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Es folgt die Nationalhymne…

Letztens war ich mal wieder im Kino und habe mir einen Film gegönnt. Und da kam doch tatsächlich zwischen der Werbung und dem eigentlichen Film ein kurzer Spot über Vaterlandsliebe und Patriotismus, in dem verschiedene Nationalhelden der Philippinen und geschichtsträchtige Momente des Landes thematisiert wurden. Zuletzt hieß es dann:

Mag kababayan! Ang pambansang awit ng Pilipinas! Zu Deutsch: Mitbuerger! Die Nationalhymne der Philippinen! Und jede_r einzelne Phillipn@ im Raum stand auf, die Hand auf dem Herzen. Ein solcher offen und öffentlich praktizierter Patriotismus wäre in Deutschland kaum möglich, wo schon jeder, der sich außerhalb der Fußballsaison eine Deutschlandfahne vors Haus hängt, schief angeschaut wird. Was hat es nur mit diesem Land auf sich, dass seine Bürger einerseits so stolz darauf sind und andererseits unbedingt weg möchten? So viele Menschen, denen ich hier begegnet bin, lieben ihr Land wirklich und sind überzeugt, dass es trotz allen wirtschaftlichen Problemen, sozialen Schwierigkeiten und politischen Mauscheleien das beste Land der Welt ist. Und so viele haben mich schon gefragt, ob ich nicht einen Job in Deutschland wüsste oder mir erzählt, dass sie gerne „abroad“ gehen würden. Sicherlich leisten die „oversea Filippin@ workers“ einen wichtigen Anteil zur Wirtschaftsleistung des Landes bei und werden deshalb von der Regierung gerne als Helden dargestellt. Aber trotzdem ist alleine in einem fremden Land zu arbeiten und zu leben in meinen Augen eine dem philippinischen Familientyp extrem widersprechende Verhaltensweise. Nun, ich erinnere mich noch, wie mir schon ganz am Anfang eine Spannung und eine extreme Ambivalenz hier aufgefallen sind…und noch immer kann ich sie weder ergründen noch erklären.

Hier der Link zu dem Video, das im Kino lief. Im Internet habe ich dann noch eine ältere Version gefunden, die auch sehr illustrativ ist.

http://scoopboy.com/gma-networks-latest-cinematic-version-of-the-philippine-national-anthem/#_

http://www.youtube.com/watch?v=wKZwCUTahxc

Ich wohne jetzt ganz offiziell wieder bei meiner alten Gastfamilie in Alaminos, wo ich auch bis eine Woche vor unserem Rückflug bleiben werde. Danach werden Franziska und Ich in die Radiostation zurückziehen und ernsthaft mit dem Packen anfangen müssen. Ich spüre deutlich wie die Zeit verrinnt. Die verbleibenden Wochen kann ich schon fast an einer Hand abzählen, alle Wochenenden bis der Flieger abhebt sind verplant und mein Kalender ist voll von Notizen wen ich noch wann besuchen könnte um mich zu verabschieden. Aber ich sollte mich jetzt noch nicht zu sehr mit dem Abschied befassen, nicht wahr?

Stattdessen stelle ich euch einige meiner Klienten auf der Arbeit in Lucao, Dagupan bei den Missionaries of Charity vor:

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Der kleine Raphael leidet unter einer angeborenen Gaumenlippenspaltung, die in kuerze operiert werden wird. Verlauft die Behandlung erfolgreich, kann er zu seiner Mutter zurueckkehren, die ihn haufig besucht.

 

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Girlie ist schon drei Jahre alt, kann aber weder laufen noch sprechen oder selbststaendig essen. Das liegt einerseits an massiver Unterernaehrung bevor sie ins Home of Peace kam und andererseits an einigen kleineren Koerperbehinderungen wie etwa einer Fehlstellung des Fusses. Girlies kleine Schwester Liezl ist ebenfalls wegen einer Gaumenlippenspaltung in der Einrichtung.

 

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Jonathon hat eine Behinderung, die mir niemand so genau erklaehren kann. Sein Koerper ist weich und sehr beweglich, Spagat ist ein leichtes fuer ihn. Auch Jonathon kann weder laufen noch sprechen.

Heute war ein ganz besonders langer und anspruchsvoller Tag in der Einrichtung denn einige der Kinder waren krank und ausgesprochen wehleidig. Ich schätze mal eine Grippewelle ist die Horrorvorstellung einer jeden Einrichtung in der viele Kinder betreut werden. Eines der kleineren Mädchen – Jane Rose – konnte mittags nicht schlafen und ist immer wieder weinend aufgewacht. Ich habe mich zu ihr in das Bettchen gequetscht was eine kleine Weile vorhielt. Dann half auch das nichts mehr und ich habe sie mir kurzerhand unter den Arm geklemmt und bin mit ihr ins Babyzimmer umgezogen, dass vierseitig gut von Ventilatoren belüftet wird. Dort habe ich mich wieder mit Jane Rose in ein Bett gelegt – die nächst kleinere Variante Bett. Wir haben beide Mittagsschlaf gehalten aus dem ich ziemlich steif und mit Rückenschmerzen aufgewacht bin. Ich glaube mein T-Shirt ist von oben bis unten mit der Rotze sämtlicher Kinder im Heim kontaminiert und ich wette, dass ich morgen selber einen Wasserhahn anstelle einer Nase haben werde…ich fühle es schon kribbeln!

Gerade sitze ich zuhause auf dem Bett und fächele mir während dem schreiben einhändig Luft zu. Mein Zimmer wird durch eine einzelne Kerze schwach erleuchtet. Es ist mal wieder „brownout“ (ja, das nennen sie hier wirklich so, der Begriff „blackout“ wird nicht verstanden) d.h. eigentlich ist es eine angekündigte Abschlatung des Stoms weil irgendwas repariert wird. Daher werde ich diesen Artikel auch erst morgen (wenn es gut läuft) oder nach dem Wochenende (wenn es weniger gut läuft) hochladen können. Eigentlich hieß es ja 6 to 6 was ich – naiv wie ich manchmal immer noch bin – als 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends interpretiert habe. Aber vielleicht meinen sie ja auch, dass es bis morgen früh um 6 dauert…

Liebe Grüße, eure Sina

P.S.: Als ich das Social Action Center heute morgen um etwa 11 Uhr morgends verlassen habe, gab es immer noch keinen Strom…aber vielleicht schalten sie ihn ja heute Nachmittag um 6 wieder ein. Und tatsaechlich muss ich mir jetzt beim hochladen im Internet Cafe in Olongapo staendig die Nase putzen.

 

2 Kommentare

  1. Klaus Manger Klaus Manger 3. Juli 2013

    Hallo Sina,
    ein Arzt hat mir – auf die Frage, was gegen Ansteckungen helfe – gesagt: durchseuchen lassen. Also frohes Niesen.
    Ansonsten: man merkt etwas Anspannung – wie finde ich heim?
    man spürt förmlich etwas von Abschiedsschmerz.
    Und ab jetzt geht das Dein ganzes Leben so. Kommen und Gehen, wenn man es einmal gemerkt hat, dann wird das immer wieder bewusst. Und noch was: Das ist so gut!
    Grüße
    Klaus

  2. Andrea Manger Andrea Manger 4. Juli 2013

    Liebe Sina,
    Schön dass Du den Kindern etwas Geborgenheit mit auf den Weg geben kannst. Auch wenn Dein Rücken danach schmerzt. Ich hoffe, es geht ihm wieder besser.
    Diese ständigen Brüche im Denken und handeln kann man übrigens in Deutschland auch erkennen. Im Leben geht es selten logisch zu und es ist schwer sich bewußt zu machen, wie die eigene Situation wirklich ist und ehrlich mit sich zu bleiben.
    Deine Berichte fordern immer auch zur Auseinandersetzung mit sich selbst heraus. Danke.
    Eine dicke Umarmung von Mama