublich gut darin, sie zu verdrängen, aber ich weiß nicht, ob mir das dauerhaft gelingt. Immer wieder überrascht es mich aus heiterem Himmel und ich werde extrem reizbar und kann kaum noch mit Leuten reden, ohne das meine Nerven reißen. Ich bete und hoffe, dass alles so gut und toll weitergeht wie bisher, aber es bleibt natürlich Angst. Auf der anderen Seite kann ich zu Hause auch nicht viel ausrichten, aber ein Teil von mir (manchmal ein großer, manchmal ein kleiner) will schon auf jeden Fall zurück um mit Freunden und Familie diese Situation überstehen. Ein Anruf ist eben nicht dasselbe, wie da zu sein, und eigentlich zeigt er mir momentan auch nur, wie weit weg ich hier doch bin. Mit Heimweh haben Freiwillige und eigentlich jeder, der von zu Hause weggeht immer zu kämpfen, aber das hier ist noch einmal etwas anderes.
Hier habe ich mit relativ wenigen Leuten darüber gesprochen, aber ich habe doch unglaublich viel Unterstützung und Zuspruch bekommen. Auch wenn die oft sehr familienbezogenen Philippin@s mir natürlich als erstes alle geraten haben, nach Hause zu gehen.
Wenn alles so weitergeht, wie bisher, hoffe ich, dass ich die Kraft habe das Ganze zu überstehen und, wie ein alter Mathelehrer immer gesagt hat: älter und weiser :-), aus der Sache hinauszugehen.

Jetzt geht es aber erst einmal zum Postamt, einige Briefe abschicken (und einen davon viel zu spät),

Viele gemischte Grüße, Claas

3 Kommentare

  1. Norbert Hark Norbert Hark 3. Dezember 2013

    Hallo Claas,

    schön von Dir zu hören. Deine ausführlichen und offenen Berichte beeindrucken mich sehr. Zwischen vielen Zeilen lese ich Claas „so, wie er ist“. Das ist ganz wunderbar.

    Dass Du jetzt zu Hause sein möchtest, auch wenn Du nichts ausrichten kannst, das kann ich verstehen. Da ringen Kopf und Herz in Dir miteinander. Vielleicht vertraust Du denen in Kelkheim, dass sie Dir sagen, wo jetzt der richtige Ort ist. Im Augenblick jedenfalls in den Phillipinen.

    Du wirst eher Zuschauer, als Akteur bleiben, egal, wohin Du gehst. Du bist noch jung und hast nichts als Deinen Eifer und Deine Motivation. Außerdem bist Du jetzt ein Schwamm, der alle Eindrücke aufsaugt. Du wirst ein Leben lang von den aufgesaugten Erfahrungen leben. Ich sehe schon Opa Claas mit seinen Urenkeln auf dem Schoss: „Damals 2013 in den Philipienen – habe ich das schon erzählt – da gab es Maids …“ „Ach Opa, das wissen wir schon!“ 😉

    Geniese die Zeit, sie ist so wertvoll.

    Ich bete jeden Tag für Dich und Deine Lieben.

    Ganz liebe Grüße
    dein alter Norbert

  2. Omma + Oppa Omma + Oppa 5. Dezember 2013

    Hallo Claas,
    wie Du weißt habe ich eine Woche in Kelkheim verbracht und somit
    von Deinen Sorgen gehört. Nimm es als Schule des Lebens und werde
    dadurch nur stärker. Wie wir jetzt wissen hältst Du durch und das
    finden wir besonders wertvoll.
    Wenn wir nach unserem Kalender gehen hast Du morgen Namenstag, dazu
    alles Liebe. Halte weiter die Ohren steif.
    Liebe Grüsse Oma und Opa

  3. Miriam Streifel Miriam Streifel 14. Dezember 2013

    Hallo Class,
    das es zur zeit nicht einfach ist kann ich mir gut denken aber ich glaube fest daran das du die zeit durchstehen wirst. Denke immer daran wie viele hier in Kelkheim immer an dich denken und viele Leute deine Familie hier unterstützen also gib jetzt nicht auf denk immer daran was du jetzt dort lernst wird dir später mal nützlich sein.
    Gib niemals die hoffnung auf und glaube daran das du es schaffen wirst

    Miriam