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Eine voll(e) festliche Woche

Hmm, es ist Mal wieder Zeit für ein Update… habe ich jedenfalls beschlossen.

Hallo Leute, viele Grüße von den Philippinen, die es ja selbst in Deutschland als erste Meldung in die Tagesschau geschafft haben.
Irgendwie ist es ein bisschen Schade, das immer nur über die großen Katastrophen hier berichtet wird. Aber deswegen gibt es ja auch uns, um ein bisschen mehr dieses Landes einzufangen. In den letzten Wochen ist tatsächlich einiges passiert, also widme ich mich dem ganzen wieder in der Form des Tagweisen Berichts (ja, das Formamt, oder wenigstens den Namen, habe ich frei erfunden).

Freitag, 25. 10.

In der SPED-Class gab es Halloween-Party. Darüber sagen die Bilder mehr als tausend Worte, also hier noch mal der Link, für die die’s übersehen haben.

Montag, 28. 10.

Für mich ein sterbenslangweiliger Tag, für die meisten Filipinos und Filipinas aber eine wichtige Angelegenheit: Baranagy Elections (Wahlen). Das Barangay ist die kleinste politische Einheit im Land und lässt sich am besten mit einem Stadtteil oder Dorf vergleichen. Jede „Stadt“ hier besteht aus vielen Barangays, die meistens weit über das Land verstreut sind. Obwohl die Barangays eine unglaublich kleine Einheit sind, sind die Barangay Wahlen ein sehr wichtiges Ereignis.
Sieben Personen werden in den Rat des Barangays gewählt, man nennt sie Kagawad, was so viel heißt wie „Stadt“Rat. Einer von ihnen hat die Position des Barangay-Captains innen. Diese Bezeichnung geht auf den historischen Ursprung der Barangays zurück. Laut meinem Reiseführer haben sich die Dorfgemeinden aus den alten Sippen gebildet, die zusammen eine Barangay, ein Boot besaßen.
Hier in Bani hieß das für mich einfach nur Free Day, weil die Schule ausgesetzt war. Wie in Deutschland oft auch, dienen die Schulen hier als Wahllokal.

Am Abend gab es aber noch einen kulinarischen Schock: Mein momentaner Gastvater hatte mit einigen Freunden Suppe gekocht, und zwar aus einem Ziegenkopf. Den hatten sie aufgebrochen, und aßen fröhlich das Gehirn. Die Herausforderung: „Willst du auch was?“ konnte ich nicht ablehnen. Und tatsächlich Ziegenhirn schmeckt ganz gut, auch wenn die Konsistenz etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Daraufhin kam jedoch die nächste Stufe: „Ach, das Auge ist auch lecker, willst du das?“
Ohh, mhh, tja… ach, was kann schon schlimmes passieren! Also, Augen zu und durch!
Auch Ziegenauge ist überlebbar und gar nicht so schlecht, allerdings ist es für meinen Geschmack zu klebrig.

Dienstag – Mittwoch, 29. – 30. 10.

Zwei quälend lange Tage im Priesterseminar. Kein weiterer Kommentar.

Donnerstag, 31. 10.

In Alaminos war Eco-Run, ein Fünf-Kilometer-Lauf, zu dem Lena mich überredet hatte. Sie hatte sich jedoch krank gemeldet (siehe ihren letzten Beitrag) und so stolperte ich um 4:30 morgens alleine aus dem Zimmer. Der Lauf war auf fünf Uhr angesetzt. Also schleppte ich mich auf den Vorhof der Kathedrale, in der Hoffnung, schon mal einige Leute an der Startlinie dort zu treffen.
Auf dem Platz war es menschenleer und nur ein einsamer Wachmann erklärte mir geduldig, dass der Lauf nicht von Alaminos nach Lucap, sondern von Lucap nach Alaminos verläuft! Ein Trycicle nach Lucap ist verdammt teuer und außerdem um 4:30 Uhr nicht so einfach zu bekommen. Dachte ich!
Naja, ich wusste das einer der Priester mit rennen würde, und so setzte ich mich unten an die Treppe, die zu den Priesterwohnungen führt und wartete. Und wartete, und wartete.
Um 5:10 Uhr kam Fr. Bob fröhlich gelaunt die Treppe hinunter, schon in Sportklamotten. „Ach, der Lauf, der beginnt doch um 5:30 Uhr!“, war die gut gelaunte Antwort auf meine bange Frage nach der Zeit. Naja, wir haben uns ein Trycicle geschnappt (es waren tatsächlich ziemlich viele unterwegs) und haben in Lucap tatsächlich ein kleine Gruppe Läufer angetroffen. Da aber noch lange nicht alle Erwarteten anwesend waren, verschoben die Organisatoren den Lauf spontan auf 6:00 Uhr. Ich war leicht pikiert, das ich mich um 4:30 Uhr aus dem Bett gequält hatte.
Völlig schweißtriefend kam ich dann auch in Alaminos an. Zu meiner unendlichen Schande muss ich gestehen, dass ich die fünf Kilometer nicht durch gerannt bin. Die allgemeine Sportaversion vieler Filipinos/as, die meine eigene Faulheit teuflisch gut unterstützt, hat mich noch kurzatmiger als sonst gemacht. Doch auf eine knappe Stunde Lauf (der letzten, meine eigene Zeit weiß ich nicht) kamen natürlich 1 1/2 Stunden „Picture, Picture“ also unendlich viele (Sieges)-Fotos mit verschiedensten Gruppen.

Den restlichen Tag habe ich damit verbracht, Kuchen zu backen, Lena zu besuchen und Leute zu überreden, die mit mir auf das San Miguel Oktoberfest am Abend gehen wollten. Von meinen Freunden in Alaminos hatten sich am Ende nur Brother Amiel (der am nächsten Samstag zum Diakon geweiht wird) und zwei seiner Freunde bereit erklärt mitzukommen. Die Anderen wurden durch verschiedenste Faktoren davon abgehalten (Arbeit, Müdigkeit, Krankheit, und Mütter).
Leider war der Besuch des Oktoberfests nur kurz, da die drei Seminaristen am nächsten Morgen um 4:00 Uhr die Gräber auf dem Friedhof anlässlich der Hochfeste Allerheiligen und Allerseelen segnen mussten.
Mit dem bayrischen Volksfest hat die philippinische Version allerdings nur den hohen Bierkonsum gemein. Anstatt Weißwurst und Brezel gab’s Grillgut, die blau-weißen Wimpel wurden durch San Miguel Fähnchen ersetzt und anstatt bayrischer „Volksmusik“ spielte eine viiieeeel zu laute Life-Band, die eher durch kurze Röcke und rockiges Punk-Outfit als durch gute Musik hervor stach. Trotzdem, oder gerade deswegen wurde es ein lustiger, viel zu kurzer Abend.

Freitag, 1. November – Undas

Undas ist der philippinische Namen für Allerseelen, das hier trotz lauter Protest des Klerus immer am 1. gefeiert wird. Die Gemeindepfarrer beugen sich der Volksmeinung und so strömte das ganze Volk auf die Friedhöfe. Ich hatte in den letzten Wochen schon viel über den Volksfestcharakter gehört und endlose Geschichten erzählt bekommen. Tatsächlich erfüllte mich die Vorstellung, den Tag auf dem Friedhof beim Picknick zwischen Gräbern zu verbringen, eher mit Sorge als mit Vorfreude.
Trotzdem willigte ich natürlich ein, meine Gastfamilie zu begleiten. Das ganze war am Ende eher langweilig als unheimlich. Wir besuchten Gräber von Freunden und Verwandten (und verwandten Freunden, die den größten Teil ausmachen) und haben uns ausgelassen mit jedem, den wir trafen, unterhalten. Der Friedhof in Bani ist unglaublich schrottig und zwischen den Gräbern spielten Kinder, was der ganzen Sache wirklich alle Trübsal und Bedrückung nahm, die ein ähnliches Unterfangen in Deutschland begleitet hätte. Leider ging auch die meiste bedächtige Stimmung verloren und so war das Ergebnis ein gemütlicher, etwas langweiliger, Plausch mit Unbekannten an einem für mich sehr makaberen Ort.
Am Abend gab es noch Halloween-Party mit wieder viiieeeel zu lauter Musik. Die Tanzgruppen waren wirklich überragend (auf die beste Performance wurden auch 5.000 Pesos ausgesetzt, ein nicht unbeträchtlicher Betrag), aber ich konnte mich, wie immer auf Festen, wegen der Musik mit niemandem unterhalten und so verabschiedete ich mich früh.

Samstag, 2. November

Nach mehreren Tagen ohne Schlaf rächte sich mein Körper mit leichtem Fieber und starken Kopfschmerzen. Ich löste eine kleine Panik in Alaminos aus, als ich ankündigte, dass ich vielleicht auch nicht zur Hochzeit käme, aber Gott sei Dank ging es mir am:

Sonntag, 3. November

wieder gut genug, um als Candle-Sponsor auf der Hochzeit von Ate Melody aufzutauchen.
Bei einer philippinischen Hochzeit wird der katholische Ritus nach der eigentlichen Trauung durch ein kleine Reihe von traditionellen Riten unterbrochen. Immer ein Paar, Mann und Frau, zünden erste zwei Kerzen an, man bekommt eigentlich nur ein Streichholz und die Kerze muss bis zum Ende brennen. Ich habe mich und alle philippinischen Freunde stolz gemacht, als ich die Kerze beim ersten Versuch fehlerlos entzündete. Wenn das Feuer ausgegangen wäre, hätte das großes Unglück bedeutet und ich hatte tatsächlich ziemliche Angst, das gerade ich als „Amerikano“ dem Paar die Ehe versauen würde.
Als nächstes wird das Paar mit einem Tuch bedeckt. Das wäre eigentlich Magdalenas Aufgabe gewesen, aber wegen der Dengue-Infektion musste eine von Melodys vielen Cousinen einspringen.
Das Tuch wird dann mit einer Kordel „festgebunden“, eigentlich legt man sie aber nur sanft auf das Tuch. Dies soll die eheliche Treue festigen und das „Band der Ehe“ auch sichtbar machen.

Nach der Hochzeitszeremonie gab es wieder endlos Fotos mit den primary sponsors (Trauzeugen, aber davon da etwa 30) und den secondary sponsors (bride’s maids, groom’s men, und wir ceremonial sponsors). Die ganze Party wurde daraufhin in ein Hotel in Lingayen verlegt. Dort gingen die Zeremonien weiter: zwei Tauben wurden freigelassen, flogen aber leider nicht durch den Raum, sondern plumpsten nur faul zu Boden, und der Kuchen wurde angeschnitten. Die ganze Zeremonie wurde von einem Radiomoderator kommentiert, was die festliche Stimmung für mich etwas kaputt machte. Aber mein Festgeschmack, dass ist meine Erfahrung der Woche, weicht stark vom philippinischen ab. Macht nichts, jedem das seine. Den vielen anwesenden Filipinos/as hat es auf jeden Fall unglaublich gefallen. Und bis auf den Radiomoderator war die Zeremonie wirklich toll, inklusive der Predigt von Fr. Francis, die mal ein bisschen Selbstironie zeigte (etwas, was der Kirche und der Religion hier oft vollkommen fehlt).

Im Rückblick gab es in dieser Woche wirklich an fast jedem Tag etwas zu feiern. Deswegen auch Festliche Wochen.

Die restliche Woche war nicht besonders, sondern der übliche Tagesrhythmus in der SPED-Class. Ich muss sagen, dass ich trotz des sehr positiven Anfangs langsam echt Ernüchterung verspüre. Ich mag die Leute in der Schule wirklich sehr, aber irgendwie finde ich keine Platz für mich dort, an dem ich das Gefühl habe, wirklich zu arbeiten und irgendetwas zu machen. Das wird auch Thema eines Evaluations-Gesprächs morgen mit Sr. Carol sein.

Auf der positiven Seite waren wir zwei Tage in Mangatarem, bei den Schweizern Simon und Imelda und dem Wiederaufforstungs-Projekt der Diözese. Aber das verdient einen eigenen Blogeintrag 🙂

 Viele Grüße,

Claas