Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Die Vorboten des Hochwassers

hochwasser_03Das Wasser steigt. Einige Barangays in der unmittelbaren Umgebung Salasas wurden bereits evakuiert. Häuser sind überflutet. Die Kirche wird über Nacht zum Flüchtlingslager. Ängstlich kauern sich die ersten Familien auf den Kirchenbänken zusammen, ihr wichtigstes Hab und Gut um sich geschart. Schlafstätten werden errichtet. Father Bok ist besorgt. Doch die Menschen, die über Nacht fluchtartig ihre Häuser verlassen mussten, scheinen nicht Ausgangspunkt seiner Besorgnis zu sein. Vielmehr erweckt es den Eindruck, als habe er Angst, das Gotteshaus könne durch die Anwesenheit seiner neuen, unfreiwilligen Bewohner entweiht werden. Laut seiner Aussage bestünde für die Flutopfer zudem die Möglichkeit in einem nahegelegenen Gemeindehaus Schutz zu finden. Man sei dort besser auf den Andrang vieler Menschen eingestellt. Sie wollen aber nicht gehen, beklagt Father Bok. Vielleicht gibt ihnen dieser doch allzeit geweihte Ort einen gewissen Halt oder eine innere Sicherheit, die ein Gemeindehaus nicht bieten kann. Dass Father Bok so alle Messen absagen muss, scheint da nebensächlich. Wurden Kirchen nicht zuletzt vielmehr für die Menschen als für Gott allein errichtet? Father Bok schluckt schließlich seinen Unmut herunter und lässt die Leute bleiben. Koch Arman und ich schauen immer wieder nach den Familien in der Kirche, bleiben lange wach, bieten unsere Hilfe an. Doch die Menschen scheinen erstaunlich gut zu Recht zu kommen und stellen sich routiniert auf die neue Situation ein. So bleibt das einzige, was wir in dieser Nacht für die Menschen tun können, ihnen ein paar Kerzen für einen möglichen Stromausfall bereitzustellen.

Der folgende Tag verläuft ruhig. Gegen Mittag mache ich einen kurzen Spaziergang. Ich muss einfach mal raus, mir die Beine vertreten und ein bisschen ausspannen. Ich halte nach einem der vielen Sari-Sari-Stores Ausschau. Erfolglos suche ich in deren Sortiment nach Choco Mucho, einem kleinen einheimischen Schokoriegel. Süßes gibt es hier nur selten und das lässt meinen Zuckerhaushalt bedrohliche Tiefstände erreichen. Doch Schokolade müsste hier gekühlt werden und Kühlschränke hat hier nicht jeder Kiosk. Demnach also kein vorläufiges Stimmungshoch durch die Droge Schokolade.
Eigentlich suche ich ja Ruhe, doch die Dorfbewohner, die mir auf der Straße begegnen oder gelangweilt vor ihren Häusern sitzen, reißen mich immer wieder aus meinen Gedanken und versuchen mich in ein Gespräch zu verwickeln. So rufen sie lautstark meinen Namen, fragen wie es mir geht, wo ich hin will. Sie wollen freundlich sein. Ich glaube, ihnen kommt gar nicht in den Sinn, dass ein Deutscher sich auch einfach mal die Füße vertreten möchte um die Ruhe der Natur zu genießen. Mein ohnehin wenig erfolgreicher Spaziergang erfährt zudem bereits nach kurzer Zeit ein jähes Ende. Erschrocken stelle ich fest, dass das Hochwasser Salasa bereits erreicht hat. Erste Häuser und Gärten stehen unter Wasser. Auf der Straße nehmen große Pfützen allmählich an Größe zu und zwingen mich schließlich zur Umkehr.
Unterdessen neigen sich die privaten Reisvorräte der Menschen in der Kirche dem Ende zu. Nach einer kurzen Beratung mit Father Bok und dem hiesigen Pfarrgemeinderat wird beschlossen, die letzten Montag gepackten Carepakete nicht wie geplant nach Manila zu schicken. Sie sollen nun doch hierbehalten und an die hiesigen Familien verteilt werden. Zu diesem Zweck werden noch einmal circa 100 kg Reis durch Spendengelder zur Verfügung gestellt. In einer zweiten ehrenamtlichen Hilfsaktion packen wir Nudeln und Fisch auf insgesamt 220 Pakete um.

Während es in Salasa langsam zu dämmern beginnt nähert sich das Hochwasser unaufhaltsam der Kirche und dem angrenzenden Pfarrhaus. Um Mitternacht erreicht das Wasser schließlich Vorgarten und Einfahrt, sodass sich auch in der Eingangshalle schon wenig später große Pfützen bilden.