Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Wie Feuer und Wasser

Auch wenn ich mit meinen neuen Tätigkeiten in Bolinao mittlerweile einem festen Wochenplan nachgehe, will sich eine gewisse Routine noch nicht recht einstellen. Theoretisch arbeite ich montags und dienstags im Altenheim, mittwochs begleite ich das Feeding Programm und zwischen Donnerstag und Sonntag kann ich mir meine zwei Arbeitstage im Pfarrbüro flexibel selbst einteilen. In der Praxis wird dieser Plan allerdings immer wieder von Besuchern aus allen Ecken des Landes und anderen außerplanmäßigen Ereignissen aus dem Rhythmus gebracht. Zwar bleibt die Arbeit dabei auf der Strecke, so habe ich aber die Möglichkeit stetig Neues zu erleben und weitere spannende Erfahrungen zu machen.

Am Wochenende begleite ich zum Beispiel eine Besuchsgruppe aus Manila. Sechs Jugendliche der katholischen Fokulare-Bewegung verbringen ihren Kurzurlaub an den weißen Stränden Bolinaos. Zusätzlich fahren wir zu den Bolinao Falls, einem versteckten Wasserfall im Hinterland fernab der Zivilisation. Idyllisch von Mangroven und anderen Ufergewächsen umgeben fällt der Fluss in ein fünf Meter tiefes Wasserbecken. Die Sonne dringt nur sporadisch durch das dichte Blätterdach und spiegelt sich dabei im kristallklaren Wasser. Es ist herrlich!

Von einer Klippe aus springen wir in die Tiefe, schwimmen ein paar Bahnen, genießen die angenehme Kühle dieses schattigen Plätzchens. Nach einiger Zeit setze ich mich auf einen der zahlreichen Felsvorsprünge und nutze die entspannt ruhige Atmosphäre zum Lesen eines Buches.

Im krassen Gegensatz dazu steht der Besuch einer Familie in den slumähnlichen Siedlungen unweit der Hauptstraße. In der Nachbarschaft vernimmt man Karaoke-Musik. Die Frauen kochen, die Männer saufen. Es riecht verbrannt. Rauchschwaden ziehen über die Häuser. Aus allen anderen Berufen verdrängt und keine neue Arbeit mehr findend, bleibt den Menschen nichts anderes übrig als sich alles Holz zu schnappen, was sie in die Finger kriegen können und daraus Holzkohle zu machen. Wenigstens ein paar Pesos lassen sich damit verdienen. Zu Lasten der Umwelt.
In einer von Blech- und Holzresten zusammengehaltenen Einraumhütte wohnt eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern. Die Kinder spielen im Dreck. Klein und dünn sind sie. Sechszehn Jahre alt soll die älteste Tochter sein. Sie sieht aus wie zehn. Die Folgen der Unterernährung.
Früher ging es ihnen besser. Der Vater fuhr raus auf die See, sie lebten vom Fischfang und von Tagelöhnerarbeiten. Es war nicht viel, aber es reichte zum Leben. Dann kam Emong, der schlimme Taifun im Mai letzten Jahres. Er hat ihnen das wenige genommen, was sie hatten: das Haus, den Vater, ein Einkommen. Sie gingen zum Betteln auf die Straße. Etwas anderes blieb ihnen nicht.
Fr. Jeremy nahm sich letztes Jahr ihrer an. Sie erhalten nun regelmäßige Unterstützung aus der Pfarrei. Eines der nächsten Projekte soll ein neues Haus für sie sein.
Als unsere Besuchsgruppe breitgrinsend ein Foto vor der Hütte und ihren Bewohnern machen will, stehe ich nur fassungslos daneben. Nur eine weitere touristische Attraktion?! – Ich weiß es nicht. Viel sage ich nicht auf der Rückfahrt in die Stadt. In meinem Kopf kreisen die Gedanken.

Jetzt bin ich schon so lange auf den Philippinen, habe mich an das Leben und die Menschen gewöhnt. Ich bin glücklich. Doch so etwas zu sehen und zu hören trifft mich immer wieder aufs Neue wie ein Schlag.