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Wie neu geboren?

Nachdem Sonja und ich am Freitagmorgen ein letztes Mal unser Visum in Dagupan verlängert haben, geht es für uns am nächsten Tag direkt weiter nach Manila, genauer gesagt in das Barangay Bagong Silang im Stadtteil Caloocan City. Mit über einer Millionen Einwohnern ist es das größte Barangay der Philippinen. Das größte, und wahrscheinlich auch das ärmste. Bagong Silang heißt übersetzt neue Geburt. Der Name kommt nicht von ungefähr. Die dortige Bevölkerung ist bunt aus allen Teilen der Philippinen zusammengemischt. Die Suche nach Arbeit und die Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben trieb sie in die Millionenmetropole. Sie sammelten sich in den Slums Manilas. Durch Umsiedlungsprojekte entstand dann vor einigen Jahrzehnten das Barangay Bagong Silang. Viele zogen dorthin um. Die Siedlung wuchs. Heute unterscheidet sie sich kaum noch von den Slums von damals. Aufgrund der Größe ist das Barangay noch einmal in sogenannte Phasen und weiter in Packages untergeteilt. In Phase 10, einem besonders armen Teil der Siedlung haben sich die Arnsteiner Patres (SSCC) mit einer kleinen Missionsstation niedergelassen. Die Schwestern und Brüder der Kongregation haben sich einem Leben in Armut verschrieben. Tagtäglich setzen sie sich mit Ernährungsprogrammen, Bildungsveranstaltungen, medizinischer Versorgung und vielen anderen Projekten aktiv für die Menschen der dortigen Pfarrgemeinde ein.

Der Weg nach Bagong Silang ist lang und beschwerlich. Vom Langstrecken-Busterminal geht es mit dem Citybus weiter. Wir steigen in ein Jeepney um, später in ein Tricycle. Die Straßen werden enger, die Schlaglöcher zahlreicher. Noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Konvent der internationalen Kommunität. Und das ist auch gut so. In den späten Abendstunden sollte man hier besser nicht mehr draußen sein. Die Straßen sind dann nicht mehr sicher. Nach dem Abendessen wird es ruhig im Haus. Eine Weile sitzen wir noch am Tisch beisammen und reden. Bald darauf zieht sich jeder in sein Zimmer zurück. Ich lese noch eine Weile. Dann gehe auch ich ins Bett.

Unseren freien Sonntag nutzen Sonja und ich für einige Einkäufe und Besorgungen. Manches bekommt man eben doch nur in der Hauptstadt. Abends treffen wir Mayeth, eine Freundin aus Phase 1, die wir noch von der Zeit unseres Sprachkurses kennen. Wir genießen den gemeinsamen Abend. Bei Karaoke und Bier lässt es sich gut aushalten. Es wird spät. Auf dem Heimweg werden wir daher von Mayeths gesamter Verwandtschaft begleitet. Sicher ist sicher!

In den darauffolgenden Tagen lerne ich ein neues, ein anderes Philippinen kennen. Ein Streifzug durch Nachbarschaft macht dies deutlich. Jenseits der Pfarrei beginnt die sogenannte „Farm“. Dort gibt es keine Straßen mehr. Trampelpfade, zum Teil mit Sandsäcken befestigt, Brücken aus alten Gittern oder verrottendem Holz, das sind die einzigen Verbindungswege. Ein Fluss schlängelt sich zwischen den Häuserreihen hindurch. Das Wasser steht. Es ist schwarz vom Müll und anderen ungeklärten Abwässern. Sie kommen von der Siedlung. Dort steht ein Haus am anderen. Die Menschen leben auf engsten Raum. Platz wird zum Luxus. Teilweise müssen sich bis zu drei Familien eine kleine Wohnung teilen. Die Frauen waschen ihre Wäsche vor der Haustür. Sie wird über der Straße zum trocknen aufgehängt. Auf dem eigenen Grundstück ist dafür kein Platz. Zwischen all dem: Hunden, Katzen, Hühner und Kinder. Sie tollen in den engen Gässchen umher. Viele von ihnen sind unterernährt. Die Eltern haben kein Geld ihnen gesunde, nahrhafte und regelmäßige Mahlzeiten zu bieten. Nur die wenigsten machen die Schule fertig.
Wir laufen weiter. Die Landschaft wird allmählich grüner. Nach einiger Zeit erreichen wir ein fast noch völlig unbebautes Fleckchen Erde. Seit kurzem entstehen hier neue Häuser, finanziert durch Spendengelder aus der Pfarrei. Dieses Housing Project soll Familien, die durch das letzte Hochwasser ihr Hab und Gut verloren haben, ein neues Zuhause bieten. Die Häuser sind aus Stein gebaut, haben ein festes Dach. Eines ist bereits fertig. Noch ist es ein Rohbau, doch es wohnen schon Menschen darin. Wir werfen einen kurzen Blick hinein. Die Familie ist gerade beim Mittagessen. Sie sehen glücklich aus. Dankend lehnen wir die Einladung uns dazuzusetzen ab und treten den Rückweg an.

Beim Abendessen fehlt eine der Schwestern. Kurz darauf erreicht uns die erschütternde Nachricht. Nicht weit von hier wurde ein Junge auf offener Straße erschossen. Vier Schüsse in Kopf und Oberkörper. Die Schwester wollte noch helfen, doch sie konnte nichts mehr für ihn tun. Trotz seiner 17 Jahre war er gerade erst mit der Grundschule fertig geworden. Morgen hätte für ihn mit seinem ersten Schultag in der High School ein neues Leben in einen anderen Teil der Stadt begonnen. Doch er war Mitglied einer Gang. Diese zu verlassen bedeutet Verrat und auf Verrat steht in solchen Kreisen nur zu oft die Todesstrafe. Dennoch ist unklar, wer genau der Täter war. Und das wird auch so bleiben. Ein Ermittlungsverfahren wird es wahrscheinlich nicht geben. Das ist hier bittere Realität.

Schnell geht der Alltag weiter. Auch in der besonderen Schulklasse der Pfarrei für Kinder mit Behinderung beginnt an diesem Dienstag das neue Schuljahr. Gelernt wird heute aber noch nicht. Erst einmal gibt es ein Kennenlernen für die Neuen. Es werden Spiele gespielt, getanzt und gesungen. Lange sitzen wir nicht dabei, denn eine der Schwestern kommandiert uns kurzer Hand zum Kochen ab. Wir gehen also auf den Markt und versuchen uns daraufhin an der philippinischen Küche.
Nachmittags helfe ich Sonja bei der täglichen Büroarbeit. Wir verteilen Schulmaterialen an die Scholars der Kirchengemeinde, räumen den Abstellraum des Konvents um und treffen Vorbereitungen für die kommenden Elternabende der Stipendiaten. Wir basteln Namensschilder und füllen Eddings nach.

Viel zu schnell ist meine Zeit in Bagong Silang dann auch schon wieder vorbei. Voller neuer und bewegender Eindrücke verlasse ich am Mittwochmorgen Manila. Es geht zurück nach Pangasinan. Dort wartet bereits Arbeit auf mich.