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Ein Kinderspiel?

Meinen freien Montagnachmittag verbringe ich zusammen mit einigen Jugendlichen aus der Gemeinde. Wir hängen einfach zusammen ab, kochen uns was zu essen, die meisten singen Karaoke. Das ist zwar nicht ganz so mein Ding, aber es ist vor allem schön mal wieder unter Gleichaltrigen zu sein.

Zu meinem ersten Arbeitstag im Waisenhaus der Missionaries of Charity möchte ich wenigstens an diesem Dienstagmorgen einigermaßen pünktlich erscheinen. Da Busse hier prinzipiell nicht nach Fahrplan fahren stehe ich lieber ein bisschen früher auf.

Ich gehe davon aus, heute mit einfachen Praktikantentätigkeiten zu beginnen: Sauber machen, Teller spülen, Aufräumen. Doch es wird alles anders. Im Waisenhaus angekommen werfen mich die Erzieher direkt ins kalte Wasser. Ich bekomme nur einen einzigen, auf den ersten Blick vielleicht simpel wirkenden Arbeitsauftrag: Spiele mit den Kindern! Ha, nichts leichter als das. Ein Kinderspiel! Doch bereits das überfordert mich sichtlich. Wie um Himmelswillen soll ich mich nur mit einem Haufen kleiner Kampfzwerge im Alter von zwei bis sieben Jahren beschäftigen? Ich habe so etwas doch noch nie gemacht – keinerlei Erfahrung! Und ich bin alles andere als ein geborener Kindergärtner. Ehe ich mich recht versehe, habe ich grob geschätzt etwa zehn Kinder an mir hängen. Diese Vorhut der Spezialeinheit „Waisenhaus“ klammert sich an meiner Hose und meinem T-Shirt, an meinen Armen und Beinen fest. Ich höre noch, wie sie mich nach meinem Namen fragen. Zugriff! Alles Weitere geht im heillosen Stimmengewirr unter. Genuscheltes Tagalog aus Kindermündern ist ohnehin nur schwer verständlich. Zimperlich darf man hier nicht sein. Schnell ist man von Kopf bis Fuß mit Kindersabber, Dreck und Essensresten beschmiert. Gedanken an Flöhe, Läuse oder Erkältungskrankheiten sollten besser erst gar nicht aufkommen. Ich halte die Kleinen zunächst mit Hoppe-Hoppe-Reiter bei Laune. Später lasse ich sie schaukeln und rutschen. Immer wieder muss ich darauf achten, dass sich die Kinder nicht mit großen Steinen und spitzen Stöcken gegenseitig umzubringen versuchen. Andere Spielzeuge gibt es kaum. Da werden die Kinder eben kreativ. Ein Traum für jeden Waldorfkindergarten. Allerdings scheinen die hiesigen Verantwortlichen dabei nicht unbedingt ein Auge auf die Sicherheit ihrer Schützlinge zu haben. Dass fast jedes zweite Kind mindestens eine Narben am Kopf hat, ist so nicht weiter verwunderlich.

Zum Mittagessen bekomme ich wortlos eine Schüssel in die Hand gedrückt. Sie ist mit einer schwerdefinierbaren Reis-Nudel-Fischpampe gefüllt. Erleichterung macht sich breit, als mir klar wird, dass es nicht für mich gedacht ist. Vielmehr soll ich damit eines der kleineren Kinder füttern. Fürs erste klappt das erstaunlich gut. Es scheint ihm zu schmecken. Vorerst zumindest. Die Hälfte der Pampe ist noch in der Schüssel, da scheint der Junge es plötzlich interessanter zu finden mit dem Essen zu spielen als es wirklich zu essen. Das Mittagessen hat sich damit erledigt. Natürlich ist das Geschrei groß.

Bei einem weiteren Kleinkind stelle ich erstaunt fest, dass es schon alleine essen kann und dies auch bedeutend lieber tut als sich füttern zu lassen. Ich passe nur auf, dass nichts daneben geht. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel!

Nach dem Mittagessen halten die Kinder Siesta und so beginnt nun auch für mich die ruhige Zeit des Tages. Weil die Kinder nach ihrer zweistündigen Mittagspause nur noch für etwa eine Stunde beschäftigt werden müssen, lohnt es sich für mich nicht extra dafür noch einmal zurückzukommen. Sobald die Schule wieder anfängt werde ich dafür dann nachmittags hoffentlich mit Nachhilfe beschäftigt sein.

Ein typischer erster Tag in einem neuen Job. Ob ich meine Bewährungsprobe bestanden habe, weiß ich noch nicht. Zukünftig würde ich mich über ein bisschen mehr Unterstützung und Kommunikation mit den Betreuern freuen. Ein Gefühl des Zusammenarbeitens kam heute nämlich noch nicht auf. Aber vielleicht ist das auch ein bisschen viel verlangt für einen ersten Tag.