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Von den ersten Menschen

Per Email erreichte mich gestern folgende Geschichte, die ich gerne teilen möchte …

Auf den Philippinen erzählt man sich:

Tuglay und Tuglibon, zwei machtvolle Wesen haben die Welt erschaffen.
Eines Tages sprach Tuglay zu Tuglibon: „Liebe Frau, vielleicht wäre es besser, wenn es auf der Erde Menschen gäbe.“
„In der Tat wäre es besser“, antwortete Tuglibon. „Wenigstens wäre dann jemand da, der sich dieser schönen, neuen Welt, die wir erschaffen haben, erfreuen könnte. Lass uns einen Mann und eine Frau formen, die den blauen Himmel und das weite Meer lieben werden. Lass uns Menschen erschaffen, die die Blumen in den Tälern und die Wolken über den Bergen mögen.“
So nahm Tuglay ein wenig Maismehl, vermischte es mit Wasser und formte daraus menschliche Gestalten. Dann bedeckte er sie mit Schuppen und hauchte ihnen Leben ein.
Als sich die erschaffenen Wesen auf die Beine stellten, waren sie sehr schwerfällig, denn Tuglay hatte vergessen, ihnen Gelenke zu machen. Sie hatten steife Arme und Beine, und beim Gehen stolperten sie. Sie besaßen außerdem zu kleine Augen, versteckte Ohren und kaum sichtbare Nasen. Mit den steifen Fingern konnten sie nichts festhalten, und weil Schuppen ihre Körper bedeckten, schienen sie eher Kriechtieren ähnlich zu sein als Menschen.
„Die Menschen, die du erschaffen hast, gefallen mir nicht“, sagte Tuglibon. „Versuch doch, andere Menschen zu machen.“
Aber Tuglay war mit ihnen zufrieden. „Ich glaube, es fehlt ihnen nichts“, erwiderte er seiner Frau.
Aber je länger Tuglibon die Menschen ansah, desto weniger gefielen sie ihr. „Wie wird die Welt aussehen, wenn sie von solch hässlichen Wesen bevölkert wird?“, fragte sie. „Ich will, dass die Menschen anmutig einhergehen und dass sie nicht wie irgendwelche Schlangen mit Schuppen bedeckt sind.“
„Diese zwei gehören mir“, erwiderte Tuglay kühl, „ich werde sie nicht verändern.“
Tuglibon widersprach ihrem Mann nicht mehr, aber es verdross sie sehr, als sie sah, wie unbeholfen die beiden waren. Schließlich, als sie nicht mehr wusste, was sie Klügeres ersinnen könnte, schleuderte sie ihrem Mann eine Hand voll Maismehl in die Augen. „Jetzt wird er mich nicht bei der Arbeit sehen“, dachte sie bei sich. Schnell bereitete sie aus Melh einen Teig und begann, menschliche Gestalten zu formen. Zwischen den Knochen machte sie ihnen Gelenke, sie setzte ihnen klare Augen ein, formte ihnen schöne Ohren, machte ihnen größere Nasen und einen schönen Mund. Sie glättete ihre Haut, damit sie zart und geschmeidig sei, und nur an den Fingerspitzen ließ sie Schuppen. Schließlich gab sie jedem ein großes Herz, um einander lieben zu können, und hauchte ihnen Leben ein.
Als Tuglibon ihre Arbeit beendet hatte, wusch sie von Tuglays Augen das Maismehl ab. Tuglay ärgerte sich sehr, als er feststellte, was seine Frau getan hatte. Aber als er den Mann und die Frau näher betrachtete, überzeugte er sich, dass sie in der Tat viel schöner waren als seine Schöpfung.
„Ich bin froh, dass du sie erschaffen hast“, sprach er. „Sie und ihre Kinder werden auf dieser Welt herrschen.“
„Sie werden das Schöne lieben und das Böse meiden“, setzte Tuglibon hinzu. „Sie werden am Gesang der Vögel ihre Freude haben, sie werden ihre Körper in kühlen Quellen und Flüssen Waschen. Sie werden sich lieben und wenn sie am Tag die Sonne und in der Nacht den Mond und die Sterne schauen, werden sie auch uns lieben, denn wir haben sie erschaffen.“
Als Tuglibon ihre Rede beendet hatte, schaute sie Tuglay an, und beide lächelten dem ersten Mann und der ersten Frau zu. Sie wurden die Ahnen der Menschen, die jetzt die Erde bevölkern.

erschienen in „Philippinische Märchen“, Verlag Werner Dausien (1978)

3 Kommentare

  1. Lucy Lucy 10. Dezember 2013

    Das machen wir gerade in Reli. Die verschiedenen Geschichten der erschaffung der Menschen. Diese Geschichte fand ich am to´llsten 😉

  2. Lucy Lucy 10. Dezember 2013

    Das machen wir gerade in Reli. Die verschiedenen Geschichten der erschaffung der Menschen. Diese Geschichte fand ich am tollsten 😉
    Ich stelle mir sie als Drachen vor 🙂

    • Mia Mia 10. Dezember 2013

      Cool! Wir auch! 😉 🙂 <3