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Schlafen im Kiesbett

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Feierlichkeiten um Christkönig. Was in Deutschland kaum Beachtung findet, wird im Bistum Alaminos ganz groß gefeiert. Schon letztes Wochenende fand auf Pfarreiebene ein Zeltlager des Youth Ministry in Salasa statt. Es wurde getanzt, Vorträgen gelauscht, diskutiert, gespielt, gebetet und zusammen Gottesdienst gefeiert. Ich war als Teamer dabei.

Anders als ich es von Zeltlagern in Deutschland gewöhnt bin, mussten die Teilnehmer das Essen und auch ihre Zelte selbst mitbringen. Eher provisorisch wurden einige luftige Behausungen auf der Rasenfläche einer Grundschule aufgestellt. Die sanitären Einrichtungen bestanden aus Pumpbrunnen, das Abwasser versickerte einfach in der Erde. Nicht weiter verwunderlich also, dass ich an beiden Tagen bereits gegen 5 Uhr morgens geweckt wurde um im Haus einer befreundeten Teamerin aus dem Dorf zu duschen. Umständlich war es schon, aber auf diese Weise lernte ich viele neue Leute kennen.

Am Sonntag wurde das Jugendcamp feierlich mit einem Abschlussgottesdienst mit anschließender Prozession beendet. Von einem Spielmannszug begleitet liefen wir etwa sieben Kilometer durch die philippinische Mittagshitze. Ich habe es sportlich genommen. Ganz in diesem Sinne wurde am Straßenrand alle paarhundert Meter kostenlos Wasser und Eistee angeboten.

An diesem Wochenende geht es nun mit einem weiteren Jugendzeltlager auf Bistumsebene weiter. Am Freitagnachmittag treffe ich mich mit all den anderen Jugendlichen aus Salasa. Zelte, Gepäck, Wasser und Essen (darunter auch zwei lebende Hühner) werden auf der Ladefläche eines Lastwagens verstaut. Bald darauf brechen wir auf. Nachdem das Gepäck verladen ist, finden auch wir auf der harten LKW-Ladefläche Platz. Es ist eng und unbequem. Der LKW quillt schon fast über vor Mensch und Material, aber auf dem Weg sammeln wir noch immer weitere Teilnehmer ein. Mit insgesamt dreißig Leuten auf engstem Raum zusammengepfercht treten wir nun die Fahrt nach Infanta an. Mich überkommt ein mulmiges Gefühl. Die Seitenwände des LKW werden nur von einem dünnen Seil zusammengehalten. Der LKW ist alt und der ursprüngliche Mechanismus hat wohl schon lange seinen Geist aufgegeben. Ich artikuliere meine Sorge. Guilbert, einer der Scholars, antwortet achselzuckend, ich solle das Seil einfach nur gut festhalten, damit uns auch ja nichts passiert. Ich falle vom Glauben ab. Alle anderen sitzen unterdessen unbeirrt auf eben jenen Seitenwänden und beten gemeinsam den Rosenkranz. Na, ob das was hilft. Ich bezweifle es stark. Ich versuche trotz der Enge immer weiter in die Mitte der Ladefläche zu rücken. Nach zweieinhalbstündiger Fahrt erreichen wir Infanta. Passiert ist zum Glück nichts.

Anders als letzte Woche besteht der Zeltplatz nicht aus einer gemütlichen Grasfläche. Stunden zuvor muss wohl an genau der Stelle wo nun die ersten Zelte stehen noch ein Reisfeld gewesen gestanden haben. Ein Bulldozer hat das ganze Feld sodann platt gemacht und mit faustgroßen Steinen aufgefüllt. Schlafen im Kiesbett. Es verspricht eine kurze Nacht zu werden. Durch meine dünne Matte spüre ich jeden einzelnen Stein. Guilbert sagt, ich solle mir einfach vorstellen, ich läge auf einem Haufen Gold und am nächsten Morgen wenn wir die Matte wegnehmen sind wir reich. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein. Vier Stunden später werde ich auch schon wieder zum Duschen geweckt. Trotz des letzten Wochenendes bin ich diese frühe Uhrzeit noch immer nicht gewöhnt. Auch auf diesem Zeltplatz gibt es kein Fließend Wasser. Am nächsten Brunnen füllen wir unsere Eimer und tragen sie in den Waschraum. Es ist eher eine Katzenwäsche denn eine Dusche, aber es erfüllt seinen Zweck.

Nach dem gestrigen Eröffnungsgottesdienst und einem ersten Kennenlernen geht es heute mit Vorträgen, Diskussionsrunden, Gebeten, einem erneuten Gottesdienst und einer Taizé-Nachtwache weiter. Am Nachmittag ziehen Sonja und ich uns ein bisschen aus dem Geschehen zurück. Stundenlange Vorträge auf Tagalog langweilen und bringen uns nicht weiter. Wir legen uns im Gras in den Schatten, lesen und holen den versäumten Schlaf nach.

Von Zeit zu Zeit gibt es immer wieder leckeres Essen von unserem eigens mitgebrachten Koch. Grundsätzlich sind auch die philippinischen Jugendlichen sehr daran interessiert, dass es mir auch ja gut geht. Ständig erkundigt sich jemand, ob ich schon gegessen habe, ob er mir schmeckt, ob ich das Essen denn auch wirklich esse, ob ich noch mehr will, ob ich was zu trinken mag, ob ich müde bin, ob ich eine Pause brauche und und und … Man achtet peinlich genau darauf, ob und wann ich denn auch schon geduscht habe. Ob das alles immer noch zur philippinischen Höflichkeit gehört? – Wahrscheinlich. Übel nehmen kann ich es ihnen nicht, aber trotzdem nervt es manchmal schon ganz schön. Ich kann gut für mich selber sorgen.

In den Pausen findet sich außerdem Gelegenheit mit den weiteren bisher nicht bekannten Teilnehmer in Kontakt zu kommen. Wir tauschen uns aus. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Anstrengend sind da nur die beiden doch eher tuntigen Schwulen, Glenn und Olga. Ihnen fällt es doch sehr schwer zu verstehen, dass ich auf Frauen stehe und das auch in nächster Zeit nicht zu ändern beabsichtige.

Abends gibt es Gelegenheit zur Beichte. Erstaunlicherweise nimmt fast jeder Teilnehmer dieses Angebot wahr. Sonja und ich setzen uns ab und trinken ein Bier.

Nach dem Morgengebet ist am nächsten Tag kein weiteres Programm mehr vorgesehen. Die ersten Zelte werden abgebaut. Alles bereitet sich auf den Gottesdienst am Nachmittag vor. Bischof Marlo hält die Messe unter freiem Himmel. Tausende Leute aus dem ganzen Bistum sind gekommen. Anschließend findet eine lange Prozession durch ganz Infanta statt.

In der Dämmerung geht es mit dem Lastwagen zurück nach Salasa. Auch diesmal kommen wir wider Erwarten in einem Stück an.