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Den Wald vor lauter Bäumen …

Während die meisten von uns schon am frühen Morgen aufbrechen um das Wochenende in ihren jeweiligen Partnerpfarreien in Bani und Mabini zu verbringen, halten Peter, Ingrid, Christian, Usch und ich unterdessen in Alaminos die Stellung.

Am Vormittag brechen wir zunächst zu einer Küchen-Inspektion zu Father Aaron nach Burgos auf. In dessen Konvent werden wir in der kommenden Woche zum Plätzchenbacken zusammen kommen. Entsprechendes Equipment für diese überaus exotische Mission muss da natürlich vorhanden sein. Auf der Autofahrt bin ich zunächst noch skeptisch, ob ein solches Vorhaben in einer philippinischen Küche überhaupt möglich ist. Erstaunt muss ich allerdings feststellen, dass die Priester und Seminaristen der Kongregation überaus gut ausgestattet sind. Neben einem voll funktionsfähigen Gasofen finden sich in Father Aarons Küche außerdem Backbleche, ein elektrisches Handrührgerät sowie eine Waage und ein Messbecher. Ein Nudelholz suchen wir zwar vergebens, aber zum Ausrollen des Teiges muss notfalls eben eine größere Glasflasche herhalten. Gestärkt von Kaffee und Gebäck, treten wir schnell den Rückweg nach Alaminos an um dort alle nötigen Zutaten und weitere Backutensilien einzukaufen.

Mein Magen freut sich über Urlaub, denn das Mittagessen fällt heute aus. Stattdessen fahren wir an diesem Nachmittag in den südlichsten Zipfel der Diözese. Ziel unseres kleinen Ausfluges quer durch Pangasinan ist das Städtchen Mangatarem. Dort angekommen werden Peter, Christian und ich zunächst einmal in ein kleines, verstecktes Café im Stadtinnern geführt. Im Stile à la Starbucks hat sich dort ein Unternehmer inmitten der gewöhnlichen philippinischen Geschäfte angesiedelt. Das klimatisierte Bistro mit sorgfältig durchdachter Innenarchitektur und einer überaus europäischen Speisekarte passt nicht so recht ins gewohnte Umfeld. Peter genießt bis über beide Ohren strahlend einen italienischen Cappuccino und Schwarzwälder Kirschtorte. Ich begnüge mich mit einem einfachen Café Latte und lausche derweil den aufkommenden Gesprächen.
Es geht um ein Wiederaufforstungsprogramm, welches hier in der Pfarrei in Zusammenarbeit mit der Regierung durchgeführt wird. Die Pflanzung neuer Bäume soll das Klima schützen und Erosion verhindern. Nach einer kurzen Einführung über das Projekt an sich machen wir uns zu dessen Besichtigung auf den Weg in Mangatarems abgelegenstes Barangay.
Über holprige Straßen fahren wir vorbei an grünen Reisfeldern und einfachen Strohhütten. Menschen schauen uns neugierig nach. Viele der Einheimischen sind Farmer. Sie leben in erster Linie vom Reisanbau. Zwischen dem Pflanzen der Setzlinge und der Erntezeit bleibt vielen nichts anderes übrig als abzuwarten und dem Getreide beim wachsen zuzuschauen. Aus jedem zweiten Haus dröhnt Karaokemusik. Männer sitzen vor ihren Häusern und trinken Gin.
Bald hört die befahrbare Straße auf. Wir erreichen ein weitläufiges steiniges Flussbett. In einigen Metern Tiefe schlängelt sich ein kristallklarer Bach durch die umliegende Hügellandschaft. Eine klapprige Hängebrücke führt in schwindelerregender Höhe übers Wasser. Father Jonas wagt sich als erster auf die wackelige Konstruktion. Schritt für Schritt tastet es sich vor. Auf halbem Weg verkündet er stotternd, dass es für uns doch sicherer sei, lieber durchs knietiefe Wasser zu waten. Einige ehrenamtliche Arbeiter des Wiederaufforstungsprogramms begleiten uns. Fast zeitgleich kommen wir mit ihm auf der anderen Seite des Flusses an. Christian und ich haben nasse Füße. Er zittert am ganzen Körper.
Wir gehen weiter. Dicht bewachsener Wald wechselt sich mit ausgedorrtem Grasland ab. Laub und abgestorbene Zweige liegen am Wegesrand – ideale Bedingungen für einen Waldbrand. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir jüngere Bäume mit saftig grünen Blättern. Zur Bewässerung dient ein Reservoir weiter oben in den Bergen. Brunnen sind rar, die Bohrer kommen nicht durch den steinigen Boden.
Father Jonas beantwortet mit Unterstützung der zuständigen freiwilligen Arbeiter geduldig all unsere Fragen. Es gibt viele Probleme und kritische Punkte trotz diesem an sich guten und wichtigen Projekt. Es fehlt an Geld, Ressourcen und Wissen. Manchmal scheinen die Leute vor Ort buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen zu können.

Auf dem Rückweg überqueren wir den Fluss an anderer Stelle in der Nähe eines kleinen Staudamms. Kinder baden im klaren Wasser. Weiter unten waschen die Frauen üblicherweise ihre Wäsche. Durch eine wohl nur temporäre Lücke im Deich laufen wir zurück zum Auto. Bis zur Regenzeit sollte sie dringendst geschlossen werden.
Als wir uns auf den Heimweg machen, geht die Sonne malerisch über grünen Reisfeldern unter. Erst als es schon dunkel ist kommen wir in dieser mondlosen Nacht wieder in Alaminos an und gehen sodann gemeinsam bei Maxine’s, unserem Stammlokal an der Küste, essen. Bei Drunken Shrimps, Calamaris und Bier lassen wir den vergangenen Tag mit all seinen Eindrücken in aller Ruhe Revue passieren.