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Vor dem Staatsanwalt

Sieben Kisten mit FairTrade-Artikeln, zwei Sozialarbeiter, die fünf neuen CICL Boys und ich, eingepfercht in einem von PREDAs kleinen Kastenwagen. Noch vor der Morgendämmerung brechen wir nach Manila auf. Durch die vergitterten Fenster kommt nur ein leichter Luftzug. Kaum ist die Sonne aufgegangen, wird es kochendheiß. Ungeachtet dessen schlafen unsere Jungs die ganze vierstündige Fahrt über durch. Ich sitze an der Tür, mache keine Auge zu. Ganz traue ich ihnen noch nicht.

In Manila angekommen geben wir zunächst die Pakete voller fairgehandelter Waren bei DHL auf. Sie werden in den kommenden Wochen nach Deutschland verschifft werden. Desweiteren stehen heute Hausbesuche bei den Familien der Kids auf dem Programm. Darüber hinaus hat einer der Jungen eine Anhörung beim Staatsanwalt. Er ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.
Als wir das Gerichtsgebäude betreten herrscht eine angespannte Atmosphäre. Beide Familien sind anwesend, die des Täters und die des Opfers. Die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate haben bei allen Beteiligten tiefe Spuren hinterlassen. Die Frauen weinen. Die Männer bleiben stumm. Trauer schlägt um in Zorn. Familie und Verwandte des Täters wurden bereits bedroht. Sie fürchten Rache. So sahen sie sich vor kurzem gezwungen, aus ihrem alten Haus auszuziehen.
Ich bin geschockt. So ein nettes Kind – ja, immer noch ein Kind! Durch seine Tat hat er eine ganze Reihe von Ereignissen in Gang gebracht. Ich frage mich, wie es nur soweit kommen konnte. Ich lese die Fallakte des Jungen. Sie gibt nur eine wage Antwort.
Die Anhörung selbst bringt wenig Erfolg. Der verantwortliche Sachbearbeiter für diesen Fall ist nicht im Haus. Das Treffen wird auf nächste Woche vertagt.

preda_46Durch die vollgestopften Straßen der Millionenmetropole geht es weiter. Wir besuchen nun die Familien unserer fünf Neuankömmlinge um uns ein besseres Bild über deren häusliches Umfeld machen zu können. Ich erfahre ein bisschen mehr über die Hintergründe der Kinder. Viele der Jungen teilen ähnliche Schicksale, tragen eine ähnliche kriminelle Vergangenheit mit sich herum, haben eine ähnlich bewegte Geschichte. Sie kommen meist aus armen Verhältnissen. Oft kommen Probleme innerhalb der Familie hinzu. Unvorstellbar, was diese Menschen in diesem jungen Alter schon mit sich umhertragen.

Bei seinem eigenen Hausbesuch haut dann unser Sorgenkind ab. Er gibt vor sich am nächsten Kiosk eine Cola kaufen zu wollen. In einem unbeachteten Augenblick ist er verschwunden. Ich kann ihn beinahe verstehen. Wahrscheinlich ist einfach alles zu viel geworden. Die Geschehnisse beim Staatsanwalt haben ihn zu sehr aufgewühlt. Wir hoffen das Beste und warten eine Weile. Vielleicht überlegt er es sich doch noch anders und kommt wieder zurück, doch keine Spur von unserem Ausreißer. Nach einer Stunde des Wartens geben wir auf. Wir zeigen den Barangay-Captain und –Police ein Foto des Jungen und appellieren an sie, ihn direkt an das zuständige Sozialamt zu übergeben. Hauptsache, er landet nicht schon wieder im Knast.

Schweren Herzens fahren wir mit den übrigen Hausbesuchen fort. Glücklicherweise übersetzt mir Sheila das ein oder andere, sodass ich den Faden nicht verliere.
Gegen Abend machen wir uns auf den Heimweg – mit einem Jungen weniger und einer Sorge mehr im Gepäck.