Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Mit nassen Füßen davongekommen

Es ist ein eintägiger Ausflug nach Tagaytay geplant. Wir sind mit Georg Pfender verabredet. Der schweizer Priester der Fokolari-Bewegung lebt schon seit sechzehn Jahren auf den Philippinen. Bis vor sechs Jahren arbeitete er noch in Alaminos. Danach zog es ihn in das etwa zwei Autostunden von Manila entfernte Bergstädtchen. Geplant war, einen der vielen Langstreckenbusse in den Süden zu nehmen, doch Joey, der mit ein paar Freunden zu einer Geburtstagsparty ganz in der Nähe eingeladen ist, bietet kurzer Hand an uns mitzunehmen. So stehen wir also ab 7:30 Uhr morgens vor der Pforte unseres Konvents und warten auf unsere Mitfahrgelegenheit. Nach einer halben Stunde erkennen wir Joey in einem herannahenden Auto. Wir steigen ein. Es fängt zu nieseln an. Für diese Jahreszeit in Manila ist das nichts Ungewöhnliches.
Während wir uns durch die Straßen Manilas zum Express Way durchkämpfen wird der Regen stärker. Bald erreichen wir die Autobahn. Das Wasser steht in großen, tiefen Pfützen auf der Fahrbahn. Nichts, womit der geländetaugliche Van nicht fertig werden könnte. Dennoch spritzt das Wasser zu allen Seiten. Im Fahrzeuginnern ist es trocken. Auf einer Autobahnraststätte legen wir eine kurze Pause ein. Hastig verlassen wir den Wagen und laufen ins Trockene. Der warme Tropenregen durchnässt die Kleidung in wenigen Sekunden. Schnell wird gefrühstückt und eine Zigarette geraucht, da geht es auch schon weiter. Das Unwetter wird zunehmend stärker. Joey beschließt uns direkt zu dem mit Georg abgesprochenen Treffpunkt zu bringen. Im Dunst des Regens erkenne ich den Priester erst kurz bevor er vor mir steht. Ein wenig hat er sich schon dem philippinischen Aussehen angepasst. Sein schweizer Dialekt passt nicht ganz ins Bild. Immer wieder wechselt er unbewusst ins Englische. Er scheint schon mehr Filipino als Schweizer zu sein. Mit seinen 71 Jahren ist er noch fit wie ein Turnschuh. Wir schauen für einen schnellen Kaffee in seinem Haus vorbei. Im Anschluss begleiten wir ihn in eine Messe. Der Gottesdienst ist kurz. Man versteht kaum ein Wort, so stark prasselt der Regen aufs Blechdach der Kirche. Nach zwanzig Minuten ist die Messe vorbei. Es bleibt noch Zeit für einen kurzen Austausch mit den Mitgliedern der internationalen Gemeinde. Ich wechsel ein paar Worte Deutsch mit einer Südtirolerin. Dann treten wir hinaus ins ungestüme Regenwetter.
Es ist Mittagsessenszeit. Wir besuchen Sonya’s Garden. Ein gemütliches Restaurant mit Bed & Breakfast, das mittlerweile von einer kleinen Gaststätte zum stattlichen Hotel gewachsen ist. Trotzdem hat die Anlage ihren Charme nicht verloren und büßt ihn auch während dieses Regenwetters nicht ein. Das Essen ist ein fantastischer Mix aus Spezialitäten aller Herren Länder, die die Eigentümerin auf ihren Reisen entdeckt hat. Es gibt nur ein einziges Menü, welches sich aber durch unzählige kleine Schälchen und Schüsselchen nach eigenem Geschmack variieren lässt.
Allzu bald müssen wir auch schon wieder den Rückweg antreten um noch vor Einbruch der Nacht in Manila einzutreffen. Wir stehen unter dem Dach der Bushaltestelle. Es schützt nur spärlich gegen die Nässe, die von allen Seiten kommt. Wir warten vergeblich auf einen Bus. Nach einer Stunde entscheidet Georg uns mit seinem Auto in die Hauptstadt zurückzubringen. Drei Urlauber aus Mindanao teilen unser Schicksal. Ohne große Umschweife lädt Georg sie mit ins Auto ein. Es dämmert bereits. Von der wundervollen Landschaft Tagaytays bekommen wir nur wenig zu Gesicht. See und Vulkankrater bleiben durch Regen und Nebel unserem Blick verborgen.
Nach einer Viertelstunde Fahrt auf dem Express Way beginnt der Verkehr zu stocken. Bald geht nichts mehr. Anscheinend ist der Highway von den anhaltenden Regenfällen mittlerweile gänzlich überflutet. Die Autos am Ende der Schlange wenden und fahren auf der eigenen Spur zurück zu nächsten Ausfahrt. Ehe wir ganz im Verkehr feststecken schalten wir den Warnblinker ein und tun wir es ihnen gleich. Wohl oder übel werden wir nun die Nacht in Tagaytay verbringen müssen. Unsere Mitreisenden setzen wir an der nächsten Bushaltestelle hab. Vielleicht haben sie dort mehr Glück. Die nasse Straße ist gesäumt von Steinen und großen Erdbrocken, die das Wasser mitgerissen hat. Ein umgestürzter Baum versperrt den Weg. Trotz aller Umstände kommen wir gut durch. Wieder in Tagaytay angeschwemmt werden wir unter Beifall von den Priestern und Seminaristen der Einrichtung empfangen. Es gibt Essen. Den verbleibenden Abend verbringen wir mit einer Gruppe junger Priesterschaftsanwärter. Wir treffen Eddie Mhar, einen 19-jährigen jungen Mann im ersten Jahr im Priesterseminar der Fokolari-Bewegung. Ein echt cleverer Kerl! Das ist hier in dem Alter selten. Er spricht gut Englisch, trotzdem gibt er uns die Gelegenheit unser unsicheres Tagalog etwas zu erproben. Bei ein paar Gläsern Bier lassen wir den Tag ausklingen ehe wir müde ins Bett fallen.

Ein neuer Tag beginnt. Wir warten auf einen günstigen Zeitpunkt um aufzubrechen. Die Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen vertreiben wir uns mit Fernsehen. Auf allen Sendern wird von den Zerstörungen des Taifuns berichtet. Erst jetzt werden wir uns der Ausmaße des Tropensturms bewusst. Taifun Ketsana, auf den Philippinen Ondoy genannt, forderte 250 Menschenleben. 350 000 Menschen wurden obdachlos und sind zurzeit in Notunterkünftigen untergebracht. 80 Prozent der Hauptstadt Manila standen unter Wasser. Der Tropensturm zieht nun weiter nach Vietnam.
Gegen Mittag brechen wir auf. Die zweistündige Busfahrt vergeht schnell. Wir kommen im Süden Manilas an und fahren mit der Metro zurück in unsere Unterkunft. Aufräumarbeiten sind im Gange. Nur noch wenig erinnert an die Vorkommnisse des letzten Tages. Das Wasser ist abgeflossen. Unsere Zimmer sind trocken. Einen halben Meter hoch stand das Wasser in den Straßen unseres Stadtteils. Das Konvent liegt zum Glück höher. Wir sind mit nassen Füßen davongekommen. Nicht alle hatten dieses Glück. Wie es in den besonders stark betroffenen Gebieten aussieht, sehen wir nicht.