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Stumme Schreie, Stumme Zeichen

Hallo liebe Leser!

Eine der Aufgaben der deutschen Freiwilligen hier bei Preda ist die Übersetzung von Father Shays Artikeln und anderen Inhalten der Preda Website ins Deutsche, damit diese auch auf der deutschen Seite veröffentlicht werden können. Zuletzt habe ich einen Artikel übersetzt, der den Fall eines der Preda-Mädchen darlegt und gleichzeitig einen aufschlussreichen Einblick in das philippinische Justizsystem bietet. Hier eine kurze Schilderung des Falls, der mich persönlich tief erschüttert hat:

Rachelle war 13 Jahre alt als ihre Mutter mit der Familie eines 27 jährigen Nachbarn einen Handel abschloss: Sie gab ihre Zustimmung, dass Rachelle mit dem Man in seinem Haus zusammenlebte, im Gegenzug floss wahrscheinlich Geld. Das Mädchen wurde glauben gemacht, dass es sein Schicksal und etwas Gutes sein mit einem mehr als doppelt so alten Mann wie sie in einer sexuellen Beziehung zu leben und täglich – zum Teil auf brutale Weise – vergewaltigt zu werden. Ein lokaler Verwaltungsbeamter des Barangay bestätigte die Rechtmäßigkeit dieser Beziehung. Preda erfuhr von dem Fall, griff ein und half ihr, Anklage zu erheben. Die medizinische Untersuchung wies eindeutig mehrfache sexuelle Handlungen nach und zudem stellten Ärzte bei Rachelle eine geistige Behinderung fest, die sie auf das mentale Alter von 6 Jahren beschränkte. Die Mutter wiedersprach dem Befund, dass Rachelle vergewaltigt worden war zunächst. Und später stimmte der Staatsanwalt ihr zu. Er entschied, dass es sich bei der Beziehung nicht um Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei und Kindesmissbrauch gehandelt habe, sondern um eine mit einer Ehe vergleichbaren Bindung (obwohl Eheschließungen von Minderjährigen illegal sind). Obwohl Rachelles Schilderungen klar und gleichbleibend waren, beschloss der Staatsanwalt, dass kein Verbrechen vorliege, sondern „Liebe“. Er empfahl eine Abweisung der Klage, die dann auch erfolgte. Momentan bemüht sich Preda um eine Neuverhandlung des Falles. Das Urteil der Staatsanwaltschaft, es handele sich bei der sexuellen Beziehung zwischen einem 27 jährigen und einer mental 6 Jahre alten um eine Art Ehe, die durch die Zustimmung der Eltern legitimiert wird, ist meiner Meinung nach nichts weiter als ein Scheitern der Jusitz. Der gesamte Artikel kann auf der deutschen Preda Website nachgelesen werden (sobald er hochgeladen wurde), der Titel ist „Stumme Schreie“.

Am Dienstag sind Franzi und Ich zusammen mit einer Sozialarbeiterin und 4 Jungs aus dem Boys Home morgens um 5 Uhr nach Manila aufgebrochen, wo einer von ihnen eine gerichtliche Anhörung hatte. Alle 4 sollten außerdem ihre Familien besuchen. Mit im Auto saßen zunächst noch ein Praktikant, noch eine Sozialarbeiterin und 15 weitere Jungs. Diese sollten den Tag zusammen mit einer ähnlichen Anzahl von Mädchen aus dem Girls Home in einem Museum in Makati, Manila verbringen. Die Anhörung fand in der Makati City Hall statt, einem riesigen modernen Gebäude, dass eindeutig in einer höheren Liga spielte als das Provinzgericht, in dem wir in der vergangenen Woche einer Anhörung beiwohnen durften. Der Junge hatte fast schon ein Jahr bei Preda verbracht und sollte demnächst wieder in seine Familie integriert werden. Wir besuchten zunächst ein nahgelegenes Heim für CICL (Children in Conflikt with the Law), in dem er einige Monate verbracht hatte und dann seine Familie, die nicht zur Verhandlung hatte erscheinen können.

Als nächstes folgte der Jail Visit, ein Kontrollbesuch in einem Innenstadtgefängnis von Manila. Die Sozialarbeiterin bat darum, mit den Minderjährigen Inhaftierten reden zu können woraufhin 5 in ein kleines Büro geführt wurden, von dem aus man bereits Teile der Zellen einsehen konnte. Die Jungen wurden über Preda und sein Programm informiert und vor die Entscheidung gestellt, ob die Organisation sich für sie um eine Verlegung ins Boys Home bemühen sollte. 4 von 5 lehnten ab, die eine Hälfte weil ihre Entlassung bereits kurz bevor stand, die andere weil ihnen das Preda-Zentrum zu weit weg von ihrer Heimatstadt und ihrer Familie ist (die Fahrt von Olongapo nach Manila dauerte etwa 4 Stunden). Einer der Jungen hatte bereits 4 Monate in der Zelle verbracht und wartete noch immer auf seine Anhörung. In den Philippinen kann die Abwicklung und Verhandlung eines Falles leicht mehrere Jahre dauern.

Unter Aufbietung von Bitten und großzügig verteiltem weiblichen Charme durften wir drei Freiwillige mit einer Sozialarbeiterin den Zellentrakt betreten und zunächst wurde uns sogar das Fotomachen erlaubt. Eine Fläche von etwa 50-60 qm war in drei Zellen und einen schmalen Korridor unterteilt. Alle Zellentüren standen offen und überall waren Menschen die herumstanden oder auf dem Boden bzw. auf dünnen Bambusmatten oder Matratzen lagen. Frauen und Männer waren nicht getrennt untergebracht und in der kleinsten Zelle (vielleicht 6–8 qm groß), die nach Aussagen der Polizeibeamten für die Minderjährigen gedacht war, saßen 4 Männer. Einer, der gerade ein Tatoo gestochen bekam, gab sein Alter mit 22 an. Insgesamt waren in dem Gefängnis 47 Menschen untergebracht. Es war heiß, eng und roch nach Urin. Plötzlich wurden uns von der Tür aus Zeichen gegeben, wir dürften doch keine Fotos machen und bald darauf verließen wir recht hastig das Gefängnis. Die Sozialarbeiterin erzählte uns später, dass Preda in diesem Knast einmal heimlich Filmausnehmen gemacht hätte, die bei CNN veröffentlicht wurden und dass die Situation in der Einrichtung zu diesem Zeitpunkt noch wesentlich schlimmer gewesen sei.

Unsere letzte Station war ein Slumgebiet, in dem drei unserer Klienten – allesamt verwandt – nah beieinander lebten. Die drei waren schon während unseres Gefängnisbesuches vorgefahren um mehr Zeit mit ihren Familien verbringen zu können und jetzt sammelten wir sie zuhause ein. Dabei wurde der Homevisit für einen Jungen spontan zu einem Homestay für drei Tage. Ein Familienmitglied, noch ein Baby, war kurz zuvor am Denguefieber gestorben. Normalerweise muss das Gericht seine Einwilligung zu einem längeren, unbeaufsichtigten Aufenthalt bei der Familie geben aber weil man in der gegebenen Situation kaum auf einen Gerichtsentscheid warten konnte, wurde der CICL kurzerhand bei der Familie gelassen und  die Einwilligung der Richterin nachträglich eingeholt.

Nach der Anhörung letzte Woche besuchten wir ebenfalls die Familie des Klienten. Seine Kaution um bis zur Verhandlung bei seiner Familie leben zu können war auf 10.000 PHP (etwa 200 Euro) festgesetzt worden. Gemeinsam war beschlossen worden, dass der Junge von nun an jeden Tag auf der Baustelle des neuen Mädchenheims mitarbeiten und somit seinen Anteil leisten würde, das Geld zusammenzubringen. Ein Blick in das winzige Häuschen der Familie genügte um sicher zu sagen, dass diese Summe, die für die meisten von uns Westeuropäern kein Hindernis sein würden,  für diese Menschen eine große Herausforderung darstellte. Von den drei Jungen, deren Familien wir am Dienstag besuchten, arbeiteten auch zwei jeden Tag auf der ans Boys Home angeschlossenen Farm um das Schmerzensgeld für die Familie ihrer Opfer aufzubringen, zu dem das Gericht sie verurteilt hatte. Der extreme Gegensatz zwischen den glänzenden Aufzügen und dem Marmor und  Glas in der  Makati City Hall und den winzigen, aus allem möglichen zusammengebastelten  Hüttchen, in denen die Jungen wohnten, ist schwer zu übersehen oder zu ignorieren. Er ist ein stummes Zeichen für die Trennung in der Gesellschaft zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet, Prunk und Elend. HIER einige Bilder…

Eure Sina

5 Kommentare

  1. Klaus Manger Klaus Manger 29. Mai 2013

    Hallo Sina,
    beschämende Zustände, und viel, was Du / Ihr da verarbeiten müsst.
    Der Kampf für Gerechtigkeit ist schwer und braucht große Kraft und Leidensfähigkeit. Die krassen sozialen Unterschiede und die erbarmungslose Missachtung der Ärmeren ist eine Schande.
    Bleib´ stark.
    Liebe Grüße!
    Klaus und alle
    PS Das Bild mit dem Käfer – hast Du oder hast du nicht? Und wenn, wie schmeckts?

  2. Eva Manger Eva Manger 3. Juni 2013

    Hallo Sina,
    gerade war eine gruppe aus den Philippinen bei uns in der Schule, die zurzeit hier in Hofheim in der Bonifatiusgemeindes untergebracht ist. Durch eine ehemalige Kollegin (Frau Conradi) habe ich erfahren, dass sie dich kennen.
    Ich habe dem einen einen schönen Gruß an die übermittelt.
    Ich kenne den Film, der von Preda mit den Tatortkommissaren gedreht wurde. Es läuft einem eiskalt den Rücken runter, wenn man die Zustände sieht.
    Die viel Kraft und Mut für die nächste Zeit.
    Liebe Grüße
    Eva

  3. Klaus Manger Klaus Manger 5. Juni 2013

    Holla, weiß nicht, was meine Frau tut – das wollte ich auch gerade schreiben.

    Liebe Sina,
    hier gehts gut, lass du Dich weiterhin nicht unterkriegen und bleib dran.
    Grüße
    Klaus

  4. UllaRausch UllaRausch 6. Juni 2013

    Hallo Sina, ich finde es bewundernswert wie du mit all dem umgehst, ich für meinen Teil wünsche dir weiter so viel Kraft um mit allem was da noch kommt weiter so stark umzugehen. Ich drück dich ganz lieb, Ulla.

  5. Klaus Manger Klaus Manger 12. Juni 2013

    Hallo Sina,
    komme derzeit viel rum…
    soll Dich von den Großeltern und den Kollertshöfern grüßen.
    Alle Welt weiß, wo du steckst.
    Guten Gruß
    Klaus