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Schlaflos in Salasa

Es hat zu regnen begonnen. Father Rey steuert den Wagen über nasse Straßen ins Dunkel der Nacht. Ich ziehe um. Nun wird die kleine Pfarrei in Salasa zu meiner Bleibe für das kommende halbe Jahr. Sonja begleitet mich. Mit einiger Verspätung treffen wir ein. Eigentlich ist ein gemeinsames Abendessen geplant, doch die Zeit fehlt. Ich werde nur schnell abgesetzt. In Gedanken versunken schaue ich den Rücklichtern des Autos noch eine Weile nach ehe sie vollends mit der Dunkelheit verschmelzen. Ein komisches Gefühl. In den vergangenen Wochen war ich ständig mit Sonja zusammen. Deutsch reden: ein kleines Stück Heimat in dieser fremden Welt. Nun bin ich das erste Mal wirklich allein. Traurig bin ich trotz allem nicht. Father Bok ist nett. Das Eis bricht ehe es geschmolzen ist. Wir tauschen uns aus. Das Abendessen lässt nicht lange auf sich warten. Bei Reis mit Rindergeschnetzeltem in Verbindung mit einem kühlen Bier kommen beinahe Heimatgefühle auf. Father Bok hatte letzte Nacht wenig Schlaf. So endet die Abendgestaltung abrupt nach dem Essen.

Ich ziehe mich auf mein Zimmer zurück. Mein eigenes Zimmer für das nächste halbe Jahr. Es gefällt mir. Ich habe ein geräumiges Bett, einen Kleiderschrank und einen richtigen Schreibtisch. Das Fenster verfügt über ein festeingebautes Fliegengitter – ohne Löcher! Endlich ein Ort, an dem ich mich wirklich für etwas längere Zeit einrichten kann. Ich öffne meinen Koffer und verstaue ein paar meiner Habseligkeiten. Zuallererst findet mein Laptop auf dem neu errungen Schreibtisch Platz. Ich habe direkt von meinem Zimmer aus Wireless-LAN. So einen Luxus bin ich schon gar nicht mehr gewöhnt. Irgendwo muss der Haken sein? Er lässt nicht lange auf sich warten. Das Internet ist zwar ungewöhnlich schnell, aber auch ungewöhnlich instabil. Dadurch dass es vom Handynetz gespeist wird, ist es unwahrscheinlich wetteranfällig. Draußen regnet und stürmt es. Internetseiten laden mehr schlecht als recht, Skypen wird zur Zerreißprobe für die Zeit und Nerven. Mit jeder Minute wird die Verbindung schlechter ehe sie schließlich vollends zusammenbricht. Kurz darauf fällt der Strom aus. Nur noch der schwachblaue Schimmer meines Laptops erleuchtet den Raum. Ich gebe auf. Die Arme weit von mir gestreckt taste ich mich zum Zähneputzen ins Bad. Die spärliche Beleuchtung meines Handys hilft den Weg zurück ins Zimmer zu finden. Lesen kann ich wohl vergessen. Zehn Uhr abends und ich bin hellwach. Aber was bleibt mir jetzt noch übrig? Schmerzlich wird mir bewusst wie abhängig wir doch von den Errungenschaften der modernen Zivilisation sind. Ich lege mich also ins Bett uns versuche zu schlafen. Vergebens. Schnell wird mir der Sinn des Fliegengitters bewusst. Geschickt wird es von den einheimischen Blutsaugern umflogen und sie finden auf Abwegen trotzdem in mein Zimmer. Mit dem Moskitonetz über meinem Bett ist noch kein zufriedenstellendes Arrangement gefunden. Ein stetiges Summen in meinen Ohren ist die Folge. Es dauert keine fünf Minuten und ich bin von oben bis unten zerstochen. Es juckt, aber wenigstens übertragen die Stechmücken hier kein Dengue oder Malaria. Gedanken kreisen zusammen mit Moskitos um meinen Kopf. Ich liege noch immer wach – kein Schlaf, nur Mücken. Ich hülle mich fester in meine Decke und hoffe so den Parasiten weniger Angriffsfläche zu bieten. Dafür wird es jetzt umso wärmer unter der Decke. Eine Klimaanlage gibt es in diesem Zimmer nicht, nur einen Ventilator. Egal, bei einem Stromausfall ist beides nutzlos. Gegen Mitternacht kehrt der Strom zurück. Mit einem leisen Surren setzt der Ventilator wieder ein und verschafft etwas Abkühlung. Ich schalte kurz das Licht ein. Fünf Moskitos finden den Tod. Beruhigt lege ich mich zurück ins Bett. Ruhe. Einschlafen kann ich trotzdem nicht. Bis fünf Uhr morgens liege ich wach. Um sechs klingelt mein Wecker.

Guten Morgen!