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Alles eine Frage der Beziehung…

Alle von euch, die mich persönlich kennen wissen: Ich bin ein ziemlich direkter Mensch. Und genau damit stelle ich mir hier nun ab und zu selbst ein Bein. In unserem 10-tägigen Vorbereitungsseminar war ein wichtiges Thema – dem 2 ganze Tage gewidmet wurden – Interkulturelle Kommunikation. Wir haben uns mit direkter und indirekter Informationsvermittlung, mit „hight context“ und „low context“ Kommunikation befasst. Ich habe damals verstanden, dass, eine Information, die man weitergeben möchte, direkt auszusprechen nur ein Weg der Kommunikation ist und das eine andere Gesellschaft sich für einen anderen Weg entscheiden könnte, oder sogar dafür, die Information überhaupt nicht weiterzuleiten. Aber erfasst habe ich es erst hier, wo ich es am eigenen Leib erfahre. Wenn ich etwas Bestimmtes erreichen will, z.B. dass der Müll im Kinderheim getrennt wird, dann könnte ich mich damit natürlich an die dafür zuständige Person wenden und ihr meine Argumente vorbringen, wie ich es vielleicht in Deutschland machen würde. Hier in den Philippinen hätte ich aber aller Wahrscheinlichkeit nach kein Ergebnis. Denn Argumente zählen wenig, Informationen sind sekundär. Primär geht es um die Beziehung. Die Beziehung muss stimmen. Und Kommuniziert wird ohnehin überwiegend indirekt, also „hintenrum“ und mit „high context“, was konkret bedeutet, dass das was gesagt wird, ganz oft nicht das ist, was gemeint ist oder gar nicht für die Person gedacht ist, zu der es gesagt wird. Ich will mir kein Urteil darüber erlauben, welches Kommunikationssystem besser oder effektiver ist. Die Philippin@s schaffen es, sich untereinander Dinge mitzuteilen, siekönnen auch kritisieren ohne dass jemand sein Gesicht verliert – oder sie erkennen, dass ein Gesichtsverlust unvermeidbar wäre und dann entscheiden sie sich ggf. dafür, die Kritik nicht zu äußern. Aber ich bin keine Philippina und ich verstehe die Kommunikation ganz oft nicht. Ich kann meine direkte Art nicht benutzen wenn ich ein Ergebnis will aber ich kann auch die Indirekte nicht benutzen weil ich sei nicht durchschaue. Niemand wird mich offen kritisieren aber die hinten rum kommende Kritik werde ich höchstwahrscheinlich nicht bemerken. Na ja, beidseitiges Lernen ist nicht umsonst einer der Kernpunkte meines Dienstes…

Neben der Kommunikation ist mir zuweilen auch die extreme Gruppenzugehörigkeit der Philippin@s fremd. Wann immer ich zum Beispiel in Sual übernachte, werde ich gefragt, ob ich keine Angst hätte alleine in einem Zimmer zu schlafen und ob ich einen „companion“ will. Oder wenn ich jemanden auffordere, etwa zu duschen, höre ich als Standardantwort „Wala akong kasama.“, d.h. „Ich habe keinen Begleiter.“. Auch kurze Wege oder ganz alltägliche Dinge werden wenn möglich nicht alleine gemacht und die Gruppe wird über den Einzelnen gestellt.

Im Vorbereitungsseminar wurden wir auch das behandelt. Wir alle wurden vor die Frage gestellt: „Stellt euch vor, ihr Fahrt mit eurem besten Freund im Auto. Ihr seid Beifahrer und er sitzt hinterm Steuer. Die erlaubte Geschwindigkeit ist 30 km/h, der Freund fährt aber 50 km/h. Er baut einen Unfall und verletzt ein unbeteiligtes Kind. Wenn ihr jetzt von der Polizei nach der Geschwindigkeit gefragt werdet, die eurer Freund gefahren ist, hat der Freund dann das Recht zu verlangen, dass ihr für ihn lügt?“ Etwa zwei Drittel der Gruppe fanden, dieses Recht bestünde nicht, ein Drittel argumentierte dagegen. Die Diskussion wurde ziemlich hitzig bis unser Teamer uns erklärte, wir könnten uns nicht einigen weil unsere Meinungen auf zwei verschiedene Grundhaltungen zurückzuführen wären, die wir „universal“ und „partikular“ nennen. „Universal“ bedeutet so viel wie „alle sind gleich“; „partikular“ so viel wie „alle sind gleich aber manche sind gleicher“, sprich: die Beziehung ist wichtiger als die objektive Situation. Wir haben gelernt, dass niemand von uns und auch kein Land eine Reinform einer dieser Grundhaltungen ist, dass aber in manchen Kulturen eine deutlich vorherrscht. Hier auf den Philippinen ist das ziemlich deutlich die partikulare. Mich hat damals überrascht, dass in Deutschland der Universalismus mit etwa 60% nur knapp führt.

Fragt euch mal ehrlich: Wie hättet ihr auf die oben stehende Frage geantwortet?

Damit liebe Grüße an alle Leser. Schickt mir ein bisschen Schnee, dann könnt ihr gerne etwas von meiner Sonne abhaben ;-).
Eure Sina

P.S.: Das Artikelbild stammt vom Besuch zweier Vertreterinnen des weltwaerts-Sekretäriates und des Leiters der Arbeitsstelle Freiwilligendienste im Bistum Limburg vorletzte Woche.Im Ordner „Freizeit Sina & Franzi“ sind einige Bilder abgelegt.

4 Kommentare

  1. Michael Michael 4. Dezember 2012

    Hallo Sina,

    ich finde sehr spannend, was du schreibst. Die gleiche Geschichte, etwas abgewandelt, haben wir in Manila auf der Konferenz bearbeitet, und auch wir hätten sehr unterschiedlich geantwortet. Spannend waren auch die Begründungen der Einzelnen für ihre Antwort. Ich denke seit meinem Besuch häufig über „high context“ und „low context“ nach, und wo bei uns in Deutschland Beziehung eine größere Rolle spielen sollte.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg beim Lernen und oft wohl auch beim Raten, was zwischen den Zeilen gemeint ist. Ich glaube, das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.
    liebe Grüße
    Michael

    PS: Ich hätte 30 gesagt mit der Begründung, für das verletzte Kind ist dies kein Nachteil und mein Freund ist mit dem Unfall genug bestraft und hat hoffentlich seine Lektion für die Zukunft gelernt.

  2. Klaus Manger Klaus Manger 5. Dezember 2012

    Hallo Sina,
    stelle ich mir ziemlich schwierig vor,die Art zu kommunizieren – allein in einer ganz anders ausgerichteten Kultur. Obwohl ich das durchaus schon weiß, weil ich im Italienischunterricht aber sowas von regelmäßig mit meiner Art anecke. Und dann noch Lehrer…
    Also Du kriegst das hin.
    Adventliche Grüße, ab morgen soll es richtig kalt werden.
    Klaus

  3. UllaRausch UllaRausch 9. Dezember 2012

    Hallo Sina,
    auch ich stelle mir die Antwort schwierig vor, jedoch ist Lügen glaube ich immer die schlechteste Lösung, aber ich glaube auch das es wichtig ist einfach trotz allem hinter den geliebten Menschen zu stehen.
    Mit einem dicken Kuß von mir und einem wirklichen H D L deine Ulla

  4. Ulla Rausch Ulla Rausch 23. Dezember 2012

    Hallo Sina,
    es weihnachtet sehr und ich bin sehr gespannt wie für dich das Weihnachtsfest ist, so in einem anderen Land, weit weg von Familie und Freunden, obwohl du sicher schon viele neue Freunde gewonnen hast. Ich bleibe dran um alles weiter zu verfolgen und wünsche dir ein wunderschönes Weihnachtsfest mit vielen guten und neuen Erfahrungen. Komme gut und gesund in das neue Jahr und bleibe weiter so fröhlich und positiv. Bis bald, deine Ulla.