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Kamayan & BASURA

Geneigte Leser,

was ist nicht schon wieder alles passiert…grob nach Orten sortiert folgendes:

SUAL – Am letzten Wochenende – das ich von Freitagmorgen bis Sonntagabend ohne Pause im Heim verbracht habe – sollte eigentlich eine Activity zum Thema „Responsibility“ stattfinden. Diese wurde von den zuständigen Studenten allerdings kurzfristig abgesagt, sodass die japanische Praktikantin und ich eine Alternative improvisieren (oder zumindest kurzfristig und ohne Internetzugang organisieren) mussten. Praktisch kann man sich eine Activity wie ein auf Englisch und Tagalog gehaltenes Referat vor einer Gruppe unmotivierter Schüler im Alter zwischen 6 und 17 vorstellen – danke Schule, für all die Referate, die ich halten musste! Nachdem wir ja vor kurzem den Prayer Schedule „umgebaut“ hatten, wählten wir das Thema „Prayer“. Glücklicherweise hatte ich einige Tage zuvor für die Sozialarbeiterin einen Input über den Rosenkranz recherchiert, den wir dann kurzerhand für die Activity in Beschlag nahmen weil wir den wöchentlichen „Wer-kann-den-Rosenkranz-am-schnellsten-herunterleiern“-Wettbewerb der Kinder wirklich schade finden und ihnen diese alte Gebets- und Meditationsform schmackhafter machen wollen. Es lief auch ganz gut und die Rosenkranzmeditation am Abend war wirklich sehr schön.

Beim Abendessen habe ich mich dann mal wieder im Essen mit den Händen geübt, dem „kamayan style“ („kamay“= Tagalog für „Hand“), für den ich mich immer noch ein bisschen überwinden muss. Denn  im Gegensatz zur deutschen Methode (mit zwei spitzen Fingern) erfordert die philippinische den Einsatz der ganzen Hand. Aus Reis und ulam (Tagalog für „dish“, also zum Beispiel Gemüse [„gulay“]oder/und Fleisch [„karne“] bzw. Fisch [„isda“]) werden kleine Haufen geformt, die dann zwischen dem Daumen und den übrigen 4 Fingern aufgenommen und auf diesen liegend zum Mund geführt werden, in den sie mit dem Daumen hineingeschoben werden. Dabei wird also zwangsläufig mehr von der Hand dreckig als man unauffällig sauberlecken kann. Fisch und Fleische esse ich schon längst standardmäßig mit den Händen weil ich den Dreh einfach nicht herausbekomme das Fleisch nur mit Löffel und Gabel ausgerüstet vom Knochen bzw. den Gräten zu lösen. Aber 100% kamayan wiederspricht so grundlegend meiner Erziehung, dass ich mich nur selten „traue“, auch wenn die Philippin@s sich immer freuen es zu sehen.

Heute habe ich zusammen mit einer Studentin eine Activity zum Thema „Environmental Responsibility“ oder eigentlich „Basura“ (Tagalog für Müll/Abfall) gemacht. Wir haben versucht, den Kindern (und ganz nebenbei auch dem Staff) Abfallvermeidung (Reduce), Wiederverwendung (Reuse), Recycling und Mülltrennung sowie verantwortungsbewusste Abfallentsorgung näher zu bringen. All das sind hier auf den Philippinen schwierige Themen. 90 % des anfallenden Mülls werden nicht ordnungsgemäß entsorgt sondern landen auf Hinterhöfen, Müllkippen, Flüssen, im Meer, auf der Straße oder werden verbrannt (wobei schlecht brennbarem Material einfach mit Benzin auf die Sprünge geholfen wird). Einerseits wird es den Phillipin@s auch nicht gerade leicht gemacht, in vielen Städten gibt es keine Müllabfuhr und ein Junkshop (ein Recycling) ist auch nicht immer in der Nähe. In Alaminos gibt es keine öffentlichen Mülleimer mehr weil die Stadt sich jetzt als „Zero littering City“ (=“Null-Abfall-Stadt“) versteht – ein Konzept, dass allerdings nicht ganz aufgeht. Andererseits kann man hier wirklich noch einiges an Müll verkaufen (z.B.: Konservendosen, Metallschrott, Plastikflaschen und –Behälter sowie Glas). Es gibt zwar einige Philippin@s, die wirklich ambitioniert selber Recyceln (da werden etwa Stofftiere mit kleingeschnittenem Plastikmüll gestopft und alte Strohhalme oder Plastiktüten zu tollen Taschen, Hüten oder Dekorationsgegenständen verarbeitet) aber einem großen Teil fehlt das entsprechende Bewusstsein. Fairerweise muss man sagen, dass einigen auch einfach das Wissen fehlt, zumindest meine Heimkinder haben einigermaßen überrascht auf die Bilder der riesigen Müllkippen und der zugemüllten Manila Bay reagiert, die ich ihnen präsentiert haben (siehe das Artikelbild – und ja, das habe ich aus dem Internet J). Und auch die Überlegung, dass die jährlichen Fluten dadurch verschlimmert werden, dass Plastikmüll die Abwasserkanäle verstopft, war anscheinend neu für sie. Nach dem Theorieteil haben wir dann als praktische Übung selbst einen ganzen Haufen Paper-Bicks hergestellt – mal schauen, ob wir nächste Wochen damit nicht ein Barbecue machen können.

Martin, der – ebenfalls vom Bistum Limburg entsendet – gerade ein Jahr in Sambia verbringt, hat vor einiger Zeit in seinem Blog  geschrieben: „Dass hier Müll und Gras vor der Haustür und neben der Straße verbrannt wird, scheint aber sonst nur die wenigsten zu stören. Viele andere Möglichkeiten gibt es ja auch nicht, für einen Mülldienst ist kein Geld vorhanden. Also wer auch immer die Umwelt retten will, der sollte sich nicht nur um die Glühbirnen in den Industrieländern sorgen, sondern auch über eine Müllabfuhr in den sogenannten Entwicklungsländern nachdenken.“

Da muss ich ihm zustimmen. Ich selbst fühle mich zuweilen ein wenig hilflos wenn ich Müll entsorgen muss. So viel ich kann, recycle ich selbst, gebe anderen zum Recyceln oder verkaufe bzw. bringe zum Junkshop aber was anfangen mit dem Rest? Was macht man mit gebrauchter Zahnseide und was mit Resten von Fotos oder diesen fiesen, hauchdünnen Plastiktüten, die sie einem hier überall aufdrängen wenn man nicht früh, laut und oft genug „no plastic bag please“ sagt? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie der Müllabfuhr anzuvertrauen. Deren Konzept „no segregation, no collection“ (d.h. was nicht getrennt ist wird nicht mitgenommen) finde ich auch sehr gut, die praktische Umsetzung erschließt sich mir allerdings nicht, denn man hängt den Müll einfach in Plastiktüten an die Straße, z.B. ans eigene Tor oder einen Baum. Irgendwie bezweifle ich, dass die Müllabfuhr jeden einzelnen Sack aufmacht und kontrolliert, ob der Inhalt ordnungsgemäß getrennt ist…das ist so eine Sache, die ich bei Gelegenheit unbedingt herausfinden muss.

Was uns nach ALAMINOS bringt. Hier fällt in letzter Zeit öfter Mal der Strom aus was mich in den Genuss einiger fernsehloser Stunden und eines stimmungsvollen Frühstücks bei Kerzenlicht bringt. Apropos, eine – in meinen Augen wirklich gute Nachricht aus Sual habe ich ja vergessen: Der Fernseher ist kaputt!!! Aber zurück zum Strom: Am letzten Dienstag war er den ganzen Tag ausgeschaltet – was ich natürlich mal wieder erst mitbekommen habe als morgens das Licht nicht ging… Franzi und ich haben das Ereignis allerdings sowieso verpasst den wir haben in DAGUPAN unsere brandneuen ID-Cards abgeholt. Ich bin ein bisschen stolz darauf auch wenn der Ausweis nur 1 Jahr gültig ist.

Werfen wir zuletzt einen Blick nach INFANTA, eine Geschichte muss ich noch erzählen. Wie immer haben wir mit den Kindern dort gespielt und es ging ziemlich hoch her. Reichlich kurzsichtig hatte ich am Morgen ein weißes Oberteil angezogen auf dem sich die Flecken geradezu wie auf einer Bühne präsentierten. Alle Mütter hatten mich schon besorgt darauf hingewiesen aber ich sagte nur es wäre „dumi lang“ (Tagalog für „nur Dreck“) und ich hätte eine gute Waschseife. Kurz vorm Gottesdienst haben sie es dann aber nicht mehr ausgehalten und ich wurde in eines der Häuser gebeten, wo mir ein frisches T-Shirt überreicht wurde. Das Weiße, schmutzige habe ich nicht wiederbekommen, es wird für mich gewaschen und ich kann es mir „the next time“ abholen. Ist das nicht total süß? Ich habe mir dementsprechend heute beim Waschen des mir ausgeliehenen Shirts besonders Mühe gegeben nachdem ich gestern in SUAL endlich mal ausführlich die richtige – und angeblich auch stoffschonendere – Handwaschtechnik beigebracht bekommen habe.

So, jetzt habe ich aber fürs erste genug von eurer Zeit beansprucht und ich will ja, dass ihr mir auch weiterhin treu bleibt…

Einen lieben Gruß an euch alle da draußen, eure Sina

3 Kommentare

  1. Ulla Rausch Ulla Rausch 14. November 2012

    Hallo Sina, ich hoffe das du noch ganz viele T-Shirts gewaschen bekommst und weiter so viel Fürsorge entgegengebracht wird. Bleib fröhlich. Hab dich lieb, Ulla

  2. Lea Lea 15. November 2012

    Hallo Süße,
    ich habe gerade noch mal deine Bilder angeschaut und mir ist aufgefallen, wir BRAUN du eigentlich geworden bist! Und da soll noch mal jemand behaupten, dass helle Haut nicht bräunt. Hast du eigentlich große Probleme mit Sonnenbrand, usw.?
    Kuss, Lea

    • Sina Manger Sina Manger Autor des Beitrages | 20. November 2012

      Ja, die philippinische Sonne hatnoch Wunder bewirk. Wenn es geht, laufe ich ja mit Schirm rum aber ich vergesse ihn auch ziemlich häufig, sodass ich zuletzt wirklich noch einige Sonnenbrände hatte 🙁