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SPED-Claas Bani

Hallo Freunde,
Ich hatte versprochen, noch einmal ausführlich über meine Arbeit hier vor Ort zu berichten, und dieses Versprechen werde ich nun einlösen. Ich bin jetzt drei Wochen in Bani und arbeite damit auch schon seit drei Wochen bei unserer SPED-Class.
Ich fange damit an unsere Akteure vorzustellen:

Das „Personal“

Mam. Mary Rose „Pinky“ Reniedo
Die Grand Dame unserer Klasse ist die Klassenmama Mam Pinky. Tatsächlich trifft die Bezeichnung Lehrerin nicht ganz zu, denn Pinky würde am liebsten zusammen mit allen Schülern im Klassenraum wohnen und sie alle adoptieren. Egal wie laut die schlimmsten der „Kleinen“ sind, Mam Pinky schafft es, sie zu übertönen. Am Telefon hören sie sogar unsere Hörgeschädigten und Taub-Stummen. Am liebsten brüllt sie dabei abwechselnd in Tagalog oder Ilocano, weswegen ich sie nicht immer verstehe.

Sir Claro „Aries“ Calixtro
Ganz anders verhält sich da unser zweiter Lehrer, Sir Aries. Nicht nur ist er taub, nein, er ist auch sehr sauber und ordentlich, trägt immer korrekt gebügelte Klamotten und kann kein Filipino. Mam Pinky zieht ihn regelmäßig damit auf, dass er, als gebürtiger Voll-Blut-Filipino weniger der Landessprache versteht, als ich oder Franziska. Trotz seiner eher schüchternen Art ist er unglaublich herzlich und lacht sehr gerne, wenn man es endlich schafft, sich mit ihm zu verständigen. Da er perfekt Englisch Lippenlesen kann, ist das einfacher als gedacht.

Sir Claas „Sir“ Wölka
Ja, mein Name ist inzwischen Sir Sir. Wahrscheinlich, weil Mam Pinky das mit Genuss durch den ganzen Raum brüllt, wenn sie mich braucht. Immer noch besser als Iskwas. So hat mich Ellardaves Lola getauft, weil sie regelmäßig durcheinanderbringt, dass Iska (Franziska) nicht mehr da ist. In der Mitte von Iska hat sie sich dann auf Claas korrigiert.
Meines Zeichens bin ich etwas überforderter, motivierter Praktikant, der es nie ganz schafft, ein Problem zu lösen, so dass doch immer jemand anders einspringen muss.

Die Altvorderen
Kuya Raffy
Ein 23 jähriger Schüler mit dem „mentalen Alter“ eines vielleicht sieben Jährigen. Das darf man so aber nicht als bare Münze nehmen, denn obwohl Raffy’s Sprachfähigkeiten eher auf dem Niveau eines 4 Jährigen rangieren, ist er der extrem fleißige und gewissenhafte Gehilfe der SPED Klasse und die rechte Hand unseres kleinen Lehrer-Triumvirates. In langer und mühsamer Arbeit und mit viel Hilfe hat er sich alles Wissen über unser voll gestelltes Klassenzimmer angeeignet und ist jetzt Hausmeister, Schlüsseldienst und Putz-Kuya in einem. Auf diese Arbeit ist er auch sehr stolz und das zurecht, denn ohne ihn wären wir vollkommen aufgeschmissen. Selbst Mam Pinky brüllt oft einfach nur nach Raffy, wenn sie etwas sucht, denn oft weiß nur er sofort, wo es zu finden ist.

Kuya Roger
Sein echtes Alter kann ich mir nicht richtig merken, sein „mentales“ ist allerdings offensichtlich das eines ungefähr vierjährigen Jungen (der allerdings (ab-)schreiben kann). Roger ist stolz auf seine Stärke, wir konnten ihn kaum beruhigen, als er mich im Armdrücken besiegt hatte und auch ansonsten alles, was man sich unter einem „kleinen“ Jungen vorstellt. Manchmal faul, oft vorlaut und immer sehr spaßig. Er liebt Fernsehen und Ausflüge und ist nicht zu bremsen, wenn er einmal ins erzählen kommt. Leider wird unsere Beziehung etwas dadurch getrübt, dass er seinen ganz persönlichen Privat-Filipino-Dialekt spricht, das „Roger“. Ich habe beschlossen, dass ich neben Zeichensprache, Filipino und Ilocano nicht auch noch Roger lernen kann und hole mir deswegen immer Hilfe von Mam Pinky.

Neben diesen Hauptakteuren haben wir natürlich auch noch einen Haufen anderer Schüler. Die alle aufzulisten würde diesen wahrscheinlich sowieso überdimensionierten Bericht allerdings vollkommen sprengen. Zwischen 10 und 15 Schüler beherbergt unser Klassenzimmer jeden Tag. Das sind nicht immer die selben, denn wirklich regelmäßig oder verlässlich kommen nur wenige von ihnen zur Schule. Etwa die Hälfte sind HI also Hörgeschädigte, die Sir Aries in normalem Grundschulstoff unterrichtet. Die anderen sind unsere kunterbunte Bande, um die Mam Pinky sich mit mir kümmert.

Um das ganze (hoffentlich) verständlich und übersichtlich zu machen, versuche ich einfach mal, einen „typischen“ Tag zu beschreiben.

7:50 Uhr
Etwas müde komme ich im Klassenraum an. Ich weigere mich standhaft das Trycicle zu nehmen, um meiner ohnehin sehr geschädigten Figur ein wenig Auslauf zu gönnen. Die meisten Kinder sind schon da (Rekordhalter ist hier ganz klar Raffy, der schon um 6:30 bei Mam Pinky anklopft und den Schlüssel holt, um den Raum vorzubereiten). Eine morning assembly, wie Lena sie beschreibt, haben wir nur Montags, obwohl es eigentlich Vorschrift ist, sie jeden Tag abzuhalten.
Die Kinder kommen nicht allein zur Schule. Die meisten von ihnen werden von Müttern, Tanten und oft auch Großmüttern begleitet, die den Tag über da bleiben und beim Kochen putzen oder auch Kinder beruhigen helfen.

Langsam kehrt etwas Ordnung ein, da geht die Tür wieder auf und Daniel kommt mit seiner Mutter. Daniel ist einer unserer zwei Autisten. Die meisten von uns Nicht-SPED-Erprobten kennen Autismus wahrscheinlich nur aus dem Fernsehen in der Variante des Asberger-Syndroms, zurückgezogene Kinder, die ganz schlecht Eindrücke ausblenden können und eine faszinierende Inselbegabung haben. Das ist allerdings nur eine (seltene) Ausprägung des Autismus. Daniel ist ein harter Fall, der kaum still auf einem Stuhl sitzen kann. Außerdem macht er die ganze Zeit Geräusche, gegen die mein Brummen wirklich eine Beethoven-Symphonie ist. Er rennt durch die Gegend, schreit und haut gern Dinge um, so dass selbst Mam Pinky, die oft sehr geduldig ist, bei Daniel schnell an ihre Grenzen kommt und ihn zurück auf seinen Stuhl setzt. Man kann sich das ganze als Extrem-Extrem-Extrem-Fall eines ADHS Kindes vorstellen, dass am liebsten laute lang anhaltende Töne von sich gibt.

Wenn Daniel oder ein anderer Spezialfall da ist, kümmert sich Mama Pinky meistens einige Zeit ausschließlich um ihn und lässt mich mit den anderen Kindern alleine. Zurück bleiben also fünf bis sechs Kinder und ich. Vor mir habe ich nun zwei Lernbeeinträchtigte (Raffy und Roger) zwei Kinder mit Down-Syndrom und einen mit einer Sprachbeeinträchtigung. Die Kinder und ihre sozialen und akademischen Fähigkeiten sind alle unterschiedlich und so frage ich Mam Pinky, was ich mit ihnen jeweils üben soll. Meistens geht es darum Linien oder Buchstaben nachzuzeichnen, dass trainiert Motorik und Konzentrationsfähigkeit und ist eine Vorübung zum Schreiben. Raffy und Roger zeichnen und schreiben meistens Tafelbilder ab und lösen einfache Zähl- oder Zuordnungaufgaben. Manchmal kommt auch ein Kind vorbei, mit dem man tatsächlich lesen oder rechnen üben kann. Bis zur Merienda versuche ich jetzt also die Kinder bei der Stange zu halten und sie dazu zu bringen, nicht sofort das Interesse an den Aufgaben zu verlieren.

10:30
Merienda-Time! Die Merienda ist eine Zwischenmahlzeit, von der wir schon öfters berichtet haben und für die meisten Filipinos und Filipinas über lebenswichtig. Ich habe tatsächlich schon öfter gehört, dass jemand sich über den schlechten Tag beschwert, weil es aus irgend einem Grund keine Merienda gab.
Zur Merienda werden die Tische zu einer langen Tafel zusammen geschoben und es gibt einen Snack, der eher die Kalorienmenge einer Hauptmahlzeit hat.

Danach geht es zurück an die Arbeit, allerdings lässt die Konzentration der Kinder gegen Mittag oft stark nach, so dass wir sehr viel nachlässiger werden, wenn sie ihre Aufgaben nicht mehr erledigen. Wer je versucht hat ein gelangweiltes Kind mit Lernbeeinträchtigung zurück zu langweiligen Schulaufgaben zu zwingen, weiß warum 🙂 .

12:00
Mittagessen, obwohl ich garantiert noch keinen Hunger habe. Die Mütter, Tanten und Großmütter bereiten unser Mittagessen vor und kochen auch meistens sehr gut. Vor dem Essen wird gebetet und dann bekommt jeder seine Portion. Mam Pinky und ich sitzen meist etwas abseits um uns ein bisschen Ruhe nach dem anstrengenden Vormittag zu gönnen. Sir Aries verschwindet, denn er isst im Büro der Schulleiterin. Sein Vater war vorher Supervisor (eine Position, die es in Deutschland nicht gibt) und hat immer mit seinem Sohn und der Schulleiterin gegessen. Obwohl Aries Vater nicht mehr an der Schule ist, führen die beiden Verbliebenen diese Tradition fort.

Nach dem Essen gibt es erst einmal eine Pause, die ich meistens nutze, um mich mit Sir Aries zu unterhalten. Meine Gebärdensprache ist noch nicht sehr ausgeprägt, aber da ich buchstabieren und Aries Lippenlesen kann, ist das ganze wirklich einfacher als gedacht. Viele der Gesten sind sehr einprägsam, da sie oft nach folgendem Schema aufgebaut sind: Man formt den Anfangsbuchstaben des Wortes mit den Fingern und macht dann eine passende Geste. Das Wort „drink“ wird zum Beispiel so dargestellt, dass man mit den Fingern eine d formt und es wie ein Glas zum Mund führt und daraus „trinkt“. Ich glaube, wenn das so weitergeht, bin ich bald besser in Gebärdensprache, als in Tagalog.

14:00
Schichtwechsel. Die meisten Kinder der Vormittagsrunde gehen, einig Neulinge kommen während oder nach dem Mittagessen dazu. Am Nachmittag wird noch einmal gelernt, gemalt und geschrieben und gegen 15:00 Uhr ist die Schule dann offiziell aus.
Allerdings kommen dann erst die Vorschulkinder. M am Pinky unterrichtet nämlich alle Formen von SPED-Schülern, dass heißt Beeinträchtigte und Frühentwickler, die eine Art Vorschulprogramm machen, in der sie schon Teile des Stoffs der 1. Klasse vor lernen. Mam Pinky ist davon aber nicht begeistert, sie mag „normale“ Kinder nicht so wahnsinnig (ihre eigenen ausgenommen) und ist relativ streng mit ihnen.
Ich und Aries beschäftigen währenddessen die drei, vier Kinder, die noch in der Schule geblieben sind, obwohl eigentlich alles vorbei ist. Das sind immer Raffy und Roger, die es sich nicht nehmen lassen, da zubleiben bis alles erledigt ist und immer auch ein oder zwei Taube, die aus irgendeinem Grund nicht abgeholt wurden.

Nachdem die Kindergartenkinder verschwunden sind, spielen wir manchmal noch Federball draußen auf dem Hof, kehren den Raum und gehen nach Hause.

Wie ihr seht arbeite ich recht lange in der Schule. Jeden Tag gehe ich um 7:40 aus dem Haus und komme oft erst um 16:30 nach Hause. Wir machen allerdings oft lange Pausen, also arbeite ich tatsächlich nicht die ganze Zeit durch. Trotzdem ist die Zeit mit den Kindern mörderisch anstrengend, da man dauerhaft darauf achten muss, dass sie nicht anfangen Blödsinn zu machen. Außerdem geht es sehr auf meine Nerven, den gesamten Hintergrundlärm auszublenden. Auch ist es sehr frustrierend, ein Kind einfach nicht dazu zu bekommen, eine gerade Linie auf ein Blatt Papier zu malen.
Gleichzeitig ist es aber auch immer sehr lustig. Die meisten Kinder sind nicht gewollt anstrengend, sondern einfach so, weil sie so geboren wurden. Und oft sind viele Dinge, die sie machen einfach unfreiwillig unglaublich komisch, was unseren Tag sehr auflockert.
Interessanterweise ist es mir sehr einfach gefallen, meine Berührungsängste zu den Kindern zu überwinden. Als ich das erste Mal im Klassenraum stand und die vielen fremden, oft abschreckend „anderen“ Menschen gesehen habe, habe ich schon ein bisschen Abneigung und Angst verspürt. Ich glaube, so geht es vielen, die das erste Mal mit Behinderungen in Berührung kommen. Um so mehr hat es mich erleichtert, wie fröhlich und nett diese Kinder sind. Oft steckt unter der „bedrohlich“ anderen „Schale“ ein unglaublich lieber Mensch und wenn man sich einmal an ihre Ausdrucksweisen gewöhnt hat und verstanden hat, was sie bewegt, kann man gut mit ihnen umgehen. Es ist wirklich so, wie Mam Pinky immer sagt: Beeinträchtigte Kinder haben keine Geheimnisse vor dir: Wenn sie dich anlächeln und auf dich zugehen, mögen sie dich, wenn sie gehen und sich vor dir verstecken, mögen sie dich halt nicht! Wenn eines dieser Kinder dich zu seinem Freund ernennt, hast du ein unglaublich nervenden und anstrengenden Freund, aber auch einen sehr guten 🙂 !

Ein Kommentar

  1. Sabine Nöring Sabine Nöring 31. Oktober 2013

    Lieber Claas,
    wie schön und beruhigend von Dir zu hören. Sei gewiss, Deine Berichte werden interessiert verfolgt und erheitern uns immer wieder (die Jungs besonders die Sache mit der kaputten Toilette – immer wieder für einen Lacher gut 🙂
    Weiterhin eine gute, frohe, erfüllende Zeit und ganz herzliche Grüße von
    Max, Tom und Sabine