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Alte Menschen sind wie Kinder

Noch etwas müde von den Anstrengungen des gestrigen Tages, aber dennoch guter Dinge mache ich mich am Dienstagmorgen erstmals auf Weg zu meiner neuen Arbeitsstelle, dem Altenheim eines Bettelordens im Barangay Tara, eine Viertelstunde Fahrtzeit von Bolinao entfernt. Bis ganz vor die Haustür fährt der Bus allerdings nicht. Die restlichen drei Kilometer meines Weges gedenke ich daher mit dem Tricycle zurücklegen. Doch die Kreuzung, an der ich den Bus verlasse, ist an diesem Morgen wie leergefegt. Schnell entschließe ich mich dazu, den Rest der Strecke zu Fuß zu gehen. Weit ist es nicht, doch die mit Beginn der Regenzeig einsetzende Schwüle macht mir zu Schaffen.
Nassgeschwitzt komme ich zwanzig Minuten später im Altenheim an. Etwas aus der Puste erklimme ich die letzte Steigung zu dem auf einer Anhöhe gelegenen, überaus imposanten Gebäudekomplex der Little Sisters of the Poor, die mit Verlaub gesagt zwar klein, aber bei weitem nicht arm zu sein scheinen. Als mich die Schwestern erblicken, heißen sie mich direkt mit einem angenehm kühlen Glas Wasser willkommen. Ich nehme dankend an.

Gleich darauf führt mich eine der Schwestern durch das Gebäude. Nach europäischem Standard gebaut, riesig groß und unheimlich sauber komme ich mir dort fast ein bisschen fremd vor. Der dreistöckige Bau mit seinen vier Flügeln bietet alles in allem Platz für rund 80 Bewohner, vier Priester und zehn Schwestern. Zurzeit ist das Wohnheim allerdings nur zur Hälfte ausgelastet. Im Untergeschoss des Gebäudes befinden sich Räume für das Personal, eine Großküche und die Wäscherei. Während im Erdgeschoss die etwas Fitteren ihre Zimmer haben, sind die schwereren Fälle im ersten und zweiten Stock des Hauses untergebracht.

Nach dieser kurzen Einführung schickt man mich schnurstracks in den ersten Stock um dort einer Putzkraft beim Reinigen der Zimmer zur Hand zu gehen. Den ganzen Vormittag über säubere ich daraufhin Bettgestelle und anderes Mobiliar. Beim Mittagessen helfe ich dann beim Anreichen der Mahlzeiten für die Bewohner. Ich tue ihnen auf, frage ob sie noch mehr wollen und schenke ihnen zu trinken nach. Auf den ersten Blick scheint sich die Arbeit im Altenheim nicht sehr von der im Waisenhaus zu unterscheiden. Wie mit den Kindern im Waisenhaus, muss man auch mit den Alten viel Geduld haben. Nicht jeden versteht man auf Anhieb. Manche können kein Englisch, andere beginnen bereits die ersten Wörter zu vergessen. Ganz einfache Sätze machen es leichter. Je älter die Leute sind, desto mehr scheinen sie wieder wie Kinder zu werden. Gerade die etwas Senileren sagen einem klipp und klar, was sie denken. Diese Direktheit bin ich schon aus dem Kinderheim gewöhnt. Sie macht vieles einfacher.
Während dem Mittagessen und der anschließenden Siesta komme ich außerdem so langsam mit dem restlichen Pflegepersonal ins Gespräch. Dass sie alle recht gutes Englisch sprechen, macht es mir sehr einfach mit jedem ein paar Worte zu wechseln. Sie wirken nett und aufgeschlossen und scheinen sich sichtlich über den neuen Zuwachs im Team zu freuen.

Nach der Mittagspause geselle ich mich dann zu den alten Damen und schwätze bis in den späten Nachmittag mit ihnen. Wir kommen von einem Thema zum nächsten. Es ist wirklich nett. Auch sie scheinen es wirklich zu genießen, mal wieder jemanden zu haben, der ihnen zuhört und auf sie eingeht. Denn auch wenn das Personal hier nicht ganz so lustlos erscheint wie jene im Waisenhaus in Dagupan, haben die Angestellten hier doch alle Hände voll zu tun und oft nur wenig Zeit sich um Einzelne ausgiebiger zu kümmern.

Um fünf Uhr trete ich den Heimweg an. In Gedanken wappne ich mich bereits für den langen Fußmarsch zurück zur Bushaltestelle, als mich einer meiner neuen Kollegen mit seinem Motorrad einholt und fragt ob ich nicht mitfahren will. Das sage ich doch nicht Nein! Als ich wenig später an der Kreuzung stehe und auf den Bus warte, fährt ein Van voller Bauarbeiter an mir vorbei. Ich kenne sie. Die Männer arbeiten auf dem Außengelände des Altenheims. Kurz zuvor hatte ich an der Pforte noch ein kleines Schwätzchen mit ihnen gehalten. Großzügig lassen sie mich mitfahren. Doppelt so schnell und ohne einen Peso zu bezahlen treffe ich zehn Minuten später auch schon wieder im Pfarrhaus ein.

Auch wenn die Arbeit im Altenheim nur bedingt anstrengend war, falle ich an diesem Abend erschlagen von neuen Eindrücken und vielen neuen Gesichtern schnell in mein Bett und sogleich in einen tiefen Schlaf.