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Ganz besondere Kinder

... mit der Kamera begleitet:Mittlerweile arbeite ich nun schon seit mehr als einem Monat im Kinderheim der Missionarinnen der Nächstenliebe in Dagupan. Ich habe viel Spaß mit den Kindern. Es wird viel gelacht. Auch ohne ihre Eltern scheinen die Kinder hier wirklich glücklich zu sein. Vermutlich ginge es vielen zu Hause um einiges schlechter.

Nach und nach führen mich die Erzieherinnen in immer mehr Teilbereiche ihrer Arbeit. So habe ich mittlerweile nicht mehr nur mit den Jungen und Mädchen im Kindergarten- und Vorschulalter zu tun. Immer wieder kümmere ich mich jetzt auch um die sogenannten „special children“, die besonderen Kinder mit Behinderung. Diejenigen mit leichter geistiger oder körperlicher Behinderung spielen ganz normal mit den restlichen Kindern. Im Schlafsaal liegen die mittel- bis schweren Fälle. Viele können nicht alleine essen und bekommen trotz ihres Alters noch immer Brei gefüttert. Die etwas Fitteren scheinen wie durch einen magischen Bann an ihre Betten gefesselt zu sein. Wie Tiger in einem viel zu kleinen Käfig laufen sie von einem Bettende zur anderen. Einer von ihnen hat einen Wasserkopf. Sein Wortschatz umfasst genau fünf Wörter, darunter den philippinischen Ausdruck für Essen und Wasser, den Satz „Iss jetzt!“ und seinen Namen. Er heißt Ganda. „ganda“ ist Tagalog und bedeutet so viel wie „Schönheit“. Immer wieder stellt er sich auf und schwingt seine Hüften in gleichmäßigen rhythmischen Bewegungen zu einer unhörbaren Melodie.

Auch bei den anderen Kindern der Station sind ausgeprägte Anzeichen von Hospitalismus zu erkennen. Ein blinder Junge wälzt sich in seinem Bett ununterbrochen von einer Seite auf die andere. Gehe ich an ihm vorbei unterbricht er seine Trance, zieht sich am Gitterbett hoch und versucht sich mit weit ausgestreckten Armen zu mir vorzubeugen um auf diese Weise einen weiteren der sonst so spärlichen Reize aufzunehmen.

Die übrigen Kinder sind so schwer behindert, dass sie sich kaum mehr bewegen können. Ihre Beinchen sind dünn, die Gelenke steif. Wer weiß was in ihren Köpfen vorgeht. Ich füttere sie nur. Ihre schlecht ausgebildete Mundmotorik schiebt das Essen mehr aus dem Mund heraus als hinein. Trinken ist beinahe unmöglich. Ich brauche eine Stunde. Es ist anstrengend, für mich und für das Kind. Ich muss all meine Geduld zusammennehmen. Ich würde gerne mehr machen, um das Leben der Kinder im Waisenhaus lebenswerter zu gestalten. Angesichts meiner beträchtlichen Unerfahrenheit im richtigen Umgang mit Behinderten bin ich damit bis jetzt allerdings noch ziemlich überfordert.

Erst kürzlich habe ich gelernt Stoffwindeln zu falten und zu wechseln. Ab jetzt werde ich auch vermehrt in der Babystation zum Einsatz kommen. Die Babys dort sind wirklich niedlich. Sie lassen mich auf andere Gedanken kommen. Ein wahrer Lichtblick!

Dieser Beitrag erscheint heute in ähnlicher Form unter dem Titel „Wie durch einen Bann an Betten gefesselt“ im Usinger Anzeiger.
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